Valencia: „Salome“, Richard Strauss

Lieber Opernfreund-Freund,

die 2021 für die Mailänder Scala entstandene Salome-Produktion ist derzeit im noch immer imposanten Palau de les Arts Reina Sofía in Valencia zu sehen. Zwar bröckeln an der 1998 vom renommierten Architekten Santiago Calatrava in den Süden seiner Heimatstadt gesetzten Cuidad de las Artes y de las Ciencias („Stadt der Künste und der Wissenschaften“), die auch das Valencianische Opernhaus beherbergt, dem Vernehmen nach schon einzelne Fliesen von der Fassade – die Inszenierung von Damiano Michieletto ist hingegen noch so packend wie am ersten Tag.

© Miguel Lorenzo/Mikel Ponce/Les Arts

Für die Übernahme hat der Meister die begabte Tamara Heimbrock geschickt, die Inszenierung in seinem Sinne einzustudieren. Dabei stellt er Salomes Traumata ins Zentrum – die 100 Minuten sind ein einziger beklemmender Alptraum, der beherrscht wird von Opferlämmern, Todesengeln mit überdimensionalen Flügeln, ausgegrabenen Puppen, Blut aus Messkelchen und immer wieder visualisierten Erinnerungen an die Ermordung des eigenen Vaters, die Zerstörung der eigenen Familie und die Annäherungen des Stiefvaters (Kostüme: Carla Teti). Die surreal inszenierte Handlung findet in einem dem Publikum zugewandten guckkastenartigen Raum statt, den Paolo Fantin entworfen hat und Alessandro Carletti gekonnt gespenstisch ausleuchtet, in dessen Mitte sich dann und wann ein überdimensionales Loch auftut, aus dem Jochanaan auftritt. Der Prophet verkündet Salome, dass es nur einen gäbe, der sie retten könne. Dass sie selbst das ist, realisiert sie nicht und findet nur im Freitod einen Ausweg – doch der ist auch nur Traumbild, oder?!

© Miguel Lorenzo/Mikel Ponce/Les Arts

Die verstörenden Bilder von Salomes Dämonen gipfeln im Tanz der sieben Schleier, von Thomas Wilhelm genial als angedeuteten Missbrauch, nicht nur als Kind und nicht nur vom Mann ihrer Mutter, choreografiert und von der Sopranistin selbst getanzt. Und nicht nur das macht Vida Miknevičiūtė ganz hervorragend. Die aus Litauen stammende Sängerin war lange im Ensemble des Staatstheater Mainz engagiert und hat in den vergangenen Jahren den Sprung auf die großen Bühnen der Welt gemeistert. Ihr in der Höhe silbrige schimmernder, klarer Sopran ist wie gemacht für die Michielettos Vision von Salome: sie ist kein berechnendes Gör, keine manipulierende Lolita. Sie ist Opfer und findet in Vida Miknevičiūtė eine ideale Gestalterin von höchster künstlerische Kraft, packender Bühnenpräsenz und facettenreichem stimmlichen Ausdruck. Nicholas Brownlee, dem einen oder anderen von Ihnen vielleicht aus Frankfurt bekannt, schleudert ihr die Flüche und Beschimpfungen stimmgewaltig entgegen und macht Gänsehaut. Michaela Schuster ist eine herrlich keifende Herodias, während John Daszak einen außergewöhnlich farbenreichen Herodes abgibt.

© Miguel Lorenzo/Mikel Ponce/Les Arts

Christopher Sokolowski darf ein extrem biederer Narraboth sein, kommt aber mit seinem an sich klangschönen Tenor bisweilen kaum über den klanglich wuchtig gefüllten Graben, während Lioba Braun als Page eine Art Vertraute Salomes gibt. James Gaffigan arbeitet mit den Musikerinnen und Musikern die Ecken und Kanten der Strauss’schen Partitur klar heraus, bleibt da und dort allerdings nicht sonderlich sängerfreundlich. Sein schroffes Dirigat rundet die musikalische Seite des Abends ab und lässt mich am Ende, wie den Rest des voll gefüllten Auditoriums, begeistert und tief beeindruckt zurück. Was für ein imposanter, bild- und stimmgewaltiger, was für ein elektrisierender Opernabend!

Ihr
Jochen Rüth

30. April 2026


Salome
Oper von Richard Strauss

Palau de les arts Reina Sofía, Valencia

Premiere: 25. April 2026
besuchte Vorstellung: 29. April 2026

Regie: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Orquestra de la Comunitat Valenciana

Trailer

weitere Vorstellungen: 3., 6. und 9. Mai 2026