Gießen: „Gärtnerin aus Liebe“, Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts frühen Beitrag zum komischen Musiktheater gibt es gleich zweimal: als italienische Opera buffa unter dem Titel La finta Giardiniera und als deutsches Singspiel unter dem Titel Die Gärtnerin aus Liebe. Mit gerade einmal 18 Jahren schrieb das junge Genie die italienische erste Fassung als Auftragswerk des Münchener Hofs für den Karneval, wo sie im Januar 1775 ihre Uraufführung erlebte. Fünf Jahre später kam eine deutsche Fassung heraus, in welcher die Rezitative durch gesprochene Dialoge ersetzt wurden. Für diese Version nahm Mozart noch einige kleinere Veränderungen vor.

Elisabeth Wrede (Ramiro), Tomi Wendt (Nardo), Annika Gerhards (Violante)
© Lena Bils

Das Stadttheater Gießen hat sich nun für die spätere Fassung als deutsches Singspiel entschieden, die Ulrich Schreiber in seiner monumentalen „Geschichte des Musiktheaters“ aus vielerlei Gründen für die überlegenere hält. Jedenfalls entfaltet sich der Humor für das Publikum so unmittelbarer. Dem jungen Gießener Ensemble gelingt es, den Sprechtext mit großer Natürlichkeit und guter Verständlichkeit lebendig zu machen. Das hilft über manche Länge des „unglücklichen Librettos“ (Ulrich Schreiber) hinweg. Die titelgebende Gärtnerin ist in Wahrheit die Gräfin Violante, die aus einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit ihrem vormaligen Liebhaber Graf Belfiore nur knapp mit dem Leben davon gekommen ist und nun unter falscher Identität bei einem Bürgermeister (Podestà) Zuflucht gefunden hat, aber trotz des Gewaltexzesses den Grafen für sich zurückgewinnen will. Der Podestà hat ein Auge auf sie geworfen und sich von der zuvor von ihm umworbenen Magd Serpetta abgewandt. Violanta erwidert seine Avancen nicht, so wenig wie die verschmähte Serpetta die Avancen des Nardo, einem Diener der Gräfin, der diese ebenfalls unter falscher Identität begleitet und eigentlich Roberto heißt. Graf Belfiore taucht auf, um die Nichte des Bürgermeisters, Arminda, zu heiraten, die dafür ihren vormaligen Geliebten, den Ritter Ramiro verlassen hat – Kommen Sie noch mit? Das Libretto hat mindestens ein verhindertes Paar zu viel am Start, so daß man bei all den Verbindungen über kreuz und quer schnell die Übersicht verlieren kann.

Jakob Kleinschrot (Belfiore), Annika Gerhards (Violante) / © Lena Bils

Ute M. Engelhardt arrangiert in ihrer Inszenierung die Liebeshändel und komödientypischen Mißverständnisse und Verwirrungen mit souveräner Beiläufigkeit und widmet sich umso intensiver und liebevoller der szenischen Belebung der einzelnen Musiknummern. Dabei kann sie mit dem Pfund einer phantasievollen und gewitzten Ausstattung wuchern. Das Bühnenbild von Lukas Noll zeigt vier Bilderrahmen: drei kleinere, die zwei Porträtmalereien und ein Stillleben einfassen, und einen großen, der über die Hälfte der Bühnenbreite einnimmt und in dem ein barockes Gartenlabyrinth abgebildet ist. Zu seiner Überraschung entdeckt das Publikum, daß die Porträts lebendig sind: Katharina Tasch hat einen Ritter und ein Edelfräulein zeittypisch eingekleidet und Kevin Weidlich hat das Ganze so geschickt beleuchtet, daß die perfekte Illusion von altmeisterlichen Ölgemälden entsteht. Ein zweiter Überraschungseffekt, ein regelrechter Coup, ist, daß das gemalte Labyrinth sich als dreidimensional und begehbar erweist. Bühnenbild und Kostüme sind auch darüber hinaus mit ihren variantenreichen floralen Motiven eine wahre Augenweide.

Ferdinand Keller (Podestà), Julia Araújo (Arminda) / © Lena Bils

Die Besetzung aus Gießener Stammkräften und wenigen Gästen belebt die einzelnen Nummern mit engagiertem Spiel, komödiantischer Lockerheit und großer Lust an szenischen Pointen. Besonders Ferdinand Keller gibt als aufgekratzt-eitler und liebestoller Podestà dem Affen ordentlich Zucker, reizt seine Sprechtexte mitunter bis zur Überdrehtheit aus und paßt auch mit seinem charakteristisch herb gefärbten Tenor musikalisch gut zu dieser Buffo-Partie. Sein Gegenpart ist Jakob Kleinschrot als Belfiore, der eine geradezu ideale lyrische Mozart-Stimme mit jugendlich-dramatischen Anlagen besitzt, die auch fabelhaft zu einem Tamino passen würde. Annika Gerhards zeigt sich nach ihrer beeindruckenden Violetta in La traviata in der Titelpartie erneut in guter Form. Julia Araújo hebt sich mit etwas dramatischerer Stimmfärbung als Armida gut von der lyrischen Stimme der Gerhards ab. Elisabeth Wrede füllt mit ihrem frischen, klaren Mezzosopran die Kastratenpartie des Ramiro aus. Quecksilbrig-hell und selbstbewußt gibt Bogna Bernagiewicz die Serpetta. Tomi Wendt schließlich bewährt sich mit seinem vielseitig einsetzbaren Bariton als Roberto erneut im komödiantischen Fach.

Elisabeth Wrede (Ramiro), Ferdinand Keller (Podestà), im Bilderrahmen: Jakob Kleinschrot (Belfiore), Annika Gerhards (Violante)
© Lena Bils

Man erwischt sich dabei, aus diesem Ensemble die Besetzungen für die späteren großen Mozart-Opern zusammenzustellen. Dabei hat die Gärtnerin aus Liebe gar nichts von einem Frühwerk. Man hört hier bereits die melodischen Einfälle, Phrasenbildungen, Begleitfiguren, harmonischen Färbungen, welche man mit dem typischen Mozart-Sound, also dem des Figaro oder der Zauberflöte verbindet. Es ist alles schon da. Mitunter scheint die Komposition sogar überraschender, frecher und ungestümer zu sein als das „reife“ Werk. Dieser Eindruck mag aber auch der zupackenden und kraftvollen Umsetzung der Partitur durch das gut aufgelegte Orchester unter der Leitung von Vladimir Yaskorski geschuldet sein. In der Ouvertüre gibt es bei den vibratoarm spielenden Streichern noch Intonationstrübungen, die sich im weiteren Verlauf aber verflüchtigen. Die Holzbläser imponieren mit klangschönen Soli. Zu hören ist durchgängig ein frischer, farben- und kontrastreicher Klang, der Bewunderung für das Genie des jungen Komponisten weckt.

So kann man mit dieser Produktion ein frühes Meisterwerk Mozarts in guter musikalischer Qualität und einer gewitzten, überraschend kurzweiligen, zudem optisch attraktiven szenischen Umsetzung entdecken. Ein Blick auf die Auslastung der Folgevorstellungen zeigt noch viele freie Plätze. Es wäre schade, wenn diese unbesetzt blieben.

Michael Demel, 23. April 2026


Gärtnerin aus Liebe
Dramma giocoso in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart

Stadttheater Gießen

Premiere am 11. April 2026

Inszenierung: Ute M. Engelhardt
Musikalische Leitung: Vladimir Yaskorski

Philharmonisches Orchester Gießen

Weitere Aufführungen: 24. April, 7. und 9. Mai, 21. Juni