Buchkritik: „Aufgehobene Revolution. Annäherungen an Richard Wagners ‚Ring'“, Laurenz Lütteken

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner ist auch 150 Jahre nach der Uraufführung des gesamten Zyklus eine Herausforderung. In acht Essays nähert sich der deutsch-schweizerische Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken vor allem Wagners Chef d’Œu­v­re. Sein Grundgedanke und roter Faden der vier Texte, die er für die Ring-Inszenierung am Theater LaMonnaie/De Munt in Brüssel 2023/2024 verfasste, ist die „unlösbare Spannung zwischen Erinnerung an das Vergangene, revolutionärer Überwindung und utopischem Blick in eine vage Zukunft.“ Es sei der „willentlich herbeigeführte Widerspruch“ zwischen revolutionärem, kapitalismuskritischem Anspruch und Vorbehalten und Zweifeln gegenüber regulären Theateraufführungen. Dieser Widerspruch spiegele sich auch in der Musik, die ja in einem langen Zeitraum entstand und sich fortwährend weiterentwickelt habe.

„Auf ausdrücklichen Wunsch hin wurden zentrale musikalische Aspekte des Zyklus in Verbindung gebracht mit übergreifenden ästhetischen Überlegungen einerseits und dem jeweils konkreten Werk andererseits,“ so Lütteken. Marie Mergeay (die Dramaturgin des Theater LaMonnaie/De Munt in Brüssel) hat diese Konzeption angeregt und von Anfang an ebenso intensiv wie kritisch begleitet. Nun sind diese Texte erstmals, in leichter Überarbeitung, gebündelt und auf Deutsch erschienen.

Vor dem Hintergrund der Zürcher Kunstschriften Wagners und der Tagebücher Cosimas erklärt der Autor den Zürcher programmatischen Neubeginn „als eine Art Entgegnung auf das Scheitern der Revolution, intentional, komplex und willentlich widersprüchlich.“ Am Beispiel des Rheingolds erläutert er Wagners Idee des „Musikdramas“ das schon musikalisch von den Grundprinzipien der Oper abweicht, wie er darstellt.

Die zunehmenden Schwierigkeiten, die Wagner mit der Vollendung des Rings bekam, waren begründet im Verhältnis des Dramas zur Revolution. Diese war 1849 gescheitert, und so musste das daraufhin entworfene ‚Kunstwerk der Zukunft‘ zugleich vom Scheitern des Vergangenen und von einem künftigen Gelingen erzählen, also vom Tod Siegfrieds und davon, was dieser für die Menschen bedeuten könne. Dieser von Anfang an ebenso gesuchte wie prägende Zwiespalt brachte, je weiter die Arbeit voranschritt, immer größere konzeptionelle Probleme mit sich. „Das von Wagner diagnostizierte Scheitern ist folglich zugleich ein Scheitern vor der Aufgabe des Künstlers, Kunst und Leben neuerlich eben im ‚Kunstwerk der Zukunft‘ zusammenzuführen.“

Noch deutlicher werde das in der Walküre, wo die „mythisch-musikalische Erzählung“ sich aus „innerer Notwendigkeit“, also psychischer Erfahrung speise. „in Wagners Dramaturgie geht es folglich nicht um die Logik von äußeren Handlungsmustern, sondern um das Ineinanderfließen von Erinnerung, Reflexion und innerem Antrieb.“ Es ist die Modernität der „Technik des Erinnerns und Vergegenwärtigen, aus dem das utopische Potenzial“ erwachse, die musikalische Figur, die Hans von Wolzogen „Leitmotiv“ nannte. Wagners Motivtechnik wird ausführlich erläutert. Vor allem am Beispiel der Lieder Siegfrieds, zumal des Schmiedelides, einer „Verbindung von tätiger Arbeit und Gesang“. Überhaupt wird die Metapher des Schmiedens hervorgehoben. „Siegfrieds Schmieden soll demnach ein Schwert hervorbringen, zugleich soll der dabei geradezu herausbrechende Gesang eine ganz neue, ganz andere Art von Musik erschaffen“ werden.

Die Herstellung des Schwertes unter Gesang verkörpert, so Lütteken, „die von Wagner für das nachrevolutionäre Musikdrama proklamierte Verbindung von Kunst und Leben: Das Schmieden ist die Tätigkeit des Lebens, die Kunst der Musik ist mit ihm untrennbar verbunden.“ Wie Wagner schrieb: „Erst diese Zusammenführung von Kunst und Leben erzeugt jene furchtbare Majestät. Jenes Rohe und Entsetzliche, welches nur das Erhabene kennt, eben Siegfrieds Gesang in der Schmiede“.

In der „Götterdämmerung“ dem Ende der Tetralogie geht es nach Lütteken vor allem um die Aufhebung von Tradition und Geschichte, der der Linkshegelianer Wagner das Wort rede. Die zunehmenden Schwierigkeiten, die Wagner mit der Vollendung des Rings bekam, seien waren begründet gewesen im Verhältnis des Dramas zur Revo1ution. Diese war 1849 gescheitert, und so musste das daraufhin entworfene ‚Kunstwerk der Zukunft‘ zugleich vom Scheitern des Vergangenen und von einem künftigen Gelingen erzählen, also vom Tod Siegfrieds und davon, was dieser für die Menschen bedeuten könne, so Lütteken.

Das Musikdrama ist – so das Fazit Lüttekens – „doppelt dialektisch begründet: als, … synthetische Antwort auf Oper und Instrumentalmusik sowie zusätzlich als synthetische Verbindung von antiker Tragödie und modernem Roman. Das Musikdrama erweist sich als das Bindeglied zwischen einer vorrevolutionären und einer postrevolutionären Gesellschaft. … Auf komplizierte Weise verbinden sich also die verachtete gestrige Gattung und ein imaginäres zukünftiges Modell, in einem durchaus hegelianischen Verständnis von Dialektik.“

Diese dialektische Verankerung spiegelt sich zugleich in der Annahme, dass die Voraussetzungen dieser Zukunft in der Überwindung des gescheiterten Alten liegen müssen, also, wie es schon in ‚Kunst und Revolution‘ heißt, in der Überwindung von Antike und Christentum.“

Lüttekens Annäherungen an den Ring werden ergänzt von drei weiteren Essays, die dem revolutionären, linkshegelianischen Hintergrund Wagners gewidmet sind, der Bedeutung, die Goethes Welttheater-Entwurf des Faust für Wagner spielte, und dem damit verbundenen ‚Abschied‘ von aller Metaphysik. In einem Ausblick auf Thomas Mann geht es dann nochmals um den in vielerlei Hinsicht für Wagner bestimmenden Gedanken des ‚Exils‘.“ All diese Aufsätze erscheinen in dem konzisen, schmalen Buch erstmals im Druck. Ein Nachweis der Texte verortet diese Textkompilation konkret. Literaturhinweise und Register runden die anspruchsvolle Arbeit ab.

Dieter David Scholz, 18. März 2026


Laurenz Lütteken:
Aufgehobene Revolution
Annäherungen an Richard Wagners „Ring“

129 S.,
Bärenreiter/Metzler