Hildesheim: „Rigoletto“ Giuseppe Verdi

Warum nur müssen Regisseure immer wieder Opern-Libretti auf den Kopf stellen? Dass Gilda Opfer eines patriarchalen Systems ist, das sie von klein auf isoliert und ihr jede Form von Selbstbestimmung nimmt, wie Regisseurin Shira Zsofia Szabady ineinem Interview vor der Premiere ausführt, ist gut nachvollziehbar, weil dies ja auch dem Libretto entspricht. Ebenso kann man die Deutung verstehen, dass Gilda in dieser Situation Liebe zur einzig denkbaren Möglichkeit von Freiheit bleibt und dass ihr Opfer eher eine Selbstbefreiung ist als die Rettung des Duca von Mantua.Dies wird in der Schlussszene deutlich, wenn Gilda ihre Arme ausbreitet und wie ein Engel ihre „Freiheit“ genießt – ein schönes Bild.

© Jochen Quast

Aber warum ist in der Hildesheimer Neuinszenierung die Handlung in ein Edel-Bordell verlegt, was das in Rotlicht getauchte Bühnenrund suggeriert? Überhaupt ist die Inszenierung deutlich Sex-orientiert, wenn die offenbar schwulen Höflinge ständig irgendwelche Handlungen in Sado-Maso-Art an sich und anderen andeuten. Bis auf Gilda, die bei ihrer großen Arie „Caro nome…“ singend masturbierende Bewegungen andeuten muss, tragen alle merkwürdige, entfernt an die Commedia-Dell-Arte erinnernde Fantasie-Kostüme (Ausstattung:Sebastian Ellrich). Weitere Einzelheiten wie die großen Schmetterlingsflügel, die der Duca jeder „eroberten“ Frau auf die Schultern setzt, erspare ich den Lesern und mir.

© Jochen Quast

Auch die musikalische Seite war diesmal nicht durchgehend zufriedenstellend. Das fing bereits mit den missglückten Trompeteneinsätzen zu Beginn des Vorspiels an. Im Laufe des Abends kamen von der TfN-Philharmonie aus dem Graben wie gewohnt solide, die Sänger auf der Bühne unterstützende Klänge, wenn auch Kapellmeister Sergei Kiselev das kleine Orchester an einigen Stellen zu sehr lärmen ließ.

Von den Sängerinnen und Sängern ist an erster Stelle die litauische Sopranistin Gabrielė Jocaitė als anrührende Gilda zu nennen, die mit ihrer klaren, durchgehend intonationsrein und höhensicher geführten Stimme begeisterte. Der Kanadier Andrey Andreychik porträtierteden zwiespältigen Hofnarren im Ganzen durchaus glaubhaft, wenn auch nicht zu übersehen war, dass er für die Vaterrolle viel zu jung wirkte. Mit gutem Legato führte er seinen markanten Bariton durch die anspruchsvolle Partie; in den zahlreichen dramatischen Attacken forcierte er jedoch leider vielfach zu stark. Das wurde ebenso deutlich bei dem puertoricanisch-amerikanischen Sänger David Soto Zambrana als Duca, der seinen markigen Tenor fast durchgehend mit Stentor-Stimme versah, was für das eher kleine Haus unpassend war.

© Jochen Quast

Der im Programmheft als Meuchelmörder bezeichnete Sparafucile war als Zauberer mit vorgehaltener Clownsmaske kostümiert; ihn gab der bewährte Tobias Hieronimi. Gleich in zwei Rollen trat die zuverlässige Neele Kramer mit  charaktervollem Mezzo auf, als gestrenge Giovanna und als erotischen Abenteuern nicht abgeneigte Maddalena; beide füllte sie gestalterisch glaubwürdig aus. Mit sattem Bass fiel das Chormitglied Teaseop Kim als Graf Monterone positiv auf; sicher absolvierten ihren Part in den kleineren Rollen Laura Romero Arias (Gräfin Ceprano), Eddie Mokofeng (Marullo), Julian Rohde (Borsa), Chun Ding (GrafCeprano) und Daniel Chopov (Usciere). Erfreulich klangausgewogen zeigten sich die spielfreudigen Herren von Chor und Extrachor des TfN (Einstudierung: Achim Falkenhausen / Stefano De Laurenzi). Das Publikum bedankte sich bei allen Mitwirkenden mit starkem Beifall.

Gerhard Eckels 23. März 2026


Rigoletto
Oper von Giuseppe Verdi
Hildesheim – Theater für Niedersachsen (TfN)

Besuchte Vorstellung am 22. März 2026
Premiere am 21. Februar 2026

Inszenierung:  Shira Zsofia Szabady
Musikalische Leitung: Sergei Kiselev
TfN-Philharmonie

Weitere Vorstellungen in Hildesheim: 11. April + 5. Mai + 5., 21. Juni 2026