Duisburg: „On the Town“, Leonard Bernstein (zweite Besprechung)

Mit aufwändigen Neuinszenierungen so denkbar unterschiedlicher Werke wie Richard Strauss‘ Tragödie „Elektra“ und Leonard Bernsteins Musical-Erstling „On the Town“ bewältigte die Deutsche Oper am Rhein im Abstand von nur zwei Wochen einen Kraftakt, der unabhängig vom künstlerischen Ertrag der Produktionen beeindruckt.

© Jochen Quast

Interessant, dass Bernsteins lange Zeit eher peripher beachtetes erstes großes Broadway-Stück in letzter Zeit erstaunlich oft an deutschen Bühnen zu sehen ist. Neben der Rheinoper präsentiert zeitgleich auch die Folkwang Universität Essen im Theater Solingen eine eigene Inszenierung. Warum das Werk bisher nur als Nebenprodukt der kreativen Vulkanschmiede Bernsteins wahrgenommen wurde, lässt sich leichter begründen als das wachsende Interesse.

Leonard Bernstein hat sich stets um eine eigene, spezifisch amerikanische Oper bemüht. Jenseits vom oft banalen Broadway-Rummel, aber auch von allzu starken Einflüssen europäischer Opern-Traditionen. Auch von eher folkloristischen Versuchen wie George Gershwins „Negro-Opera“ „Porgy and Bess.“ Selbst mit seinen besten, auf anspruchsvolle Vorlagen von Voltaire oder Shakespeare basierenden Meisterwerken „Candide“ und der „West Side Story“ setzte er sich damit immer wieder zwischen die Stühle aufs Amüsement schielender Broadway-Impresarios und einer europäischen Musiktheater-Landschaft, die einige Zeit brauchte, um den idiomatischen, vom Jazz beeinflussten Tonfall der Stücke treffen zu können.

Als „On the Town“ am 28. Dezember 1944 im New Yorker Adelphi Theatre das Licht der Welt erblickte, konnte sich der 26-jährige Komponist solche anspruchsvollen Herausforderungen an das Publikum nicht leisten. Er musste sich bewähren und das tat er erfolgreich mit einem Stück, das gängige Erwartungen erfüllte. Mit einer banalen Handlung um drei Matrosen, die auf einem Landgang um drei junge Damen buhlen. Allerdings zugleich einer Handlung mit fetzigen Tanzeinlagen, für die Bernstein auf seine ein Jahr zuvor aufgeführte Ballettmusik zu „Fancy Free“ von Jerome Robbins zurückgreifen konnte. Musik, die von einer zündenden Energie, viel Bühneninstinkt und glänzendem kompositorischen Handwerk geprägt ist.

© Jochen Quast

Regisseurin Louisa Proske tat deshalb gut daran, an der Rheinoper den aufwändigen und umfangreichen Choreografien von Marie-Christin Zeisset viel Raum zu lassen und nicht nur das Ballett-Corps, sondern auch die Solisten ausführlich tanzen zu lassen. Da das Ensemble fast ausschließlich aus exzellenten Gästen besteht, haben die keine Probleme, die Revue zu den knalligen Klängen der Duisburger Philharmoniker unter Leitung von Stefan Klingele zum Kochen zu bringen.

Keine Frage: Die Tanzrhythmen sind das stärkste Element des Stücks, mit denen die Songs, von der Handlung ganz zu schweigen, nicht mithalten können. Da die raffinierten Video-unterstützten Bühnenbilder von Momme Hinrichs auch dem Auge viel bieten, setzt die Rheinoper mit diesem Spektakel einen unterhaltsamen Kontrapunkt zur neuen „Elektra“-Produktion.

Pedro Obiera, 2. Mai 2026


On the Town
Leonard Bernstein

Deutsche Oper am Rhein, Theater Duisburg

Premieren-Datum: 25. April 2026

Regie: Louisa Proske
Dirigat: Stefan Klingele
Duisburger Philharmoniker

Trailer

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