Duisburg, Ballett: „Kaleidoskop“, Iratxe Ansa, Igor Bacovich, Mthuthuzeli November, Jean-Christophe Maillot

Bereits im März des letzten Jahres feierte der dreiteilige Ballettabend Kaleidoskop im Düsseldorfer Opernhaus Premiere und überzeugte hierbei mit gleich zwei Uraufführungen, die speziell für diesen Abend entwickelt wurden. In dieser Spielzeit fand nun die Übernahme der Produktion nach Duisburg statt, wo das Ballett am Rhein von den Zuschauern in der besuchten Vorstellung ebenfalls frenetisch gefeiert wurde. Die Grundidee hinter diesem Abend ist, dass sich wie bei einem Kaleidoskop immer wieder neue symmetrische Muster ergeben, die sich fortlaufend aneinanderreihen. Auch die sich aus dem altgriechischen ergebene Übersetzung des Wortes Kaleidoskop, die mit „Betrachter schöner Formen” wiedergegeben werden kann, passt durchaus als Überschrift über den rund zweieinhalbstündigen Ballettabend. Zudem ist bei allen drei Werken ein tragendes Element identisch, denn alle drei Choreografien werden von einem energievollen, repetitiven und pulsierenden Rhythmus begleitet. Die musikalische Auswahl ist hierbei dennoch breit gestreut. John Adams‘ Fearful Symmetries und Philip Glass‘ 3. Sinfonie für Streicher sind etablierte Konzertmusiken des 20. Jahrhunderts. Ergänzt wird diese Auswahl durch Domenico Melchiorres atmosphärische Spektralmusik Prolog aus dem Jahr 2024 sowie durch eine eigens für die Choreografie Invocation komponierte, fast filmmusikartige Musik.

Moto perpetuo / © Altin Kaftira

Mit Moto Perpetuo (zu Deutsch: „immerwährende Bewegung”) macht auch gleich das stärkste Stück des Abends den Anfang. Zunächst steht ein Individuum (sehr stark: Márcio Mota) allein vor einer großen, mettalisch schimmernden Wand, während die fast sphärischen Klänge von Domenico Melchiorre im wahrsten Sinne des Wortes einen Prolog zu dieser spannenden Choreografie von Iratxe Ansa und Igor Bacovich bilden. Die Wand ist hierbei ein zentraler Bestandteil – fast schon eine elfte Tänzerin – der Choreografie. Sie ist mehrfach in sich drehbar, was intensiv genutzt wird. Zudem werden auf diese Art immer wieder neue Räume geschaffen, durch die nach und nach sechs Tänzer und drei Tänzerinnen hinzukommen. Zwei anfangs voneinander getrennte Welten werden optisch durchlässig und verbinden sich zu einem Raum. Ein durchaus beeindruckendes Bühnenbild des Szenografie-Kollektivs EstudiodeDos (Curt Allen Wilmer und Leticia Gañán), das durch die passenden Lichteffekte von Nicolás Fischtel ergänzt wird. Im Moment, in dem sich die Wand erstmals öffnet, setzt auch Philip Glass‘ 3. Sinfonie ein, die von den Streichern der Duisburger Philharmoniker wunderbar wiedergegeben wird. Der besonders ins Ohr gehende, durchgängige Rhythmus wirkt raumgreifend und energiegeladen. Entsprechend eignet sich dieses Musikstück tatsächlich sehr gut für eine Ballett-Choreografie, die die Zuschauer schnell in den Bann zieht und ihnen das Zeitgefühl raubt. Die passend zur Wand ebenfalls metallisch gestalteten Kostüme von Stefanie C. Salm runden den positiven Eindruck dieser Choreografie ab. Nachdem sich die Wand nach rund 35 Minuten wieder geschlossen hat und Márcio Mota erneut allein davor steht, bricht spontaner großer Jubel für die zehn Tänzerinnen und Tänzer aus, der in diesem Fall aber auch der gesamten Choreografie gelten dürfte.

Invocation / © Altin Kaftira

Nach einer Pause folgt mit Invocation eine weitere speziell für diesen Ballettabend entwickelte Choreografie, die mit rituell anmutenden Tanzmotiven überzeugen kann. Der südafrikanische Choreograf Mthuthuzeli November widmet sich in seiner ersten Arbeit für das Ballett am Rhein einer Kindheitserinnerung. Er macht das Erlebnis von Klang, Bewegung und Gemeinschaft tanzender und singender Menschen in der Hütte seines Vaters für die Zuschauer auf der Bühne sichtbar und fühlbar. Entsprechend ist auf der Bühne (Helena du Mesnil de Rochemont) eine Art Rieddach zu sehen, das an ein Zelt erinnert. Der Titel Invocation stammt vom lateinischen „invocatio” und bezeichnet die feierliche „Anrufung” einer höheren Macht. November sieht darin gleichzeitig eine Bitte um Führung oder Bestätigung auf dem richtigen Weg zu sein. Ein großer Vorteil von einer speziell für eine Choreografie komponierten Musik ist, dass musikalische und optische Aspekte Hand in Hand gehen und perfekt harmonieren ähnlich einem Film. Dies gelingt Komponist Alex Wilson und Mthuthuzeli November sehr gut. Auch im zweiten Teil des Abends zeigen die Duisburger Philharmoniker, wie bereits vor der Pause unter der musikalischen Leitung von Thomas Herzog,eine beachtliche Leistung. Stark ist auch der Abschluss dieses Werkes, bei dem am Ende zu afrikanischem Gesang langsam die Lichter erlöschen. In den beiden Solopartien leisten João Miranda als eine Art Schamane und Long Zou in einem zotteligen Kostüm (von Yann Seabra) tänzerisch Höchstarbeit, unterstützt durch jeweils vier weitere Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ballettensemble, die sich oft kreisförmig um die beiden Haupttänzer aufstellen.

Vers un Pays Sage / © Altin Kaftira

Den Abschluss des Abends bildet die 1995 für das Ballett von Monte-Carlo entwickelte Choreografie Vers un Pays Sage von Jean-Christophe Maillot. „Auf dem Weg in ein weises Land“ ist eine Hommage des Choreografen an seinen im selben Jahr verstorbenen Vater, den Maler Jean Maillot. Getrieben von der rasanten Musik von John Adams’ Fearful Symmetries schuf Maillot eine vorwiegend klassisch geprägte Choreografie für sechs Tanzpaare. Dominique Drillot taucht die ansonsten leere Bühne hierzu immer wieder in verschiedene Farben, sodass der Hintergrund laut Programmheft „wie ein Aquarell in Rot-, Grün- und Gelbtönen unter der warmen südfranzösischen Sonne erscheint”. Passend dazu reflektieren die weißen Kostüme von Jean-Michel Lainé die verschiedenen Lichtfarben und stehen somit fast schon sinnbildlich für das titelgebende Kaleidoskop. Auch hier ernteten die zwölf Tänzer und Tänzerinnen am Ende großen Applaus des Publikums. Insgesamt ist Kaleidoskop ein durchaus spannender Ballettabend mit drei teilweise sehr unterschiedlichen Choreografien, die mit einer Länge von jeweils rund 35 Minuten gut zu unterhalten wissen.

Markus Lamers, 19. April 2026


Kaleidoskop
„Vielfarbiges Bewegungsspiel mal 3“

Ballett am Rhein – Theater Duisburg

Premiere: 15. März 2025 im Opernhaus Düsseldorf
Übernahmepremiere: 11. April 2026 im Theater Duisburg
besuchte Vorstellung: 18. April 2026

Choreographie: Iratxe Ansa und Igor Bacovich / Mthuthuzeli November / Jean-Christophe Maillot
Musikalische Leitung: Thomas Herzog
Duisburger Philharmoniker

Trailer

Weitere Aufführungen: 22. Mai und 30. Mai 2026