Wiesbaden: „Tristan und Isolde“, Richard Wagner

Schild(bürg)erstreich

Das Luzerner Komiker-Duo OHNE ROLF spricht in seinen Programmen kein Wort und kommuniziert stattdessen über das Aufblättern von Plakaten, auf denen kurze Sätze aufgedruckt sind. Das ist ein intelligenter Spaß, der über einen ganzen Kleinkunst-Abend tragen kann. Tiago Rodrigues hat diese Idee für sein Regiekonzept zu einer Tristan-Inszenierung übernommen. Hier zeigt das Bühnenbild von Fernando Ribeiro auf drei Ebenen die Regale eines Archivs, in deren Fächern lange, rechteckige Schilder aufbewahrt werden. Noch ehe die Ouvertüre beginnt, betreten zwei Tänzer die untere Ebene, ziehen ein bedrucktes Schild nach dem anderen aus den Regalen und präsentieren dem Publikum, was es im Folgenden zu erwarten hat. Zunächst wird die Funktion der Tänzer und der Schilder erläutert, dann in die Thematik des Stückes eingeführt. Es gibt kleinere Gags, etwa den, daß es viele Worte geben werde und alle „auf Deutsch“. Das mag im französischen Original beim Publikum noch unmittelbarer angekommen sein, denn die Produktion ist an der Opéra national de Nancy-Lorraine entstanden, und man kann sich das Seufzen eines francophonen Publikums über vier Stunden mit Wagners Wortschwall lebhaft vorstellen. Aber wo ist die Pointe, wenn man eine deutsche Oper vor einem deutschsprachigen Publikum spielt? Hier genügt eine schlichte Übersetzung der französischsprachigen Schilder der Originalproduktion nicht. Da hätten Regie und Dramaturgie nacharbeiten müssen.

© Max Borchardt

Schon nach fünf Minuten, als noch immer die Musik nicht beginnt, wird es einem Herrn im Parkett zu viel: „Es reicht!“, ruft er laut und erhält von einigen Umsitzenden Unterstützung mit Applaus. Da müssen sie nun aber durch. Wenn dann irgendwann endlich das Vorspiel einsetzt, geht es mit dem Schilder-aus-den-Regalen-Ziehen ohne Unterlaß weiter. Die Texte auf den Schildern werden dazu auf der Übertitelanlage verdoppelt, weswegen dort für den gesungenen Text kein Platz ist. Man merkt, wie sehr man sich an die Übertitelung gewöhnt hat und vermißt das beiläufige Mitlesenkönnen. So ist man gezwungen, intensiver auf das zu hören, was die Sänger zu artikulieren versuchen. An diesem Abend sind sie dabei unterschiedlich ambitioniert. Einigermaßen textverständlich sind ohnehin allenfalls die Männerstimmen. Bei hohen Frauenstimmen ist das bereits wegen der physikalischen und physiologischen Gegebenheiten schwieriger. Schade um Wagners Textdichtung, die im wie immer klug zusammengestellten Begleitheft der Wiesbadener Dramaturgie ausgiebig gewürdigt wird. Das ist auch ein Grund, warum dieser Schild(bürg)erstreich womöglich vor einem französischsprachigen Publikum besser funktioniert haben mag: Dort wäre Wagners Dichtung auch mit Übertiteln des Originaltextes nicht verstanden worden, so daß die Schilder, deren Texte die szenischen Situationen nur knapp zusammenfassen, eine echte Verständnishilfe gewesen sein mögen. Was also in Frankreich zu mehr Information geführt hat, führt durch die Gleichzeitigkeit von Original und Simplifizierung in derselben Sprache zu einer Störung, die wirkt, als würde ein geschwätziger Sitznachbar pausenlos ungefragt seine Live-Kommentare zum Bühnengeschehen abgeben. Wir hatten an anderer Stelle angeregt, für solche Theaterbesucher über die Wiedereinführung der Prügelstrafe nachzudenken.

© Max Borchardt

Während die beiden Tänzer auf der unteren Ebene also fortlaufend Schilder ziehen und dem Publikum präsentieren, treten die Protagonisten auf der mittleren Ebene auf und stehen meist einfach nur herum. Auch das zentrale Vertauschen der Zaubertränke wird mittels Schildern dargestellt: Hinter dem Schild „Todestrank“ kommt ein Schild „Liebestrank“ zum Vorschein. Insgesamt erzeugt das noch mehr Statik, als in dem Stück ohnehin angelegt ist. Über weite Strecken kommt es einer halbszenischen Aufführung gleich. Zum Ende des ersten Aufzugs sind fünf Regalfächer mit Schildern abgearbeitet. Mehrere Hundert warten noch. Ein Teil des Publikums läßt seinem Unmut freien Lauf und buht sich zur Pause die Seele aus dem Leib.

Zum zweiten Aufzug haben sich die Reihen im Zuschauerraum etwas gelichtet und auch die Regale des Archivs auf der Bühne sind weniger dicht befüllt. Farne und Efeu sind nun an und zwischen den Regalen zu sehen. Irgendwann erläutern die Schilder, daß man sich im Wald befinde („mit hohen Bäumen“). Aber man liest nur noch gelegentlich mit. Es wiederholt sich auch Vieles. Tristan wird immerfort als „der traurige Mann“, Isolde als „die traurige Frau“ bezeichnet, Melot ist der „ehrgeizige Mann“. In der Schlichtheit ihrer kurzen Sätze und mancher inhaltlicher Banalität erinnern viele Schildertexte an die „Nachrichten in einfacher Sprache“, welche mehr über die Ersteller als über die Adressaten aussagen.

Die Ebene der Sänger ist jetzt die untere, die der Schilderhalter die mittlere. So kommt es endgültig zum reinen Rampensingen. Seit Heiner Müllers Bayreuther Tristan hat das Liebespaar wohl nicht mehr so interaktionslos und ohne noch den kleinsten Blickkontakt, geschweige denn eine Berührung nebeneinander gestanden, um die schwärmerische Musik einer rauschhaften Liebesnacht unbewegt in den Zuschauersaal zu singen. Die Schilder dazu lauten: „Sie singen“, „stundenlang“, „auf Deutsch“. Diese Veralberung des berühmtesten Liebesduetts der Musikgeschichte ist nun tatsächlich ärgerlich. Wenn der Regisseur mit Wagners himmlischen Längen nichts anzufangen weiß, soll er eben ein anderes Stück inszenieren.

© Max Borchardt

Der Sitznachbar zur Rechten hatte in der Pause erklärt, er bevorzuge ohnehin konzertante Aufführungen und mache einfach die Augen zu. Seinen Ohren immerhin wird an diesem Abend Einiges geboten. Die zentralen Rollen sind ausnahmslos fabelhaft besetzt. Mit Carla Filipcic Holm hat man für die Isolde einen Sopran mit einer üppigen Klangfülle engagiert, wie man ihn nur von älteren Schallplattenaufnahmen kennt. Mit Ric Furman kehrt ein ehemaliges Wiesbadener Ensemblemitglied in der Rolle des Tristan zurück, über dessen Siegmund in der Walküre am Hessischen Staatstheater wir vor knapp zehn Jahren geschrieben hatten (damals führte er noch den vollen Vornamen „Richard“), er lasse „über weite Strecken eine bronzen abgetönte Mittellage erklingen, der man gerne zuhört. Seine metallischen Kopftöne behält er sich für exponierte Stellen vor und weiß sie durchaus geschickt in den Gesamtklang zu integrieren. Trotz deutlich amerikanischer Sprachfärbung behandelt er den Text differenziert und wagt viele leise Töne.“ Genauso kann man nun seine Leistung im ersten Akt beschreiben. Über den Tribut, den er an diesem Abend einer Pollenallergie zahlen muß, sogleich mehr. Irene Roberts zeigt als Brangäne ungewohnt jugendlich-dramatische Töne, mit welcher sie die Rolle als Gefährtin Isoldes auf Augenhöhe aufwertet. Das Münchener Publikum darf sich auf ihre Sieglinde im neuen Ring freuen. Tommi Hakala, dem Wiesbadener Publikum als fabelhafter Holländer in Erinnerung, trumpft mit kernigem Heldenbariton als Kurwenal auf. Young Doo Park orgelt seinen bewährten König Marke, und Katleho Mokhoabene setzt mit mustergültigem Liedgesang seinen attraktiv timbrierten lyrischen Tenor in den kleinen Partien des Seemanns und des Hirten ein. Das Staatstheater bietet zur Eröffnung der Maifestspiele eine durchgehend festspielwürdige Besetzung auf. Selbst der scharf eingefärbte Tenor von Richard Trey Smagur findet bei dem Intriganten Melot eine passende Verwendung.

© Max Borchardt

Das Orchester zeigt sich unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Leo McFall in guter Verfassung. Der Klang ist transparent und gut durchhörbar. Die Holzbläser werden hervorgehoben, dynamische Abstufungen, Crescendi und Decrescendi genau und differenziert herausgearbeitet. Im zweiten Aufzug gibt der Dirigent durchweg ein sehr langsames Tempo vor. Instrumental wird die Spannung der stark gedehnten Bögen dabei gut gehalten. Die Sänger stellt das aber vor große Herausforderungen: Sie müssen mit ihrem Atem gut haushalten. Gerade zum Beginn der langen Liebesnacht hat McFall zudem die Lautstärke gedimmt. Die Protagonisten versuchen sich anzupassen, Carla Filipcic Holm zügelt mühsam ihr üppiges Material, Irene Roberts kann die Wachrufe der Brangäne gerade so auf einen Atemvorrat singen, Ric Furman versucht, die Registermischung Richtung Kopfresonanz zu verschieben, denn das Brustregister funktioniert in der Höhe nicht ohne Druck. Hier macht sich bei ihm eine erste Belegtheit der Stimme bemerkbar, dann bricht sie ihm mehrfach weg. Er geht damit professionell um, kämpft aber fortan mit dem Ansatz und bleibt nicht immer Sieger. Man leidet mit ihm und fragt sich, wie das im dritten Aufzug werden soll. Nach der zweiten Pause läßt er die offenkundige Indisposition ansagen. Eine Pollenallergie sei schuld. Um dann den dritten Aufzug mit einer von wenigen Überschlägen der Stimme kaum getrübten Leistung geradezu zu rocken. Leiden, Leidenschaft, Emphase: Das alles kann er in seine Stimme legen. Daß er dafür trotz der gesundheitlichen Probleme die Nerven behält, ist eine außerordentliche Leistung.

Was im dritten Aufzug szenisch passiert? Nichts Neues. Schilder, Statik, etwas mehr Interaktion. Nichts Erinnernswertes.

© Max Borchardt

Eine Kollegin vom SWR weist freundlich auf das Beiprogramm zum Thema „Archiv / Erinnern“ hin. Immerhin gibt es eine Übertragung der Premiere im Live-Stream auf eine Leinwand am „Warmen Damm“, Freiwillige sind dem Aufruf des Staatstheaters gefolgt, als „lebende Archive“ ihr Wagner-Wissen auf Plätzen rund um das Theater zu teilen. In den Vorankündigungen hatte man zum Live-Stream eine „Picknick-Atmosphäre“ angepriesen. Womöglich haben für diese Art der Popularisierung von Wagners Schlüsselwerk die simplifizierenden Schilder gute Dienste geleistet. Das erkennbar festspielgestimmte Publikum im Saal feiert zwar angemessen und ausnahmslos Sänger wie Orchester, donnert aber dem Produktionsteam ein ungnädiges Buh-Gewitter entgegen.

Michael Demel, 2. Mai 2026


Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner

Staatstheater Wiesbaden

Eröffnungspremiere der Maifestspiele am 1. Mai 2026

Inszenierung: Tiago Rodrigues
Musikalische Leitung: Leo McFall
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Trailer

Weitere Aufführungen am 10. und 24. Mai 2026.