Bonn: „Der Freischütz“, Carl Maria von Weber

Selten dürfte ein Zwischenruf so viel Beachtung gefunden haben wie jener, der bei der Premiere von Der Freischütz an der Oper Bonn durch den Saal hallte: „Weber weint!“ war dort zu vernehmen. Und tatsächlich – dieser Abend ließ kaum jemanden unberührt, provozierte, irritierte und regte vor allem eines an: heftige Reaktionen.

Dass es dazu kommen würde, war im Grunde absehbar. Sobald ein Regisseur wie Volker Lösch ans Werk geht, stellt sich nicht die Frage, ob es Proteste gibt, sondern wie laut sie ausfallen. In Bonn fielen sie sehr laut aus – und zahlreich, denn das, was hier auf der Bühne passierte, war letztlich keine herkömmliche Opernaufführung, sondern etwas, das neben reinen Geschmacksfragen auch Generationenfragen stellte und durch eine unfassbare Politisierung noch zusätzlichen Sprengstoff mit sich brachte. Lösch verlegt Webers romantische Oper kurzerhand in eine düstere Zukunft und lässt sich vom Autor Lothar Kittstein zusätzliche Texte schreiben. Der Abend firmiert unter dem Titel „Alptraum für Deutschland“ – und genau als solcher entfaltet er sich auch.

Wir befinden uns im Jahr 2029, mitten im Bundestagswahlkampf. Eine deutlich rechts verortete Partei – die Parallelen zur Gegenwart sind kaum zu übersehen – hat sich im ehemaligen Bonner Bundestag (Bühne: Carola Reuter) eingerichtet, inzwischen ein Lost Place. Statt um die Erbförsterei geht es nun um ein Heimatschutzministerium, und die dämonische Figur des Samiel wird zur Kanzlerkandidatin stilisiert. Der Probeschuss findet im migrantisch geprägten Viertel „Wolfsschanze“ statt, und beim vermeintlichen Gießen der Freikugeln geraten Dönerbuden, Barbershops und Moscheen ins Visier. Dabei ist es frappierend, dass das Motiv der Angst in seiner Funktionsweise eigentlich nur eins zu eins in die Gegenwart transferiert wird. Macht bei Weber das „wilde Heer“ Angst, sind es hier die Migrantenströme. Ist es bei Ännchen in ihrer Arie „Einst träumte…“ die Angst vor einem Monster, steht hier im Traum ein geifernder, mit einem Messer bewaffneter Migrant vor dem Bett – die Auflösung ist freilich die gleiche.

Dass dabei jedoch die ursprüngliche Handlung um Max, Agathe, Kaspar und Co. nicht mehr bruchlos aufgeht, liegt auf der Hand. Und doch: Erstaunlicherweise trägt das musikalische Gerüst diese Umdeutung überraschend gut mit, und es entsteht ein Abend, der trotz einiger Längen erst einmal dramaturgisch gut gebaut ist. Die neuen Texte indes passen immer wieder nicht minder überraschend gut, gleichwohl muss man auch festhalten, dass sie dann nicht selten auch arg ins Platte abdriften und ständige Wiederholungen vieles unnötig zerdehnen.

© Bettina Stöß

Das anfängliche Volksfest wird zum derben Schützenfest einer bewusst klischeehaft gezeichneten Gesellschaft, das Probeschießen findet ebenfalls seinen Platz. Was Lösch jedoch mit Nachdruck betreibt, ist eine durchgehende politische Zuspitzung: Fast alle Figuren werden in einem rechtsradikalen Kontext verortet. Das ist mitunter plakativ, manchmal fast schon platt – aber eben auch bewusst provokant.

Und diese Provokation wirkt. Schon in der Pause wird nicht belanglos geplaudert, sondern intensiv diskutiert. Nach dem Schlussapplaus setzt sich das fort. Anders als bei anderen umstrittenen Inszenierungen – etwa jener peinlichen Inszenierung von Peter Konwitschny von Die Frau ohne Schatten Anfang der Spielzeit in Bonn – bleibt das Publikum weitgehend im Saal. Der Diskurs findet statt, und genau das scheint Teil des Konzepts zu sein.

Dabei ist der Abend keineswegs frei von Schwächen. Besonders im ersten Teil zieht sich die Inszenierung spürbar in die Länge. Nach der Pause gewinnt sie jedoch an Tempo und findet zunehmend auch zu ironischen Brechungen. Wenn etwa Ottokar auftritt, der unverkennbar an Friedrich Merz erinnert, lockert das die düstere Grundstimmung und sorgt für vereinzelte Lacher. Auch der Moment, in dem Samiel – mit deutlichen Anklängen an Alice Weidel – dem aufgebrachten Publikum entgegenruft, sie werde als Kanzlerin dafür sorgen, dass es in Bonn „auch wieder einen vernünftigen Freischütz“ gebe, ist ein bewusst gesetzter, bitter-ironischer Kommentar. Freilich, mit Weber hat das nichts zu tun. So kommt der Unmut überwiegend von einer älteren Zuschauern, die es gerne klassisch mögen, jüngere können sehr wohl etwas mit dem Abend anfangen. Denn ein paar Fragen muss man sich auch stellen: Was möchte uns heute denn ein Freischütz noch sagen? Geht es nur um die Musik? Und was ist mit den teils quälend langen Dialogen des Originals? Wer sich über die neuen Texte aufregt, der möge sich die auch nicht uneingeschränkt brillanten Texte des Herrn Kind mal zu Gemüte führen.

© Bettina Stöß

Grundsätzlich stellt sich jedoch die entscheidende Frage: Was erwartet man von diesem Abend? Wer eine traditionelle Inszenierung mit romantischem Wald, Wolfsschlucht und vertrauter Ästhetik sucht, wird hier nicht fündig. Für diese Sehnsucht empfiehlt sich eher ein Abend auf dem Sofa mit der legendären Aufnahme unter Carlos Kleiber – Augen schließen, Musik genießen, Kopfkino einschalten.

Lösch hingegen richtet sich klar an ein Publikum, das bereit ist, sich auf eine politische Lesart einzulassen. Wenn Agathe und Ännchen als sogenannte „Tradwives“ erscheinen, mag das aus heutiger Perspektive durchaus schlüssig sein – dürfte aber vor allem jüngere Zuschauer ansprechen, die diesen absurden Trend aus den sozialen Medien kennen, während der geneigte Abonnent eher fremdelt. Lösch bedient heutige, moderne, mediale Narrative, die für Menschen, die sich nicht bei Instagram tummeln, die in der Wolfsschlucht Wald und Wildschwein erwarten, kaum zu verstehen sind. Auch das mag zu Unmut führen.

Musikalisch hingegen überzeugt der Abend weitgehend. Lothar Koenigs führt das Beethoven-Orchester Bonn mit sattem, romantischem Klang durch die Partitur. Anfangs gibt es kleinere Abstimmungsprobleme zwischen Bühne und Graben, doch diese legen sich rasch.

Unter den Solisten ragt besonders Kai Kluge als Max hervor, der mit strahlendem Tenor die Zerrissenheit seiner Figur eindrucksvoll gestaltet. Alyona Rostovskaya überzeugt als Agathe mit warmem, vollem Sopran, der ihr nach jeder Arie wahre Jubelstürme einbrachte. Tobias Schabel gibt einen darstellerisch präsenten Kaspar, auch wenn die Stimme gelegentlich etwas kehlig wirkt. Ein besonderes Glanzlicht ist Nicole Wacker als Ännchen, die mit Leichtigkeit, Spielfreude und vokaler Brillanz begeistert.

In den weiteren Partien überzeugen Johannes Mertes als Ottokar (mit augenzwinkernder Merz-Parodie), Martin Tzonev als Kuno, Christopher Jähnig als Eremit sowie Ralf Rachbauer als Kilian. Eine Schlüsselrolle kommt Birte Schrein als Samiel zu, die mit enormer Textfülle und unermüdlicher Energie das Publikum direkt adressiert – agitierend, provozierend und stets am Puls der Inszenierung.

Der Chor der Oper Bonn meistert seinen Part souverän und mit einem angenehmen, homogenen Klangbild.

© Bettina Stöß

Am Ende bleibt ein Abend, der stark polarisiert. Die Regie muss sich erwartungsgemäß einen heftigen Buh-Orkan abholen, gleichwohl hört man auch Bravos und Zustimmung. Man könnte viel über diese Produktion, über Erwartungen, über Generationenkonflikte, über die Frage, wie politisch Theater sein darf oder muss, über die „Gefahr von rechts“, über die Frage, ob Weber wirklich weint und was ein „vernünftiger Freischütz“ sein kann, diskutieren. Letztlich bleibt dies ein Abend, der Traditionalisten enttäuschen wird, aber zugleich ein Publikum anspricht, das sich für experimentelles, politisches Musiktheater interessiert. Vor allem aber ist es ein Abend, der einen nicht kalt lässt – und das ist vielleicht die größte Stärke dieser Produktion.

Denn, ob man ihn nun ablehnt oder verteidigt: Gleichgültigkeit ist hier keine Option.

Sebastian Jacobs, 4. Mai 2026


Carl Maria von Weber
Der Freischütz – Alptraum für Deutschland

Theater Bonn

Premiere: 3. Mai 2026

Inszenierung: Volker Lösch
Musikalische Leitung: Lothar Koenigs
Beethoven Orchester Bonn