Berlin, Konzert: „Mozart, Beethoven“, Staatskapelle unter Zubin Mehta

Happy Birthday, Maestro!

Zubin Mehta, der Grandseigneur unter den Dirigenten, mehr als dreißig Jahre eng mit der Berliner Staatsoper verbunden, seit 2014 ihr Ehrendirigent, ein großer Künstler und Menschenfreund, ein Weltbürger, feierte am 29. April 2026 seinen 90. Geburtstag. Musik und Politik sind für ihn nicht voneinander zu trennen. Selbst im hohen Alter gilt er als unermüdlicher Botschafter für die Musik, als Brückenbauer für ein friedliches Miteinander. Bis heute ist er regelmäßiger Gast der weltbesten Orchester und Opernhäuser. Sowohl in Israel wie auch in seiner Heimatstadt Mumbai mit der nach seinem Vater benannten Mehli Mehta Music Foundation unterstützt und fördert er Bemühungen, die Jugend für die Musik zu begeistern. Nichts halte ihn so jung wie die Musik, sagt er selbst von sich. Kolleginnen und Kollegen betonen seine Herzlichkeit und Zugewandtheit. Mehta sei „ein genialer Musiker mit Herz und Verstand, von einer großen überwältigenden Menschlichkeit, …immer höflich, aber durchaus bestimmt“ (Matthias Glander, Solo-Klarinettist der Berliner Staatskapelle).

© Peter Adamik

Im Alter von achtzehn Jahren verlässt er Bombay (heute: Mumbai), geht nach Wien, studiert an der Musikakademie zunächst Klavier, Kontrabass und Komposition, absolviert dann eine Dirigentenausbildung bei Hans Swarowsky. Nach dem Studium in Wien dirigiert er – er ist jetzt Mitte Zwanzig – bereits die Philharmoniker in Berlin und Wien und das Israel Philharmonic Orchestra. Er wird Preisträger des internationalen Dirigentenwettbewerbs in Liverpool und gewinnt den Koussevitzky-Wettbewerb in Tanglewood. Ein amerikanischer Kritiker schreibt über ihn: „Nur der Himmel ist eine Grenze für diesen Mann“.

Eine beispiellose Karriere nimmt ihren Lauf: Es folgen Chefpositionen in Montréal, Los Angeles, Florenz, New York, Tel Aviv, München. Zubin Mehta ist heute Ehrenmitglied bzw. Ehrendirigent der besten Orchester der Welt, Er übernimmt von Karl Böhm den Arthur-Nikisch-Ring. Zum Praemium Imperiale (quasi der Nobelpreis für Kunst), vom japanischen Kaiserhaus verliehen, kommen zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2011 auch ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. Mehta ist Ehrenbürger von Florenz und Tel Aviv. Dass er seinen Geburtstag musikalisch mit der Berliner Staatskapelle feiert, zeigt die große menschliche und künstlerische Zuneigung und Wertschätzung. Das heutige Konzert ist eine Ehre für die Kapelle, für das Publikum und für die Stadt Berlin.

Mit der Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) wird der Konzertabend eröffnet. Im Sommer 1788 schreibt Mozart in rasantem Tempo drei Sinfonien: Köchelverzeichnis 543, 550 (laut Werkverzeichnis am 25. Juli vollendet) und 551, sehr unterschiedlich, jede hat ihren eigenen Charakter. Sie sind eine Art Resümee der ersten Phase der Wiener Klassik. Es sollen Mozarts letzte sinfonische Kompositionen werden. Unklar sind die Umstände der Entstehung der sogenannten Großen g-Moll. Ein Auftraggeber ist nicht bekannt, ebenso wenig wie Datum und Ort der Uraufführung. Belegt ist lediglich, dass Antonio Salieri im April 1791 im Rahmen seiner Akademiekonzerte in Wien die Sinfonie dirigierte, mit einem Orchester in der für uns heute unvorstellbaren Besetzung mit 160 Musikern. Man vermutet, dass die eigentliche Erstaufführung im Privatsalon seines Förderers, des Baron van Swieten stattgefunden hat, auch, dass die Komposition anlässlich der Reise Mozarts nach Frankfurt/Main zu den Krönungsfeierlichkeiten von Leopold II. aufgeführt wurde. Für ihn ist es eine Zeit voller materieller Sorgen und schwarzer Gedanken, wie er in einem Brief schreibt. Mit der Sinfonie KV 550 schafft Mozart ein Werk, das mit allen bisher üblichen Regeln bricht, eine von seinen bedrückenden Lebensumständen geprägte, rebellische Schicksalsmusik, einen Gegenpart zur letzten, der strahlenden Jupiter-Sinfonie. Der Verzicht auf Trompeten und Pauken unterstützt die düstere Stimmung des Werk. Es ist bemerkenswert, dass nur zwei seiner Sinfonien in Moll stehen, beide in g-Moll.

© Peter Adamik

Bereits der erste Satz Molto allegro beginnt ungewöhnlicherweise mit der Bratschenbegleitung, bevor dann das allbekannte Hauptthema im piano eintritt, verbreitet Unruhe, emotionale Unsicherheit und Rastlosigkeit. Das kleine Sekund-Intervall, in der Barockmusik das Leidensmotiv, wird zu einem wesentlichen Baustein des gesamten Werks. Auf ein unerbittliches Tutti folgt das von Streichern und dann von Oboen und Fagotten fortgeführte zweite Thema. Die Durchführung beginnt mit einem gewaltsamen, harmonischen Ruck ins entfernte fis-Moll. Bei der Verarbeitung des Hauptthemas und der Rückführung durch viele Tonarten bis zum anfänglichen g-Moll, zum Teil kontrapunktisch verdichtet, sorgen die Einwürfe der Holzbläser für kühne, chromatische, provozierende Dissonanzen. Der Satz klingt mit dem Hauptthema resignierend aus. Auch der zweite Satz Andante im 6/8-Takt bringt keine Entspannung. Der idyllische Beginn trügt: Zusammengesetzt aus mehreren, kontrastierenden Gedanken entwickelt sich keine kantable Geste, es entsteht eine dichte Verschachtelung mit scharfen Reibungen. Der dritte Satz Menuetto-Trio-Menuetto ist kein höfisches Menuett, eher ein derbes Scherzo, eine tänzerische Groteske. Hemiolen (3×2 Viertel statt 2×3) überlagern das Menuett und machen es vollends widersprüchlich und rätselhaft. Nur das Trio verbreitet für eine kurze Zeit Glückseligkeit. Mit dem ausgedehnten, bewegten vierten Satz, dem Finale Allegro assai, komponiert Mozart keinen fröhlichen Kehraus, er schreibt ein gleichwertiges Gegengewicht zum ersten Satz, eine Verschärfung und Intensivierung des Anfangs. Ein thematischer Hauptgedanke bestimmt den Satz. Das Seitenthema wirkt auch hier fast nebensächlich. Die Durchführung beginnt überraschend mit dem harmonisch verzerrten und unisono vom Tutti im forte gespielten Hauptthema des Satzes. Mozart nutzt in der Weiterführung dann alle Möglichkeiten der Modulation und des Kontrapunkts und schafft ein für die Zeit dichtes Geflecht ungewohnter Klänge. Herb und schmerzlich endet die Sinfonie. Mit ihrer emotionalen Ausdruckskraft und ihrer musikalisch-technischen Raffinesse gilt sie als eins der wegweisenden Werke der klassischen Musik, ein zeitloses Meisterwerk.

Die Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 von Ludwig van Beethoven (1770- 1827) entsteht in den Jahren 1811 bis 1812, im Kontext der europäischen Befreiungskriege gegen die jahrelange napoleonische Fremdherrschaft. Das Autograph ist auf den 13. Mai 1812 datiert und Moritz Reichsgraf von Fries gewidmet. 2018 wird ein bis dahin unbekanntes Exemplar der Partitur entdeckt, das auf dem Titelblatt die Widmung von Beethovens Hand trägt: „Meiner hochverehrten Freundin Antonie Brentano von Beethoven“. Da er der ihr auch seine letzte Klaviersonate op. 111 und die Diabelli-Variationen widmet, liegt der Verdacht nahe, sie sei die Adressatin des gerüchteumwobenen Briefes an die „Unsterbliche Geliebte“ von 1812. Das Leben des Beethovens ist bereits von seiner zunehmenden Schwerhörigkeit geprägt. Schon wenige Jahre später ist eine Kommunikation nur noch schriftlich mit Hilfe der Konversationshefte möglich.

Die Uraufführung seiner Siebten findet zusammen mit Wellingtons Sieg oder Schlacht bei Vittoria unter seiner Leitung am 8. und 12. Dezember 1813 im Großen Saal der Wiener Universität statt. Es ist eine Zeit patriotischer Hochstimmung. Wenige Wochen zuvor hatten die französischen Truppen in der Völkerschlacht bei Leipzig ihre erste vernichtende Niederlage erlitten. Für die Konzerte, veranstaltet zugunsten der in den Kämpfen gegen Napoleon bei Hanau verwundeten Österreicher und Bayern, finden sich die besten Musiker Wiens zusammen. Die Allgemeine Musikalische Zeitung berichtet: „Längst im In- und Auslande als einer der grössten Instrumental-Componisten geehrt, feyerte bey diesen Aufführungen Herr van Beethoven seinen Triumph. Ein zahlreiches Orchester, durchaus mit den ersten und vorzüglichsten hiesigen Tonkünstlern besetzt, hatte sich … ohne Entschädigung vereinigt und gewährte, unter der Leitung des Componisten, durch sein präzises Zusammenwirken ein allgemeines Vergnügen, das sich bis zum Enthusiasmus steigerte“. Beethovens Freund Anton Schindler berichtet: „Die Jubelausbrüche während der A-Dur–Symphonie überstiegen alles, was man bis dahin im Konzertsaal erlebt hatte“. Es wird sein größter öffentlicher Erfolg zu Lebzeiten. Er selbst soll mit innigster Rührung bekannt haben, es sei das Nonplusultra der Kunst gewesen.

Mehr als 100 Seiten in den Skizzenbüchern verdeutlichen die Vorgehensweise bei der Komposition der Siebten Sinfonie. Thematische Einfälle werden ständig umgeformt und weiter ausgeführt, dabei „habe er immer das Ganze vor Augen“. Mit der Siebten geht Beethoven neue Wege. Die Komposition bekommt durch ihre rhythmische Gestaltung eine übermütige, ausgelassene Geschlossenheit. Während Richard Wagner in der Sinfonie die Apotheose eines Tanzes erlebt, reagieren einige Zeitgenossen allerdings mit Unverständnis und Äußerungen wie: Beethoven sei reif fürs Narrenhaus oder Beethoven müsse betrunken gewesen sein.  Eine andere Seite ist die harmonische Kühnheit in der Komposition, das Changieren zwischen zwei einander eigentlich fremden Tonarten, dem A-Dur und der Mediante F-Dur.

© Peter Adamik

Der erste Satz Poco sostenuto-Vivace bereitet in einer langsamen, weitausholenden Einleitung den schnellen Teil mit seinem pulsierenden 6/8-Rhythmus vor. Das tänzerische Vivace findet seinen Höhepunkt im Jubel des Tutti ab Takt 89. Der zweite Satz, der wohl bekannteste Satz Allegretto, oft auch als Filmmusik eingesetzt (The King‘s Speech), hat den Charakter eines Trauermarschs. Den thematischen Hauptgedanken, dem nach Aussage seines Schülers Karl Czerny ein russisches Volkslied zugrunde liegen soll, hat Beethoven bereits 1806 notiert. Der klagende Gesang von Bratschen und Celli wird zu einem heroischen Schluss gesteigert. Mit dem dritten Satz Presto-Assai meno presto, einem stürmischen, fast rustikalen Scherzo, findet die Komposition zu ihrem vom Rhythmus geprägten Charakter zurück. Nur der Mittelteil, angeblich auf einem Wallfahrerlied basierend, bildet einen ruhigen Kontrast. Der letzte Satz Allegro con brio, oft auch als Orgie des Rhythmus bezeichnet, dynamisch sehr kontrastreich mit kraftvollen Akkordattacken, strebt schwungvoll dem glänzenden, triumphalen Finale zu.

Zubin Mehta sorgte mit sparsamer Zeichengebung für ruhige Tempi, einen natürlichen Fluss der Musik ohne eitle Aufgeregtheit, ausgewogen und transparent, aber immer spannungsvoll erfüllt mit wunderbaren Pianissimo-Passagen, kraftvoll in den dramatischen Abschnitten und mit herrlichen Übergängen, wie im zweiten Satz der Beethoven-Sinfonie. Alle Musiker waren sich der Besonderheit des Abends bewusst und folgten mit größter Aufmerksamkeit ihrem Dirigenten. Die Leistung des Orchesters, geführt vom Konzertmeister Lothar Strauß war makellos. Bravi!

Großer Jubel und lang anhaltender Beifall für den Jubilar und seine Musiker, für ein berührendes, unvergessliches Konzert, das zeigt, wie die Musik hilft, die Last des hohen Alters vergessen zu überwinden.

Bernd Runge, 6. Mai 2026


Geburtstagskonzert Zubin Metha:
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Berlin, Staatsoper Unter den Linden

3. Mai 2026

Dirigent: Zubin Mehta
Staatskapelle Berlin