Lieber Opernfreund-Freund,
Gioachino Rossinis viel zu selten gespielte Reise nach Reims macht derzeit das Lipperland unsicher. In der Regie von Dominik Wilgenbus entfacht das Detmolder Ensemble ein komödiantisches Feuerwerk und beschert mir mit GMD Per-Otto Johansson im Graben – einen vergnüglichen Abend.

Auf dem Weg zur Krönung Karls X. in Reims stranden Reisende aus ganz Europa im Gasthof „Zur goldenen Lilie“ und warten verzweifelt auf Pferde, die sie mitsamt ihrem Gepäck, ihren Schrullen und ihren Wehwehchen zum gesellschaftlichen Ereignis des Jahres bringen sollen. Als klar wird, dass sie mangels PS daran nicht werden teilnehmen können, veranstalten sie kurzerhand einen Festabend, an dem ein jeder sein Heimatland preist, bevor alle zusammen ein Loblied auf den neuen König anstimmen. Gioachino Rossini erzählt diese Geschichte in seiner letzten italienischsprachigen Oper aus dem Jahr 1825 als Charakterstudie der einzelnen versammelten Nationen mit viel Ironie und zahlreichen musikalischen Einfällen. Diese sind bei Per-Otto Johansson in den besten Händen, der mit seinem Esprit geladenen Dirigat zusammen mit den Musikerinnen und Musikern des Symphonischen Orchesters Detmold ein Klangfeuerwerk entfacht und die höllisch schwere Partitur bei aller gebotenen Leichtigkeit mit hoher Präzision zum Klingen bringt.

So viel Nonchalance hätte ich auch der Regie von Dominik Wilgenbus gewünscht, doch bleibt der diesbezüglich hinter den Möglichkeiten des Werks zurück. Zwar entwickelt er zusammen mit Kostüm- und Bühnenbildnerin Sandra Münchow zahlreiche pointiert-witzige Einfälle, lässt allerlei Tierkostüme, von Pferden bis zum Flöte spielenden Pudel (herrlich unterstützt von Flötist Gabriele Bertolini) auf die Bühne, doch gelingt ihm nicht, die zahlreichen Verwicklungen der gut zwei Dutzend Solistenpartien und ihre Beziehungen stringent zu erzählen. Wer das Werk nicht kennt und die aufschlussreiche Skizze von Dramaturgin Emilia Ebert im Programmheft nicht zur Hand hat, sitzt auf verlorenem Posten, sieht zwar viel Witzig-Unterhaltsames, weiß aber nicht immer, warum. Schon eher erschließt sich die Idee der Regie, die einzelnen Charaktere teilweise in ihren Landessprachen singen zu lassen. Das hat ein wenig etwas vom Turmbau zu Bable, doch ist es durchaus nachvollziehbar, schließlich unterhalten sich ja in einem Hotel auch heutzutage noch zwei Polen wahrscheinlich eher auf Polnisch als auf Italienisch. Das kommt nicht immer dem musikalischen Fluss zugute – Polnisch singt sich beispielsweise natürlich auch anders als Italienisch – gibt aber dem von Rossini in der Komposition schon angelegten Lokalkolorit eine zusätzliche Note. Nach der Pause wird Wilgebus‘ Erzählweise plastischer: er zeichnet das gemeinsame Dinner wie eine Gala der Europäischen Union und kann erneut mit zahlreichen pointierten Einfällen punkten.

Gesanglich überzeugen mich gestern Abend die Damen weit mehr als die Herren. Denen fehlt entweder die für Rossini erforderliche Mischung aus Leichtigkeit und komödiantischem Talent oder sie singen so schlecht Französisch, dass man eher damit beschäftigt ist, die Sprache zu identifizieren, als der wunderbaren Stimme zu lauschen. Vollends glücklich macht mich da nur Theodore Browne in der Rolle des eifersüchtigen Russen Conte di Libenskof. Der Tenor mit englisch-südafrikanischen Wurzeln paart herrlich-geläufige Parlandi, Klangschönheit und Ausdrucksstärke mit präzisem komödiantischem Timing. Diese Mischung bringt auch Ensemblemitglied Emily Dorn mit, die als Französin Contessa die Folleville bewegliche Koloraturen mit immensem Ausdruck und satter Mittellage vereint und gemäß des Regiekonzepts der Länderklischees als Französin – und damit natürlich Weltmeisterin in Liebesdingen – den Abend mit ein wenig Sex unter dem Tisch im Hotelrestaurant eröffnen darf. Lotte Kortenhaus überzeugt mich einmal mehr mit ihrem wunderbar-weichen Mezzo und starker Bühnenpräsenz als Marchesa Melibea und Christin Stanowsky gelingt als Corinna eine bewegende Finalszene. Dass Marianna Nomikou, die mit farbenreichem Sopran die Hotelwirtin Madama Cortese gibt, noch Mitglied im Opernstudio ist, kann ich angesichts ihrer Bühnenwirkung und ihres Facettenreichtums kaum glauben; auch die kleineren Rollen überzeugen mich durch ein hohes Maß an Spielfreude, das auch den von Francesco Damiani einstudierten Chor auszeichnet.

Das voll besetzte Haus ist am gestrigen Abend begeistert und auch ich fühle mich am Ende des Abends, trotz der einen oder anderen leichten Kritik in meinem heutigen Brief an Sie, lieber Opernfreund-Freund, bestens unterhalten.
Ihr
Jochen Rüth
9. Mai 2026
Il viaggio a Reims
Oper von Gioachino Rossini
Landestheater Detmold
Premiere: 24. April 2026
besuchte Vorstellung: 8. Mai 2026
Regie: Dominik Wilgenbus
Musikalische Leitung: Per-Otto Johansson
Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold
letzte Vorstellungen: 4. Juli 2026 sowie am 29. Mai 2026 in der PaderHalle in Paderborn