Im Jahr 1948 wurde der US-amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams für sein Drama Endstation Sehnsucht (engl. A Streetcar Named Desire) mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. In dem von den Lehren Sigmund Freuds beeinflussten Stück geht es um die verarmte Südstaatenschönheit Blanche DuBois, die nach einigen Schicksalsschlägen bei ihrer jüngeren Schwester Stella in New Orleans Zuflucht sucht. In einem beengten und für sie aggressiven Lebensumfeld trifft Blanche, die noch immer denkt, etwas Besonderes zu sein, auf Stellas Ehemann Stanley Kowalski, einen eher vulgären und gewaltbereiten Macho. Beide geraten schnell aneinander, auch in Bezug auf ihren jeweiligen Einfluss auf Stella. Zudem leidet Blanche darunter, die Realität akzeptieren und von ihren Illusionen trennen zu können, was auf eine dramatische Katastrophe zusteuert. Das Stück wurde 1951 mit Vivien Leigh und Marlon Brando in den Hauptrollen verfilmt. Brando hatte zuvor bereits am Broadway in der Rolle des Stanley Kowalski Zuschauer und Kritiker begeistern können. 1983 verwandelte John Neumeier die Geschichte für das Stuttgarter Ballett in ein eindrucksvolles Literaturballett, das mit großer emotionaler Kraft das Publikum in den Bann zieht. Neumeier beginnt den Abend hierbei mit dem Ende der Geschichte: Blanche befindet sich, verfolgt von Wahnvorstellungen und Erinnerungen, allein in einer psychiatrischen Klinik. Von hier an entspinnt sich die Geschichte in Form von Rückblicken, die jedoch teilweise verwischen. Blanche steigt stellenweise aus Szenen aus und beobachtet das Geschehen von außen. Die Bühne wird dabei zum Raum ihres Bewusstseins. Gedanken und Erinnerungen verflüchtigen sich immer wieder, nur um später erneut aufgegriffen zu werden. All dies setzt Neumeier in sehenswerten Choreografien um, die vor allem von Sophie Martin in der Rolle der Blanche DuBois beeindruckend dargeboten werden. Es sind die kleinen, intimen Momente mit den vielen Details in der Mimik, die an diesem Abend besonders berühren. Dies gilt auch für Gustavo Carvalho als Blanches Ehemann Allan Grey, Dukin Seo als Allans Freund, Clara Nougué-Cazenave als Stella, Olgert Collaku als Stanley Kowalski und Nelson López Garlo als Harold Mitchell, der im zweiten Teil des Abends eine wichtige Rolle einnimmt.

Auch wenn sich die Gedanken immer wieder verwischen und in den Erinnerungen Ereignisse auftauchen, die erst später passiert sind, so hält sich das Ballett dennoch an eine grobe Einteilung der beiden Akte. Vor der Pause erinnert sich Blanche vor allem an ihr Leben auf dem Landgut Belle Rêve (französisch für „schöner Traum”), wo sie mit Allan Hochzeit feiert. Doch schon während der Feier hat dieser nur Augen für seinen Freund. Diese versteckte Homosexualität Allans ist der erste schwere Schicksalsschlag für Blanche, der durch Allans Selbstmord noch verstärkt wird. Der folgende Zerfall von Belle Rêve wird von Neumeier, der neben der Choreographie auch für Bühne, Kostüme, Licht und Dramaturgie verantwortlich ist, besonders eindrucksvoll umgesetzt. Während Blanche sich in Gesellschaft ihrer alternden Verwandten befindet, fallen zunächst nur ein paar Stühle um, die sie schnell wieder aufstellt. Doch nach und nach beschleunigt sich dies. Türen fallen aus den Angeln, der Kronleuchter fällt von der Decke und die Seitenwände geraten ins Wanken. Dazu kippt der im Hintergrund gespannte Vorhang, der das herrschaftliche Anwesen abbildet, immer weiter, sodass sowohl das Haus als auch Blanches Leben immer weiter zerfällt. Eine wunderbare Metapher für die untergehende Welt und Blanches Versuch, an Altem festzuhalten.

Im zweiten Akt befinden wir uns in New Orleans in einer Gesellschaft im Umbruch. Im Hintergrund finden beispielsweise immer wieder Demonstrationen statt. John Neumeier zeichnet hierbei eine hektische, moderne Welt. Die Leute laufen geschäftig über die Bühne und gehen ihren täglichen Dingen nach, oftmals ohne ihr Umfeld wahrzunehmen. All dies steht im völligen Gegensatz zum ersten Akt, was sich auch in der Musik widerspiegelt. Im ersten Teil des Abends erklingt Sergej Prokofjews Visiones fugitives als Streichorchester vom Band, im Wechsel mit der Klavierfassung, die live von Aleksandr Ivanov auf der Bühne gespielt wird. Ausschweifende Melodien, beispielsweise auf der Hochzeit, bieten die Möglichkeit, auch größere Ensemblestücke in die Handlung einzubauen. Diese wechseln sich mit kleineren, intimen Momenten ab, in denen Blanche tief in ihren Erinnerungen versinkt. Eindrucksvoll ist hierbei, wie sie immer wieder die Schüsse vom Selbstmord ihres Mannes erlebt. Auch später in New Orleans glaubt sie, Allen in einem Zeitungsjungen oder dem Arzt, der sie schließlich in die Klinik einweist, wiederzuerkennen. Hierzu erklingt im zweiten Akt die erste Sinfonie von Alfred Schnittke in der Aufnahme der Uraufführung aus dem Jahr 1974 – eine Collage aus Geräuschen, Rhythmen und den verschiedensten Musikstilen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, dass dieses Werk speziell für diesen Ballettabend komponiert wurde, so gut passt das Gehörte zum Gesehenen auf der Bühne zusammen.

Mit Endstation Sehnsucht schuf John Neumeier einen eindringlichen Ballettabend, in dem die brutale Realität auf unerfüllte Sehnsüchte trifft. Ein Ballettabend, der einen nicht kalt lässt. Zwei Dinge sollte man sich vor der Vorstellung jedoch zu Herzen nehmen. Zum einen sollte die Triggerwarnung des Theaters zur Darstellung sexualisierter Gewalt von betroffenen Personen ernst genommen werden, denn die Vergewaltigung Blanches durch Stanley Kowalski ist intensiv choreographiert und teilweise schwer zu ertragen, wenngleich die Choreographie hier sicherlich ein Highlight des Abends ist. Zudem sollte man sich vor Vorstellungsbeginn kurz mit der Handlung der Geschichte auseinandersetzen, um die gedanklichen Rückblenden entsprechend genießen zu können. Hierzu muss man aber weder das komplette Drama oder die Verfilmung kennen; die von der Deutschen Oper am Rhein angebotene Einführung ist aber durchaus hilfreich. Am Ende des rund zweistündigen Abends steht großer Applaus des Publikums für einen Ballettabend, der durch solche fundamentalen menschlichen Erfahrungen wie Einsamkeit, Verlust und den Wunsch nach Zugehörigkeit nachklingt.
Markus Lamers, 24. Mai 2026
Endstation Sehnsucht
Ballettabend in zwei Akten von John Neumeier nach dem gleichnamigen Drama von Tennessee Williams mit Musik von Sergej Prokofjew und Alfred Schnittke
Ballett am Rhein – Opernhaus Düsseldorf
Premiere: 8. Mai 2026
besuchte Vorstellung: 20. Mai 2026
Choreographie: John Neumeier
Weitere Aufführungen: 25. Mai, 31. Mai, 18. Juni, 26. Juni, 4. Juli und 9. Juli 2026