Krefeld: „Der kleine Horrorladen“, Alan Menken

Noch bevor Alan Menken mit der Musik zu zahlreichen großen Disney-Hits wie Arielle, die Meerjungfrau, Die Schöne und das Biest, Aladdin, Pocahontas, Der Glöckner von Notre Dame, Hercules oder Rapunzel – Neu verföhnt weltbekannt wurde, komponierte der mehrfache Oscargewinner die Musik für mehrere Musicals. Das bekannteste Werk aus dieser Zeit ist sicherlich Der kleine Horrorladen. Das Musical basiert auf dem B-Movie The Little Shop of Horrors aus dem Jahr 1960, in dem Regisseur Roger Corman nach einem Drehbuch von Charles B. Griffith die Geschichte des tollpatschigen Seymour Krelborn erzählt, der ein besonderes Interesse an seltenen Pflanzen hat. Auf dem Großmarkt fällt ihm ein ganz außergewöhnliches Exemplar in die Hände, das sich später als fleischfressende Pflanze entpuppt. Das besondere Problem hierbei ist, dass sich die Pflanze vor allem durch Menschenblut ernährt. Aufgrund ihres schnellen Wachstums benötigt „Audrey II“ immer mehr Nahrung. Seymour hat ihr diesen Namen in Anspielung auf seine heimliche Liebe Audrey gegeben, mit der er in Mr. Mushniks Blumenladen zusammenarbeitet. Schnell entwickelt sich ein großes Publikums- und Medieninteresse an der seltenen Pflanze, was Seymour und dem strauchelnden Blumenladen zu ungeahnten Erfolgen verhilft. Gleichzeitig stellt sich die immer dringlichere Frage, wie mit der Pflanze umzugehen ist, die immer mehr Opfer als Nahrung verlangt. Dabei ist die Geschichte weit mehr als eine makabere Gruselgeschichte, denn in ihr steckt eine große Portion bitterböser Kapitalismuskritik. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welchen Preis man für den „amerikanischen Traum“ von Erfolg und Wohlstand zu zahlen bereit ist.

© Matthias Stutte

Der Film, in dem der damals noch unbekannte Jack Nicholson eine Nebenrolle spielt, soll in nur wenigen Tagen in den Kulissen einer anderen, bereits abgedrehten Produktion gedreht worden sein. Die Produktionskosten sollen bei lediglich etwas mehr als 30.000 Dollar gelegen haben. Zunächst blieb der große Publikumserfolg zwar aus, doch der Schwarzweiß-Film entwickelte sich immer mehr zu einer Art „Geheimtipp” unter den Filmfans. Auch der Theaterautor Howard Ashman erinnerte sich Ende der 70er Jahre an The Little Shop of Horrors, als er auf der Suche nach einer neuen Idee für ein Musical war. Mit einigen Änderungen bei der Handlung – so hieß die Pflanze im Film ursprünglich noch Audrey Jr. statt Audrey II – und der unglaublich starken Musik von Alan Menken entstand ein Musical-Klassiker, der auch heute noch von der ersten bis zur letzten Minute fasziniert. Neu im Musical ist die Kommentierung der Handlung durch die drei Damen Crystal, Ronnette und Chiffon, deren Namen eine Hommage an die berühmten Bands The Crystals, The Ronettes und The Chiffons darstellen. In der Musik mischt Menken große Broadway-Melodien, die teilweise auch schon an seine kommenden Disney-Erfolge erinnern, mit Soul und einer guten Portion Motown-Sound. Aufgrund des großen Erfolgs auf der Bühne entstand im Jahr 1986 eine ebenfalls sehr erfolgreiche Neuverfilmung als Musicalfilm, die am 14. Mai 1987 auch in Deutschland in die Kinos kam. Fast genau ein Jahr zuvor, im Mai 1986, fand die deutschsprachige Erstaufführung des Werkes in Gelsenkirchen statt. Für diese Übersetzung war der Musicalfachmann Michael Kunze verantwortlich, der vor allem mit dem rührseligen Jetzt hast du Seymour einen echten Ohrwurm schuf. Eine Übersetzung, die auch heute noch überzeugt.

© Matthias Stutte

Dass das Theater Krefeld-Mönchengladbach auch in der Schauspielsparte regelmäßig hochwertige Musicalproduktionen auf die Beine stellt, zeigt das Haus seit Jahren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch Der kleine Horrorladen wieder auf ganzer Linie überzeugen kann. Regisseur Kay Neumann ist eine wunderbar stimmige Inszenierung gelungen, die auf unnötige Interpretationen verzichtet und das Musical sehr unterhaltsam auf die Bühne bringt. Dazu kommt das passende Kostüm- und Bühnenbild von Monika Frenz, die vor wenigen Wochen viel zu früh verstorben ist. Die fleischfressende Pflanze, für die der Puppenbauer Lukas Schneider verantwortlich ist, ist ein weiterer Pluspunkt der Inszenierung. Die verschiedenen Wachstumsphasen – von der kleinen Handpuppe zur raumfüllenden Großpflanze – werden wunderbar umgesetzt. Figurenspieler Robert Buschbacher füllt Audrey II im Verlauf der gut zweistündigen Aufführung mit gutem Gespür für die richtigen Bewegungen und einem exakten Timing mit Leben. Gesanglich leiht Adrian Linke der Pflanze seine Stimme aus dem Off. Darüber hinaus übernimmt er einige weitere kleinere Rollen auf der Bühne. Auch Cornelius Gebert verkörpert gleich fünf Rollen. Besonders seine Darstellung des sadistischen Zahnarztes Orin Scrivello sorgt für viele Lacher im Publikum.

© Matthias Stutte

Die drei kommentierenden Damen werden treffend und gesanglich stark von Carolin Schupa (Crystall), Esther Keil (Ronnette) und Marie Eick-Kerssenbrock (Chiffon) verkörpert. In der Rolle des Blumenladenbesitzers Mr. Mushnik überzeugt einmal mehr Michael Ophelders, der als ehemaliges Ensemblemitglied immer wieder gerne als Gast am Niederrhein gesehen wird. Mit dem etablierten Musicaldarsteller Julian Culemann als Seymour ist dem Theater Krefeld-Mönchengladbach ein echter Glücksgriff gelungen. Die Gastverpflichtung brillierte in dieser Spielzeit bereits in der Titelrolle des Musicals Tootsie am Bonner Opernhaus. Mit seinem schönen Tenor und seinem starken Schauspiel, das zudem mit einer hervorragenden Mimik einhergeht, verkörpert Culemann den etwas unbeholfenen Seymour auf zauberhafte Weise. An seiner Seite steht mit Liv Wagener in der Rolle der Audrey eine ebenfalls starke Schauspielerin mit großem Gesangstalent aus dem eigenen Ensemble, deren Stimme zudem wunderbar mit Seymour harmoniert. Die fünfköpfige Liveband unter der musikalischen Leitung von Jochen Kilian sorgt für besten Musical-Sound aus dem kleinen Orchestergraben auf der linken Seite der Bühne.

© Matthias Stutte

Diese Produktion, die sich bereits vor der Premiere am 20. Juni 2026 zum Publikumsrenner entwickelt hat, kann jedem Leser wärmstens empfohlen werden, denn so geht Perfektion im Bereich des Musicals auch in der Schauspielsparte. Einziger kleiner Wehmutstropfen ist vielleicht die späte Premiere in der laufenden Spielzeit, wodurch es für den diesjährigen Theater-Oscar knapp werden dürfte. Dieser wird jährlich in zehn Kategorien in einer Leserwahl bei den Kollegen der Rheinischen Post innerhalb des Theaters Krefeld-Mönchengladbach vergeben, Teilnahmeschluss ist in diesem Jahr bereits am 5. Juli 2026. Aber spätestens in der kommenden Spielzeit dürfte dieser Preis sicher sein, wenn Der kleine Horrorladen dann auch in Mönchengladbach und ab April 2027 als Wiederaufnahme in Krefeld zu sehen sein wird. Das Publikum der trotz sehr großer Hitze nahezu ausverkauften Vorstellung am vergangenen Freitag zeigte sich sichtlich begeistert und feierte alle Darsteller und Darstellerinnen sowie die Band mit minutenlangem Applaus.

Markus Lamers, 28. Juni 2026


Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)
Musical von Alan Menken (Musik) und Howard Ashman (Buch und Liedtexte) nach dem Film von Roger Corman

Theater Krefeld

Premiere: 20. Juni 2026
besuchte Vorstellung: 26. Juni 2026

Inszenierung: Kay Neumann
Musikalische Leitung: Jochen Kilian

Trailer

Weitere Aufführungen: 30. Juni, 2. Juli, 8. Juli, 11. Juli, 12. Juli, 17. Juli und ab dem 18. Oktober 2026 im Theater Mönchengladbach; Wiederaufnahme in Krefeld ab dem 22. April 2027