Dresden, Ballett: „Onegin“, John Cranko

Jeder Ballettcompagnie gereicht es zur Ehre, wenn die Verwalter von John Crankos choreografischem Erbe ihr die Aufführungsrechte für eine Produktion seines Onegin überlassen. Das Ballett, uraufgeführt 1965 in Stuttgart und ebendort zwei Jahre später in einer Neufassung vorgestellt, zählt neben John Neumeiers Kameliendame und Kenneth McMillans Manon zu den schönsten Handlungsballetten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ein Glücksfall für die Aufführung der Dresdner Semperoper war die Übernahme der Originalausstattung von Jürgen Rose, die einzigartig und unübertroffen ist in ihrer atmosphärischen Zeichnung des Milieus und der Schauplätze sowie der prachtvollen Kostüme mit ihren kostbaren Stoffen, dem Faltenwurf und den liebevollen Details.

Entscheidend aber ist, mit welcher Perfektion und Hingabe die Compagnie Crankos anspruchsvolle Choreografie mit ihren expressiven Pas de deux und Soli sowie den mitreißenden Ensemble-Szenen umsetzte. Die Gruppentänze auf dem Lande beeindruckten durch ihre ausgelassene, sportive Heiterkeit, die bei Tatjanas Geburtstagsfeier durch ihre lebhafte Fröhlichkeit und die beim Ball des Fürsten Gremin durch Glanz und Eleganz. Glänzend sind die Solisten, vor allem das zentrale Paar mit Onegin und Tatjana. James Kirby Rogers ist ein Tänzer mit makelloser Technik, und nach seinem Nijinsky 2025 hat er sich inzwischen auch im Ausdruck enorm gesteigert – eine Voraussetzung, um den Titelhelden in Crankos Ballett überzeugend gestalten zu können. Der Tänzer ist im ersten Auftritt im Garten von Madame Larina ein blasierter, egozentrischer Mann mit grüblerischem Naturell und aristokratischer Allüre, doch gelangweilt vom Landleben mit Larinas Töchtern Tatjana und Olga. Erstere tanzt Hyo-Jung Kang, erfahren in der Rolle durch Auftritte in Stuttgart und Wien, als Glücksfall für die Dresdner Produktion. Anmutig in der Erscheinung und in wunderbarer Linie und Haltung, zeichnet sie sehr genau die erwachenden Gefühle des jungen Mädchens für den weltmännischen Dandy, der sie im ersten gemeinsamen Tanz doch immer wieder unbeachtet zurücklässt. Aber welch ein Wechsel in beider Traum-Pas de deux, wo Tatjana  ihre ganze Sehnsucht, ihr Verlangen nach Glück und die Leidenschaft der erwachenden Frau einbringt. Und er strahlt eine magische Faszination aus, was sich bei der Feier zu Tatjanas Geburtstag wiederholt, wenn er mit Olga tanzt und sie seiner verführerischen Aura nicht widerstehen kann. Stets ist der letzte Pas de deux zwischen Tatjana und Onegin der Höhepunkt des Werkes. Sie ist inzwischen zur Frau gereift und die Gattin des Fürsten Gremin (Kristóf Kovács mit nobler Ausstrahlung und überaus sympathisch in seiner innigen Zuwendung für Tatjana). Wie sie in der letzten Begegnung mit Onegin das nahe Glück ahnt und es doch ihrer moralischen Pflicht opfert, ist ein Konflikt von existentieller Dimension. Kang formulierte diesen Zwiespalt in ergreifender Deutlichkeit und auch Rogers wusste zu berühren, wenn er Onegins zu späte Erkenntnis seiner wahren Liebe körperlich umsetzt.

Das zweite Paar setzte gebührende Kontraste, denn Bianca Teixeira war eine muntere jugendliche Olga mit koketter Allüre und Joseph Gray ein sensibler Lenski. Beider Pas de deux bezauberte im Überschwang der Gefühle. Lenskis großes Solo mit seinen nostalgischen Erinnerungen vor dem tragischen Duell gelang Gray in der Zeichnung der wehmütigen Stimmung absolut überzeugend.

Mit Simon Hewett stand ein ausgewiesener Kenner dieses Werkes am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden, was das Glück dieser Aufführung vollendete. Als das Stuttgarter Ballett 1969 mit Onegin in New York gastierte, sprach man in der Presse vom „Stuttgarter Ballettwunder“. Nach der gefeierten Premiere am 27. 6. 2026 darf die Dresdner Compagnie diese Lobeshymne nun auch für sich beanspruchen.

Bernd Hoppe 2. Juli 2026


Onegin
Pjotr I. Tschaikowsky


Semperoper Dresden
Besuchte Premiere am 26. 6. 2026

Choreografie: John Cranko
Musikalische Leitung: Simon Hewett
Sächsische Staatskapelle Dresden