Berlin, Ballett: „Fearful Symmetries“

Double-Bill: Neoklassisch und zeitgenössisch

Der neue Abend des Staatsballetts ist ein kontrastreicher Zweiteiler mit dem Titel Fearful Symmetries. Dieser bezieht sich auf die gleichnamige Komposition von John Adams, welche 1988 in New York uraufgeführt wurde. Christian Spucks Choreografie des Konzertstücks wird nach der Pause gezeigt, zuvor gibt es mit Bizets Symphony in C ein Juwel der Neoklassik in der Choreografie von George Balanchine. Die Uraufführung 1947 beim Ballett der Pariser Opéra national fand noch unter dem Titel Le Palais de Cristal statt, eine Neufassung mit dem heute geläufigen Titel folgte 1948 beim New York City Ballet. Die Choreografie stellt an die Solisten wie das Corps de Ballet allerhöchste technische Ansprüche und man darf nach der Premiere in der Staatsoper am 30. Mai 2026 von einer Sternstunde sprechen. Aufgeboten waren die Ersten Solisten der Compagnie, die in den einzelnen Sätzen von Bizets Komposition brillierten. Der Auftakt mit dem Allegro vivo war Iana Salenko und David Soares vorbehalten, die die sprühende Musik mit technischer Präzision und raffinierter Attitüde umsetzten. Mit aristokratischer Noblesse und hinreißender Eleganz zelebrierten Polina Semionova und Martin ten Kortenaar das Adagio. Jugendlich-kraftvoll und energiegeladen waren  Martina Duarte und Jack Easton im Allegro vivace des 3. Satzes zu erleben, während Haruka Sassa und Kalle Wigle im finalen Allegro vivace erneut ihre bemerkenswerten Talente zeigen konnten. Der letzte Satz war von überwältigender Wirkung, wenn alle Solisten nochmals auftreten und die Bühne fast überfüllt schien mit den über 50 Tänzern in weißen Tutus und glitzernden Korsagen (Kostüme: Elsie Lindström). In welch rasantem Tempo und bestechender Präzision die fordernden Schrittfolgen und anspruchsvollen Formationen gezeigt wurden, nötigt allergrößte Bewunderung ab. Zu loben ist auch der delikate Spiel der Staatskapelle Berlin unter dem Ballett-erfahrenen Dirigenten Paul Connelly.

© Carlos Quezada

War die Bühne beim ersten Stück in gleißendes Licht (Irene Selka) getaucht, musste man sich nach der Pause an eine trübe Beleuchtung gewöhnen. Angekündigt war die Uraufführung von Christian Spucks Choreografie zu John Adams´ Orchesterstück Fearful Symmetries.

Rufus Didwiszus hatte dafür den Bühnenraum dunkel eingefasst, nur am oberen Rand einen impressionistisch anmutenden Landschaftsfries in flirrenden Farben angebracht, der sich allmählich über die gesamte hintere Wand ausdehnt und der Szene mehr Helligkeit verleiht. Originell sind die Kostüme von Emma Ryott, vor allem für die vier von Spuck erdachten Figuren Queen (Weronika Frodyma), Jester (Ross Martinson), Lover (Jan Casier) und Alchemist (Dominik White Slavkovsky). Deren Funktion und Bedeutung erschließt sich nicht, aber in ihrer Gewandung im Stil der Elisabethanischen Renaissance mit raffinierten Gold-Effekten sind sie ein attraktiver Blickfang. Spuck hat ihnen einen skurrilen Bewegungsduktus mit zuckenden Gliedern verordnet, was sie zu Vertretern zwischen Commedia dell´arte und absurdem Theater macht.

© Carlos Quezada

Hatte man in diesem Stück im Vergleich zum ersten einen denkbar großen Kontrast erwartet, so stellte sich dieser nur in der Musik ein. Adams zählt zu den prominenten Vertretern der Minimal Music, und wie die Staatskapelle Berlin unter Connelly sich diesen Stil zu eigen machte, ist aller Ehren wert. Choreografisch stellte sich der Kontrast aber zur großen Überraschung nicht ein. Denn zur motorisch hämmernden, monotonen Musik korrespondierte der vibrierende Tanz außerordentlich stimmig. Formationen, Soli und Pas de deux ähneln in ihrer Anlage vielfach dem Vorbild von Balanchine, sind technisch ähnlich anspruchsvoll und herausfordernd. Wieder ist die Bühne überfüllt, laufen die Aktionen zwischen den vier Figuren und den Mitgliedern der Gruppe parallel ab. Am Ende löst sich das Rätsel, wenn die vier Akteure goldenen Kugeln, welche die Macht symbolisieren, hinterher laufen, während Semionova und Ten Kortenaar mit ihrem letzten Auftritt die Choreografie adeln. Das Publikum dankte mit enthusiastischem Jubel für einen Abend der Extraklasse.

Bernd Hoppe, 31. Mai 2026


Fearful Symmetries
Georges Bizet/John Adams

Staatsballett Berlin in der Staatsoper Unter den Linden

Datum der besuchten Premiere: 30. Mai 2026

Choreografien: George Balanchine/Christian Spuck
Musikalische Leitung: Paul Connelly
Staatskapelle Berlin