Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende. 1990 hatte sie bereits ihren Bühnenabschied genommen. An der Wiener Staatsoper war sie als Mimi „noch einmal schön gestorben“, wie sie ihrer 1998 erschienenen Autobiographie „Opernwahrheiten“ schrieb. Ihre letzte Traviata die Partie, die sie weltberühmt machte, sang sie im Januar 1990 in Tokyo: Als Violetta in Verdis La Traviata mit Plácido Domingo als Partner und mit Carlos Kleiber im Orchestergraben. Eine Sternstunde.
In ihren ersten, aber auch in ihrem zweiten Buch „Die manipulierte Oper“ (2017), hat sie unerschrocken, zornig und „meinungsstark“ (wie man heute so sagt) den Kritikern, vor allem aber den Vertretern des „Regietheaters“ den Kampf angesagt. „Parasitenkunst“ nannte sie das Regietheater, dem sie „Verformungen der Meisterwerke“ vorwarf. Heutige Inszenierungen seien „in Wahrheit fast immer Bearbeitungen“.
Sie geißelte Feuilletonisten und Musikjournalisten, aber auch viele Intendanten. Sie hätten die Kunstform Oper verraten. Oper war für die Cotrubaș „Magie in ihrer schönsten Form“. Das Geheimnis der Oper lag für sie darin, dass sie die Schwelle des Intellekts überschreite.
Junge Sänger und Anfänger in ihrem Beruf, an die sich ihre Autobiographie richtete, warnte sie vor Interpretationsverirrungen und gab ihnen wertvolle Tipps hinsichtlich der Stimmbildung, der Interpretation und des Verhaltens auf der Bühne sowie der vernünftigen Terminplanung. Sie warnte immer davor, zu früh zu viel zu singen.
Sie forderte auch in ihren Masterclasses die Sänger immer wieder auf, sich auf ihren Instinkt und ihr Gefühl, aber auch ihr Wissen als Musiker zu verlassen und sich nicht von „Kulturfachleuten“, theoretischen Konzeptionen und den „Additions-Ideen“ der Regisseure verführen zulassen. Wichtiger seien stets die Partituren und die Intentionen der Komponisten. Routine, Klischees und den Auswüchsen heutigen Musiktheaters erteilte sie eine deutliche Absage.
Dabei nahm sie nie ein Blatt vor den Mund und bekannte sich auch zu manchen nicht eben diplomatischen Verhaltensweisen in eigener Sache. So war sie 1973 an der Wiener Staatsoper aus einer Neueinstudierung der Oper Eugen Onegin ausgestiegen, 1981 drohte sie, ihre Mitwirkung an einer Produktion der Oper La Traviata an der Metropolitan Opera abzusagen, weil sie mit der szenischen Neueinrichtung des Regisseurs nicht einverstanden war, und 1987, so bekannte sie unumwunden, wandte sie sich am Opernhaus Zürich nach einer Aufführung der Oper La Traviata in einer Ansprache an das Publikum und bat um Nachsicht, dass sie in dieser für sie optisch unbefriedigenden Inszenierung (sängerisch unter ihrem Niveau) hatte auftreten müssen, nachdem man ihr im Falle einer Absage eine sehr hohe Konventionalstrafe angedroht hatte. Das war natürlich starker Tobak und schuf ihr nicht nur Freunde.
Doch ängstlich war Ileana Catrubas nie. Sie besaß genügend Durchsetzungsvermögen und stets einen eigenen Kopf mit eigenen Rollenvorstellungen. Obwohl sie als schwierige und kapriziöse Diva galt, führte sie ihr Beruf, den sie mit eiserner Disziplin und unerbittlichen Anforderungen an sich selbst diente, um die ganze Welt. An allen großen Opernhäusern und Festspielorten war sie gefragt. Ihre Lieblingsregisseure waren Peter Hall, Filipo Sanjust, Jean-Pierre Ponelle und Otto Schenk. Ihr absoluter Lieblingsdirigent war Carlos Kleiber, mit dem sie denn auch ihre größten Erfolge gefeiert hat. Ihre gemeinsame Schallplattenaufnahme der Traviata wurde zu Referenzaufnahme und erhielt geradezu Kultstatus.
Ileana Cotrubaș, die zu einer der bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts avancierte, wurde 1939 in Galati an der rumänischen Schwarzmeerküste geboren. Sie sang bereits mit neun Jahren im Kinderchor des Bukarester Rundfunks. Nach Musikschule und Studium ging alles Schlag auf Schlag. 1966 debütierte sie an der Bukarester Oper als Yniold in Debussys Pelléas et Melisande, im selben Jahr erhielt sie den ersten Preis beim ARD-Musikwettbewerb in München, der sie im Westen bekannt macht und ihrer Karriere Tür und Tor öffnete.
Es war eine Weltkarriere, überflüssig, alle Orte ihres Auftretens und alle Partien aufzuzählen, mit denen sie die Opernwelt beglückte und bezauberte. Ileana Cotrubaș war übrigens auch eine bedeutende Liedersängerin. Viele ihrer Schallplattenaufnehmen legen davon Zeugnis ab. Ihre betörende Stimme, ihr fragiles Timbre und die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit ihrer Darstellung sind unvergessen.
Mit ihrem Mann, dem Dirigenten Manfred Ramin, lebte sie in einem prachtvollen Haus, der Villa Santa Monica, in Südfrankreich, genau gesagt über dem Cap Ferrat, mit atemberaubenden Blick aus Meer: „Nur im Blick auf mein geliebtes Meer und in der Musik finde ich Ruhe“, bekannte sie. Auch zu einem gewissen Luxus, etwa dem Ausfahren mit dem eigenen Rolls Royce, bekannte sie sich. Schließlich sei auch Opernkunst auf höchstem Niveau, das sie immer angestrebt hatte, eine „elitäre Kunst“. Ansonsten war die Cotrubaș als Mensch stets anfällig für alle Verführungen gewesen (was sie stets betonte) und war immer auf dem Teppich geblieben.
Nach einer ruhelosen Weltkarriere war sie anderthalb Jahre nach ihrem Wunsch, schon mit 50 Jahren mit dem Singen aufzuhören, von der Opernbühne abgetreten. Am 20. August ist sie im Alter von 87 Jahren von der Bühne des Lebens abgetreten.
Dieter David Scholz