Man ist denn doch überrascht, wenn aus einem kräftigen Männerkörper die hohe Stimme eines Countertenors erklingt. Man fühlt sich unwillkürlich an Bismarck erinnert, der eine hünenhafte Gestalt – und eine Fistelstimme besaß. Nicht, dass Christophe Dumaux fistelt, das nun wirklich nicht, aber der Gegensatz von starkem Äußerem und einer Stimme, die die hohen Töne wie von selbst einfängt, ist so auffällig wie das schwarze Kurzarmhemd und die Wasserflasche, die neben am Fuß des Notenpults steht. Fast scheint es, als träte der Sänger zu einer Generalprobe an, aber das Recital, das (fast) ausschließlich Händel, dem Unausschöpflichen, gewidmet ist, ist eine vollwertige Aufführung. Darauf verweist schon das „Brava!“ (so gehört), das dem Solisten nach einer Prunkarie aus dem Zuschauerraum des Markgräflichen Opernhauses entgegen tönt.

Händel oder Die Schule der Geläufigkeit: So könnte man auch das Programm betiteln, das eine doppeldeutige Überschrift trägt: Handel’s Nature. Natur ist hier wenig, Kunst alles, auch wenn in manch Arie Natur vorkommt. Mit der B-Dur-Ouvertüre HWV 336 gibt das Instrumentalensemble Les Accents unter seinem Leiter und Primgeiger Thibault Noally schon das Tempo vor. Es ist ungeheuer, was heißt: Man stürmt durch das Allegro, als würde man vom Teufel gejagt. Gustav Mahler hat einmal gesagt, dass das maximale Tempo eines Musikstücks sich nach der Distinktion berechne, mit der man noch die einzelnen Noten unterschieden könne. Zumindest für mich wirkten die Sechzehntelketten nach dem Largo ein Gran zu schnell, um nicht völlig ungehudelt zu erscheinen.
Wer weiß: Vielleicht hatte Grete Wehmeyer ja doch recht, als sie 1989 in ihrem Buch Prestißißimo! Die Wiederentdeckung der Langsamkeit in der Musik die These aufstellte, dass die Musik der Klassik heute immer viel zu schnell gespielt wird… Vivacissimo kommt auch, fast ohne Not, Come nube che fugge dal vento aus der Agrippina, als wollte Dumaux beweisen, dass man Koloraturen noch schneller als schnell zu singen vermag, womit er allerdings im sogenannten Trend ist. Die Wolke, die da vor dem Wind flieht, scheint nicht von der Natur bewegt zu werden, sondern mit Düsenantrieb zu fliegen. So wird, zu Gunsten einer geläufigen Gurgel, die nach dem Schlussakkord sofort alle Bravos auf sich zieht, die barocke Klangrede preisgegeben. Dafür kommt Con rauco mormorio aus der Rodelinda arkadisch, aber mit still erregter Stimme. Verdi prati, das lyrische Glanzstück aus der Alcina, wird zur zärtlichsten Streicher-Arie, bevor sich Dumaux mit dem Ausklang des ersten Teils, Venti turbini aus dem Rinaldo, in einen Wettstreit mit dem Fagottisten Nicolas André begibt. Dumaux bietet auch im zweiten Teil einen Querschnitt durch sein Können: Hier die geläufige Gurgel (Fammi combattere aus dem Orlando), dort die süßeste Versenkung samt leisestem Aushauch (Stille amare aus dem Tolomeo). Statt im zweiten Teil den beiden Händel-Instrumentalstücken (neben der Ouvertüre hören wir die Sonata a cinque HWV 288, eines jener köstlichen Beispiele einer so unauffälligen wie effektvollen Musik) ein weiteres anzufügen, spielt Les Accents die Fuge aus Johann Adolph Hasses g-Moll-Adagio e Fuga: mehr ein Fugato als eine Fuge, aber ein höchst eindringliches Stück zwischen galantem und robustem Stil, dem das Ensemble mit einem extrem aufgerauten Ton nahe kommt.
Leidenschaftlicher Beifall und zwei Zugaben: A dispetto aus dem Tamerlano und Se in fiorito ameno prato aus Giulio Cesare in Egitto. Noch einmal zeigt Dumaux seine Kunst. Zusammen mit Noally bringen sie Vogel- und Menschengesang in eins: „Wenn auf der lieblichen Blumenwiese ein Vogel zwischen Blüten und Laub verborgen ist, klingt sein Lied noch angenehmer. Wenn solcherart die schöne Lydia ihren frohen Gesang ertönen lässt, macht sie auf noch reizendere Weise jedes Herz verliebt.“ Beim Publikum hat’s zumindest funktioniert.
Frank Piontek, 6. September 2026
„Handel’s Nature“
G.F. Händel:
Ouvertüre in B-Dur HWV 336
Sonata a cinque HWV 288
Dell’onda ai fieri moti aus Ottone
Con rauco mormorio aus Rodelinda
Verdi prati aus Alcina
Venti turbini aus Rinaldo
Stille amare aus Tolomeo
Fammi combattere aus Orlando
Aure, deh, per pieta aus Giulio Cesare in Egitto
Come nube che fugge dal vento aus Agrippina
A dispetto aus Tamerlano
Se in fiorito ameno prato aus Giulio Cesare in Egitto.
Johann Adolph Hasse: Fuga aus Adagio e Fuga in g-Moll
Festival Bayreuth Baroque
Markgräfliches Opernhaus
5. September 2026
Christophe Dumaux, Countertenor
Leitung: Thibault Noally
Les Accents