Bremen: „37. Musikfest“, Teil 2

Chor, Lied und Sinfonie

Ursprünglich war für das Konzert „Schicksalslied und Lobgesang“ der Dirigent Sir John Eliot Gardiner angekündigt. Der Vertrag wurde aber – aus welchen Gründen auch immer – aufgelöst. Sein Assistent Finan Jones sprang ein und übernahm das vorgesehene Programm ohne Änderungen. Es standen ohnehin nur zwei Werke auf dem Plan: Das „Schicksalslied für Chor und Orchester op. 54“ von Johannes Brahms sowie die Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 mit dem Beinamen „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Einen Lobgesang – um das vorwegzunehmen – könnte man auch auf Finan Jones und das erst 2024 von Gardiner gegründete Kollektiv The Constellation Choir & Orchestra anstimmen, denn insgesamt war die Wiedergabe der beiden Werke wohlgelungen. Man vermisste Gardiner nicht und konnte mit dem, was Jones zu bieten hatte, mehr als zufrieden sein. Leider war die Veranstaltung (untypisch für das Musikfest) nicht besonders gut besucht.

© Nikolai Wolff

Das dreiteilig angelegte „Schicksalslied“ auf einen Text von Friedrich Hölderlin nahm Jones zunächst in getragenem, sehr ausgewogenen Tempo, um dann beim aufwühlenden Allegro mit dem Orchester ordentlich aufzudrehen. Hölderlins pessimistischer Text (bei dem „die leidenden Menschen …von Klippe zu Klippe geworfen“ werden) setze Brahms am Ende einen rein orchestralen Schluss voller Hoffnung entgegen – ein wunderbar verklärendes Orchesternachspiel. Jones traf die verschiedenen Stimmungen sehr genau. Beim allerersten Einsatz des Chors klangen die Soprane noch etwas dünn, aber schnell entfaltete der gesamte Chor Fülle und Pracht.

Die 2. Sinfonie von Mendelsohn ist eigentlich eine Kantate. Er selbst hat das Werk als eine „Symphonie-Cantate nach Worten der Heiligen Schrift“ bezeichnet. Der erste Teil (mit den später immer wieder aufgegriffenen Posaunen-Fanfaren) hat ausgesprochen sinfonischen Charakter. Dann allerdings wird das Werk vom Chor dominiert. Jones und das Constellation Orchestra überzeugten mit einer üppigen, klangvollen Wiedergabe, bei der nicht nur, aber besonders die Bläser ihre Meriten ausspielten. Der Chor fand (meist im Forte) zu imposanter, homogener Klangentfaltung. Das zeigte sich besonders bei dem überwältigenden „Die Nacht ist vergangen“ und dem sich anschließenden a capella Choral „Nun danket alle Gott“. Machtvoll und majestätisch wurde auch der Schlusschor „Ihr Völker, bringet dem Herrn Ehre und Macht“ gestaltet. Die Balance zwischen Chor und Orchester war dabei stets ausgewogen. Als Solisten wirkten die Sopranistinnen Hilary Cronin und Sam Cobb sowie der Tenor Jonathan Hanley mit. Cronin führte sich mit „Lobe den Herrn, meine Seele“ ein und zeigte einen rund und voll tönenden Sopran. Cobb ist im Klang etwas heller und leichter, aber beide Simmen harmonierten beim Duett „Ich harrete des Herrn“ ausgezeichnet. Tenor Hanley erfüllte seine Aufgaben angemessen, hinterließ aber mit seinem neutralen Timbre keinen bleibenden Eindruck. Bei der Zugabe mit dem „Geistlichen Lied op. 30“ von Johannes Brahms glänzte der Chor erneut, besonders bei dem mehrfach wiederholten „Amen“ am Ende.
(28. August 2026)


Es wiederholt sich jedes Jahr: Beim Musikfest zählen die Konzerte mit den beiden Bremer Orchestern zu den Höhepunkten und hinterlassen nachhaltige Eindrücke. In diesem Jahr waren es die Bremer Philharmoniker mit Verdi und die Deutsche Kammerphilharmonie mit Schubert, Bruch und Brahms. „Spätromantische Geniestreiche“ lautete das Motto bei der Kammerphilharmonie. Nun zählt Schubert nicht zur Spätromantik, aber immerhin ist „Rosamunde“ ein „Großes romantisches Schauspiel in vier Aufzügen, mit Chören, Musikbegleitung und Tänzen“ von Helmina von Chézy und mit der Musik von Franz Schubert. Die Ouvertüre dazu, ursprünglich für das Schauspiel „Die Zauberharfe“ geschrieben, stand am Beginn des Programms Bei den einleitenden Orchesterschlägen wird man an „Beethovens Pranke“ erinnert, bevor zu zarteren Themen übergeleitet wird. Die aus Litauen stammende und international tätige Dirigentin Giedrė Šlekytė leitete das Orchester mit klarer, deutlicher und auch energischer Zeichengebung. Ein durchsichtiger Klang wurde auch bei „stürmischen“ Momenten bewahrt. Dieser Schubert hatte bei Šlekytė geradezu sinfonisches Gewicht.

© Hannes von der Fecht

Das Violinkonzert Nr. 1 g-Moll von Max Bruch ist eines der beliebtesten Werke der Gattung. Besonders das lyrische Adagio hat Wunschkonzert-Qualitäten. Als Solistin agierte die aus Spanien stammende, erst 23-jährige Geigerin María Dueñas. Sie kann bereits eine bemerkenswerte Karriere vorweisen. Ihr schlanker, klarer und sonorer Ton nahm sofort für sie ein. Dabei stellte sie ihre virtuosen Qualitäten und ihr perfektes technische Können nicht in den Vordergrund, vielmehr legte sie das Gewicht auf ein ausgewogenes Zusammenspiel mit dem Orchester. Man kennt Aufführungen, bei denen die Geige dominanter war, aber dafür war hier der Klang des Soloinstruments kunstvoll in den Orchesterklang eingebettet. Mitunter schien Dueñas fast mit den ersten Geigen des Orchesters zu „konkurrieren“. Beim Adagio fand sie entrückte und beseelte Töne, die nie ins Sentimentale abglitten. Bei den nur vom Orchester bestrittenen Teilen drehte Giedrė Šlekytė ordentlich auf und musizierte sie mit opulenter Klangpracht. Dabei spielten die Musiker an allen Pulten äußerst präzise (Hörner!). Insgesamt gelang eine begeisternde Aufführung dank dieser geballten Frauenpower. Als Zugabe gab es den melancholischen „Valse triste“ von Franz von Vecsey.

Unter den Sinfonien von Johannes Brahms hat seine Nr. 2 D-Dur eine ähnliche Stellung wie die „Pastorale“ bei Beethovens Sinfonien. Sie ist im Prinzip von großer Heiterkeit und scheinbar unbeschwerten Gefühlen geprägt. Sie zeichnet das Bild eines glücklichen Sommers. Aber Vorsicht: Auch diese Sinfonie hat ihre Klippen und melancholischen Untiefen, besonders im zweiten Satz. Giedrė Šlekytė und die Deutsche Kammerphilharmonie verdeutlichten diese Ambivalenz sehr anschaulich. Neben dem Dur-Sonnenschein fand sie auch fahlere Farben. Insgesamt erklang die Musik in ruhigem Fluss, durchsetzt mit markanten Akzenten und spielerischer Leichtigkeit. Das Finale wurde majestätisch und in purer Schönheit musiziert. In die Stimmung passend gab es als Zugabe das Andantino aus „Rosamunde“.
(1. September 2026)


Auf der Opernbühne zählt Benjamin Bernheim er zu den Stars von heute, beim Bremer Musikfest präsentierte er sich als Liedsänger. Allerdings hinterließ der Abend „Douce France“ mit dem französischen Tenor zwiespältige Eindrücke. Das lag nicht nur an ihm, sondern auch an dem teilweise für uns ungewohnten und etwas sperrigen Repertoire. Im ersten Teil gab es drei Lieder von Henri Duparc und den Zyklus „Les nuits d’été“ von Hector Berlioz. Diese sechs Lieder kennt man eigentlich mit Orchester, aber die ursprüngliche Fassung ist die für Tenor mit Klavierbegleitung.

Bernheim verfügt über eine kräftige Stimme und eine sichere, wenn auch etwas trompetenhafte Höhe. Dabei führte er seinen Tenor immer wieder vom Mezzoforte ins Forte. Dort entwickelte er zwar Strahlkraft, zeigte aber auch eine gewisse Härte im Klang. Dass er auch über ein tragfähiges Piano verfügt, kam eher selten zur Geltung. Bei „Absence“ (Berlioz) setzte er auch Falsett ein. Die Lieder von Duparc sind in ihrem Erzählton von gewisser Einförmigkeit und melodisch von begrenztem Reiz. Bernheim gestaltete sie sehr gradlinig mit wenig Farbschattierungen. Immerhin erzielte er bei dem hymnischen „Le spectre de la rose“ (ebenfalls Berlioz) eine besondere Wirkung, weil hier auch Emotionen transportiert wurden.

© Patric Leo

Im zweiten Teil gab es zunächst mit Liedern von Frederic Mompou, Joaquin Turina und Alberto Ginastera von Lied zu Lied mehr Abwechslung in den Stimmungen und im melodischen Gehalt. Auch die Pianistin Edwige Herchenroder setzte hier ironische Tupfer.

Giacomo Puccini ist in erster Linie Opernkomponist. Das merkt man auch seinen Liedern an, deren Melodien er oft in seinen Opern zweitverwertete. So tauchen die Melodien von „Mentìa l’avviso“ als Are „Donna non vidi mai” in „Manon Lescaut“ und von „Sole e amore“ im Quartett im 3. Akt von „La Boheme“ auf. Hier wie auch in dem schlichten „Terra e mare“ fühlte sich Bernheim spürbar wohl. Die Stimme blühte auf und gewann auch an Schmelz. Die Chansons von Charles Trenet („Douce France“), Joseph Kosma („Les feuilles mortes“) und Jacquel Brel („Quand on n’a que l’amour“) waren in der Lesart von Benjamin Bernheim eine ungewöhnliche, aber aparte Abrundung des Programms. Als Zugaben sang Bernheim „Morgen“ von Richard Strauss und ein strahlendes „Pourquoi me réveiller?“ aus „Werther“. Das war eigentlich die beste Nummer. Es ist die Frage, ob dem noch „Dein ist mein ganzes Herz“ folgen musste, denn das hätte mehr Sinnlichkeit vertragen.
(2. September 2026)


Für das Abschlusskonzert gab sich Sir Simon Rattle die Ehre. Er war zuletzt 1996 beim Bremer Musikfest, damals mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra. Diesmal kam er mit dem Freiburger Barockorchester, das zur Weltspitze der Originalklang-Ensembles zählt. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von Robert Schumann. Die Ouvertüre zu „Genoveva“ ist bis heute fester Bestandteil des Konzertrepertoires, während die zugehörige Oper weitgehend vergessen ist. Gleich hier wurde deutlich, dass das Freiburger Barockorchester sich die Klangwelt Schumanns bestens erschlossen hat. Die anfangs fahle, geheimnisvolle Stimmung der Ouvertüre wurde perfekt getroffen. Die wie Jagdsignale klingenden Einwürfe der Naturhörner mit ihrem weichen Klang imaginierten eine romantische Waldstimmung. Das war ein gelungener Einstand.

© Patric Leo

Clara Schumann und Johannes Brahms rieten Robert Schumann, von einer Veröffentlichung seines Violinkonzerts d-Moll abzusehen. Tatsächlich erschien es erst 1937 (!) im Druck und wurde im selben Jahr mit Georg Kulenkampff unter Karl Böhm uraufgeführt. Das Konzert ist wenig virtuos angelegt. Die Konzeption ist eher sinfonisch, bei der der Solopart nicht unbedingt die zentrale Rolle und meist in der tiefen Lage spielt. Rattle und das Orchester konnten die eher verborgenen Schönheiten des Konzerts aber eindrucksvoll freilegen. Die Geigerin Isabelle Faust brachte sich mit ihrem schlanken, oft zurückhaltendem Spiel und souveräner Gestaltung nachdrücklich ein. Ein echter Dialog zwischen Geige und Orchester ist bei diesem Werk wenig ausgeprägt. Trotzdem sorgten Faust und Rattle für anschauliche Wechselwirkungen. Den liedhaften Ton am Beginn des 2. Satzes traf Faust mit ihrem zarten Spiel sehr gut. Der 3. Satz fügt sich übergangslos an. Auch hier spielte das Orchester mit seinem schönen Klang die prägende Rolle. Aber Schumanns Violinkonzert zieht sich mit seinen Wiederholungen und Endlosschleifen etwas zäh in die Länge. Isabelle Faust bedankte sich mit dem ziemlich unbekannten Stück „Preludio, Passaggio rotto und Andamento veloce“ aus der Sammlung „Ayres for the Violin“ von Nicola Matteis, bei dem sie ihre Sonderklasse nachdrücklich unter Beweis stellte.

Die Sinfonie Nr. 2 C-Dur von Schumann hingegen war ein ungetrübtes Vergnügen auf höchstem Niveau. Wie Rattle den speziellen Charakter jedes Satzes herausarbeitete, hatte ganz großes Format. Der majestätische Klang des Orchesters, die stets durchgehaltene innere Spannung und die variable Dynamik waren schlüssig und bezwingend. Die zweiflerischen Gedanken im Kopfsatz, der fast dämonische „Elfenspuk“ im zweiten Satz mit seinen Tempovariationen oder der lichtdurchflutete und machtvoll gesteigerte Schlusssatz (mit dem Beethoven-Zitat „Nimm sie hin denn, diese Lieder“) wurden bei Rattle und dem Freiburger Barockorchester zum Erlebnis. Herzstück war der langsame Satz , der (wie bei Beethovens 9. Sinfonie) an dritter Stelle steht. Selten hat man ihn so organisch entwickelt und mit solch feinen Klangabstufungen wie hier gehört. Allein das Espressivo der Streicher war sensationell. Ein würdiges, restlos ausverkauftes Finale des Musikfests.
(4. September 2026)


Wolfgang Denker, 6. September 2026