Beachtliches Rollendebut
Thomas Weinhappel, der immer mehr ins Licht des allgemeinen Operninteresses tretende österreichische Heldenbariton, debutierte in dieser Produktion der Opernfestspiele Heidenheimin der Rolle des Macbeth in der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi. Und es wurde ein großer Erfolg – zusammen mit Leah Gordon als Lady Macbeth. Die beiden beherrschten den Abend, bei dem sich auch der Banco mit Don Lee sich sehr gut präsentierte.
Es gelang in der Regie von Andreas Baesler, der unter Mitarbeit von Marie-Christine Lüling und Almut Echtler auch die Bühne und Kostüme schuf, eine im Prinzip überzeugende Darstellung der Problematik des Untergangs, des machtgetriebenen Zerfalls der Protagonisten Macbeth und der Lady. Weniger eindrucksvoll war hingegen, dass das Regiekonzept weitgehend enttäuschend blieb. Es war wieder einmal dieser Fall, wo man, wenn man das Programmheft liest, ein durchaus verständliches und sinnvolles Konzept erfährt. Es fehlte dann aber an der musiktheatralischen und szenischen Umsetzung. Das erlebt man oft ja auch bei großen Regisseuren wie beispielsweise Peter Konwitschny. Fraglich bleibt, welche Rolle der Dramaturg Gerhard Herfeldt dabei spielte. Wohl eher eine recht kleine.

Bei der Inhaltsangabe (!) steht folgender Text: „Der Regisseur Andreas Baesler hat die Handlung der Oper in die Welt eines heutigen Opern- und Theaterbetriebs verlegt: Macbeth ist hier ein ehrgeiziger Sänger, der um Karriere, Anerkennung und Erfolg kämpft. Lady Macbeth ist keine dämonische Verführerin, sondern eine strategisch denkende Managerin, die seine Karriere rücksichtlos vorantreibt…“. Das allerdings bemerkt man im Verlauf der sich dann entfaltenden Handlung kaum. Man erfährt die Geschichte des Macbeth und der Lady. Der Text und die Handlung lassen offenbar eine solch banal formulierte Sängerkarriere nicht zu. Das einzige, was darauf hinweist, ist das äußerst schlichte Bühnenbild. Denn das Ganze findet auf der „Probebühne 3“ eines Opernhauses statt, also im Prinzip eine völlige Banalisierung der Handlung. Darum schien es Baesler aber nicht einmal zu gehen. Er wollte zeigen, dass Macht und das ist ja auch richtig, letzten Endes zu einem Verlust der eigenen Identität führt. Erst wird eine zunächst völlig akzeptable Rolle angenommen – wie die eines Opernsängers. Und am Ende scheitert man dann an sich selbst und stürzt ins Verderben.
Deswegen zeigt Baesler auch keine Hexen, natürlich auch überhaupt keine mythologischen Handlungselemente, die für die tiefere Dramaturgie des Macbeth so wichtig sind. Stattdessen sind die Hexen die an Banalität nicht mehr zu unterbietenden Putzkolonnen des Opernhauses. Und sofort sind wieder diese unsäglichen Putzer-Sets da, mir den obligaten Eimern, Wuscheln und Besen – allzu abgenudelter Topos des aus dem Ruder laufenden banalisierenden und entfremdenden Regisseurstheaters! Da wird also wie wild die Bühne geputzt, wobei sie völlig sauber ist. Diese Putzfrauen sich nach Baesler das Bühnenpersonal, also diejenigen, die alles kommentieren, was auf der Bühne stattfindet und die letzten Endes die Protagonisten antreiben, gewisse Dinge zu tun und das auch noch kommentieren.

Das wirkte alles intellektuell sehr geschraubt und einem Opernbesucher ohne vorherige Programmheft-Kenntnis, und das sind die wenigsten!, nicht ihnen weiteres eingängig. Wenn man das Publikum befragt hätte, ob es diesen Regieansatz verstanden hat, wären vielleicht 10 bis 20 Prozent darauf gekommen, ohne das Programmheft gelesen zu haben. Es war letztlich nicht überzeugend, um es diplomatisch zu sagen.
Im zweiten Teil des Abends wurde es dann besser. Denn hier war das Bühnenbild besser ausgearbeitet bei einer auch subtileren und handlungsgerechteren Beleuchtung von Hartmut Litzinger. Der sich anbahnende Untergang der beiden Protagonisten deutete sich hier in einer passenden Ästhetik der Zerstörung im Bühnenbild an.
So rettete die musikalische Seite diesen Macbeth und verlieh ihm letztlich doch noch das in und von Heidenheim gewohnte Festspielniveau. Thomas Weinhappel gestaltete die Titelrolle mit der langsamen Steigerung vom harmlosen, aber karriereorientierten Opernsänger zum blutrünstigen Tyrannen in Königsornat und Krone mit großer Schauspielkunst, die man bei ihm auch in den Wagner-Partien erlebt. Das Finale war äußerst eindrucksvoll! Weinhappels klangvoller und gut intonierender Heldenbariton glänzte sowohl in den großen Ausbrüchen wie auch bei den vielen Zwischentönen. Da gibt es in den Momenten intensiver Selbstzweifel auch sehr schöne Piani zu hören.
Leah Gordon agierte als machtbesessene, getriebene Lady mit Weinhappel auf Augenhöhe mit ihrem wohlklingenden und ausdrucksvollen Sopan, viel Spinto und auch Stakkato, immer jedoch in der Gesangslinie bleibend. Es war also eine hervorragende Auswahl der beiden Protagonisten für diese zentralen Rollen. Don Lee sang mit seinem prägnanten und kraftvollen Bass einen starken Banco. Die Kammerfrau der Lady war prominent besetzt mit Julia Rutiliano, der sehr guten Mezzosopranistin aus München, die in Heidenheim erfreulicherweise regelmäßig gastiert. Der Ecuadorianer David Esteban glänzte mit der berühmten Arie „Amici, amici miei…“ des Macduff am Schluss als sehr klangschöner Tenor mit Aplomb. Der argentinische Tenor Santiago Bürgi mit schweizerischen Wurzeln war ein hervorragender Malcolm. Übrigens haben die drei Protagonisten immer wieder auch Szenenapplaus bekommen.

Musikalisch war dieser Macbeth im Festspielhaus CCH in den besten Händen des künstlerischen Direktors der Opernfestspiele Heidenheim, Markus Bosch. Das Orchester der OH, die Capella Aquileia, spielte in Hochform bei recht guter Akustik des Saales. Die Tempi wurden flott gewählt, zumal die Partitur das immer wieder ja auch verlangt. Festspielchor war wieder der bewährte Tschechische Philharmonische Chor Brünn. Er bewies wie am Tag zuvor bei Otello seine herausragende Qualität. Unter der Leitung von Petr Fiala hat der Chor schon fast Residenz-Charakter in Heidenheim. Er wurde von Eduard Kostelnik einstudiert.
Man wählte übrigens für diese Produktion die Urfassung des Macbeth, um die Kantigkeit und besondere Rolle der Titelfigur noch mehr herauszustellen. Macbeth hat in der Urfassung auch mehr zu singen, was in der finalen Fassung von 1866 wegfiel. Bis auf die inszenatorischen „Besonderheiten“ der Inszenierung war es am Ende ein sehr guter Festspielabend. Denn im Vordergrund der Oper stehen bekanntlich immer Musik und Gesang.
Klaus Billand, 29. August 2026
Macbeth
Giuseppe Verdi
Opernfestspiele Heidenheim
Besuchte Vorstellung: 18. Juli 2026
Premiere: 16. Juli 2026
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Capella Aquileia