Bayreuther Festspiele: Tops und Flops – „Zweite Bilanz der Saison 2026“

Noch eine Bilanz zu Bayreuth? Insgesamt haben sechs unserer Autoren von den diesjährigen Festspielen berichtet und dabei unterschiedliche Facetten beleuchtet. Unser in Bayreuth ansässiger und vom dortigen reichen Musikleben auch außerhalb der Festspiele verlässlich berichtender Kulturkorrespondent hat für uns einen „Rückblick“ verfasst, der sich zwanglos in die Bilanz-Reihe einpasst, dabei aber vieles ausführlicher vertieft und reflektiert.


Der Ring des Nibelungen

Da im Sommer 2026 ein „KI-Ring“ auf die Bayreuther Bühne kam, habe ich die KI um Hilfe gebeten. Sie hat einen bereits an anderem Ort publizierten und sehr umfangreichen Text aus meiner Feder (sagt man im digitalen Zeitalter wirklich noch „Feder“?) auf 10 Prozent der Textmasse heruntergebrochen, indem sie meine Kritik zum „KI-Ring“ konzis, d.h: in bestem und schlechtestem Sinn verkürzend zusammengefasst hat. Das Ergebnis kann sich jedoch insgesamt sehen lassen und sieht folgendermaßen aus:

1. Was ist das Konzept?

Der neue „Ring“ von Markus Lobbes und seinem Team war keine klassische Inszenierung, sondern ein einmaliges Forschungs- und Wahrnehmungsprojekt zum 150-jährigen Bayreuther Ring. Mithilfe von KI wurden Bühnenbilder, Fotos, historische Dokumente und Bilder aus 150 Jahren Bayreuther Geschichte miteinander verbunden, verändert und in Echtzeit auf die Bühne projiziert.

Die Grundidee lautete: „die Geschichte der Bilder zu reflektieren“. Jede Szene griff Bildmaterial früherer Bayreuther Ring-Produktionen auf und verband es mit zeitgeschichtlichen und politischen Bildern. Die KI erzeugte daraus ständig neue, teilweise unvorhersehbare Bildwelten.

2. Wie funktioniert die Bildwelt?

Die Sänger standen nicht vor einer klassischen Bühnenkulisse, sondern mitten in einem digitalen, ständig wechselnden Raum. Bilder wurden ineinander überführt, verzerrt, abstrahiert oder miteinander verschmolzen.

Dabei entstanden zahlreiche Bezüge zwischen:

  • früheren Bayreuther Inszenierungen
  • historischen Ereignissen
  • Natur- und Zerstörungsbildern
  • politischen Symbolen
  • Wagner-Motiven und
  • der aktuellen Gegenwart.

Dies ist eine Parallele zu Wagners musikalischer Technik von „Ahnung und Erinnerung“: Auch Wagners Leitmotive verbinden unterschiedliche Zeiten und Bedeutungen miteinander.

3. Ist das Konzept gelungen?

Ja. Gerade im Jubiläumsjahr war ein solches Experiment legitim und passend für Bayreuth. Der „KI-Ring“ zwang dazu, über die Geschichte der Bayreuther Inszenierungen und über die Verbindung von Kunst, Technik und Zeitgeschichte nachzudenken.

Allerdings gab es ein grundlegendes Problem: Die enorme Bilderflut konnte überfordern. Tausende wechselnde Bilder konkurrierten mit den Sängern und der Musik. Manche Bildsequenzen wirkten faszinierend, andere beliebig, kitschig oder wie eine „bewegte Tapete“.

4. Was bedeutet „Reflexion“?

Die Produktion analysierte nicht wirklich die Geschichte der Bilder, sondern veränderte vor allem die historischen Bühnenbilder und verschmolz sie miteinander. Die KI selbst reflektierte also nicht im eigentlichen philosophischen Sinn.

Gleichzeitig konnte aber das Publikum reflektieren. Wer die Geschichte der Bayreuther Ring-Inszenierungen kennt, erkannte zahlreiche Zitate und konnte über deren Unterschiede und Bedeutungen nachdenken. Dadurch wurde der Zuschauer selbst zum Mitdenker.

Besonders gelungen waren jene Momente, in denen historische Bilder überraschende Beziehungen zum Geschehen auf der Bühne herstellten – etwa Bilder von Kaiser Wilhelm II., Lenin, Auschwitz, den Nürnberger Prozessen oder der deutschen Wiedervereinigung.

Ein besonders emotionaler Effekt entstand, als historische Sänger und heutige Sänger gleichzeitig im Bild erschienen. Dadurch wurde Bayreuth als Erinnerungsort erfahrbar: Vergangenheit und Gegenwart existierten gleichzeitig.

5. Die zentrale Kritik

Der „KI-Ring“ hatte ein widersprüchliches Verhältnis zur Aufklärung:

  • Einerseits überflutete die KI das Publikum mit Bildern und erschwerte dadurch konzentriertes Sehen und Verstehen.
  • Andererseits forderte gerade diese Bilderflut dazu auf, selbst Zusammenhänge herzustellen und Fragen zu stellen.

Der „KI-Ring“ war deshalb gleichzeitig „Gegenaufklärung und Aufklärung“: Er konnte den Zuschauer verwirren, aber ebenso zum eigenständigen Denken anregen.

6. Die Musik

Trotz der visuellen Übermacht setzten sich die Sänger und das Orchester letztlich durch.

Besonders positiv:

  • Michael Volle als Wotan
  • Camilla Nylund als Brünnhilde
  • Klaus Florian Vogt in seinen verschiedenen Rollen
  • Mika Kares
  • Anna Kissjudit
  • sowie zahlreiche weitere Sängerinnen und Sänger.

Besonders begeistert konnte man von Christian Thielemanns Dirigat und dem Orchester der Bayreuther Festspiele sein. Thielemann formte große musikalische Bögen und verhinderte, dass die Musik ebenso fragmentiert wirkte wie die Bilder.

Das Urteil ist deshalb eindeutig: Die Musik verdiente keine Buhrufe.

  • Gesamturteil

Der KI-„Ring“ sollte nicht wie eine normale Operninszenierung, sondern eher wie ein experimentelles Kunstwerk oder eine Installation auf einer Biennale betrachtet werden. Wer eine klassische, logisch erzählte Ring-Inszenierung erwartete, die niemals angekündigt wurde, wurde wahrscheinlich enttäuscht. Wer sich dagegen auf die angekündigte Bilderflut, die historischen Zitate und die offenen Assoziationen einließ, konnte darin eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit 150 Jahren Bayreuther Theatergeschichte entdecken.

Kurz gesagt: Der KI-„Ring“ war nicht perfekt und teilweise überladen oder kitschig, aber als einmaliges Experiment legitim, anregend und vor allem musikalisch herausragend. Die eigentliche „Reflexion“ entstand letztlich weniger durch die KI selbst als im Kopf des Zuschauers.

So viel zum KI-Ring, dem man – man kann das nicht oft genug wiederholen – nicht gerecht wurde, wenn man ihn, die Intentionen der Autoren ignorierend, mit den Kriterien einer „Inszenierung“ beurteilte. Oder anders: Ob man ihn gut fand, war, wie jede Entscheidung über eine Produktion, eine individuelle Entscheidung, aber niemand sollte sich beschweren, wenn er eine Torte bestellt und eine Torte bekommt. Zudem machte mir, spätestens im Siegfried, das emotionale Nachfühlen (siehe oben) der Bayreuther Sänger- und Sängerinnen-Geschichte zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart große Freude. Hier lag für mich der eigentliche und einzigartige Gewinn des einzigartigen KI-Ring 2026.

Parsifal und Holländer

Über Parsifal ist nichts Neues zu verlauten, außer, dass, unter der – na, sagen wir: dramatisch bewegten – Leitung von Pablo Heras-Casado, Michael Volle als Amfortas wieder begeisterte, während mich Miina-Liisa Värelä aufgrund ihres ältlichen Stimmcharakters wenig begeisterte – aber Kundry hat schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel. Der fliegende Holländer überraschte durch den Steuermann Kieran Carrell, Mika Kares war ein großartig voluminöser wie deutlicher Daland, Benjamin Bruns ein belcantistischer Erik, wie er zu Wagners Zeiten vielleicht so oder ähnlich üblich war. Sehr stark auch der Holländer des Nicholas Brownlee, während Asmik Grigorians Senta nach einer fünfjährigen Spielzeit der nach wie vor atmosphärisch packenden Inszenierung Dmitri Tcherniakovs zwar immer noch brillante, weitklingende Legatobögen, aber zwischendurch auch unschöne hässliche Töne produziert; man merkt eben, wenn eine Senta in der Zwischenzeit zur Lady Macbeth oder Turandot mutiert ist. Großartig jedoch das Orchester der Bayreuther Festspiele unter Oksana Lyniv, faszinierend auch der Chor der Bayreuther Festspiele unter Thomas Eitler-de Lint.

Rienzi und Weiteres

Der Chor hatte auch im anderen Ausnahmewerk dieses Sommers, Rienzi, enorm zu tun – und begeisterte vom ersten bis zum letzten Takt. Das Werk selbst hat seine Feuertaufe in Bayreuth bestanden und kann als bayreuthtauglich gelten. Die Überzeugung nicht weniger Rienzi-Kenner unter den Musikwissenschaftlern, dass es sich um ein wichtiges, wenn auch nicht vollkommenes, doch außerordentliches Werk der Oper der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handelt, gegen das die einstigen Erfolgsstücke Giacomo Meyerbeers „abschmieren“: diese Überzeugung wurde durch die insgesamt große, nur mit den üblichen Regietorheiten garnierte Szene und die überbordende Musik und musikalische Interpretation nur bestätigt. Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, dass die Meinung vieler Musikfreunde und Wagnerkenner, dass Rienzi keinen einmaligen Auftritt bei den Festspielen erlebt haben sollte, bei der Festspielleitung zumindest diskutiert wird. Nebenbei: Es war, völlig unabhängig von jeglicher Meinung über Stück, Musik und Inszenierung, ein theaterhistorisches Ereignis.

Vielleicht wird ja der „Volkstribun“ immer noch auf dem Hügel steigen und wieder fallen, wenn alle Aufregung um Michael Friedmans egomanen Auftritt am Rienzi-Premierentag und die freundlich-belanglosen Kanzler- und Landesvaterreden am Vortag längst vergessen sein werden.


Die Bilanz zog Frank Piontek.