
Neben Oper und Operette liegt mir im Musiktheater besonders der Bereich des Musicals sehr am Herzen. In der Spielzeit 2025/26 habe ich mir insgesamt 50 verschiedene Musicalproduktionen angesehen, einige davon sogar mehrfach. Trotzdem ist dieser Bereich so groß, dass diese sehr persönliche Saisonbilanz natürlich nur einen sehr kleinen Bruchteil der vielen Musical-Vorstellungen abdecken kann, die überall im Land zu sehen waren. Neben den großen „Musicaltempeln“ in Hamburg, Stuttgart, Berlin, Köln, Düsseldorf oder Bochum und den inzwischen oftmals sehr aufwendigen Tourneen durchs Land, bieten inzwischen auch sehr viele Stadt- und Staatstheater ganz wunderbare Produktionen, die fast immer einen Besuch wert sind.
Beste Uraufführung:
Im Oktober 2025 feierte das Musical Maria Theresia im Wiener Ronacher Weltpremiere. Die neue Eigenproduktion der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) weiß dabei in allen Bereichen zu überzeugen. Besonders die Musik von Dieter und Paul Falk überrascht mit ihrer abwechslungsreichen und frischen Kombination aus großen Musical-Balladen und modernem Sprechgesang. Neben einem hervorragenden Orchester ist eine bis in die kleinste Nebenrolle treffende Besetzung seit Jahren ein Qualitätsmerkmal der VBW. Ein großes und großartiges Musical.
Beste deutschsprachige Erstaufführung:
Da das sehr sehenswerte Musical Die Weiße Rose zwar erst in dieser Spielzeit auf Tour ging, die Erstaufführung allerdings bereits im Juni 2025, also knapp vor Beginn der Spielzeit 2025/26, im Füssener Festspielhaus Neuschwanstein stattfand, gab es in dieser Kategorie nur einen Dreikampf statt eines Vierkampfs um den Sieg. Am Ende geht der Sieg knapp an das Theater Regensburg mit Charlie und die Schokoladenfabrik nach dem bekannten Kinderbuch von Roald Dahl. Das Theater Dortmund zeigte mit Alle reden nur noch von Jamie eine groß angelegte Produktion mit den Mitgliedern der OpernYoungsters, die sich an dieser Stelle nur knapp geschlagen geben musste. Zudem brachte ATG Entertainment mit Mrs. Doubtfire eine bekannte Geschichte erstmals als Musical nach Deutschland, die ebenso einen ersten Platz verdient hätte.
Größte positive Überraschung:
Wenn es auch nicht ganz zur besten deutschsprachigen Erstaufführung gereicht hat, so war Mrs. Doubtfire zweifelsfrei die größte positive Überraschung der vergangenen Spielzeit. Im Vorfeld dachte man noch: „Noch ein Musical nach einer bekannten Filmvorlage – hat es das wirklich gebraucht?”, doch die rund zweieinhalbstündige Show überzeugte mit viel Humor und legte dabei ein enormes Tempo vor, das man so selten erlebt. Hinzu kommen einige wirklich herzerwärmende und besinnlicher Szenen, die einen guten Kontrast zu den vielen lustigen Momenten bilden. Das Musical ist eine ganz wunderbare Produktion und gehört für mich zu den schönsten Erinnerungen der letzten Spielzeit.
Größte Enttäuschung:
Im Vorfeld war es bereits zu befürchten, der Ballermann und das Musiktheater sind dann doch zwei ganz verschiedene Welten. So ist an dieser Stelle dann auch Malle Olé! leider nicht das groß angepriesene „Musical, das ballert“, sondern eher ein gescheitertes Experiment.
Rarität des Jahres:
Leider sind viele große Broadway-Musicals aus den 1940er- und 1950er-Jahren heutzutage kaum noch zu sehen, obwohl sie musikalisch oft einiges zu bieten haben. Mit Oklahoma! von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II zeigte das Theater Magdeburg beim diesjährigen Domplatz Open Air eine überzeugende Produktion eines selten gespielten Musicals, die das Publikum begeistern konnte.
Beste Gesangsleistung (Hauptrolle):
Dies ist eine Kategorie, mit der ich mich persönlich sehr schwer tue, da ich in der vergangenen Spielzeit so viele wunderbare Darstellerinnen und Darsteller erleben durfte, die ihrem Beruf mit großem Können und ganzer Hingabe nachgegangen sind. Trotzdem sticht Thomas Hohler in der Titelrolle bei Mrs. Doubtfire aus dieser Gruppe in besonderer Weise hervor. Wie ihm die schnellen Wechsel zwischen den Personen Daniel Hillard und Mrs. Doubtfire gelingen, ist absolut unglaublich. Neben seiner gewohnt starken Gesangsleistung darf er in dieser Produktion auch sein Talent als Stimmenimitator voll ausspielen. Dazu steht er fast permanent auf der Bühne – eine echte Powerleistung über fast drei Stunden.
Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Mit seiner markanten Stimme gehört Benjamin Eberling inzwischen fast schon zur „Stammbesetzung“ der Freilichtspiele Tecklenburg. Auch in dieser Saison ist er wieder in zwei wichtigen Nebenrollen zu sehen. Er legt die Rolle des Baders in Der Medicus als oberflächlichen, etwas ruppigen, aber im tiefsten Herzen sehr liebenswerten Menschen an. Ähnlich ist auch seine Rolle als Trainer Mickey Goldmill in Rocky – Das Musical angelegt. Dank seines großartigen Schauspiels, seiner Spielfreude und seines Humors sieht man Benjamin Eberling immer wieder gerne auf der Bühne.
Beste Regie:
In der vergangenen Spielzeit schickte Showslot mit Dracula – Das Musical das bekannte Musical von Frank Wildhorn auf eine sehr erfolgreiche Tournee durchs Land. Für die Inszenierung zeichnete sich Alex Balga verantwortlich, der bereits vor einigen Jahren in Ulm auf der Wilhelmsburg die Regie bei diesem Stück übernahm. Für die Tournee hat er seine Inszenierung in mehreren Punkten geschickt verkleinert und angepasst, sodass die Produktion auch für kurze Gastspiele geeignet ist. Trotz der kleineren Bühne wirkt die gesamte Produktion sehr hochwertig und lässt nichts vermissen. Im Gegenteil: Bereits mit den ersten Tönen und dem geflüsterten Immortale Nosferatu der drei Vampirbräute wird eine düstere und atmosphärische Stimmung geschaffen. Dazu wird die Bühne immer wieder in dichten Nebel getaucht, und Lichtblitze sorgen für schauriges Gewitterwetter.
Bestes Bühnenbild:
Und gleich noch einmal ein stimmungsvolles Wildhorn-Musical. Auch die Bühne von Stefan Rieckhoff bei Der Graf von Monte Christo am Theater Münster ist sehr gut gelungen. Auf der Rückseite der Bühne werden immer wieder hochauflösende Projektionen geworfen, die im Vordergrund durch diverse Requisiten ergänzt werden. Dies sorgt für viele Wow-Momente. Besonders gut ist hierbei der Hafen gelungen, bei dem diverse Schiffsteile aus dem Schnürboden herabgelassen werden. Zudem ermöglicht diese Art der Bühnengestaltung eine treffende Wiedergabe der vielen Handlungsorte des Musicals und sorgt für fließende Übergänge. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie man auch an kleineren Häusern eine große Musicalproduktion stimmungsvoll auf die Bühne bringen kann.
Theater des Jahres:
Unter der neuen Leitung von Semmel Concerts eröffnete das Metronom Theater am Oberhausener Centro im November 2024 wieder für die Besucher. Das Haus stand zuvor mehr als viereinhalb Jahre leer, nachdem Stage Entertainment im Jahr 2020 den Spielbetrieb eingestellt hatte. Das Theater wurde in den Jahren 1998 und 1999 erbaut und Ende September 1999 mit der Uraufführung des Musicals Tabaluga & Lilli von Peter Maffay feierlich eröffnet. Nach einer kompletten Renovierung durch Semmel Concerts war das Theater für mich auch in der vergangenen Spielzeit wieder das Musicaltheater des Jahres. Es verfügt über ein wunderschönes Foyer mit großzügigen Sitzbereichen vor der Show, gepaart mit stets freundlichem Personal und inzwischen fast kultartigen Einsverkäufern. Von fast allen Plätzen hat man eine gute Sicht auf die Bühne und der Spielplan ist mit vielen sehenswerten Tourproduktionen sehr abwechslungsreich. Was will man mehr? Positiv auch: Semmel ruht sich keineswegs auf den getätigten Investitionen aus. Auch in der aktuell noch laufenden Sommerpause wurde am Theater gearbeitet, um es in Zukunft noch vielseitiger nutzen zu können.
Kuriosität des Jahres:
Im Frühjahr schien es, als hätte Stage Entertainment völlig den Verstand verloren. Für das in Kürze startende Musical &Julia wurde eine „Party Zone“ angekündigt: ein Stehbereich im hinteren Parkett mit Stehtischen, eigener Bar und Getränken während der Vorstellung. Wer bitte kommt auf so eine Idee? Als ob es nicht auch ohne diese „Party-Zone“ schwer genug wäre, den Leuten in unserer heutigen, egoistischen Welt klarzumachen, dass sie während der Vorstellung aus Respekt vor ihren Mitmenschen und vor allem auch vor den Künstlerinnen und Künstlern doch bitte ruhig sein und das Handy und die Smartwatch ausschalten sollen. Inzwischen sind die kritischen Stimmen zu diesem Konzept aber wohl auch bei Stage Entertainment angekommen. Nun ist wenige Wochen vor der Premiere nämlich von einer Lounge die Rede, die neben Stehtischen auch Sitzmöglichkeiten bieten soll. Zudem wird es nur vor der Vorstellung und in der Pause einen Barbetrieb geben und auch die vorgesehene Größe wurde inzwischen deutlich verkleinert. Freuen wir uns also auf die anstehende Spielzeit 2026/27 (samt der Stuttgart-Premiere von &Julia) in der Hoffnung, dass es um den Verstand der Menschheit doch noch nicht so schlecht steht.
Die Bilanz zog Markus Lamers.