Bremen: „Innocence“, Kaija Saariaho

Innocence ist eine 2021 beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführte Oper der 2023 verstorbenen finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Das Werk beginnt, sich im Repertoire zu etablieren. Es wurde bereits in Gelsenkirchen (deutsche Erstaufführung), Dresden, Nürnberg und Braunschweig gespielt. Auch die Metropolitan Opera zeigte das Werk in der vergangenen Spielzeit. In Bremen wurde jetzt die neue Saison mit Innocence („Unschuld“) in einer Inszenierung von Marco Štorman eröffnet.

© Jörg Landsberg

Schauplatz ist die Hochzeitsfeier von Stela und Tuomas. Dessen Familie birgt ein dunkles Geheimnis, von dem Stela keine Ahnung hat: Vor zehn Jahren hat Tuomas‘ Bruder bei einem Amoklauf an der Schule zehn Kinder und eine Lehrerin erschossen., darunter Markéta, die Tochter von Tereza, die als Kellnerin bei der Hochzeit arbeitet. Sie lüftet das Geheimnis und damit steht plötzlich die Frage nach der Mitschuld aller Personen im Raum. Tuomas und sein Vater Hendrik haben mit dem späteren Amokläufer Schießübungen veranstaltet, der befreundete Priester, die Mutter und die Lehrerin haben die Vorzeichen nicht erkannt und Markéta hat Spottlieder auf den Attentäter verfasst, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde.

Das Personal der Oper teilt sich in die Hochzeitsgesellschaft (hier wird gesungen) und die geisterhafte Welt der Erinnerungen (dort wird gesprochen) auf. Hier berichten überlebende Schüler von ihrem Trauma und ihren Ängsten. Die erschossene Markéta ist als Geist allgegenwärtig. Gesungen und gesprochen wird in vielen Sprachen, darunter finnisch, tschechisch, rumänisch, englisch, deutsch und weitere.

Die Musik von Kaija Saariaho arbeitet mit subtilen Klangflächen und feinen Nuancen von unterschwellig wirkender Psychologie. Sie klingt ein wenig psychedelisch und hat viele Farben aufzuweisen. Mal klingt sie düster und bedrohlich, dann am Ende wieder voller Licht und fast hoffnungsvoll. Diese Musik hat, im guten Sinn, begleitenden und untermalenden Charakter, kann aber mit machtvollen Eruptionen auch immer wieder in den Vordergrund treten. Der Chor (Karl Bernewitz) hat hauptsächlich Vokalisen zu singen oder summt einfach nur – magisch und geheimnisvoll. Stefan Klingele und die Bremer Philharmoniker haben diese faszinierenden Klangwelten optimal aufgefächert und sorgten in der knapp zwei Stunden dauernden, pausenlosen Aufführung für ein in seiner Intensität nie nachlassendes Erlebnis.

© Jörg Landsberg

Marco Štorman ist es in seiner Regie meisterhaft gelungen, feinste psychologische Aspekte seismografisch zu verdeutlichen. Bei diesem Werk sind die Protagonisten nicht nur sängerisch gefragt, sondern auch und besonders schauspielerisch. Die Selbstzweifel der Eltern, ihre wachsende Erkenntnis der eigenen Mitschuld, die Verbitterung von Tereza oder die Uneinsichtigkeit von Iris, der Freundin des Amokläufers – das alles wurde eindringlich und sinnfällig dargestellt. Der Amoklauf selbst war nicht zu sehen (wurde von der Komponistin auch so verfügt), aber es gab immer wieder Bilder und szenische Anordnungen, bei denen die Opfer auf der Bühne lagen. Dieser Bühnenraum (von Eva Veronika Born) ist ein dunkler Ort der Zerstörung und mit Trümmern von Schulmöbeln übersät. Berührend ist der  Schluss: Die tote Markéta bittet ihre Mutter Tereza sie loszulassen, die Musik verdämmert dabei in friedvollen, versöhnlichen Tönen.

© Jörg Landsberg

Innocence ist eine Ensemble-Oper. Man kann hier keine Einzelleistungen besonders hervorheben, auch wenn Nadine Lehner als Tereza im Mittelpunkt stand. Aber Julia Grüter als Stela, Fabian Düberg als Tuomas, Sarah-Jane Brandon und Michal Patyka als Eltern, Jasin Rammal-Rykala als Priester und Nathalie Mittelbach als Lehrerin überzeugten ohne Einschränkungen. Einen besonderen Part hatte Venla Ilona Blom als Markéta, weil sie mit karelischen Volksliedern eine spezielle Farbe einbrachte. Eine Premiere, die die Zuschauer in die Nachdenklichkeit entließ.

Wolfgang Denker, 14. September 2026


Innocence
Oper von Kaija Saariaho

Theater Bremen

Premiere am 13. September 2026

Inszenierung: Marco Štorman
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Bremer Philharmoniker

Weitere Vorstellungen: 16., 25. September, 8., 11., 17. Oktober, 7., 14. November, 5. Dezember 2026, 15. Januar 2027