In Bayreuth ist er schon das, was man als „alten Hasen“ zu bezeichnen pflegt. 2019 konnte man bereits folgenden Satz über ihn lesen: „Wunderbar auch der Aci des Bruno de Sá, den, hörte man ihn nur, jedes Ohr für einen weiblichen Sopran halten müsste.“ Damals trat er in Giovanni Bononcinis köstlichem Gustostück Polifemo auf: ein Jahr vor der ersten Ausgabe des Festivals Bayreuth Baroque. Seitdem stand er hier mehrfach auf der Bühne des Markgräflichen Opernhauses: 2020 in der umjubelten Premierenproduktion, also Nicola Porporas Carlo il Calvo, 2022 in Leonardo Vincis Alessandro nell’ Indie, in dem er eine äußerst reizende Cleofide gab, 2024 nicht beim Bayreuth Baroque, doch bei den Gluck-Festspielen, wo er in Glucks La clemenza di Tito einen weiteren Erfolg einfuhr. Zwar stand er im Herbst des Jahres 2024 nicht in der neuen Oper des Bayreuth Baroque auf der Bühne, doch als Einspringer für Jakub Jószef Orliński. Zitat aus dem Opernfreund: „bevor mit einer Arie aus Vivaldis Olimpia (Siam navi all‘onde algenti) seine Lust am Improvisieren, seine Souveränität in Sachen Färbung und absoluter Tonsicherheit das Programm offiziell abschließt“.

Man kann Bruno de Sá und seine Kunst – es ist auch die Kunst, die Menschen über die rein musikalische Ebene hinaus zu begeistern und für die Barockoper zu interessieren – nur als Erfolgsmodell bezeichnen. Auch heuer springt er, der 2026 als Timante in Händels Floridante dabei ist, ein: für die erkrankte Julia Lezhneva. Auch heuer singt er, als erste von zwei Zugaben, Vivaldis Arie, eine Arie mit zwei Bratschen, die ihr einen besonderes samtigen Ton verleihen. Der Sängerstimme ist überhaupt die ideale Ergänzung zum Klang des Wrocław Baroque Orchestras, das unter der Leitung von Pedro Beriso die barocke Klangrede vollkommen realisiert. Fast scheint es, als würden sie das Wagnersche Vokalideal einer völligen Einbettung der Stimme in den Orchesterklang entsprechen. Die Paradoxie besteht ja darin, dass der Solist einerseits mit allen nur möglichen Stimmeskapaden, mit Koloraturen und Sentiments nur so glänzen kann, während er andererseits als Teil eines Ensembles fungiert.
Also gerät auch das Duett mit der Violine, in diesem Fall Violetta Szopa-Tomczyk, nicht zu einem Wettkampf, sondern zu einer beglückenden Einheit, wenn sie Un pensiero voli in ciel aus Händels Delirio amoroso performen. Das Stück wird nicht zum doppelten Koloraturgezwitscher – gewiss, das ist es auch –, sondern zu einer wunderbaren Improvisation. „This is not human. This is not a singer. This is a bird: nightingale!“, wie es ein begeisterter Hörer in der Kommentarspalte der Youtube-Livestreams ausdrückte. Wenn er, als offiziellen Abschluss des Programms, Splenda per voi sereno aus Pergolesis Adriano in Siria singt, hat man nicht den Eindruck, dass er Koloraturen um der Koloraturen willen singt. Wie gesagt: Orchesterklang und Stimmton, Ästhetik und Ausdruck, Sinn und Sinnlichkeit sind bei Bruno de Sá stets eins.
Händel stand auch diesmal im Mittelpunkt des Programms, zwei Nummern aus Hasses Marc’Antonio e Cleopatra bringen einen anderen Ton hinein. Quel candido armellino, das ist Hasses italienische Zärtlichkeit: Musik im Kerzenschein. Dazugepackt: erstrangige Orchesterstücke von Telemann, Händel und Pisendel. Pisendel? Johann Georg Pisendel, als gebürtiger Cadolzburger ein echter Franke, diente 1712 bis zu seinem Tod im Jahre 1728 als Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle. An der Elbe wusste man, was man an ihm hatte; seine c-Moll-Sonata zeigt, welche hohen Qualitäten einer der Großen unter den sog. „Kleinmeistern“ besaß. Das Wrocław Baroque Orchestral spielt es so deliziös wie die Telemann-Ouvertüre, seine e-Moll-Sonata und das Concerto aus Händels Ottone. Ein Concerto in einer Oper? Die Einleitung zur vierten Szene des ersten Akts entpuppt sich als 1. Satz des Concerto grosso op. 3/6. „Qui l’augel da pianta in pianta, lieto vola, dolce canta cor che langue a lusingar“, singt Aci in Aci, Galatea e Polifemo. „Hier fliegt der Vogel von Baum zu Baum, fliegt fröhlich, singt lieblich, um das schmachtende Herz zu trösten.“ Bruno de Sá und die Instrumentalisten trösten das Herz des Zuhörers, Violine und Oboe fliegen und singen dazu, die Musik ergießt sich in einen ausgesprochenen Schönklang – doch klugerweise mit aufgerauten Spitzen. Natur und Kunst werden plötzlich identisch, weil die Artikulation, die das Orchester mit seinen Crescendi und Decrescendi beispielsweise in Händels Concerto hinein gibt, die toten Noten zum Leben erweckt.
„Möge für euch heiter ein Strahl des freundlichen Sterns leuchten; und möge er euch an den lieblichen Strand führen, damit ihr dort Atem holen könnt“, wie es in Pergolesis Arie so schön heißt. Den Schluss macht eine Bearbeitung von Saint-Saëns’ Schwan: eine einzige Vokalise auf einen singenden Ton. Bruno de Sá war schon mehrmals hier – er sollte wiederkommen.
Frank Piontek, 8. September 2026
Delirio d’Amore
Georg Friedrich Händel:
Ouvertüre – Fermati – Se vago rio aus Aminta e Fillida HWV 83
Qui l’augel da pianta in pianta aus Aci, galatea e Polifemo HWV 72
Un pensiero voli in ciel aus Delirio amoroso HWV 99
Concerto aus Ottone (= Concerto grosso op. 3/6: Vivace) HWV 15
Johann Adolph Hasse: Un sol tuo sospiro und Quel candido armellino aus Marc’Antonio e Cleopatra
Giovanni Battista Pergolesi: Splenda per voi sereno aus Adriano in Siria
Antonio Vivaldi: Siam navi all’onde algenti aus L’Olimpiade RV 725
Georg Philipp Telemann: Suite in B-Dur aus Musique de Table TWV 55:B1
Sonata e-Moll TWV 50:4
Johann Georg Pisendel: Sonata in c-Moll JunP III.2.b
Camille Saint-Saëns: Der Schwan
Festival Bayreuth Baroque
Markgräfliches Opernhaus
7. September 2026
Bruno de Sá, Sopranist
Leitung: Pedro Beriso
Wrocław Baroque Orchestra