So lautet das Motto des Beethovenfests vom 3. September bis 3. Oktober 2026, das ganz unter dem Eindruck der nach neun Jahren denkmalgerechter Renovierung wiedereröffneten Beethovenhalle steht. Das Beethovenfest hat hier seine neue Heimat gefunden, wie Intendant Steven Walter in seiner Begrüßungsrede betonte. Das London Symphony Orchestra spielte Beethoven und Bruckner, und die Fanfare a call to the heavens, Uraufführung der Auftragskomposition von Stefan Behrisch, stellte anschaulich den demokratischen Prozess bis zur Vollendung eines derartigen Projekts dar. Von den rund 80 verschiedenen Konzerten und sonstigen Formaten des Beethovenfests finden mehr als die Hälfte in der Beethovenhalle statt.
Die 14 Trompeten, genauer Trompeten, Flügelhörner, Piccolotrompeten und Basstrompeten, zwischen denen die Solisten wechselten, waren im ganzen Raum verteilt – auf der Bühne, auf den Emporen und im Parkett an den Seiten der Reihen. Zusammen mit der Klais-Orgel im Saal ergab to the heavens, einen überwältigenden Raumklang. In rund 20 Minuten löst sich hier eine a call vielstimmige, mitunter sogar dissonante Klage nach heftigen Konflikten in einer überwältigenden Hymne auf, die zuerst unisono, dann in einem Kanon der 14 Trompeten mit der Orgel erklingt. Komponist und Dirigent Stefan Behrisch, der die Fanfare eigens zur Eröffnung des Beethovenfests 2026 für die Aufführung in der Beethovenhalle komponiert hatte, nahm voll Stolz und sichtlich gerührt eine Sonnenblume als Dank entgegen. Die Beethovenhalle erwies sich mit ihrer ungewöhnlich großen Breite und den Rängen als idealer Aufführungsort. Der Nachhall der Beethovenhalle ist dank der Akustikelemente an der Decke sehr kurz, ähnlich wie bei der Kölner Philharmonie 1,7 Sekunden. Das bedeutet nicht, dass der Klang nach 1,7 Sekunden weg ist, sondern nur, dass er sich nach 1,7 Sekunden um 60 dB reduziert. Die nacheinander erklingenden Trompeten ergaben einen unfassbar fluiden Raumklang. Die Klais-Orgel klang im Vergleich zu Kirchenorgeln, die erheblich längere Nachhallzeiten haben, sehr trocken. Aufgrund der Anordnung entstand ein faszinierender Raumklang, der aus der von Platz zu Platz unterschiedlichen Verschmelzung von Ton und Nachhall, der verschieden weit vom Konzertbesucher entfernten Trompeter auf der langanhaltenden Tonfläche der Orgel entstand. Es war ein interessantes akustisches Modell, das die Dimension der Halle erfahrbar machte, indem es diese scheinbar zum Klingen brachte. Ganz offensichtlich ist das Besondere dieses Stücks nur live und vor Ort erfahrbar.

Das Eröffnungskonzert am 4. September 2026 begann mit Beethovens Ouvertüre zum Festspiel Die Weihe des Hauses C-Dur op. 124 und endete mit Bruckners 9. Sinfonie d-Moll WAB 109. Das Konzert stellt für das London Symphony Orchestra eine Rückkehr nach 13 Jahren Abwesenheit von der Beethovenhalle dar. Von 2016 bis 2025 wurde die Beethovenhalle denkmalgerecht renoviert, und zuletzt hatte das London Symphony Orchestra dort am 5. Oktober 2013 das Abschlusskonzert des Beethovenfests, damals noch unter Intendanz von Ilona Schmiel, bestritten. Seit 2022 ist Steven Walter Intendant des Beethovenfests. Er hat mit einer Vielzahl von Spielstätten aus der Not, keine Konzerthalle zur Verfügung zu haben, eine Tugend gemacht und vielfältige Spielstätten und auch neue Formate in das Beethovenfest eingebracht. Er hat das Festival mit partizipativen Formaten, die auch jüngere Besucher ansprechen, erweitert und für politische Diskurse geöffnet. Das Programm nennt 26 verschiedene Spielstätten. Zum ersten Mal hat Intendant Steven Walter für das Beethovenfest die Beethovenhalle zur Verfügung, die mit drei Konzertsälen – Beethovenhalle 1697, Studio 486 und Kammermusiksaal 216 Plätze -vielfältige Formate von der Kammermusik bis zum großen Sinfoniekonzert ermöglicht. Ihre Lage im Norden Bonns am Rheinufer ist einzigartig.
Als Auftakt spielte das London Symphony Orchestra Die Weihe des Hauses, eine Konzertouvertüre Ludwig van Beethovens, die am 3. Oktober 1822 bei der Wiedereröffnung des 1888 gegründeten Josefstädter Theaters als Teil der Bühnenmusik zum Theaterstück Die Weihe des Hauses erstmalig erklungen ist. Diese Ouvertüre hat das zugrunde liegende Theaterstück Die Weihe des Hauses des Dramatikers Carl Meisl nach Kotzebues literarischer Vorlage Die Ruinen von Athen um zwei Jahrhunderte überlebt. Beethoven zeigt in der Ouvertüre seine Meisterschaft, indem er nach einigem Vorgeplänkel einer erhabenen Melodie im langsamen Marschrhythmus eine Fuge nach allen Regeln der Kunst folgen lässt.
Musikalischer Höhepunkt des Abends war Bruckners unvollendete 9. Sinfonie. Auch sie ist symptomatisch: der erste Satz beschreibt das Werden des Hauptmotivs in einem langwierigen musikalischen Prozess. Im zweiten Satz, dem Scherzo, sprengt Bruckner fast die Regeln der Sonatenform, denn er spielt mit den Akkorden und lässt die Auflösung lange offen. Mitunter wirkt dieser Satz mit den Pizzicati fast unheimlich, aber beide Sätze sind noch typisch für Bruckners hochromantischen Stil.
Der dritte Satz, ein weihevolles Adagio, enthält Themen, die man sogar nachsingen kann, und gipfelt nach einem Selbstzitat des Miserere – Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Tod des Komponisten – aus seiner d-moll-Messe in einer verklärenden Coda. Bruckner hat zu einem vierten Satz nur Skizzen hinterlassen, und es hat sich eingebürgert, die Sinfonie mit dem dritten Satz enden zu lassen. Das offene Ende erweckte Erwartungen für die kommenden vier Wochen des Beethovenfests, das am 3. Oktober 2026 in der Beethovenhalle mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms beendet wird.
Eröffnet wurde das Beethovenfest durch den Bonner Oberbürgermeister Guido Déus, der mit großem Stolz die frisch renovierte Beethovenhalle als neue Heimat des Beethovenfests übergab. Nathanael Liminski vertrat als Chef der NRW-Staatskanzlei den Ministerpräsidenten Hendrik Wüst. Er betonte die Bedeutung, die der Bonner Ludwig van Beethoven nicht nur für NRW, sondern auch für Europa hat, denn die Europahymne stammt aus Beethovens neunter Sinfonie. Beethoven habe immer Sehnsucht nach seiner Heimat im Rheinland gehabt. Intendant Steven Walter begründete die Aussage des Mottos „Nach Hause/Daheim“. Er war 2025 Thomas-Mann-Fellow und erklärte, dass Heimat mehr sei als ein Ort. Er sagte, die Beethovenhalle solle: „ein offener Ort sein – ein Ort für Begegnungen, der so künstlerisch exzellent wie gastfreundlich ist und ein klingendes, geselliges Festivalzentrum für alle.“ Besonders erwähnen möchte ich, dass es bewusst inklusive Veranstaltungen, auch für Menschen, die nicht immer stillsitzen können, gibt, die unter Mitwirkung von behinderten Künstler:innen entwickelt wurden.
Das London Symphony Orchestra gilt international als einer der brillantesten sinfonischen Klangkörper überhaupt, und sein Chefdirigent ist seit 2024 Antonio Pappano. Seit 1996 war er beim London Symphony Orchestra Gastdirigent, und nun erarbeitet er Schwerpunkte des europäischen sinfonischen Repertoires, unter anderem Bruckners 9. Sinfonie, Beethovens Violinkonzert und Tschaikowskis 5. Sinfonie, die er mit seinem Orchester auf Tourneen und im Londoner Barbican Centre aufführt. Das London Symphony Orchestra erfüllte mit 16-fach besetzten Streichern, jeweils dreifach besetzten Bläsern und zwei Pauken Bruckners Anforderungen voll. Die einzelnen Stimmgruppen wurden am Schluss des Konzerts mit lebhaftem Applaus gewürdigt. Beethovens Ouvertüre hatte man proportional kleiner besetzt, so dass hier ein entsprechend schlankerer Klang vorherrschte. Die Akustik der Beethovenhalle sorgte für einen transparenten Klang auch auf den Seitenplätzen.
Antonio Pappanos Dirigat ist deutlich durch seine lange Karriere als Chefdirigent des Royal Opera House Covent Garden geprägt. Er dirigiert Beethoven und Bruckner wie Wagner in großen Melodiebögen mit extremer Dynamik, was sowohl die leisen intimen Passagen als auch die überwältigenden Tutti-Passagen betrifft, mit denen er große Kontraste schafft. Im Rhythmus erreicht er mit flexiblen Tempoanpassungen einen fast rhetorischen opernhaft dramatischen Gesamteindruck.
Stefan Behrisch hat seine Fanfare a call to heavens kurzerhand der Trompetenklasse von Professor Andy Haderer an der Musikhochschule Köln auf den Leib geschrieben. Haderer und seine 13 Studierenden im Fach Jazztrompete zeigten hier in beeindruckender Weise die Ausdrucksvielfalt ihrer Instrumente. Ergänzt wurde der Klang durch die Klais-Orgel mit dem Organisten George Fletcher Warren, Organist der Kuhn-Orgel in der Kölner Basilika Sankt Kunibert und Kustos der Orgel im Funkhaus des WDR. Das Werk wurde offensichtlich für die Beethovenhalle und ihre Architektur geschrieben. Das Konzert vom 4. September 2026 wurde von der Deutschen Welle aufgezeichnet und live übertragen. WDR3 sendet es am 11. September 2026 im Rahmen des ARD-Radiofestivals.
Nach dem Konzert spielte der senegalesische Sänger und Kora-Spieler Momi Maiga im Foyer seine Welt-Musik auf. Maiga ist autodidaktischer Komponist und verbindet Elemente traditioneller westafrikanischer Musik mit Jazz. Seine archaisch wirkende Stegharfe Kora kombiniert er mit Gesang und mit traditionellen Instrumenten. Er tritt mit seinem Ensemble an vier weiteren Tagen des Beethovenfests im Konzert auf, unter anderem in einem Crossover-Konzert mit Beethovens 5. Sinfonie kombiniert am 1. Oktober 2026 in der Beethovenhalle. Mehr dazu: https://www.beethovenfest.de/de/programm-tickets/momi-maiga-ensemble-resonanz/881.
Das Beethovenfest fragt ausdrücklich: Was bedeutet Beethoven für die Musik und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts? Das ermöglicht eine Vielfalt von Formaten, die alle ihren Ausgangspunkt bei Beethoven sehen, und die sowohl den Liebhaber klassischer Musik als auch den Freund von Welt-Musik einschließlich Jazz mit hochkarätigen Konzert- und Partizipationsformaten bedienen. Man kann gespannt sein auf das Beethovenfest zum 200. Todestag Beethovens im September 2027. Beethoven lebt! Nicht alle Konzerte sind schon ausverkauft, man kann also auch spontan noch kurzfristig Tickets bekommen.
Ursula Hartlapp-Lindemeyer 12. September 2026
Bonner Beethovenfest
Wiedereröffnung der Beethovenhalle
Die Weihe des Hauses, Ludwig van Beethovens
a call to the heavens, Uraufführung der Auftragskomposition von Stefan Behrisch
Bruckners unvollendete 9. Sinfonie
4. September 2026
Dirigent Antonio Pappano
London Symphony Orchestra