
Möglicherweise haben die im Vorfeld der Premiere veröffentlichten Fotos der Detmolder Neuinszenierung von Puccinis La bohème ein wenig zu viel an Kargheit und Tristesse seitens der Regie vermuten lassen. Aber dieser Eindruck hat sich nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil: Die Regie von Katharina Thoma ist voll von Emotionen der zwischenmenschlichen Art. Vom ersten Zauber des Verliebtseins, über krankhafte Eifersucht und falscher Verdächtigungen, bis hin zum endgültigen Abschiednehmen eines geliebten Menschen mit all der erbarmungslosen Wucht, die jene fühlen, die zurückbleiben müssen. Thoma lässt ihre Bohèmiens ihr Leben leben mit all seinen bescheidenen Facetten, aber auch mit der Größe an Gefühlen, die weder Geld noch Luxus bedürfen und die das Menschsein ausmachen. Das vermittelt die Regie durch diese vielen kleinen Gesten der handelnden Personen, wie schüchterne Blicke im ersten Zusammentreffen von Rodolfo und Mimi oder der knisternden Hass-Liebe der Musetta und ihrem Marcello. Im Zusammenspiel mit der wundervoll malerischen Musik von Giacomo Puccini entstehen so Momente kraftvollster Aussagekraft. Frau Thoma darf sich auf ein glänzend aufgelegtes sängerisches Ensemble verlassen, welche das Publikum am Ende der Oper zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Per-Otto Johansson am Pult des Symphonischen Orchesters des Landestheater Detmold gab diesen emotionalen Höhepunkten viel Raum und Klangzauber und bewies einmal mehr, dass Puccini bei ihm in guten Händen ist. Vor fast genau vier Jahren feierte er mit Madama Butterfly – Puccinis weiteres Meisterwerk – seinen erfolgreichen Einstand als GMD in Detmold. Ein Saisonstart nach Maß am Detmolder Theater, der auch sicher die Intendantin Kirsten Uttendorf sehr zufriedenstellen darf.
Giacomo Puccinis unsterbliche Oper La bohème beschreibt in vier Bildern das einfache Leben von vier Künstlern, die zusammen in einer kleinen Wohnung in Paris leben. Vier Freunde voller Idealismus und Pläne fürs Leben, die täglich ihren Kampf ums wirtschaftliche Überleben führen und sich dabei ihre gute Stimmung nicht vermiesen lassen. Die Geschichte spielt um die Weihnachtszeit mit all ihrem Glanz und Vorfreude auf das Fest und beginnt damit, dass sich die Vier gemeinsam ins adventliche Getümmel der Metropole stürzen wollen. Wenn da nicht diese eine Nachbarin wäre, die hilfesuchend bei den Nachbarn anklopft, weil ihr das Feuer für ihre Kerze ausgegangen ist. Rodolfo, der zunächst noch allein in der Wohnung geblieben ist und den Freunden später nachfolgen will, öffnet der Nachbarin, die von allen nur Mimi genannt wird, die Tür. Er bittet sie hinein. Und ab diesem Moment beginnt eine der schönsten Liebesgeschichten der Operngeschichte, die seit ihrer Uraufführung im Jahre 1896 in Turin, die Menschen rund um den Globus begeistert und zu Tränen rührt. Ein Meilenstein der italienischen Oper, der aus den Spielplänen der Opernhäuser weltweit nicht wegzudenken ist.

Bevor die eigentliche Oper beginnt, nimmt uns die Regisseurin Katharina Thoma mit in eine Ambulanz einer vermutlichen Lungenfachklinik. Unterlegt von dem Geräusch einer quälenden Kurzatmigkeit wird den Zuschauern bereits im Vorfeld der Geschichte auf sehr anschauliche Weise der gesundheitliche Zustand von Mimi gezeigt. Dazu erscheint ein Arzt und zeigt der verängstigten Mimi ein Röntgenbild ihrer Lunge. Ein Lungenflügel ist fast völlig verschattet, sie ist schwerkrank. Resigniert verlässt sie die Bühne. Die Oper beginnt. Heiter und turbulent, wie Puccini sich den Beginn seiner La bohème erdacht hat. Aber bereits da erscheint die gespielte Fröhlichkeit der vier Bohemiens auch bereits verschattet.
Thoma verlegt die Handlung in die gegenwärtige Zeit. Kostüme (Jule Dohrn-van Rossum) und das Nichtvorhandensein von digitaler Technik, wie Smartphones und Tabletts, lassen auf die 1980/1990-er Jahre schliessen. Eben jene Zeit, wo das menschliche Miteinander noch sehr direkt stattfand und wo noch nicht die Möglichkeit bestand, einmal „gesagtes“ per Mouseklick wieder zu löschen. Und so ist es auch nicht überraschend, dass Mimi nicht nach Feuer für ihre verloschene Kerze nachfragt, sondern auf der Suche nach einem Feuerzeug zum anzünden ihrer Zigarette ist. Sie, die zuvor noch die niederschmetternde Diagnose erhielt, dass ihre Lunge schwer erkrankt ist. Ich bin mir hier nicht sicher, ob dieser Regieeinfall schlüssig oder doch entbehrlich war. Wenn es als Fingerzeig auf die oftmals leichtfertige Weise von Menschen und dem Umgang mit ihrer eigenen Gesundheit – und auch der ihrer Mitmenschen – gedacht ist, mag es sinnvoll sein. In jedem Fall aber deutet es die sich ständig steigernde Dramatik der Geschichte bereits vor dem eigentlichen Beginn der Oper an. Grundsätzlich aber ist das Schicksal der Mimi bekannt und bedarf nicht unbedingt einer erklärenden Vorgeschichte. Letztlich ist Mimi auch in Katharina Thomas‘ Inszenierung ein Mensch mit allen Fehlbarkeiten, die das Menschsein ausmachen.

Dass die Handlung umgebende Bühnenbild (Bühne: Devin McDonough) zeigt im ersten und letzten Bild der Oper ein spärliches Zimmer mit den nur notwendigsten Möbeln und Gebrauchsgegenständen, die es zum Wohnen braucht. Im zweiten Bild, dem munteren Treiben rund um das Café Momus herum, verwandelt sich die Bühne in ein buntes, Jahrmarktmäßiges Gesamtbild. Die Tristesse des dritten Bildes wird durch eine bemalte, zunächst halbverhangene Wand dargestellt. Zum Ende des dritten Bildes fällt dann dieser Vorhang und lässt die Worte „Love me“ auf rotem Hintergrund wie ein Fanal für das letzte Bild der Oper prangen.
In all diesen (Bühnen-)Bildern lässt Thoma die Protagonisten der Oper ihre Beziehungen ausleben, sie agieren und interagieren und erzeugt an einigen Stellen damit eine unter die Haut gehende Wirkung. Und dass geschieht mit vielen kleinen Gesten, Blicken, Berührungen und oftmals stummen Bewegungen der Charaktere um die gerade Singenden herum. Sei es die große Chorszene im zweiten Bild der Oper und, besonders, im finalen Teil der La bohème, wenn Rodolfo sich der Hoffnung hingibt, dass Mimi nur schläft, während sie in diesem Moment ihren letzten Atemzug macht. Das stille Entsetzen der Freunde auf der einen Seite, die friedliche Stille die Mimi im Tod umgibt und dann die verzweifelten Mimi-Schreie des Rodolfo bilden das eindrucksvolle Schlussbild dieser immer wieder so berührenden Oper.
Als Mimi stand Lubov Karetnikova erstmalig auf der Detmolder Bühne. Ihre Darstellung und ihre gesangliche Leistung in dieser sehr anspruchsvollen Sopranpartie wurden vom Publikum einhellig gefeiert. Bereits in ihrer großen Arie im ersten Bild (“Si, mi chiamo Mimi”) konnte sie mit makellosem und sehr gefühlvollem Gesang überzeugen. Ihre berührende Darstellung dann im dritten Bild der Oper konnte diesen glänzenden Eindruck dann sogar noch steigern. Das Duett mit Rodolfo („Mimì!“ – „Rodolfo m’ama e mi fugge“) wurde zu einem Höhepunkt des Opernabends. Bravo für diesen tollen Einstand in Detmold!
Ji-Woon Kim spielte und sang in der Premiere den Rodolfo. Seit 7 Spielzeiten ist der Tenor festes Mitglied des Detmolder Landestheater. Und auch in dieser Partie konnte er das Premierenpublikum von sich und seinem sängerischen Können überzeugen. Fast mühelos ließ er die Spitzentöne erklingen, wie in der sehr populären Arie „Che gelida manina“ im ersten Bild der Oper und auch im bereits erwähnten Duett mit Mimi in der Szene am Barrier d’enfer des dritten Akts. Das Publikum war begeistert.
Der Bariton Harry Hukasian war der Marcello dieser Inszenierung. Kraftvoll und mit starker Bühnenpräsenz gab er dieser Partie ein großes Profil und wurde dafür ebenso vom Publikum mit sehr viel Beifall belohnt. Als seine Musetta war die Sopranistin Karola Sophia Schmid zu erleben, die dieser Rolle viel Temperament, aber auch das nötige Gefühl verlieh.
Ks. Andreas Jören als Schaunard überzeugte das Detmolder Publikum ein weiteres Mal von seinem, auch komödiantischen, Können. Der Bass Jaime Mondaca Galaz war der Colline des Abends und wusste im letzten Akt der Oper mit seiner berühmten „Mantelarie“ („Vecchia zimarra, senti“) das Publikum zu berühren.

Als weihnachtlich verkleideter Parpignol liess der höhensichere und sehr spielfreudige Tenor Nikos Striezel aufhorchen. Die weiteren kleinen Partien des Benoit und des Zöllners waren mit Bioh Jang und Jaeseung Lee rollengerecht besetzt.
Der Chor und Extrachor des Landestheater Detmold unter der bewährten Einstudierung und Leitung von Francesco Damiani, sowie der Kinderchor (Grabbe-Gymnasium Detmold) unter der Leitung von Kirsten Fernández rundeten adäquat das sängerische Gesamtbild dieser La bohème-Neueinstudierung ab. Anerkennung auch, wie so oft, für die Damen und Herren der Statisterie.
Und natürlich großes Lob an den musikalischen Leiter des Abends, den Detmolder GMD Per-Otto Johansson, der das Symphonische Orchester Detmold souverän und mit reichlich musikalischen Emotionen versehen, durch die Partitur führte und dabei stets das Zusammenspiel mit den Sängerinnen und den Sängern auf der Bühne mit im Auge behielt. Verdienter Jubel auch für ihn und sein glänzend aufgelegtes Orchester.
Detlef Obens 13. September 2026
La Bohème
Giacomo Puccini
Landestheater Detmold
Premiere vom 11. September 2026
Regie Katharina Thoma
GMD Per-Otto Johansson
Symphonische Orchester Detmold