Endlich möchte man ausrufen, endlich eine Uraufführung einer Oper, die man nicht bloß als „interessant“ bezeichnet und dann schnell wieder vergisst. Nein, diesem „Käfer“ aus der Feder des Komponisten Gordon Kampe wünscht man nicht das Leben einer musiktheatralischen Eintagsfliege (das leider vielen „neuen“ Opern blüht), sondern dass diese Kafka-Vertonung immer wieder ein so begeistertes Publikum finden möge wie gestern Abend im Theater Winterthur anlässlich der Uraufführung.
Um es gleich vorwegzunehmen: Vor der musikalischen Sprache Gordon Kampes braucht sich niemand zu fürchten. Denn Kampe schreibt für die Stimme, entwickelt aus dem Parlando-Ton immer wieder Ariosi und richtige Arien, schreibt herrliche Ensembles, setzt diverse stilistische Mittel ein, welche die skurrile Geschichte mit träfer musikalischer Sprache einfangen. Wirklich komisch und mit beinahe leitmotivischem Erkennungswert sind die repetitiven Stakkati auf Worte oder Satzteile, welche Kampe den Sängern in die Kehle legt. Reichhaltig ist die beredte, atmosphärisch dichte Kommentierung durch das Orchester. Das Musikkollegium Winterthur unter der spannungsgeladenen Leitung des 1. Kapellmeisters des Staatstheaters Augsburg, Ivan Demidov, wartete mit einer farbenreichen Umsetzung der Partitur auf, das war spritzig, sprühend, manchmal furchterregend wie in einem Score zu einem Horrorthriller, dann wieder schmissig und mit schrägen Walzern parfümiert.

Kampe hatte eng mit dem Librettisten Philipp Löhle zusammengearbeitet, der bereits eine Adaption der Erzählung Kafkas für das Theater verfasst hatte. In dieser Adaption vollzog Löhle einen Wechsel der Perspektive: Weg von der Erzählung aus der Sicht Gregor Samsas, hin zu den Nebenfiguren: Wir erleben das Ganze um die Verwandlung Gregors zu einem Ungeziefer zusammen mit der Familie, der Mutter, dem Vater, der Schwester und dem Dienstmädchen. Dazu kommen die Besucher: der Prokurist, der meint, Gregor sei ein Drückeberger und der ihn zur Arbeit abholen will, der Arzt, der sich nach dem Stuhlgang der Mutter erkundigt, der Schlosser, der die Tür zu Gregors verschlossenem Zimmer öffnen sollte. Und da sind dann noch im dritten Teil die unsäglichen Untermieter, die drei Herren, welche die Familie aus Geldnot bei sich aufnimmt. Genial war der Kunstgriff, den zum Insekt verwandelten Gregor nicht von einem Sänger singen und agieren zu lassen, sondern von einem Quartett (Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton) und einer Tänzerin, die auch als Kopf des Insekts fungierte. Alle fünf waren in hautenge Trikots gesteckt und hantierten mit einem Insektenbein. Dieses fünfgliedrige Insekt konnte sich aufteilen, war zeitweise allüberall präsent. Da hing mal ein Bein über die Lehne des Sofas, dort guckte eins aus dem Unterboden oder von der Seite hervor.
Die Besetzung kam vom Staatstheater Augsburg, war ausnahmslos famos und erfüllte ihre dankbaren Partien mit prallem Leben. Kate Allen als Mutter war schlicht eine Wucht: Was für eine herrlich strömende, satte Mezzosopran Stimme, welch eine darstellerische Agilität. Da stimmte einfach alles, von den klagenden Lamenti zu den exaltierten Ausbrüchen. Und dies alles mit einer umwerfenden darstellerischen Agilität ausgeführt – zum Niederknien! Als Vater beeindruckte Avtandil Kaspeli mit herrlich donnernder Bassstimme, gewaltiger Sonorität und fantastischer Mimik. Gregors geigenspielende Schwester Grete wurde von Franziska Zwink mit hellem, wunderbar lyrisch aufblühendem Sopran gesungen. Ihre Arien waren mit überragender Einfühlsamkeit interpretiert – eine wunderbare Charakterstudie der zuerst empathischen, dann zunehmend egoistischer denkenden jungen Frau. Herrlich das Dienstmädchen von Olena Sloia, in einer wunderbaren Rolle, die leicht an die Adele in der FLEDERMAUS (Kündigungsdrohung!) erinnerte. Olena Sloia ließ ihren leicht ansprechenden Koloratursopran mit großartiger Präsenz erklingen und war darstellerisch ebenfalls überragend. Wie sie am Ende die vielgliedrige Leiche Gregors von der Bühne fegte, ihr zuvor zwei Beine ausriss und diese im gigantischen Müllcontainer entsorgte, war sowas von lustig-tragisch-makaber-skurril. Ganz wunderbare Klangimpressionen steuerte das Vokalquartett, welches den Gregor darstellte, bei: Rusnė Tušlaitė, Cláudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic waren nicht nur äußerst bewegliche Darsteller, sondern fügten mit ihren Vokalisen, ihrem gurrenden Gesang, den unverständlichen Tierlauten und verwaschenen Wortfetzen Entscheidendes zum hochspannenden und effektsicheren Klangbild bei. Von umwerfender Komik war auch das Terzett der drei Untermieter. Die drei Unsympathen wurden von Claudio Zazzaro, Wiard Witholt und Shin Yeo grandios interpretiert und allesamt mit Stimmen gesungen, die aufhorchen ließen. Claudio Zazzaro imponierte auch als Prokurist, Wiard Witholt als Schlosser und Shin Yeo als Arzt im ersten Teil der Oper. Als Kopf des Käfers Gregor agierte die Tänzerin und Choreographin Helena Sturm. Mit wunderbarer Geschmeidigkeit führte sie das Insekt an, zeichnete auch für die einfallsreichen Choreografien anderer Szenen verantwortlich. Zum Gesamtkunstwerk „Oper“ gehören auch Personenführung, Kostüme, Licht und Bühne. Der Regisseur André Bückert hatte dazu ein ganz fantastisches Team um sich versammelt, welches diese VERWANDLUNG erst recht zum Erlebnis werden ließ. Felix Weinold entwarf eine geradezu kongeniale Bühne: Ein riesiges Sofa bildete die Spielfläche, darauf ein Sofa im Normalformat, auf welches sich Vater, Mutter und Schwester hauptsächlich als Wohlfühlort zurückzogen. Ganz am Ende, als sich das Riesensofa in den Bühnenhintergrund bewegte, ließ es wie als Ausgeburt noch Gregors kleines Kanapee aus seinem Zimmer zurück. Darauf fanden die drei Familienmitglieder dann kaum noch Platz. Einen gewichtigen Platz nahm die Standuhr ein, deren Pendel unentwegt schwang, doch deren Zeiger ein umtriebiges Eigenleben führten. Ganz am Ende schwang dann das Pendel, ins Gigantische vergrößert, bedrohlich über die Bühne. Der Unausweichlichkeit der voranschreitenden Zeit ist nicht zu entkommen. Die Uhr (der Wecker) spielt ja auch bei Kafka eine wichtige Rolle, ebenso wie das Bild der Dame mit Stola und Pelzmuff. Dieses Bild hing auch auf Weinolds Bühne: Allerdings konnte sich die Dame darin verändern, wurde zur hässlichen Fratze oder auch mal zum Rüsseltier. Oft blickte das Facettenauge Gregors (mit menschlichem Augenlid und Wimpern) durch dieses Bild hindurch auf das Geschehen im Wohnzimmer. Der Videodesigner Alexander Hügel hat dies alles wunderbar konzipiert. Bereits wenn wir den Zuschauersaal betreten, erblicken wir auf dem Zwischenvorhang einen sympathischen lächelnden Mann. Nett, denkt man, wahrscheinlich der Gregor vor seiner Verwandlung. Man blickt weg, blättert im Programmheft, blickt wieder hin und stellt ein unmerkliches Zucken des Gesichts fest, eine leichte Veränderung zum Hässlichen. Doch im nächsten Augenblick lächelt der Typ wieder ganz normal und freundlich. Doch dann setzt die Ouvertüre ein, die Musik wird zehrend, reißend, dicht, unheimlich – und das sympathische Gesicht wird zusehends zur grauenhaften Fratze des Insekts, schwarz, bedrohlich. Man fühlt sich an die Body-Horror-Mutations-Filme eines David Cronenberg erinnert (Jeff Goldblum in DIE FLIEGE z.B.). André Bücker führt die Personen mit herausragender Genauigkeit der individuellen Charakterzeichnung. Dazu tragen auch die Kostüme von Aleksandra Kica und das stimmungsvolle Lichtdesign von Marco Vitale Entscheidendes bei.
Ja, diese Oper kann man sich getrost (auch mehrmals) und mit Gewinn ansehen. Ein skurriler, schräger, unterhaltsamer Theaterabend ist garantiert, auch wenn einem bei genauerem Nachdenken die Geschichte dann doch ein Schauder über den Rücken jagt. Denn Kafka wollte natürlich nicht bloß schaurig unterhalten. Die inhärenten Themata der Ausnützung in der kapitalistischen Gesellschaft, des Eskapismus, des Zusammenbruchs der Familie, des Egoismus und der Ausgrenzung bleiben auch in dieser Adaption für die Opernbühne durch Gordon Kampe und Philipp Löhle erhalten.
Unbedingt hingehen!
Kaspar Sannemann, 20. September 2026
Die Verwandlung
Gordon Kampe
Theater Winterthur
Uraufführung 18. September 2026
Inszenierung: André Bückert
Musikalische Leitung: Ivan Demidov
Musikkollegium Winterthur