Meiningen: „The Legend of Georgia McBride“, Matthew López

© Christina Iberl

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, die warmen Tage sind gezählt, so bietet sich ein Trip nach Florida in die Panama-Bar an – oder eher doch nicht? Es ist ein heruntergekommenes Lokal. Die Gäste, die man übrigens nie sieht, weil alles backstage abläuft, sind angeödet, was nicht zuletzt am schmuddeligen Besitzer Eddy liegt, sondern auch am bis an die Schmerzgrenze übertriebenen Elvis-Darsteller Casey. Als Ehemann und werdender Vater ist er genauso eine Luftnummer: albern, ständig pleite und recht sorglos. Seine Frau Jo plagen dagegen Existenzängste. Fragt sich der Zuschauer jetzt schon, wenn er dem Streit der Beiden zuhört, ob er sich das Getue 2 ¾ Stunden antun will? Doch, doch, nur etwas Geduld, dann schält sich aus der Daily Soap eine anrührend menschliche Botschaft, nämlich dass Menschen nicht von Geburt an determiniert sind, sondern jeder Spielraum für sich nutzen darf, um zu erforschen, was er für Potential hat, wer er ist und warum. Trifft er dann noch auf die richtigen Weggefährten, dann könnte es laufen.

Casey hat das Glück, nicht das Pech, als Elvis gefeuert und unter die Fittiche seiner Shownachfolgerin Miss Tracy Mills, einer schon in die Jahre gekommenen Drag Queen, genommen zu werden. Was sie ihm im Schnellverfahren effektiv, witzig und liebevoll beibringt, weil ihre Partnerin Anorexia Nervosa alias Rexy ausfällt, geht weit über Äußerlichkeiten hinaus. Man kann nur staunen, was Maske, Hairstyling und Roben Umwerfendes kreieren. Aber Tracy weckt auch seinen Mut zur Veränderung, sein Verantwortungsgefühl und ein anderes Selbstbewusstsein. Leonard Pfeiffer gewinnt in dieser Rolle immer mehr an Menschlichkeit und Ausstrahlung. Faszinierend, werden etliche denken, wie schön dieser Mann ist, wie er sich bewegt und wie er bereit ist, den Horizont zu erweitern. John Wesley Zielmann ist in der Paraderolle als Miss Tracy Mills die zentrale Figur, die ein solches Geschick an Menschenführung offenbart, dass man ihr nur folgen kann. Sie beherrscht ihre Ansagen in einer Perfektion mit solchem Witz, dass so mancher Politiker oder Lehrer von ihr lernen könnte. Bei den Kostümen ist sie sich für nichts zu schade und spielt sogar im schon arg obszönen Busen- und Untenrum-Outfit mit sich. Nur einmal sieht man auch den alternden Mann, der seine Maske ablegt und Valium einschmeißt.

© Christina Iberl

Die Bar mausert sich zum Erfolgsschuppen und das Publikum kommt mit Evergreens von Edith Piaf, Elvis, Disco-Hits und schwungvollen Medleys endlich auf seine Kosten. Auch in Meiningens Kammerspielen wummern die Boxen, flirren die Discolichter. Das Publikum, überwiegend 60 plus, hat nur darauf gewartet, mitzurocken. Endlich. Als Musikkomödie benamst oder eher getarnt, lässt sich weit mehr verstecken, ohne die Zuschauer vorab abzuschrecken. Die Musik dient jedoch als Gleitmittel für alles, was man zum Gleiten bringen will: Sture Identitäts- und Geschlechtervorstellungen, gesellschaftliche und politische Hardliner und ihre Gesetze, Gewalt gegen Andersdenkende. Das funktioniert in die eine, wie in die andere Richtung. Dass sich Casey nicht traut, seiner Frau Jo von seinem neuen Job zu erzählen, geht schließlich gut aus, denn sie begreift die Diversität der Menschen und sieht kein Problem im Zusammenleben, wenn man sich liebt und für alle Seiten offen ist. Dass sie in dem inzwischen boomenden Dragpalast jetzt mitarbeitet und sogar den Babys ein sympathisches Umfeld schafft, grenzt schon an Märchen – wie alles, was sich aus der Panama-Bar und ihren Seelen entwickelt. Louise Debatin wirkt in ihrer Mädchenhaftigkeit verletzlich und anfangs verängstigt. Was sie dann aber für eine Entwicklung zur Profimanagerin hinlegt, könnte nicht besser funktionieren. Aber das trifft auch auf Eddie zu. Erik Studte gebärdet sich als Showmaster nun äußerst manierlich und steht dem Glitzerlook der anderen in fast nichts nach. Auch Rexy ist wieder da, scheinbar clean und voller Tatendrang. Paul Maximilian Schulze spielt sie lustvoll in einer Doppelrolle mit Caseys Vermieter Jason.

© Christina Iberl

Matthes López landete mit diesem „Was-wäre-wenn“-Spiel, uraufgeführt 2014, einen Volltreffer. Seine Neugier, was wäre, wenn ein heterosexueller Mann Dragqueen wird, trieb ihn zu dieser vordergründig humorvollen Interpretation, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, welches Leid Menschen weltweit widerfährt, wenn sie anders sind. Doch Show-Blöcke steigern die Akzeptanz solcher Botschaften, weil sie einfach einen hohen Unterhaltungswert haben. Und so transportiert Regisseur Yves Hinrichs die Message des Autors nicht in ein Drama, sondern eine Komödie, in der Menschlichkeit und Mut zur Veränderung dominieren. Kritik am System, an der Tragik vielerorts blitzt nur dezent auf.

Das Publikum kann eine Prise Toleranz oder Wagemut mit nach Hause nehmen, wer weiß?
Da schon jetzt alle Vorstellungen ausverkauft sind, denkt man in Meiningen über weitere Termine nach.

Inge Kutsche, 16. September 2026


The Legend of Georgia McBride
Musikkomödie von Matthew López

Staatstheater Meiningen, Kammerspiele
Premiere am 15. September 2026

Regie: Yves Hinrichs

Weitere Vorstellungen: 25. September, 3. und 25. Oktober, 15. November, 13. und 31. Dezember 2026, 30. Januar und 28. Februar 2027