Bayreuth: „Caesar meets Rodelinda“, Emöke Baráth und Andreas Scholl

An das Friedrichsforum als Spielstätte des Festivals Bayreuth Baroque muss man sich erst gewöhnen. Muss man sich auch an Andreas Scholls und Emöke Baráths Stimmen gewöhnen? Gewiss nicht, denn man kennt sie ja; Scholl ist ein seit Langem agierender Sänger, der einer nun schon älteren Generation von höchsten Männerstimmen angehört, was seiner nach wie vor samtigen Stimme nicht geschadet hat, aber ein Festival voller Recitals ist ja auch immer eine Chance, verschiedene Stimmtypen miteinander zu vergleichen. Scholl und Barath klingen also, nachdem man bereits andere, jüngere Solisten im Markgräflichen Opernhaus gehört hat, bezeichnend dunkler als De Sá und Dumaux – Scholl gewohnt butterweich, Barath gut eingetönt oder, um es zuzuspitzen: die Baritonistin unter den Sopranisten und Counters, die man in den letzten Tagen gehört hat.

© Clemens Manser Photography

Dass sie etwas älter sind als ihre Kollegen, verschafft ihnen auch eine Präsenz, die nur durchs Alter – pardon – zuwachsen kann. Nennen wir es „Reife“. Sie singen also keine Arien, wie selbst der phänomenale Bruno de Sá es meiner unwesentlichen Meinung nach gemacht hat. Sie präsentieren Ausschnitte aus Rollen, indem sie auf engstem Raum Charaktere gestalten; nach dem Schlussakkord jeder ihrer Arien oder Duette könnte die dreiviertelkonzertante Oper weitergehen. Sie wissen eindeutig, was sie da singen, wo sie stehen, woher sie kommen und wohin sie gehen werden: Cäsar und Bertarido, Rodelinda und Cleopatra. Das Programm besitzt eine so einfache wie stupende Dramaturgie: Ausschnitte aus Giulio Cesare in Egitto und Rodelinda, also zwei Meisterwerken des Mannes, den Max Emanuel Cencic im Programmheft – völlig korrekt, man kann es nicht kürzer auf den Punkt bringen – als Giganten bezeichnet. Händel spielt auch heuer die Hauptrolle in der Dramaturgie des Festivals: ein Zentralgestirn, dem ja nicht zufällig mehrere Festivals und Festivalausgaben des Bayreuth Baroque gewidmet wurden und auch zukünftig werden.

Also Scholl und Baráth, zwei Matadoren des innig erfüllten und schier subjektivierten Koloraturgesangs. Koloratur und Innigkeit, geht das zusammen? Es geht! Kein Ton wird hier zum Selbstzweck, keine Fioritur zum Ausweis bloßer Gurgelgeläufigkeit, alles, wirklich alles ist Ausdruck, zumal das Wrocław Baroque Orchestra die beiden Sänger wieder gewohnt differenziert, also um Tempi und Ausdruck und Klangfarbe wissend begleitet; schon mit der Ouvertüre zu Rodelinda, mit der das Opernkonzert lustvoll beginnt, kann man ja nichts verkehrt machen: eine ungewöhnliche Folge aus einem üblichen langsamen Beginn, einem konventionellen schnellen Fugato – und dem Abschluss eines Menuetts, dem das Orchester unter Markellos Chryssicos zärtlich-leise Solotöne abgewinnt. Interpretation, auch instrumentatorische, ist auch hier alles. Händels Vorgaben sind eben immens, man muss sie „nur“ ausschöpfen.

Allein an Cäsar könnte man zeigen, dass es sich um ein Ausnahmewerk handelt, dem nur mit tiefer Charakterisierung beizukommen ist. Händel komponierte den Giulio Cesare nicht im Eilverfahren, sondern nahm sich gründliche sieben Monate Zeit, um aus der Geschichte des römischen Imperators und der schönen ägyptischen Königin etwas Unverwechselbares zu machen. Kein Wunder, dass gerade in Zusammenhang mit diesem Werk darauf hingewiesen wurde, dass Händels Tonsprache doch schon erstaunlich nahe an der Kunst eines Mozart sei. Händel gelang hier jenes Drama auf den Spuren Shakespeares, das zu einem seiner populärsten wurde, und dies aus zwei Gründen, die eng miteinander zu tun haben: zum einen entwarf der Librettist Nicola Haym ein Buch, das eine abwechslungsreiche und spannungsvolle Geschichte erzählt, die vom Musikdramatiker mit größtem Sinn für Effekte und Stimmungen vertont wurde. Zum anderen durchbrach Händel die, wenn auch brillante Einschichtigkeit, die selbst seinen besten Schöpfungen gelegentlich anhaftete. Die Reaktionen auf derlei Charakterisierungskunst, die den Kehlkopf benutzt, um butterweiche Töne zu produzieren, ist eindeutig: „Grande! Gigante! – das waren die impulsivsten Reaktionen auf Cleopatras alias Emöke Baráths Se pietá di me non senti. Vier Zeilen in zehn Minuten ein immer wiederkehrender Todeswunsch in fis-Moll, die einfachste und traurigste Musik der Welt: so wie für die Duette von Rodelinda und Bertarido und Cleopatra und Giulio Cesare, die man an diesem Abend zweimal hört – gut so, weil es inniger kaum geht.

Eben ganz Händel. Und an das vergleichsweise nüchterne Friedrichsforum als Spielstätte des Bayreuth Baroque wird man sich auch gewöhnen.

Frank Piontek, 10. September 2026


Caesar meets Rodelinda
Georg Friedrich Händel: Ausschnitte aus Giulio Cesare in Egitto und Rodelinda

Festival Bayreuth Baroque
Friedrichsforum

9. September 2026

Andreas Scholl und Emöke Baráth
Leitung: Markellos Chryssicos
Wrocław Baroque Orchestra