Erfunden wurden die Addams Family von dem Zeichner Charles Addams, der für das Magazin The New Yorker ab Mitte der 1930er-Jahre Schwarz-Weiß-Cartoons anfertigte, die sich mit ihrem morbiden Humor großer Beliebtheit erfreuten. Die Addams waren quasi als Spiegelbild der „typischen amerikanischen Familie“ angelegt, allerdings mit einem umgekehrten Ästhetikempfinden und einem sehr eigenwilligen Lebensstil. Anfangs waren die Figuren namenlos. Die Namen und die heute sehr bekannte Marke The Addams Family entstanden erst durch die erste TV-Verfilmung im Jahr 1964. Auch wenn die Serie zunächst nicht sehr erfolgreich war, erfreuten sich bei späteren Ausstrahlungen immer mehr Zuschauer an den rund 30-minütigen Folgen. Hierbei konnten die einzelnen Familienmitglieder auch mit deutlich stärkeren Charakterzeichnungen ausgestattet werden, als es in den sehr kurzen Comics möglich war. Neben mehreren Verfilmungen wurde 2009 in Chicago das Musical The Addams Family von Andrew Lippa uraufgeführt. Es folgten zwei recht erfolgreiche Jahre am New Yorker Broadway mit fast 750.000 Besuchern. Inzwischen wurde das Musical in 15 Sprachen übersetzt und von über 50 Millionen Menschen weltweit gesehen. Auch das Theater Münster eröffnete am vergangenen Wochenende mit diesem Stück die Spielzeit 2026/27 in der Musiktheater-Sparte.

In diesem Musical treffen die Addams auf die bürgerlichen Beinekes, denn Wednesday Addams hat sich – entgegen all ihrer sonstigen Vorlieben – in Lucas Beineke verliebt. Da dieser ihre Liebe erwidert, haben beide beschlossen, zu heiraten. Dies müssen sie allerdings noch ihren jeweiligen Familien beibringen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Bei einem Abendessen im Hause der Addams sollen sich die Familien kennenlernen, doch diese Mission verursacht bei fast allen Beteiligten wenig Vorfreude – nur Onkel Fester glaubt fest an die Liebe. Deshalb versperrt er den Ahnen der Familie Addams auch den Weg zurück in die Gruft, aus der sie anlässlich des jährlichen Treffens unter dem Familienbaum gekommen waren. Sie sollen Wednesday und Lucas nämlich dabei helfen, den beiden Familien zu zeigen, dass sie es mit ihrer Beziehung ernst meinen. Erst dann will Onkel Fester sie wieder in Frieden ruhen lassen. Aus diesem Grundgerüst entwickelt sich eine abstrus witzige Geschichte mit einem zeitlos wichtigen Kern, denn immer wieder stellt sich die Frage: Was ist normal?
Auch wenn Mutter Morticia Normalität für eine Illusion hält, denn „was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege eine Katastrophe“, nimmt doch jedes Mitglied der beiden Familien einen etwas anderen Blickwinkel ein. All die im Stück angesprochenen Probleme des Zusammenlebens sind dann doch ganz alltägliche Dinge, die wohl fast jeder im Publikum kennt. Das sorgt immer wieder für Identifikationsmöglichkeiten mit den Figuren auf der Bühne, auch wenn die Rollen allesamt herrlich überzeichnet sind. Neben den „verrückten Addams” dichtet beispielsweise Mutter Alice Beineke fast jeden Satz und verdrängt damit ihre Einsamkeit. Auch ihr Mann Mal hat sich vom einst wilden Draufgänger zu einem Familienvater entwickelt, der in seinem durchgeplanten Leben scheinbar nur noch den Alltag abwickelt. Dennoch ist The Addams Family ein stellenweise abstruser, vor allem aber ein sehr unterhaltsamer Theaterabend mit einer großen Portion Humor. Da Lachen bekanntlich die beste Medizin ist, ist ein Besuch im Theater Münster in diesem Fall geradezu ideal für die Gesundheit.

Effie Méndez setzt in ihrer Regie immer wieder geschickt kleine Akzente, vertraut ansonsten aber vollkommen auf die Vorlage und erzählt das Stück so, wie es sein sollte. Dies sorgt insbesondere im ersten Akt für 90 unterhaltsame Minuten, welcher das Publikum mit dem Lied Sag die Wahrheit schwungvoll in die Pause schickt. Im zweiten Akt geht es leider etwas langsamer zu und die Inszenierung verliert etwas Tempo. Dies liegt aber auch am Stück selbst, da hier einfach deutlich weniger passiert und jede Rolle für sich mit der Situation des reichlich missglückten Abendessens umgehen muss, bei dem Pugsleys Plan gründlich schiefging. Da er seine Schwester nicht an Lucas verlieren wollte, entwendete er aus dem Arzneischrank von Grandma ein Mittel, das die dunkelsten Seiten eines Menschen hervorbringen soll. Statt seiner Schwester trank allerdings Alice Beinecke aus dem Kelch und ließ daraufhin sämtliche gesellschaftlichen Fesseln fallen.
Sowohl das Bühnenbild von Tina Carstens als auch die Kostüme von Philipp Winkler können gefallen. Während Winkler für die Addams-Familie die gewohnte Optik wählt und die Familie Beinecke recht traditionell kleidet, findet er für die Ahnen der Addams, die durch den Opernchor des Theaters Münster dargestellt werden, viele gelungene Kostüme, die sich an der großen Vergangenheit der Familie orientieren. Diese großen Vorfahren werden auch im Haus der Addams mit einer Ahnengalerie im Obergeschoss gewürdigt. Immer wieder tauchen dort die verschiedensten Personen in den vier großen Bilderrahmen auf. Besonders gut gelungen ist die Person, die ihren Kopf in der Hand hält und die Frau mit den zwei Gesichtern. Geschickt eingesetzt werden zudem immer wieder Licht- und Nebeleffekte, die gleich zu Beginn des Abends bei der großen Feier unter dem Familienbaum für die passende Stimmung sorgen. Eine gute Idee ist es auch, einen zweiten Vorhang zu verwenden, der immer wieder Teile der Bühne geschickt verdeckt, um die Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Szenen zu lenken. Schlicht, effektiv und gut.

Gut ist auch die Besetzung, allen voran Sebastian Smulders und Tina Podstawa die mit viel Spielfreude das Elternpaar Gomez und Morticia Addams verkörpern. Smulders ist in jeder Szene ein überzeugender liebevoller Familienvater, während Podstawa die elegante Frau des Hauses gibt, die gewisse Ansprüche stellt und für die nur das schlechteste und muffeligste Zimmer gut genug ist. Ihr Traum ist es zudem, einmal die Pariser Kanalisation zu sehen. Friederike Bauer verkörpert eine selbstbewusste Wednesday, die den Konflikt zwischen ihrer bisherigen Welt und dem ersten großen Verliebtsein mit all den dazugehörenden neuen Eindrücken sehr glaubwürdig darlegt. In einigen Szenen wäre es wünschenswert, wenn sie gesanglich etwas zurückhaltender wäre und bei ihren großen Liedern nicht so schreien würde. Dies allerdings nur eine kleine Anmerkung auf ansonsten auch bei ihr gesanglich hohem Niveau. Nuno Dehmel läuft als Lucas Beineke zur Höchstform auf, als er sich Wednesdays Bruder Pugsley (Kylian Kyoungloul Kim aus dem Opernstudio) mit absichtlich aufgesetzter Jugendsprache anzunähern versucht. Das wirkt charmant unbeholfen und passt sehr gut zur Rolle des teilweise auch etwas unsicheren Lucas. Als Onkel Fester führt Jens Krause das Publikum durch den Abend und spielt sich dabei in die Herzen der Zuschauer. Wie er unermüdlich an die Liebe und das Gute im Menschen glaubt, ist ganz zauberhaft. Auch wenn er am Ende eine Reise zu seiner großen Liebe, dem Mond La Luna, unternimmt und raketenhaft die Bühne nach oben verlässt, ist dies großes Theater. Christian Kai Sander und Vera Lorenz sind als Mal bzw. Alice Beineke zu sehen, während Carola von Seckendorff die stets kiffende Grandma gibt. Bei ihr bleibt am Ende auch die Frage offen, wessen Mutter sie nun eigentlich genau ist. Eine weitgehend stille Rolle hat Gregor Dalal als Butler Lurch. Erst ganz am Ende darf er mit einem starken Bass auch gesanglich glänzen. Das Sinfonieorchester Münster spielt die sehr poppige Komposition unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg durchaus differenziert. Insbesondere die großen Balladen werden exzellent mit voller Besetzung begleitet, ohne die Darsteller zu übertönen.

Das Publikum, das in der besuchten Vorstellung im Übrigen einen erfreulich gemischten Altersschnitt aufwies, zeigte sich am Ende sehr erfreut und spendete langen Applaus. Diesen hat sich das Theater Münster mit dieser Produktion durchaus verdient.
Markus Lamers, 26. September 2026
The Addams Family
Musical von Andrew Lippa (Musik und Songtexte) sowie Marshall Brickmann und Rick Elice (Buch), Deutsche Fassung von Anja Hauptmann
Theater Münster
Premiere: 19. September 2026
besuchte Vorstellung: 24. September 2026
Inszenierung: Effi Méndez
Musikalische Leitung: Thorsten Schmid-Kapfenburg
Sinfonieorchester Münster