Das gewagte Ring-Abenteuer am Harztheater geht weiter: Nach Rheingold und Walküre war nun mit Siegfried das sogenannte „Scherzo“ des Nibelungen-Rings an der Reihe, nach wie vor eine enorme Herausforderung für das eher kleine Theater in Halberstadt. Alle Mitwirkenden leisteten gestalterisch und musikalisch wirklich Beachtliches, angefangen mit den tüchtigen Harzer Sinfonikern, die unter der bewährten, sicheren Leitung von GMD Johannes Rieger gut ausgewogenen Klang erreichten. Dabei half ihnen wie in der Walküre die Orchesterfassung mit reduzierter Bläserbesetzung von Alfons Abbas; dennoch ließ Rieger das Orchester in manchen Szenen zum Nachteil der auf der Bühne Agierenden zu sehr lärmen, wie z. B. in der Auseinandersetzung Wotans mit Erda zu Beginn des dritten Aktes.

Auf der Bühne erkannte man die praktikable Grundstruktur aus den vorangegangenen Teilen mit den verschiedenen Auftrittsmöglichkeiten wieder; inzwischen war die Umgebung deutlich mehr verwüstet als in den vorangegangenen Werken, sodass man den kommenden Untergang in der Götterdämmerung ahnen konnte. Wie im Programmheft erläutert, gehört zum Konzept des Regieteams (Inszenierung: Hausregisseur Marco Misgaiski, Ausstattung: Tom Grasshof), dass im Ring Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten aufeinandertreffen, was an den wechselnden Kostümen erkennbar sei. So zogen sich im Rheingold Wotan und Alberich auf offener Bühne um und machten sich äußerlich zu „modernen Machtmenschen“; dies tat nun auch Mime. Ohne die Erläuterung im Programmheft war das nicht zu verstehen. Es wurde aber klar, dass Siegfried ein Anarcho-Punk ist, dem jede Hierarchie oder Autorität zuwider ist. Erst die Begegnung mit Brünnhilde dämpft seine Aggressionen. Dies alles fand in Tobias Amadeus Schöner als Siegfried einen glaubhaften Darsteller, der stimmlich von unglaublicher Kondition war: Sein eigen timbrierter Tenor zeigte sich in einer der längsten und anspruchsvollsten Tenorpartien überhaupt höchst flexibel und auch höhensicher. Francisco Huerta war ein überaus beweglicher, witziger Mime, der auch stimmlich mit Siegfried durchaus mithalten konnte.
Besonders bei deren Auseinandersetzungen im ersten Akt und bei der Begegnung mit Brünnhilde in der letzten Szene fiel die hervorragende, stets gut nachvollziehbare Personenführung des Regisseurs auf; hier gab es keinerlei Leerlauf.

Erneut gefiel besonders Juha Koskela als Wotan/Wanderer, der nun nicht mehr konkret in die Handlung eingreift. Beeindruckend war, wie ungemein kultiviert dessen Bariton-Töne dahinströmten, was bestens zur immer wieder spannenden Wissenswette und den Weckrufen an Erda passte. Glaubwürdig gestaltete Peggy Steiner als Brünnhilde deren Unsicherheit beim Erwachen und dem Annähern an Siegfried; erneut begeisterte ihr volltimbrierter, in allen Lagen sicher und intonationsrein geführter Sopran, der auch mit den extremen Höhen keine Probleme hatte.

Alberichwar wieder Samuel Berlad, der dem Nibelungen-Fürsten auch im modernen Anzug und mit charaktervollem Bassbariton Gestalt gab. Der tiefschwarze Bass von Gijs Nijkamp bewährte sich als Fafner, der nun keineswegs als Drache, sondern als der Riese aus dem Rheingold auftrat. Der harmlose Kampf Siegfrieds mit ihm war dann doch eher erheiternd als gruselig. Dagegen war es eine schöne Idee, den Waldvogel als attraktive Frau mit Straußenfedern schon dann erscheinen zu lassen, als Siegfried die Vogelstimme noch nicht verstand; Bénédicte Hilbert sang klarstimmig in den höchsten Tönen. Erda war dem ehemaligen Ensemblemitglied des Harztheaters, der Kammersängerin Gerlind Schröder, anvertraut, die Wotan mit prononciertem Mezzo Kontra gab.
Alles in allem hatte dieser Siegfried beachtliches Niveau, wofür sich das Premierenpublikum im ausverkauften Haus bei allen Mitwirkenden und dem Regieteam mit starkem, nicht enden wollendem Beifall bedankte.
Gerhard Eckels, 8. November 2026
Siegfried
Oper von Richard Wagner
Harztheater Halberstadt/Quedlinburg
Premiere am 7. November 2026
Inszenierung: Marco Misgaiski
Musikalische Leitung: GMD Johannes Rieger
Harzer Sinfoniker
Weitere Vorstellungen:
– in Halberstadt 22. November 2026+13. Februar 2027+7. März 2027
– in Quedlinburg 18. Dezember 2026+16. Januar 2027
– in Bad Elster 18. November 2026