Hamburg: „Don Giovanni“, Wolfgang Amadeus Mozart

„Giocoso“ war Mozarts „Dramma“ DON GIOVANNI bei dieser Nachmittagsaufführung in der Hamburgischen Staatsoper tatsächlich – und dies bis zum Schlussapplaus, als Elbenita Kajtazi (Donna Anna) leicht stolperte und dabei einen Schuh verlor, als sie den Dirigenten Omer Meir Wellber aus den Kulissen abholen wollte. Don Giovanni (Andrzej Filonczyk) und Leporello (Krzysztof Bączyk) knieten sich beide umgehend hin und halfen Donna Anna wieder in ihren Schuh. Aber auch während der Aufführung gab es einiges zum Schmunzeln und ganz viel zu sehen, vielleicht etwas zu viel. Denn das Team um Regisseur Jan Bosse (Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Licht: Kevin Sock, Video: Jan Speckenbach, Fotografie: Harf Zimmermann) schöpften in ihrer Inszenierung (Premiere war 2019) aus dem Vollen. Auf der Drehbühne stand ein gigantischer Turm, zusammengesetzt aus mehreren, individuell fahrbaren Elementen. Die Flächen dieser Elemente wurden immer wieder neu geordnet, mit anderen Fassadenprojektionen versehen, sie konnten sich auch drehen, neue Räume und Spielorte entstanden. Auf ihren Flächen wurden auch immer wieder Protagonisten und deren Verstrickungen in Liebesspiele in Großaufnahme projiziert. Auch die zusätzlich eingefügte, androgyne Figur des Amor/Tod wuselte ständig durchs Bild oder erschien in teils furchterregenden Projektionen an den Wänden. Manchmal wurde einem das ständige Drehen und Gewusel aus Film und Aktion auf der Bühne schon fast zu viel. Dazu kamen noch die teils schrillen Kostüme, bei den Festszenen mit viel silbernem Lametta und Silberfäden im Haar. Selbst Leporello tauschte seinen roten Joggingdress dann gegen einen silbernen. (Jan Bosse scheint mit Lametta versehene Kostüme zu lieben: In der einzigen Operninszenierung von ihm, die ich noch gesehen hatte, trat Rigoletto in der Deutschen Oper Berlin als mit Lametta behangener Goldhase auf …). Natürlich funkelte auch Don Giovannis Smoking silbern beim Fest und beim Abendmahl vor der Höllenfahrt. Die war dann mit wirklich „höllisch“ eindringlichen Bildern illustriert! Damit endete auch die Oper. (Die Wiener Fassung wurde gespielt, also ohne das moralinsaure Schlusssextett der Prager Fassung, ohne die Don-Ottavio-Arie Il mio tesoro, dafür mit Donna Elviras In quali eccessi – Mi tradì quell’alma ingrata und dem herrlichen Duett Per queste tue manine von Zerlina und Leporello!) Die Protagonisten agierten erfrischend keck, man vermeinte immer ein leichtes Augenzwinkern zu entdecken, wie wenn sie sagen wollten „Nehmt es locker“.

© Bringhoff Mögenburg

Denn einiges blieb dann doch nicht so leicht entschlüsseln, was Bosse sich wohl vorgestellt hatte. Anne Müller tanzte zwar wie erwähnt mit androgynem Körper leichtfüßig und manchmal geheimnisvoll asl Amor und als Tod durch die Szenerie, Don Giovanni stets im Blick behaltend. Aber die Liebes- und Todessehnsucht des Titelhelden erschloss sich mir durch diese stumme Rolle nicht so wirklich. Ja, die Nähe von Eros und Tod ist ein komplexes Thema und natürlich bietet sich dazu Mozarts DON GIOVANNI an, es zu ergründen. So restlos überzeugt hat mich Bosses Zugang nicht, aber andererseits hat’s auch nicht gestört. Mehr gestört hat in der grossen Szene der Donna Anna (Crudele? Ah no mio bene …Non mi dir) das bläuliche, starke Scheinwerferlicht, welches zur Blendung des Publikums eingesetzt wurde. Aber ansonsten gab es viel erfrischendes, schwankhaftes Spiel in Unterwäsche und Verkleidungen. Gerade der Kleidertausch Leporello – Don Giovanni war recht lustig, da der Sänger des Leporello, Krzysztof Bączyk, einiges grösser gewachsen ist als Andrzej Filonczyk als Don Giovanni. Somit rutschte diesem die Jogginghose immer wieder runter – Unterhosentheater kommt immer gut an beim Publikum.

Gesungen wurde von allen ganz wunderbar: Andrzej Filonczyk glänzte mit seinem schön geführten, wendigen Bariton in der Titelrolle, Krzysztof Bączyk gestaltete einen szenisch umwerfend komischen Diener Leporello und begeisterte mit seinem herrlich strömenden, agilen Bass. Elbenita Kajtazi gehört für mich seit einiger Zeit zu den führenden Sopranistinnen im lyrischen Fach (ich habe sie nun in allen drei Da-Ponte-Opern Mozarts erleben dürfen: Figaro-Gräfin, Fiordiligi – beide in Zürich – und nun gestern Nachmittag als Donna Anna in Hamburg). Ihr Timbre ist einfach wunderschön einnehmend, sie vermag im dramatischen Furor genauso zu überzeugen, wie in innigen, lyrischen Passagen und filigranen Verzierungen und erreicht Spitzentöne mühelos. Ganz toll!

Die Donna Elvira war früher oft mit Simmen à la Schwarzkopf, della Casa, Te Kanawa besetzt. In den letzten Jahrzehnten haben sich vermehrt Mezzosopranistinnen die Partie erarbeitet: Joyce di Donato, Cecilia Bartoli, Agnes Baltsa. Gestern nun sang in Hamburg die kanadischen Mezzosopranistin Michèle Losier diese dankbare Partie. Da sie von der Kostümbildnerin eh einen Business-Look verpasst bekommen hatte, passte auch ihr leicht herbes Timbre ganz wunderbar zur Rolle. Dankbar war man, dass sie dank der Wiener Fassung ihre grosse Szene In quali eccessi darbieten konnte – ganz fantastisch! Aber leider fiel dadurch auch Don Ottavios zweite Arie weg – und ich hätte gerne den wunderbaren Dovlet Nurgeldiyev damit noch gehört, denn nicht nur besitzt Nurgeldiyev eine herausragend schön timbrierte lyrische Stimme, auch seine Arie im ersten Akt Dalla sua pace war bewegend toll gesungen! Das komische (niedrige – was immer das heißen mag) Paar, welches – neben Leproello – eben das Adjektiv „Giocoso“ in der Bezeichnung der Oper rechtfertigt, war mit Kady Evanyshyn (Zerlina) und Hubert Kowalczyk (Masetto) ebenfalls hervorragend besetzt: Beide klangen frisch und wendig, agierten ebenso und gaben manchen Szenen die notwendige Würze.

© Bringhoff Mögenburg

Bei Zerlinas Batti, batti kam die Solocellistin des Philharmonischen Staatsorchesters auf die Bühne und das Live-Konzertieren zwischen der Sopranistin Kady Evanyshyn und der Cellistin war ein musikantisches Wunder! Natürlich kam zu Don Giovannis Ständchen auch eine Mandolinenspieler auf die Bühne, zur Erscheinung des Steinernen Gastes (Morris Robinson, er sang auch den Commendatore) erschienen Posaunen, als Tafelmusik eine Gruppe Holzbläser. Während Giovannis Fest verteilten sich Streicher auch am Rande des Parketts, was zu einem – nicht jederzeit perfekt synchronen – interessanten Raumklang führte. Überhaupt wurde erfrischend musikantisch gespielt unter der Leitung von GMD Omer Meir Wellber, der am Abend zuvor noch eine grandiose WALKÜRE geleitet hatte. Er schien die Freiheiten, welche Mozart gibt, sehr zu genießen, leitete eine beschwingte Aufführung vom Hammerklavier aus, auf welchem er die Rezitative auch mal etwas lustig-schräg begleitete. Wie hatte doch Claus Guth im Nachgespräch am Abend zuvor über das Arbeiten als Regisseur gesagt: Man muss nicht immer alles, was einem ein Regisseur serviert, bis ins letzte Detail verstehen wollen. Manchmal darf man sich einfach zurücklehnen, gucken (und zu gucken gibt es in diesem DON GIOVANNI tatsächlich viel) und genießen. Dank des talentierten und quirligen Ensembles auf der Bühne und dem frisch zupackenden Orchesterapparat im Graben fiel mir persönlich dies ganz leicht.

Kaspar Sannemann 7. Oktober 2026


Don Giovanni
Wolfgang Amadeus Mozart

Hamburg
Premiere: Mai 2013
Besuchte Vorstellung: 4. Oktober 2026

Regie: Jan Bosse
Dirigat: Omer Meir Wellber 
Philharmonische Staatsorchester Hamburg