Bücherecke: „Reiner Tor und Superstar. Musiktheater als Gottesdienst“

Man könnte es fast als Ritual, zumindest als ritualistisch bezeichnen: dass immer wieder Opern Richard Wagners gespielt werden. In Nürnberg müssten – man darf gespannt sein, wie sich das in der Ersatzspielstätte ausnehmen wird – als Nächstes der Tristan, dann wieder die Meistersinger an der Reihe sein. Ein wenig rituell mutet auch die Tatsache an, dass die Schriftenreihe des Staatstheaters Musiktheater im Dialog im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 mit einem Band zu Wagner eröffnet wurde, 2017 Wagner in Hitler. Macht. Oper eine Rolle spielte und 2019 mit einem Bändchen zu Lohengrin eine weitere Nürnberger Wagner-Publikation erstellt wurde. 2024 folgte schließlich ein Symposionsbericht zu gleich zwei Nürnberger Inszenierungen: zu Andrew Lloyd Webbers Jesus Christ Superstar – und zu Parsifal. Dass beide Werke wie kommunizierende Röhren funktionieren, wenn man sie unter das Hauptthema „Gottesdienst“ stellt, liegt auf der Hand, obwohl weder das Musical noch das „Bühnenweihfestspiel“ mit irgendeiner kirchlichen Liturgie verwechselt werden können, ja: Erst kürzlich hat der in Nürnberg lebende Kulturwissenschaftler und Journalist Bernd Buchner in Ist Wagner Kunst oder Religion, Herr Buchner?, mit Gründen, behaupten können, dass Parsifal ein geradezu antireligiöses Werk ist.

Die Frage lautet ja schon: Was ist Religion? Die Antworten sind so divers wie die Religionen selbst. Florian Höhne versucht zunächst einmal eine stimmige Erläuterung des Begriffs, bevor er zu theologischen Interpretationen nichtreligiöser Werke, also Hollywood-Filmen, kommt. Allein hier liegt schon ein Knackpunkt: Wo Höhne, mit Paul Tillich, vom „Unbedingten“ und den Erfahrungen, die ein Gläubiger mit diesem „Unbedingten“ macht, zum Signum für eine freie Religionsausübung erklärt. Der Schluss ist also latent verrätselt: „Wo Unbedingtes in Bild und Inszenierung nicht mehr als entzogen erlebt und inszeniert wird, gefährdet es die Freiheit der Rezipienten und Rezipientinnen“. Bezogen auf die Inszenierung der beiden Werke könnte man nun mutmaßen, dass das, was sich die Nürnberger Regisseure in ihren außerordentlich subjektiv-fantastischen Deutungen einfallen ließen, den Spagat zwischen Bedingtem und Unbedingtem nicht geschafft hat, ergo: dass es sich „nur“ um ganz normale Opern- bzw. Musical-Inszenierungen im Stil des „Regietheaters“ handelte. Ob und was die Besucherin und der Besucher damals ihrerseits subjektiv dachten und empfanden, mag sowohl im Fall der wunderbare Parsifal-Musik wie des starken Superstar-Soundtracks auf irgendeine Art als „göttlich“ empfunden worden sein – hier wie dort, im Gottesdienst wie im Theater bleibt das „Unbedingte“ ein äußerst wackeliges Kriterium.

Konkreter, weil weniger theologisch bedingt, wird es bei Tobias Reichard, der anhand des traditionellen Gegensatzes von „süßer“ Jesus- und „harter“ Judenmusik eine Tendenz am Werk sieht, die noch im Parsifal (der ja Spuren der heute als antisemitisch erkannten und immer noch fleißig gespielten Matthäuspassion in sich trägt) wirksam ist. Gegen die These wäre nichts zu sagen, würde der Musikwissenschaftler nicht das Potential der Kundry und des Klingsor unterschätzten, indem er zumal die Frau als „erwiesen antisemitisch“ bezeichnet. Dass Kundry eine derart komplexe Gestalt ist, dass sich eine derart eindeutige Zuweisung verbietet – aber lassen wir das. Wenn Adornos radikale, weil von der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts eingegebene Falschaussage, der zufolge Kundrys „Erlösung“ nichts Anderes sei als die Ermordung der Juden durch die Gestapo, wird Musikwissenschaft zur politisch korrekten Farce, auch wenn die Frage, wieso Kundry am Ende „erlöst“, also tot zu Boden fällt, nicht dumm ist. Man könnte sie allerdings auch ohne Not, also ohne antisemitischen Kontext, beantworten.

Konkreter und nüchterner geht es zu, wenn Barbara Eicher anhand der biblischen Maria Magdalena und ihrer in der Neuzeit zugesellten anderen Marias (die mit Maria Magdalena nichts zu tun haben, aber von Esoterikern und Nichtphilologen mit ihr identifiziert wurden) die analoge Gestalt in Jesus Christ Superstar und die Kundry als Wiedergängerin der Figur aus dem NT interpretiert, bekommt man wieder Lust, Religionswissenschaft zu studieren. Was die beiden Inszenierungen schließlich mit dem „Gottesdienst“, konkret: mit dem Ritual, zu tun hatten, wird am Ende von Clemens Risi in einem Erfahrungsbericht fixiert. Allein auch Risis Ausführungen sind, es kann nicht anders sein, nur als persönliche, also subjektive Deutungen eines objektiven Bühnengeschehens lesbar: so wie jeder Besucher eines Gottesdiensts sich das herausholt, was ihm taugt.

Also alles wie in der ganz normalen Oper, aber auf die inneren wie reizvollen Widersprüche und Bedingtheiten des Wagnerschen „Bühnenweihfestspiels“ und des Lloyd Webberschen Musicals eingegangen zu sein, um den sinnlichen Genuss nachträglich intellektuell anzufüttern, ist eine gute Sache.

Frank Piontek, 27. Oktober 2026


Reiner Tor und Superstar. Musiktheater als Gottesdienst.

Hrg. vom Staatstheater Nürnberg, 2024.

80 Seiten, elf Abbildungen.