Duisburg: „My Fair Lady“, Frederick Loewe

Frederick Loewes und Alan Jay Lerners Musical My Fair Lady gehört zweifellos zu den großen Klassikern des unterhaltenden Musiktheaters. Seit seiner Broadway-Premiere 1956 begeistert das Werk durch einen ebenso unterhaltsamen wie charmanten gesellschaftskritischen Blick auf die englische Klassengesellschaft. Dabei haben sich einzelne Nummern im Laufe der Zeit zu wahren Evergreens entwickelt. Loewes Musik verbindet eingängige Melodien, raffinierte musikalische Charakterisierung und komödiantischen Schwung. Titel wie „Es grünt so grün“ und „Ich hätt’ getanzt heut Nacht“ sind längst Teil des internationalen Musicalkanons. Hinter der charmanten Leichtigkeit verbirgt sich aber ein erstaunlich differenziertes Werk über Standesdünkel, Geschlechterrollen und die Frage, wer eigentlich darüber bestimmt, was gesellschaftliche Kultiviertheit ausmacht.

Im Zentrum steht die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle, deren Begegnung mit dem exzentrischen Phonetikprofessor Henry Higgins zu einem ebenso amüsanten wie aufschlussreichen Experiment über Sprache, Herkunft und gesellschaftliche Zugehörigkeit wird. Higgins wettet, Eliza durch gezielten Sprachunterricht innerhalb weniger Monate in eine Dame der besseren Gesellschaft verwandeln zu können. 

© Jochen Quast

Die Produktion der Deutschen Oper am Rhein ist ein witziger, charmanter Abend, der vom Publikum am Ende der Premiere mit Jubel bedacht wird. Regisseur Felix Seiler erzählt die Geschichte zügig mit raschen Szenenwechseln, mit einem angenehmen Humor, der auf Anbiederungen oder Plattitüden verzichtet. Seiler gelingt eine gute Balance zwischen Unterhaltung und nachdenklichen, auch menschelnden Momenten, er zeichnet die Figuren exakt und detailreich. Ohne sich in Betulichkeit zu verlieren, weiß er um die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte des Stücks und zeigt sie, ohne dabei den Willen zur Unterhaltung zu verlieren. Nikolaus Webern hat ihm dafür ein raffiniertes Bühnenbild entworfen, das ein beinahe klaustrophobischer Zettelkastenraum des Professor Higgins ist und sich mit raschen Verwandlungen zu immer neuen, aparten Räumen öffnet. Liebenswerte und verspielte Details machen kleine, nette szenische Einfälle möglich. Der optische Eindruck wird durch ein opulentes Kostümbild von Sarah Rolke abgerundet – ja, es gibt dafür einmal sogar Szenenapplaus, der sicherlich durch Elizas extravagante Ballrobe provoziert wird. Schwungvolle Choreographien von Danny Costello beleben die Szenerie und ergänzen eine vortreffliche Personenführung.

© Jochen Quast

Star des Abends ist Devi-Ananda in der Rolle der Eliza Doolittle. Man muss es so sagen: Dieser charmanten, kraftvollen, grandiosen Eliza liegt das Duisburger Publikum am Ende des Abends zu Füßen. Ihr gegenüber steht – und das ist einer der wenigen Schwachpunkte des Abends – der Professor Henry Higgins von Karin Seyfried. Ja, richtig gelesen: eine Hosenrolle. Die Regie verkauft das im Programmheft als grandiosen Coup, da man so die Facetten der Figur besser zeigen könne. Nichts, wirklich nichts löst sich davon ein. So hat Seyfried in erster Linie einen Mann zu spielen und dann auch noch Professor Higgins – das macht sie durchaus solide, aber so richtig überzeugend ist diese Personalie nicht, denn manches wirkt doch arg forciert, ja aufgesetzt – wie es Hosenrollen eben schnell mit sich bringen. Oberst Hugh Pickering wird von Dirk Weiler mit fast schon karikierend überzogener Noblesse gegeben, Torben Jürgens,der trotz Erkältung dankenswerterweise auf der Bühne steht, spielt und spricht einen schwungvollen und derben Alfred P. Doolittle, Joachim Goltz leiht ihm bei den Gesangsnummern die Stimme von der Seite. Die weiteren kleinen Rollen sind ebenfalls bestens besetzt und bilden ein homogenes und zur mitreißenden Spielfreude entschlossenen Ensemble.

© Jochen Quast

Im Graben entfesselt Dominic Limburg breiten Musical-Sound. Es fließt in den Geigen, es swingt, und manchmal lässt der junge Dirigent das Orchester auch ganz dick auftrumpfen – mitunter mit ein bisschen zu dickem Pinsel, denn hin und wieder wackelt es dann doch zwischen Graben und Bühne, und ein paar feinere herausgearbeitete Details hätte man sich hin und wieder gewünscht. Dies gilt auch für den Chor, der sich klanglich ein wenig blass präsentiert. Dennoch bleibt ein positiver Gesamteindruck, denn Loewes Musik reißt hier einfach mit, und letztlich sind alle mit so viel Verve dabei, haben Spaß an der Sache, dass es das Publikum am Ende des Abends nicht auf den Stühlen hält.

Der Deutschen Oper am Rhein ist mit dieser Produktion erneut ein großer Wurf im Bereich Musical gelungen, der mit phantastischen Darstellern, mitreißender Musik und schlichtweg einer guten Show zu überzeugen weiß.

Sebastian Jacobs, 7. November 2026


My Fair Lady
Frederick Loewe

Deutsche Oper am Rhein Duisburg

Premiere: 6. November 2026

Inszenierung: Felix Seiler
Musikalische Leitung: Dominic Limburg
Duisburger Philharmoniker

Trailer