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BASEL SPRECHTHEATER

 

GRAF ÖDERLAND 

Eine Moritat in zwölf Bildern Max Frisch

Regie: Stefan Bachmann Musik: Sven Kaiser

Premiere: 14.Februar 2020  

Besuchte Vorstellung: 23. Februar 2020

 

 

>MAN HAT MICH GETRÄUMT<

Ein Riesentrichter bildet die Spielfläche für den Regisseur Stefan Bachmann. Abfallend, so dass dieses Sprachrohr auch als Rutsche verwendet werden kann. Max Frisch hat die Räume sehr präzise beschrieben. Bachmann reduziert diese zwölf unterschiedlichen Räume auf einen einzigen Ort.

Und dieser Raum hat es in sich: Die Steilheit des Trichters verlangt von den Schauspielerinnen und Schauspielern eine ausgezeichnete Körperbeherrschung, um den Anforderungen des Regisseurs zu genügen. Und diese sind hoch, sehr hoch sogar. Stefan Bachmann achtet darauf, dass jedes Wort verstanden werden kann. Die abstrakte Körpersprache, die oft absurde Gestik, die Mimik unterstreichen die starke Wirkung der Dichtung Frischs. Dazu kommt, dass trotz der scheinbar eingeschränkten Bewegungsfreiheit der Bühnenkünstler die Handlung aktiv und dramatisch dargestellt wird. Und diese Personenführung erst erlaubt die zwingende, moderne spannende Wiederauferstehung des selten gespielten Schauspiels von Max Frisch.

 

All dies zusammen mit der schauspielerischen Leistung des gesamten Bühnenteams und der ausgezeichneten Musiker auf der Vorbühne kann nur mit einem Ausdruck bezeichnet werden: GROSSARTIGES THEATER!

Die Bühne wurde von Olaf Altmann entworfen. Endlich wieder einmal ein Bühnenaufbau, welche auch dem Sprechtheater erlaubt, in einem grossen Raum gespielt zu werden, ohne dass die notwendige Sprachverständlichkeit und Intimität verloren geht. Die Tonmeister in Basel (Jan Fitschen und Timothy Ferns) haben es verstanden, diesen Forderungen trotz, oder gerade wegen, den Mikrophonen nachzukommen. Das Team Bachmann/Altmann hat schon in der Basler Inszenierung von “WILHELM TELL“ bewiesen, dass es möglich ist diese Anforderungen zu erfüllen.

Hervorragend ist auch die sehr spezielle Körpersprache, in welcher die Schauspielerinnen und Schauspieler von Sabina Perry geschult wurden. Auch Perry war schon in Schillers Tell verantwortlich für die Körperarbeit.

Die ausgezeichnet getroffenen Kostüme wurden von Esther Geremus gezeichnet. Erwähnenswert auch das Lichtdesign von Roland Edrich, welches für die dramatische Wirkung der Inszenierung unabdingbar ist.

Die Arbeit der Dramaturgin Barbara Sommer ist für die ganze Inszenierung wesentlich, wurde doch das szenische Konzept Frischs abgeändert. Zwingend auch die Idee, die letzten zwei Bilder als gesungene Moritat im Stile Brecht/Weill zu inszenieren. Wenn man/frau sich die Definition “Moritat“ anschaut ist dies sehr wohl nachvollziehbar:

>Die Moritat, auf Mordtat oder Moralität zurückgehend, ist eine schaurige Ballade und das Erzähllied des Bänkelsängers. Sie steht in starkem Zusammenhang mit dem Bänkelsang, welcher  sich im Rahmen einer szenischen Aufführung der Medien Text, Ton und Bild bedient. Im Bänkelsang wird das Publikum direkt angesprochen, meist gehen moralische Forderungen mit der Darbietung einher. (© Internet)<

Als Staatsanwalt war ein hervorragender Thiemo Strutzenberger zu sehen. Die drei Rollen von Elsa, einem Gendarmen und dem greisen Staatspräsidenten übernahm Barbara Horvath. Eine eindrucksvolle Coco, Inge und Hilde gab Linda Blümchen. Der Mörder wurde glaubhaft gespielt von Steffen Höld. In vier Rollen nämlich als: Mario, ein Gendarm, Frau Hofmeier und General auf der Bühne: Klaus Brömmelmeier. Einen Wärter, den Concierge, den Kommissar und den Studenten interpretierte Moritz von Treuenfels. Als Vater, Boy und Innenminister überzeugte Mario Fuchs. Julia Schröder erschien als Mutter; Fahrer und Direktor. Das ganze Team war während der Aufführung dauernd beschäftigt und liess beim Publikum keine Sekunde Langeweile aufkommen.

Die von Sven Kaiser geschrieben Musik unterstützte und verstärkte die angestrebte Dramatik des Schauspiels optimal. Die ausgezeichnete Musikerin und Musiker waren: An den Keyboards der Komponist und musikalische Leiter Sven Kaiser, an der E- Gitarre Michael Goldschmidt. Die Klarinette und Bassklarinette spielte Thomas Byka und an der Geige und E-Geige Eva Miribung.

> HAT MAN MICH GETRÄUMT<?

Als Berichterstatter kann ich nur abschliessend schreiben: So ist Sprechtheater im grossen Saal eine Augen- und Ohrenweide! Bravo Theater Basel und dem Koproduzenten Residenztheater München.

Der stürmische Applaus der Besucher und Besucherinnen bestätigen diese meine Auffassung nachdrücklich.

 

Peter Heuberger, 24.2.2020

Bilder © Birgit Hupfeld

 

 

JULIEN - ROT UND SCHWARZ

>SIE SEHEN DAS ALLES UND TUN NICHTS DAGEGEN. SIE BETEN UND SIND STILL<

Lukas Bärfuss nach Stendhal    Uraufführung/Auftragswerk Theater Basel

Regie: Nora Schlocker

Premiere: 16. Januar 2020

 

Lukas Bärfuss hat erstmals einen Klassiker der Weltliteratur dramatisiert. Sein Text folgt dem Roman von Stendhal >LE ROUGE ET LE NOIR< und bringt eine gelungene Interpretation der zwei Hauptthemen Stendhals, Kritik an der Gesellschaft und Kritik an der Heuchelei (Hypokrisie) auf die Bühne. Die Aktualität zur heutigen Zeit ist im Werk von Bärfuss klar zu erkennen, wird jedoch den Zuschauerinnen und Zuschauer unaufdringlich und mit viel Humor vorgesetzt. Dabei ist anzumerken, dass auch ohne vertiefte Kenntnis der napoleonischen Zeit die erzählte Geschichte verstanden wird.

Die Regisseurin Nora Schlocker hat es verstanden, den dichten Text von Bärfuss mit einem Team von herausragenden Schauspielerinnen und Schauspielern leichtfüssig und verständlich auf die Bühne zu bringen. Ihre Personenführung ist bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Ihre Liebe zum Detail in Gestik, Mimik und Körpersprache ist bei allen Protagonistinnen und Protagonisten in jeder Phase des dreistündigen Schauspiels zu erkennen. Man erkennt, dass das ganze Team jederzeit auf die Aktion, den Text reagiert und entsprechend agiert. Und dies ist grosse Regiekunst, gepaart mit der hervorragenden Professionalität aller Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne.

Die Musik, geschrieben und gespielt als Livemusik von Simon James Philipps, unterstreicht subtil die starke Wirkung des Textes, der Handlung, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Die Bühne, konstruiert von Jessica Rockstroh, erlaubt die vielen Szenenwechsel ohne Umbaupausen. Dies entspricht dem schnellen Fortschritt der Handlung und hält die Spannung während der gesamten drei Stunden aufrecht. So kommt nie Langweile auf und die Handlung wird nirgends unterbrochen und leidet, bis auf eine Ausnahme, nicht unter unnötigen Längen. Die Ausnahme betrifft die letzte Szene im Kerker, welche meines Erachtens einiger Kürzungen bedarf.

Die Kostüme, entworfen von Caroline Rössler Harper, gleichen sich dem Design des Bühnenhintergrundes an und unterstreichen die Andersartigkeit der Hochgeborenen, des Adels. Die Kostüme der nicht zum Adel gehörenden sind nicht diesem Hintergrund angepasst. Es sind dies: Der Brettsäger Vater Sorel, sein Sohne Julien Sorel und der Abbé. Julien immer in Schwarz, ausser wenn er sich anpassen will. Dann der Abbé, der Pfaffe in Soutane mit Frackschleppe und Vater Sorel in Zimmermannstracht.

Vincent zur Linden spielt den Julien, den Heuchler, auf eine Weise, welche ihm, obgleich er eigentlich ein Bösewicht ist, sein sollte, viel Sympathie einbringt. Seine Bühnenpräsenz ist hervorragend und man/frau spürt, trotz der Länge seines Auftrittes bis zum Ende keine Müdigkeit, kein Abflachen seiner Leistung. Bravo!

Julischka Eichel als Louise, Madame de Rênal, brilliert mit hervorragender Diktion. Sie versteht es auch laut zu flüstern, etwas was viele Schauspielerinnen und Schauspieler verlernt haben, dem Fernsehen sei Dank! Interessant auch ihre subtile Gestik, mit welcher Frau Eichel ihren Text verstärkt und untermalt, ihre Darstellung intensiviert.

Die beiden Rollen, Bürgermeister Monsieur de Rênal und Duc de Lardeur, finden beim Schauspieler Martin Butzke eine Interpretation, welche nur als hervorragend bezeichnet werden kann. Butzke spielt die beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten, den präpotenten, machtbesessenen Bürgermeister und den versnobten, gelangweilten Adligen so überzeugend, dass sich ganz kurz die Frage stellt: Ist dies der gleiche Schauspieler?

Holger Bülow überzeugt als Marquis und erweckt den Vater Sorel zum Leben. Sein Marquis ist einerseits eine Lachnummer, andererseits aber ein überzeugter Vertreter des Adels mit einer sehr einseitigen Betrachtungsweise der Klassenunterschiede, welche an die Herrenmenschen im dritten Reich erinnert. Der gesamte Adel bei Frau Schlocker ist teutonisch blond und hochgewachsen. Bülows Sorel dagegen ist eher unterwürfig, dienerisch. Er ist ja auch Geschäftsmann und will mit den reichen, adligen Grundbesitzern Geschäfte, gute Deals, machen.

Leonie Merlin Young spielt Mathilde, die Tochter des Marquis. Ihre Auftritte als leicht hysterische Adlige, gelangweilt und unausgefüllt überzeugen in jeder Hinsicht.

Weiter sind auf der Bühne zu sehen und in ihren Leistungen zu beachten: Sebastian Schulze als Vicomte de Courtenois, Friederike Wagner in den zwei Rollen Madame de Derville und Ferravaque sowie Germaine Sollberger als die Wäscherin Elisa. Festzuhalten ist, dass auch die kleineren Nebenrollen ausgezeichnet besetzt sind und in keiner Weise gegenüber den übrigen DarstellerInnen abfallen.

Das Auftragswerk, diese Uraufführung, markiert einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des Theater Basel! Danke Lukas Bärfuss!

Das zahlreich aufmarschierte Publikum belohnte die hervorragend gelungene Aufführung mit rauschendem Applaus.

 

Peter Heuberger, Basel

© Sandra Then

 

 

Robert Walser

DER GEHÜLFE   

Premiere: 13. Dezember 2019

 

Der Gehüfe ist eines der Schlüsselwerke von Robert Walser. Das Theater Basel hat es unternommen, den zum Teil autobiografischen Roman auf die Bühne zu bringen. Einen "einfachen Roman, der ja eigentlich gar kein Roman ist, sondern nur ein Auszug aus dem schweizerischen täglichen Leben", nannte Robert Walser sein zweites grosses Prosawerk, in dem er eigene Erfahrungen als Gehilfe niederschrieb.

Die Geschichte von Joseph Marti, (Robert Walser) spielt sich ab zwischen Stellenlosigkeit und erneuter Stellenlosigkeit. Dazwischen vollzieht sich der Untergang des kleinen Unternehmens Ingenieur Tobler. Die Dramatisierung eines so bekannten Romans ist immer eine heikle Angelegenheit. Die Inszenierung in Basel in der Dramaturgie von Carmen Bach und der Spielleitung von Anita Vulesica darf als sehr gelungen gelten.

Mario Fuchs spielt hervorragend Joseph Marti, den neuen Angestellten, Gehülfen, im Hause Tobler. Er zeichnet sich vor allem durch ihre große Sprunghaftigkeit aus. Nie findet Joseph ein konstantes Verhältnis zu sich selber und schon gar nicht zu den Bewohnern im Hause Toblers. Einerseits macht sich Marti Vorwürfe, weil er das strauchelnde Unternehmen des Erfinders beim besten Willen nicht retten kann, akzeptiert andererseits den Niedergang mit beispielloser Gleichgültigkeit. Das Ende des Spiels auf der Bühne ist typisch für Walser: Joseph Marti verlässt das Anwesen von Tobler und wendet sich einer berufslosen, ungewissen Zukunft zu.

Martin Hug ist Herr Tobler. Seine Sichtweise auf das Leben ist sehr bürgerlich und spiegelt klar den Emporkömmling in der Gesellschaft wieder. Er gibt sich gegenüber seinen Angestellten jovial, misshandelt dafür seine Tochter. Seine "Erfindungen" sind lächerlich und der Ruin des Unternehmers Tobler ist nicht abzuwenden. Dies weiss Tobler sehr wohl. Er ertränkt dieses sein Wissen im CHABLIS, Unmengen von Chablis!

Frau Tobler, den Part gibt Friederike Wagner, spielt mit grossem Können die oberflächliche, egozentrische Frau, noch "nouveau riche" ohne grössere Sorgen als Kleider und Genuss. Sie liebt ihre Tochter nicht, "Liebe kann nicht befohlen werden", sie wolle es versuchen, zweifle aber am Erfolg. Wir werden wohl umziehen, in die Stadt, in eine gute Wohnlage, aber günstigere Wohnung, dies ihr Fazit zur absehbaren Pleite ihres Mannes.

Der Vorgänger Martis, der Gehülfe Wirsich, eigentlich hätte er die Firma schon lange verlassen müssen, wird gespielt von Pascal Goffin. Er ist eine eigentlich tragische Figur und diese Tragik wird durch Goffins Interpretation enorm verstärkt. Wirsich ist ein Hans-Dampf in allen Gassen, weiss Bescheid im Finanzwesen und in der Werbung. All dies half nicht, den vorhersehbaren Ruin der Firma abzuwenden. Nach einem Streit mit seinem Chef wird er entlassen, will aber nicht gehen, schuldet ihm doch Tobler noch Geld, welches nicht vorhanden ist.

Katharina Marianne Schmidt, Mitglied des Schauspielstudios Basel, spielt mit viel Elan, die Tochter Silvi. Ihre Wutausbrüche, ihre Angst vor dem Vater, ihre Abneigung gegen ihre Mutter werden von der jungen Schauspielerin glaubhaft gespielt. Vielleicht ist die eine oder andere Szene ein bisschen zu plakativ, zu wenig subtil. Dies ist der Personenführung der Regisseurin zuzuschreiben, eine Spielanleitung welche aber im Grossen und Ganzen überzeugt.

Friederike Bernhardt in der Rolle der Dora wirkt unscheinbar und unnahbar, dem Rollenansatz entsprechend. Frau Bernhardt hat auch die Musik geschrieben und spielt diese live auf der Bühne. Der Einsatz ihrer Musik in Walsers Werk verstärkt den starken Eindruck dieser Dramatisierung und ist in der Regie von Anita Vulesica unverzichtbar. Am stärksten wirken die Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn einfach Walsers Text ohne viel Aktion zum Einsatz kommt. Beim Klamauk, so wichtig er für die Charakterisierung des Hauses Toblers ist, wäre ein bisschen Weniger vielleicht Mehr gewesen.

Die Bühne wurde von Henrike Engel gezeichnet. Die Kostümentwürfe stammen von Janina Brinkmann. Für die Choreografie verantwortlich Mirjam Klebel und das Licht kreierte Cornelius Hunziker. Ganz stark ist der Abgang aus dem Hause Tobler von Joseph Marti (Mario Fuchs) in die Arbeitslosigkeit!

Der würdige Abschluss einer gelungenen Inszenierung! Dem ganzen Team auf und hinter der Bühne ein grosses: Bravi!

Das recht junge Publikum belohnte die reife Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne mit lautstarkem Applaus. Dieser Applaus galt auch dem gesamten Team, welches für diese mutige Produktion verantwortlich ist.

 

Peter Heuberger

Fotos © Birgit Hupfeld

 

 

 

Pedro Calderon de la Barca

DER STANDHAFTE PRINZ    

Die Basler Inszenierung: Eine echte Ausgrabung, ein Meilenstein im modernen Theater!

Ein unglaublich dichter Text, eine komplex inszenierte Handlung auf verschiedenen Zeitebenen, interpretiert von sieben Schauspielern und Schauspielerinnen. Das Resultat: Pedro Calderons "DER STANDHAFTE PRINZ" auf der Bühne des Schauspielhauses in Basel.  Calderon ist hierzulande vor allem bekannt für sein Werk "DAS GROSSE WELTTHEATER" und "DAS LEBEN EIN TRAUM".

Der Originaltext Calderons wurde ins Polnische übersetzt (Julius Slowacki). Das polnische Team unter dem Spielleiter Michael Borczuch, welches für die Inszenierung verantwortlich ist, spielt das Werk in der Textfassung des Dramaturgen Tomasz Spiewak. (Deutsche Übersetzung für das Theater Basel: Susanne Lange)

Die moderne Fassung erleichtert das Verständnis der recht verschachtelten Handlung ohne Vorbereitung keineswegs. Die alten, seit langem nicht mehr gebräuchlichen, drei aristotelischen Einheiten von Zeit, Handlung und Ort wurden, obgleich bei Calderon vorhanden, in der Basler Inszenierung durchbrochen, dramaturgisch schlüssig durchbrochen.

Dazu der Regisseur: Üblicherweise arbeiten wir mit moderneren Stoffen oder schreiben neue, eigene Texte für unsere Theaterprojekte. Aber diesmal suchte ich bewusst einen älteren Theatertext, der sich sprachlich von zeitgenössischen Stücken als auch ganz grundsätzlich von der Idee eines zeitgenössischen Theaters unterscheidet.

Der Konflikt zwischen den Religionen Christentum und Islam, beide monotheistisch, beide missionierend, ist auch heute aktueller de je und ein politisch brisantes Thema. Viele Kriege basieren auf den Machtansprüchen der beiden Religionen. Diese bewaffneten Konflikte erzeugen in zunehmendem Masse die Flüchtlingsströme.

Sehr eindrücklich ist die Doppelbesetzung der beiden Rollen Muley und Phönix: Sie demonstriert in herausragender Weise die Schwierigkeit der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kulturen:
Holger Bülow als Muley deutscher Zunge und Jan Dravel als sein polnisches Pendant,
Dominika Biernat in fremder Sprache und Leonie Merlin Young als deutsch sprechende Phönix.

Die Grundidee des Produktionsteams (Michael Borczuch, Dorota Nawrot, Bartosz Dziadosz, Wojciech Sobolewski und Jacqueline Sobiszewski und Thoams Spiewak) ist klar ersichtlich: Was wäre wenn, Europäer flüchten, nach Afrika emigrieren müssten?

Dies wird in einem Video dargestellt. Dieses Video, ungefähr 16 Minuten lang ist bildet den Einstieg in das Geschehen. Hier stellt sich für mich die Frage: Wieso ein Video? Die Befragung der Flüchtlinge kann genauso gut, dem Sprechtheater, entsprechend live auf der Bühne gespielt werden. Der Zuschauer, die Zuschauerin sitzt ja in einem Theatersaal und nicht im Kino.

Die zusätzliche Frage dazu, gestellt von Regisseur Borczuch: Für was bist du, sind wir bereit, unser Leben zu geben?

Ausser für sehr nahestehende Menschen sein Leben zu geben, wurde in Improvisationen zu dieser Frage mit Schauspieler_Innen kein Konzept, keine Idee gefunden, für die man/frau sein/ihr Leben geben würde. Dies wird im Laufe der Aufführung im Video gezeigt. In diesem Fall dramaturgisch richtig und im Kontext schlüssig.

Der Regisseur sucht, nach seinen eigenen Worten, auf der Bühne keine Bilder, welche die Handlung illustrieren oder dem Publikum helfen, der Handlung zu folgen. Er versucht, dies durch die Interaktionen zwischen seinen Protagonisten_Innen darzustellen. Dieser Inszenierungsart zu folgen, sie zu verstehen, sich im Handlungsstrang der zu erzählenden Geschichte zurecht zu finden, ist nicht einfach.

Es bedingt ein aufgeschlossenes, interessiertes Publikum und dies in einer genussorientierten, sich selbst inszenierenden Gesellschaft. Dies aber, das Aufrütteln der Gesellschaft, das Aufbrechen sozialer Strukturen zu mehr Humanität, ist eine Aufgabe des modernen Theaters, sei es auf der Sprechbühne oder im Musiktheater. Und dies wird in Basel mit dem standhaften Prinz in beispielhafter Weise versucht.

Als Don Fernando steht Jonas Anders auf der Bühne, Simon Kirsch spielt den Part des Don Enrique und den Maurenkönig gibt Maik Solbach.

Das Premierenpublikum, sehr heterogen gemischt, belohnte die Künstler auf und hinter der Bühne mit dem verdienten Applaus.

 

Peter Heuberger, Basel

Fotos © Priska Kettere

 

 

Àgota Kristòf

DAS GROSSE HEFT

Premiere 20.9.2019

 

Umberto Eco hat zum Film "DER NAME DER ROSE" bemerkt, dass Jean-Jacques Annaud ein neues Werk geschaffen habe, welches sich vom Buch unterscheide, dem gedruckten Text aber ebenbürtig sei.

Ähnlich kann, muss die Dramatisierung der literarischen Vorlage "DAS GROSSE HEFT", der Debut-Roman von Àgota Kristòf , beurteilt werden. Ob diese Produktion des Basler Theaters dem Buch ebenbürtig ist, ob die Intentionen der Autorin glaubhaft dargestellt sind, muss von jeder Zuschauerin, von jedem Zuschauer selbst beurteilt werden.

Der sehr dichte Text, komplex in der Aussage und dramatisch in der Wirkung, ist nicht einfach nachzuvollziehen. Der Regisseur Tilman Köhler hat auf eine bühnentechnisch aufwendige Inszenierung verzichtet. Seine Schwerpunkte sind Personenführung und Textverständlichkeit. Er legt grossen Wert auf die sprachlich-mimische Interpretation der Rollen durch seine SchauspielerInnen auf der Bühne.
Die Spielfläche in Basel, entworfen von Karoly Risz, beschränkt sich auf eine schräge Ebene. Dieser relativ steile Bühnenaufbau verlangt von den Schauspielerinnen und Schauspielern eine physische Arbeit, welche bewundernswert ist.

Auf dieser Fläche stellen die DarstellerInnen alle Rollen des Schauspiels dar und dies ohne Kostümwechsel, nur mit wenigen Requisiten.
Die unterschiedlichen Personen werden praktisch nur mit Sprache und Gestik, mit Mimik und Körpersprache dargestellt. Eigentlich kommt das ganze Schauspiel wie ein bebildertes Hörbuch daher, eine Darstellungsart, welche in Basel schon in Köhlers Inszenierung "DIE SCHWARZE SPINNE" von Jeremias Gotthelf zu sehen war.
Bei einem wortgewaltigen Werk, wie von Kristòf geschrieben, ist dies gar nicht so abwegig, wird doch man/frau nicht durch aufwendige bühnentechnische Effekte vom Inhalt abgelenkt.

Auch überzeugt die musikalische Komponente, komponiert von Jörg-Martin Wagner, auf zwei Klavieren vorgetragen von Marianna Angel und Amador Buda Fuentes Manzor.

Die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler: Inga Eickemeier, Urs Peter Halter, Anica Happich, Martin Hug, Vincent zur Linden und Friederike Wagner.
Ihre Diktion, die klare Trennung der einzelnen Rollen durch Sprache, Gestik, Mimik und Körpersprache kann nur als hervorragend bezeichnet werden. So trägt die gute Personenführung Köhlers, gepaart mit Spitzenkräften im künstlerischen Team zum Verständnis dieses Bühnenwerkes bei.

Die Kostüme, entworfen von Susanne Uhl, ebenso wie die Lichtführung von Andreas Rehfeld unterstreichen die Stringenz der Inszenierung.

Eine spezielle Erwähnung bedarf die Arbeit der Dramaturgin Sabine Egli. Ihre Einblicke in das komplexe Werk von Àgota Kristòf und ihre dramaturgische Interpretation verhelfen den komplexen Zusammenhängen zu besserem Verständnis.

Das zahlreich erschienene Publikum verdankte die reife Leistung des gesamten Teams mit dem verdienten, langanhaltenden Applaus.

 

Peter Heuberger, Basel

Fotos © Sandra Then

 

 

 

Friedrich Dürrenmatt

DAS VERSPRECHEN

Premiere: 16. November 2018 

Besuchte Vorstellung: 22. November 201

Requiem auf den Kriminalroman

Was verspricht ein Abend mit Dürrenmatts Versprechen? Gähnende Langeweile oder ein spannendes Erlebnis - das ist hier die Frage? Nach dem Film Es geschah am hellichten Tag  mit einem Staraufgebot wie Heinz Rühmann, Gerd Fröbe, Siegfried Lowitz und vielen anderen ist diese Frage durchaus berechtigt.

Die Antwort jedoch ist schnell gegeben: Die Regiearbeit von Nora Schlocker ist absolute Spitze. Die Regisseurin schafft es, den Roman auf der Bühne lebendig zu machen, das Werk Dürrenmatts zwingend zu visualisieren und die Geschichte verständlich zu erzählen. Ihre Sichtweise auf die Problematik der Gewalt, ob gegen Kinderoder die Gewalt der Polizei, aber auch die Ohnmacht der Justiz gegenüber ebendieser Gewalt, wird vom gesamten Team überzeugend interpretiert.

Diese Personenführung hat es in sich: Neben den Schauspielern des Theater Basel tummeln sich auf der Bühne auch Mitglieder der Basler Mädchenkantorei und der Basler Knabenkantorei. Diese sind nicht nur Statisten, sondern wesentlich Mitspieler im ganzen Stück. Beide Chöre sind auch für die gesamte Musik verantwortlich. Sie singen, respektive vokalisieren live und als Einspielung den Soundtrack zum Versprechen. Dies tun sie mit einer bewundernswerten Professionalität. Die Musik wurde von Marcel Blatti geschrieben. Die Einstudierung der Mädchenkantorei besorgte Marina Niedel und Oliver Rudin jene der Knabenkantorei.

Warum die permanente Anwesenheit der Kinder auf der Bühne? Dazu die Regisseurin: Ich hatte von Anfang an eine grosse Sehnsucht, mit dem Stoff unmittelbar, schrankenlos die Zuschauer zu tangieren, zu berühren. Und den Fokus auf die Angst zu legen. Da war klar, dass wir, damit die Fallhöhe des Abends stimmt, echte Kinder auf der Bühne brauchen. Was ist, wenn in einem Wimmelbild von zwanzig Kindern auf dem Spielplatz mein eigenes plötzlich fehlt?
Dann haben wir die Dimension der Kinder noch insofern erweitert, als wir uns für eine Zusammenarbeit mit der Mädchen- und Knabenkantorei Basel entschieden haben. Einerseits, um dadurch eine wundervoll komplexe musikalische Ebene schaffen zu können – die Kinder tragen diesen Abend musikalisch allein. Zudem steht ihr Klang aber auch für die Stimme der Kinder im Allgemeinen, das heisst, immer wenn wir die Musik hören, haben wir auf eine Art auch den Blick der Kinder auf das Geschehen, ihre Perspektive, ihre Zeugenschaft mit dabei.

Für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet Marie Roth. Bühnentechnisch stellt sich für die Frage, ob die Glasscheiben wirklich nötig sind. Diese bedingen nämlich wiederum den Einsatz von Mikrophonen. Gab es keine andere Möglichkeit die Ideen der Regisseurin zu verwirklichen?

Da sehr viele Szenen vor der Bühnentrennung spielen, fällt der qualitative Unterschied in der sprachlich schauspielerischen Leistung der ProtagonistInnen auf. Die Subtilität der Expression geht über die Mikroportanlage zu einem grossen Teil verloren. Dazu kommt, dass die Ortung des Schauspielers nicht mehr möglich ist. Alles kommt aus einem fest montiertem Lautsprecher.

Eine kurze Szene ist für dieses Phänomen typisch: Matthäi und Ursula unterhalten sich extrem links auf der Bühne, ihr Gespräch jedoch kommt hoch oben aus der Mitte. Das stört. Für mich ist es wichtig, dass der optische Eindruck mit der akustischen Ortung übereinstimmt, nicht nur im Sprechtheater! Wobei ich betonen muss, dass Frau Schlocker den Einsatz der Mikrophone auf das durch den Bühnenaufbau bedingte Minimum beschränkt hatte,

Ein Höhepunkt des Abends war der Abschluss, die Auflösung des Requiems, hervorragend gespielt von Carina Braunschmidt; hr Monolog gehört zum  Besten, was ich in letzter Zeit im Sprechtheater erleben konnte. Dazu kommt, dass Frau Braunschmidt neben dieser Rolle noch vier andere Parts spielt: Gritlis Mutter, die Lehrerin, eine Reinigungsfachkraft und Frau Heller.
Eine spezielle Erwähnung verdienen die Kinderrollen Das ermordete Gritli wird gespielt von Ellen Reichen. Diese Rolle verlangt eine grosse Körperbeherrschung. Ellen meisterte diese Schwierigkeit hervorragend. Die Partie der Ursula, als Anführerin und Gritlis beste Freundin, gab Muriel Becher.

Hervorragend die kindliche Schauspielkunst von Annemarie, Frau Hellers Tochter. Auf der Bühne zu sehen war Livia Jost. Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Sprache und ihr Verständnis für die Dramaturgie können nur als professionell bezeichnet werden. Frau Schlockers Personenführung dieser Rolle, der Rolle des Köders für den Mörder, gehört in die absolute Spitzenklasse.

Michael Wächter als Kommissär Matthäi interpretiert seine Rolle extrem introvertiert und eher diskret, aber sehr intensiv, mit viel Emotion und Körpereinsatz.
Als Kommandantin der Kapo Zürich sehen wir Cathrin Störmer mit hervorragender Diktion, einer Sprachverständlichkeit welche im modernen Sprechtheater leider nicht mehr immer zu finden ist. Etwas farblos erscheint Urs Jucker als Wachtmeister Henzi in seinem ersten Kriminalfall.

Diese Farblosigkeit besser Unsicherheit muss man dem auf der Bühne starken Eindruck der Polizeikommandantin und des Kommissars Mathei zuschreiben. Dies wiederum bedeutet, dass Jucker den Henzi richtig interpretiert. Überzeugend spielt Steffen Höld den Hausierer von Gunten; seine Reaktion auf das zwanzigstündige Verhör ohne Anwalt, das aus der Hilflosigkeit entstandenes Geständnis und sein Selbstmord wirken politisch doch sehr aktuell.
Erwähnensert noch die ausgezeichnete Dramaturgie von Carmen Bach und das Lichtdesign von Cornelius Hunziker. Das zahlreich erschienene, zum grossen Teil junge Publikum, sorgte für ein fast ausverkauftes Schauspielhaus. Alle bedankten sich für die tolle Leistung des gesamten Teams mit langanhaltendem, stürmischem Applaus. Ein mehr als gelungender Abend.

Peter Heuberger Basel

Fotos © Sandra Then

 

Unser OPERNFREUND Filmtipp dazu

 

Eine wirkliche High-End Besetzung bieten beide Filme - wobei mir persönlich die aktuellere (Farbe) Version von Sean Penn aus dem Jahre 2001 auch sehr gut gefällt. Wer Dürrenmatt mag, sollte sich unbedingt beide Filme anschauen.           P.B.

 

 

Othello X

Uraufführung Premiere 26. Oktober 2018

 

 

Othello X ist ein Auftragswerk, welches der Regisseur Nuran David Calis für das Theater Basel schrieb. Dramaturgie und Handlung lehnen sich stark an das Original an. Seine Personen haben dieselben Namen wie bei Shakespeare. Der neu verfasste Text jedoch trägt die Shakespearsche Handlung nur zu einem Teil. Zu gesucht, künstlich ist die Sprache, welche der Strassensprache von heute angepasst sein soll. Im Original ist gerade Othello eigentlich ein einfacher, gradliniger Mensch, welcher als das was er ist, akzeptiert werden möchte: Sprecht von mir, wie ich bin, verkleinert nichts, noch setzt in Bosheit zu. Dann müsst Ihr melden von einem, der nicht klug, doch zu sehr liebte, Nicht leicht argwöhnte, doch einmal erregt….

Dazu kommt, dass die Ausgrenzung Othellos, seine Stigmatisierung mit einer Maske (Gigers Aliens lassen grüssen) aufgepfropft wirkt. Die Regie begründet dies mit dem fehlenden, schwarzen Schauspieler. Auch die Beschriftung Othellos im Prolog mit rassistischen Ausdrücken ändert nichts.

So vordergründig, so primitiv ist der Rassismus nur auf der Strasse. Wenn die Regie Rassismus anprangern will, dann muss dies subtiler geschehen. Keine Zuschauerin, kein Zuschauer wird sich so betroffen fühlen. Diese vordergründige, primitive Zurschaustellung von Ausgrenzung geschieht nur in der anonymen Masse, am Stammtisch unter seinesgleichen, im sozio-ökonomischen Bereich der unterprivilegierten, bildungsfernen Schichten. Wobei anzumerken ist, dass die unterschwellige Art der Beeinflussung durch Jago im Text hervorragend zum Ausdruck kommt. Gesamthaft gesehen habe ich das Gefühl, dass dieselbe Inszenierung mit dem Originaltext wirkungsvoller gewesen wäre, sofern Othello anders präsentiert wird.

Die Interpretation Othellos durch Simon Zagermann ist innerhalb dieser Inszenierung hervorragend. Leider geht viele seiner Emotionen durch die erwähnte Maske verloren. Thiemo Strutzenberger spielt den perfiden Jago mit Bravour, seine bösartigen Einflüsterungen, seine Verleumdungen überzeugen über weite Strecken. Liliane Amuat interpretiert stringent und wortgewaltig die sehr selbstbewusste Desdemona.

Ihre Zuneigung, ihre Liebe zu Othello jedoch ist allgegenwärtig.
Die Rolle der Emilia, gegeben von Pia Händler wirkt in dieser Inszenierung nebensächlich, obgleich von Händler sehr gut dargeboten. Dasselbe gilt für Cassio, auf der Bühne sahen wir Florian Jahr. Als Bianca, bei Calis eine Reporterin, überzeugte Steffi Friis ebenso wie Urs Peter Halter als Rodrigo. Den Senator gab Thomas Reisinger.
Es ist im gesamten gesehen schwierig, die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler abschliessend zu beurteilen. Jeder der Darsteller, jeder Darstellerin wurde, anscheinend einem modernen Trend folgend, verstärkt, das heisst der gesamte Text war über Lautsprecher zu hören. Dies ist dramaturgisch unnötig und verunmöglicht stark die Beurteilung der darstellerischen Leistung. Gute SchauspielerInnen, und in Basel haben wir hervorragende Künstler, können laut flüstern und leise schreien, sind nicht auf Mikrophone angewiesen. Die Scheiben im Direktionsbüro und im Othello-Kasten haben dramaturgische keinen Sinn und sind daher unnötig, erzwingen aber den Einsatz von Mikrophonen. Diese sollten nur eingesetzt werden, wenn dies innerhalb der Handlung Sinn macht, so zum Beispiel im Musical/ in der Operette bei Gesangseinlagen!

Gesamthaft gesehen hinterlässt Othello X einen zwiespältigen Eindruck: Die schauspielerische Leistung ist sehr gut, mit der obenerwähnten Einschränkung. Regie und Personenführung lassen einige Wünsche offen. Die Sichtweise des Regisseurs auf das Werk wird nicht von Dauer sein. Wenn ein Regisseur seine Ideen, aus welchen Gründen auch immer, nicht verwirklichen kann, wäre es mutiger, den Auftrag zurückzugeben.

Das Premierenpublikum belohnte diese Uraufführung mit verdientem Applaus, dies vor allem für die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne.

Bilder (c) Theater Basel

Peter Heuberger 28.10.2018

 

 

 

DER MENSCH ERSCHEINT IM HOLOZÄN

Premiere am 27.9.2018

 

Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin

 

Mit leisen Tönen, subtil und emotional, erzählt Thom Luz, Hausregisseur am Theater Basel, die Geschichte von Herr Geiser. Die Novelle Der Mensch erscheint im Holozän  schrieb Max Frisch im Jahr 1979. Luz visualisiert das Werk hervorragend und erzählt die Geschichte, wie schon in seiner Arbeit Inferno nach Dante Alighieri, allgemein verständlich. Seine Regie imponiert durch klare Personenführung ohne von den ProtagonistInnen auf der Bühne unnötigen Hochdruck zu verlangen.

Dazu integriert Thom Luz, zusammen mit dem musikalischen Leiter Mathias Weibel, Musik gekonnt, ohne dass der Handlungsfluss gestört wird. Im Gegenteil, die gewählte Musik unterstützt, ja verstärkt optisch/akustisch, die Dramaturgie. Die Bühne wurde von Wolfgang Menardi und Thom Luz entworfen. Für die hervorragende Lichtführung zeichnen Matthias Vogel und Tobias Voegelin verantwortlich. Die Kostüme kreiert hat Sophie Leypold.

Max Frisch: Katastrophen kennt der allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophe. Herr Geisers Naturkatastrophe. Erst einmal ist das eine ganz einfache, gerade Geschichte. Denkbar gelassen und unaufwendig erzählt, fast nur skizziert mit knappsten Konturen, doch reich im Detail: Die Geschichte von den letzten Tagen, den letzten Handlungen, Überlegungen, Flucht- und Rückzugsbewegungen eines einsamen alten Mannes, der das nahende Ende ahnt und nicht ahnen will.

Der 74-jährige Witwer Geiser sitzt in einem Tessiner Bergdorf fest. Geiser vermutet, sieht Vorzeichen von Naturkatastrophen, Sintflut, Weltuntergang. Geiser sitzt nicht wirklich fest, er unternimmt einen waghalsigen Ausflug ins andere Tal und kommt zurück. Er bildet sich die Naturkatastrophe nur als Möglichkeit ein. Auskünfte im Dorf sind widersprüchlich, einige behaupten, es sei gar kein Hang gerutscht. Was stimmt? Wie so vieles, bleibt auch dies offen. Dazu muss man feststellen: Geiser bleibt, da er nicht im Dorf geboren, ein Aussenseiter, auch wenn er schon jahrelang hier lebt.
Herr Geiser wird hervorragend gespielt von Ulrich Matthes. Als die verstorbene Frau von Geiser erscheint Judith Hofmann. Franziska Machens verkörpert die abwesende Tochter Corinne. Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiss, wird von Leonhard Dering gegeben. Als deutscher Sonnenforscher steht Wolfgang Menardi auf der Bühne. Menardi, Hofmann und Dering führen als Kommentatoren durch das Werk und dienen so als roter Faden.

Ein spezieller Applaus gehört dem Musiker und Sänger Daniele Pintaudi, welcher als Armand Schulthess seine speziellen Kommentare abgibt, dazu singt er und spielt. im Duett mit dem Sonnenforscher und zweiten Klavierspieler, Wolfgang Menardi, Klavier
Ein Höhepunkt in der Regie ist meiner Meinung nach die Schlussszene: Herr Geiser verliert sein Gedächtnis und seine Erinnerungen immer mehr. Luz visualisiert dies mit dem Fallen von verschiedenen Tüllvorhängen, so dass Geiser immer unschärfer, weniger sichtbar wird. Zuletzt fäll der schwarze, dann der Hauptvorhang. Ende!
Der Applaus, der mehr als verdiente Applaus bleibt fast eine Minute aus, so ergriffen sind die zahlreich erschienen Premieren-BesucherInnen! Der stürmische Beifall, die Bravi Rufe, folgen und sind fast endlos! Der Besuch dieser Produktion des Theater Basel lohnt sich, wie immer!

Peter Heuberger 30.9.2018

Bilder (c) Sandra Then


Musiknachweise für diese Produktion:

Ludwig van Beethoven       Symphonie Nr. 6 Pastorale für 2 Klaviere arr. Singer
Bela Bartok                          Aus >Mikrokosmos IV Nr.144< Thema und Umkehrung
Tessiner Volkslieder            O cielo cielo / La bella vita va al fosso / Girumetta
Josquin des Préz                  Aus >Missa Pange Lingua< Sanctus / Pleni sunt Coeli
Jakob Arcadelt                     Dormendo un giorno
Johan Sebastian Bach          >Kunst der Fuge< 14a Canon in Hypodiates Canon zu sieben Stimmen     

 

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