Kontraste, Spannungsfelder schroffer Gegensätze gehören seit ihrem Bestehen zur DNA der Ruhrtriennale. Beginnend vor 24 Jahren unter ihrem Gründungsintendanten Gerard Mortier bis hin zum derzeitigen Leiter Ivo Van Hove, auch wenn sich die Schwerpunkte und Formate im Laufe der Zeit verändert haben. Neuinterpretationen großer, oft sperriger Opern und Schauspiele, die früher für markante Höhepunkte sorgten, weichen immer stärker Revue-artigen, neu geschaffenen Kreationen mit starken Verbindungen zur Pop- und Rock-Kultur.
Als „Kreation“ dürfte auch Lisaboa Houbrechts musiktheatralische Version von Hermann Hesses Roman Siddhartha verstanden werden, die in ihrer spirituell-esoterischen Abgehobenheit einen starken Kontrast zur weniger Tage später gezeigten Tanz-Produktion „As we are“ mit ihrer erdverbundenen Energie und Vitalität bildet. Hesses 1922 erschienener Roman über die Suche Siddharthas nach Erleuchtung und Vollendung hat vor allem in den 70er-Jahren Kult-Status erzielt. Verbunden mit einer großen Sehnsucht jüngerer Menschen nach indischen Heilslehren.
Von einer Indien-Reise ließ sich auch die 34-jährige belgische Autorin und Regisseurin Lisaboa Houbrechts inspirieren. Und zwar in der Zeit, in der in Europa, anders als in Indien, der Lockdown das Leben zum Stillstand brachte. Entstanden ist eine 100-minütige Performance, die Hesses Roman mit einem stark feministisch-queeren Hauch überzieht.

Bei Lisa Houbrechts gehört zum Erkenntnisprozess die Entdeckung der eigenen geschlechtlichen Identität. Die bei ihr weibliche Siddhartha ist auserwählt, ihre Gemeinschaft anzuführen, fühlt sich aber nicht als Mädchen. Die Kurtisane Kamala konfrontiert sie zwar mit heterosexuellen Vorstellungen einschließlich eines ausgeprägten Kinderwunschs, kann Siddhartha damit jedoch nicht zufriedenstellen. Siddhartha verlässt die Stadt und versucht ihr Leiden in den „Tiefsten Tiefen“ zu stillen. Dabei begegnet sie an einem Fluss dem Fährmann Vasudeva, der alles Wissen in sich vereint. Siddhartha akzeptiert ihr „Leid und wird ihr eigener Buddha“, wie es im Programmheft heißt.
Ungeachtet des großen Aufwands, mit dem die Kreation in der mächtigen Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck uraufgeführt wurde und trotz der intensiven Beschäftigung der Autorin und Regisseurin mit dem Stoff, zog sich die 100-minütige Performance recht zäh und gedanklich auch recht abgehoben dahin. Trotz des Einsatzes der Sufi-Sängerin Ustadma Zila Khan in der Rolle des Buddha, der androgynen Stimme des Sopranisten Samuel Mariño und der glockenhellen Stimme der Sopranistin Claron MacFadden, die allerdings nur kurz ins Rampenlicht treten durften. Und auch der Lettische Rundfunkchor war mit der Beschränkung auf harmonisch surreal angehauchten Akkorden im Zeitlupenmodus nicht gerade ausgelastet. So wie sich die Musikkulisse der Komponistin Caroline Shaw insgesamt sehr zurückhielt.

Starke darstellerische Akzente setzten dagegen charismatische Protagonistinnen wie die belgische Songwriterin Meskerem Mees in der Titelrolle und die Tänzerin Milēna Miškēvičwa als Kamala.
Die breite, in der Mitte leere Spielfläche der Maschinenhalle säumten links ein imposanter Treppenaufgang und rechts ein Hang mit beträchtlicher Rutsch- und Absturzgefahr. Die Anfertigung der von Sammy Van den Heuvel kreierten Kulissen dürfte mit großem Aufwand verbunden sein. Der optische Eindruck blieb dennoch bescheiden.
Nach Lisaboa Houbrechts asketischer Reise ins indische Nirwana gaben in der letzten Tanz-Produktion der Saison afrikanisch gefärbte Klänge den Ton an. Und zwar ebenso sensible wie vitale. Unter dem Titel As we are wurden zwei etwa halbstündige Choreografien von unterschiedlicher, aber stets erdverbundener Machart gezeigt. Im ersten Teil beeindruckte Germaine Acogny, die mittlerweile 82-jährige, eng mit dem Pina Bausch Theater verbundene Ikone des afrikanischen Tanzes, mit einer von großer Zärtlichkeit und innerer Ruhe erfüllten Solo-Performance, in der sie an die Menschenrechtlerin und Künstlerin Josephine Baker erinnerte. Josephine, so der Titel ihrer Darbietung, wirkte wie eine abgeklärte Erinnerung an die bedeutende Künstlerin, die so viel für das Selbstbewusstsein und die Rechte schwarzer Menschen getan hat, auch wenn man sie vielfach immer noch auf ihren berühmt-berüchtigten Bananen-Tanz reduziert. Germaine Acogny kopierte die Baker in keiner Sequenz, spielte aber dezent mit typischen Gesten, Bewegungselementen und Requisiten der Ikone – und augenzwinkernd auch mit einer Banane. So einfühlsam, dass das Vorbild zwar erkennbar blieb, „Mama Germaine“, wie sie respektvoll von ihren Schülern genannt wird, jedoch ihre eigene Persönlichkeit nie verbog.

Mit ihrer ungebrochen starken Körperspannung gelang der Tänzerin ein ebenso anrührender wie intensiver Einblick in die Seelen- und Gefühlswelt einer großen Künstlerin.
Vier Mitglieder ihrer im Senegal gegründeten École des Sables (Schule des Säbels) vereinigten sich anschließend mit acht Tänzerinnen und Tänzern des von Gregory Maqoma geleiteten Vuyani Dance Theatres aus Südafrika und entfachten einen Hexenkessel an geballter Energie und Lebensfreude. Zu einem mächtig anwachsenden Trommelgewitter des Komponisten Yogin Sullaphen verschmolzen Elemente des zeitgenössischen Tanzes mit Einflüssen afrikanischer Bantu-Tänze mit ihren kraftvollen Hüftbewegungen und stampfenden, erdigen Rhythmen. Trotz aller Vitalität durchzog die quasi atem- und pausenlos pulsierende Kreation eine spirituelle Intensität, die zu überwältigenden Höhepunkten führte.

Am 20. September geht die dreijährige Intendanz von Ivo Van Hove zu Ende. Eine Periode mit etlichen sehenswerten Produktionen. Allerdings mehr in den Nischen der Tanz- und Konzertbeiträge, weniger in den zentralen Musiktheater-Produktionen. Deren Anlehnung an Pop-Stars wie PJ Harvey, Frank Sinatra oder David Bowie führte nicht immer zu überzeugenden Ergebnissen.
Man darf gespannt sein, wie sich die Ruhrtriennale in den nächsten drei Jahren unter der Leitung der amerikanischen Regisseurin Lydia Steier entwickeln wird.
Pedro Obiera, 17. September 2026
Siddhartha
Konzept und Regie: Lisboa Houbrechts
Uraufführung
Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck
Premiere: 10. September 2026
Yes we are
Choreografie: Germaine Acogny und Gregory Maqoma
Europäische Erstaufführung
Gebläsehalle Landschaftspark Duisburg Nord
Premiere: 16. September 2026