Ruhrtriennale: „Rebel Rebel“, Ivo Van Hove / „Emily – No Prisoner Be“, Kevin Puts / „RI TE“, Marlene Monteiro Freitas und Israel Galván

Die Tage, in denen die Ruhrtriennale mit extrem aufwändigen und entsprechend selten zu sehenden Werken des modernen Musiktheaters nachhaltige Akzente setzte, sind vorbei. Gedacht sei etwa an Messiaens Saint François d’Assise 2003 unter dem ersten Intendanten Gerard Mortier oder unter seinen ebenfalls musikaffinen Nachfolgern Jürgen Flimm, Willy Decker und Heiner Goebbels mit Meilensteinen wie Schönbergs Moses und Aron, Zimmermanns Die Soldaten, Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern oder, knallhart in altgriechischer Sprache ohne Übertitel, Carl Orffs Prometheus. Die letzten vier Leiter bzw. Leiterinnen, also Johan Simons, Stefanie Carp, Barbara Frey und jetzt Ivo von Hove suchten dagegen, mehr oder weniger erfolgreich, ihr Glück in gattungsüberschreitenden Kreationen.

Ivo Van Hove setzte bei seinen Eröffnungsproduktionen auf Stars, die sich jeweils einer Kultfigur aus dem Pop- oder Rockbereich widmeten und Song-Folgen mit locker ummantelten Handlungen präsentierten. Das gelang Sandra Hüller mit Gesängen der britischen Songwriterin PJ Harvey recht eindrucksvoll, Lars Eidinger im Folgejahr als Sinatra-Interpret weit weniger und jetzt, im letzten Jahr seiner dreijährigen Amtszeit zeigte von Hove mit der Verpflichtung von Daniel Donskoy ein glücklicheres Händchen, der gesanglich und darstellerisch mit einer erstaunlich guten Performance auf der Basis mehr oder weniger bekannter Songs von David Bowie überzeugen konnte.

Rebel Rebel / © Jan Versweyveld

Rebel Rebel nennt sich in Anlehnung an einen Hit der rebellischen Ikone die zweistündige Song-Parade. Und musikalisch kommt unter der Leitung des Bandleaders und Arrangeurs Henry Hey und seiner tüchtigen siebenköpfigen Band eine Menge vom Charisma der Musik Bowies über die breite Rampe der riesigen Jahrhunderthalle in Bochum. Mit maßgeblichem Anteil des erstaunlich gesangsstarken Schauspielers Daniel Donskoy und seiner topfitten Musical-Kollegen Diego Rodriguez und Ari Notartomaso, die zu dritt an die 30 Songs stemmen.

Das reicht für einen mehr als ordentlichen Konzertabend. Aber nicht für eine Theater-Performance im Rahmen eines der größten Kultur-Festivals des Landes. Denn von Hove strickt eine ziemlich dünne Handlung um die mehr oder weniger passende Musikauswahl. Eine Jugendband terrorisiert ihr Revier mit einem strikten Liebesverbot, über das sich ein Boy und ein Girl hinwegsetzen und damit in einen brutalen Gewaltkreislauf geraten. Das ermöglicht zwar turbulente Szenen und einige Ruhepunkte, wenn sich das Liebespaar zurückzieht. Inhaltlich schrammt die Geschichte aber allenfalls an der Oberfläche, ohne besondere Akzente zu setzen.

Rebel Rebel / © Jan Versweyveld

Für ein wenig Leben über das vorhersehbare Handeln des bösen Gang-Leaders und des tapferen Liebespaars hinaus sorgt eine an sich vorzügliche zwölfköpfige Tanztruppe, die viel Energie ausstrahlt, aber dramaturgisch recht banal und oft auch nicht immer sinnvoll eingesetzt wird. Angesichts der starken Musik Bowies und der exzellenten musikalischen Akteure fällt die schwache szenische Umsetzung umso schwerer und ärgerlicher ins Gewicht.

Da konnte die Ruhrtriennale mit der zweiten Produktion schon besser punkten. Auch hier stand ein Star im Zentrum, aber ein Star als Gleicher unter Gleichen. Die Mezzosopranistin Joyce DiDonato begab sich mit dem Komponisten Kevin Puts und dem Streichtrio Time for Three auf eine inspirierte Reise in das Innenleben der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson, die von 1830 bis 1886 lebte, die letzten drei Jahrzehnte aber zurückgezogen im Kinderzimmer ihres Elternhauses verbrachte. 1800 Gedichte hinterließ sie, einige davon gehören zum eisernen Bestand amerikanischer Schulbücher, während sie in Europa nahezu unbekannt geblieben ist. Es sind tiefgründige Gedichte, die Erinnerungen an die eigene Kindheit reflektieren, aber auch die Unruhen des Bürgerkriegs. Teils poesievolle, teils skurrile Einblicke in inneren Seelenlandschaften und Ausblicke in bedrohliche und unheimliche Außenwelten. Immer beflügelt von einem starken Freiheitsdrang.

Emily – No Prisoner Be / © Heinrich Brinkmöller-Becker

Sowohl Joyce DiDonato als auch der Komponist und die drei Streicher sind mit der Dichtung Emily Dickinsons aufgewachsen. Und alle sind auch so experimentierfreudig, dass sie sich aufgeschlossen für Kreationen außerhalb gängiger Gattungsgrenzen zeigen. Wie ihre erstmals in Deutschland gezeigte Produktion Emily – No Prisoner Be jetzt bewies. Das Bühnenbild beschränkt sich auf eine Kammer mit einem Schreibtisch und einigen wenigen Requisiten. Sozusagen die Kinder- und Arbeitsstube der Dichterin, flankiert von den auf Posten stehenden Musikern in der ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Violinen und Kontrabass. Ungewöhnlich auch die stilistische und spieltechnische Flexibilität des Trios, das sich wiederholt singend einbringt und manche, besonders innige Passage mit choralhafter Ruhe zum Klingen bringt. Kevin Puts schuf plastische, abwechslungsreiche, durchweg tonale Kompositionen, die der Sängerin große Freiheiten einräumen, um den Stimmungsgehalt der diversen Gesichte differenziert einfangen zu können. Das nutzt Joyce DiDonato mit ihren fantastischen stimmlichen Möglichkeiten voll aus, ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu drängen. Insgesamt eine rundum inspirierte Sache.

Wie ein konzentriert-ironischer Befreiungsschlag wirkte am folgenden Tag die Tanz-Performance Ri TE im ausverkauften PACT Zollverein nach den beiden eher düsteren Eröffnungspremieren der Ruhrtriennale. Die kapverdische Choreografin Marlene Monteiro Freitas und der spanische Flamenco-Tänzer Israel Galván spulten mit viel Witz und Tempo einen einstündigen, tänzerisch virtuosen Dialog im Spannungsfeld von Pantomime, Slapstick und Flamenco ab. Dabei fiel nur ein einziges Wort, das die Tänzerin allerdings erst mühsam herauspressen musste: „Olé“. Ein Zeichen für den durchweg hintergründigen Umgang mit Klischees und, dem Titel des Abends entsprechend, Ritualen, denen spanische Eigenmarken wie der Flamenco und der Stierkampf bekanntlich besonders streng unterworfen sind. Aber streng geht es in RI TE allenfalls in Sachen Körperspannung und strammer Flamenco-Einlagen zu. Schließlich sind beide Interpreten Meister und Fans grenzüberschreitender Genres, was Marlene Monteiro Freitas im September zusammen mit Florentina Holzinger im Leitungsteam der Berliner Volksbühne weiter intensivieren dürfte. Und Israel Galván, wenn auch fest in Flamenco-Traditionen aufgewachsen und ausgebildet, liebt das Spiel mit Überwindungen fester Riten und Gattungen nicht minder.

RI TE / © Laurent Philippe

In seinen weißen Ganzkörpersuits vollführt das Duo einen spontan frisch wirkenden Bewegungs-Dialog, in dem sich die Beiden tastend näher kommen, dann wieder explosiv ausbrechen und mit einem unerschöpflichen Reservoir an überraschenden Wendungen einen unterhaltsamen Geschlechterkampf mit Andeutungen aus dem Stierkampf ausführen. Eine Protagonisten-Stellung kommt dabei der Spielfläche zu. Der hölzerne Boden und die ebenfalls hölzernen Wände einer schlichten hellen Hütte werden mit rhythmischem Drive als Schlaginstrument genutzt. Wobei die festen Tritte der Flamenco-Einlagen auf dem Holzboden ein akustisch besonders intensives Echo erzeugen. Das alles wird mit virtuoser Bravour und augenzwinkernder Leichtigkeit ausgeführt. In ihren weißen Kostümen und mit ihren grell geschminkten Gesichtern verwischt das Duo immer wieder die Grenzen zwischen Tanz und Pantomime. Als Running Gag kämpft die Tänzerin unentwegt mit dem klischeehaften „Olé“-Ruf. Und zwar so nachdrücklich, dass ihr das Publikum letztlich dabei lautstark hilft. So erzeugt man gute Laune auf hohem künstlerischem Niveau. Entsprechend begeistert fiel der Beifall des Premierenpublikums aus.

Pedro Obiera, 23. August 2026


Rebel Rebel
Konzipiert und inszeniert von Ivo Van Hove
Musikalische Leitung, Arrangements: Henry Hey
Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui

Jahrhunderthalle Bochum

Uraufführung/Premiere: 20. August 2026


Emily – No Prisoner Be
Gedichte von Emily Dickinson
Komposition: Kevin Puts

Jahrhunderthalle Bochum

Deutsche Erstaufführung/Premiere: 21. August 2026

Joyce DiDonato, Mezzosopran
Nicolas Kendall, Violine, Viola, Gesang
Charles Yang, Violine, Gesang
Time for Three – String Trio


Tanztheater: RI TE
Konzept und Performance: Marlene Monteiro Freitas und Israel Galván

PACT Zollverein Essen

Premieren: 22. August 2026