Dresden: „Un ballo in maschera“, Giuseppe Verdi

Der immer auf der Suche nach geeigneten Stoffen für seine Libretti und Schauspiele unterwegs gewesene französische Schriftsteller Eugènie Scribe (1791-1861) griff im Jahre 1833 die Umstände um das Attentat schwedischer Adliger bei einem Maskenball im Stockholmer Opernhaus, an dessen Folgen der König  Gustav III. einige Tage später verstarb, auf. Scribe fügte dem Geschehen noch eine Dreiecksgeschichte hinzu und  ließ den König bereits auf dem Ball sterben. Scribes Libretto wurde zunächst von Daniel-Françis-Esprit Auber (1782-1871) und auch von anderen Komponisten vertont, sowie seine Texte von unterschiedlichen  Schriftstellern mehrfach, allerdings  ohne nachhaltige Erfolge, überarbeitet. Erst als der italienische Theaterautor und Freund Verdis Antonio Somma (1809-1864) sich des Sujets annahm und die Handlung mit klug verteilten Szenewechseln folgerichtiger aufbaute, erlaubten Verdi seine durchgebildete Ensembletechnik in der Komposition zu realisieren. Mit Sommas  psychologisch feinfühlig entwickelten Gestalten konnte Verdi seine Kunst der charakterisierenden Stimmenführung zur Geltung bringen.

© Jochen Quast

Mein erster Opernbesuch um das Jahr 1954 im Leipziger Haus Drei Linden, ein Nachbar hatte mich als Ersatz für seine erkrankte Frau eingeladen, war eine Maskenball-Aufführung mit dieser Libretto-Fassung. Die Aufführung war in deutscher Sprache und drehte sich um einen für sein großzügiges Mäzenatentum für Oper sowie Musik bekannten schwedischen König, der Freude an extravaganten Verkleidungen und Maskenbällen hatte. Leider sind unsere gesamten Programmhefte und Aufzeichnungen unserer frühen Zeit Opfer des Elbhochwassers des Jahres 2013 geworden, so dass ich mich nur an die Leistungen des Tenors, möglicherweise war es Ernst Gruber (1918-1979), erinnern kann.

Die instabilen Verhältnisse des Italiens zur Entstehungszeit der Komposition ließen aber die Darstellung eines Königsmords auf der Opernbühne nicht zu, so dass der Handlungsort, mehrfach verändert, letztlich in die nordamerikanische Kolonie Massachusetts verlegt, der König zum Gouverneur von Boston und die adligen Verschwörer ausgetauscht wurden. Damit erhielt das Werk den heute üblichen Titel Un ballo in maschera.

Diese Fassung des Sujets gestaltete auch die inszenierende Sängerin Angela Denoke mit ihrem Team Fabio Totaldo, Okarina Peter und Timo Dentler in einer abwechslungsreichen Inszenierung für die Bühne der Semperoper. Angela Denoke erzählte die Geschichte  von Riccardo, dem Gouverneur von Boston, seiner verbotenen Liebe zu Amelia und dem Verrat seines engsten Vertrauten Renato als großes Gesellschaftspanorama. Zwischen Ballsaal und Orakel, zwischen leidenschaftlichen Liebesduetten und düsteren Prophezeiungen war ein opulentes Musiktheater entstanden, das sich bewusst einer eindeutigen Zuordnung entzog.

© Jochen Quast

Unter einem den Bühnenraum überspannende Sternenring bestimmten drei miteinander verschlungene Drehbühnenringe die Spielfläche. Damit waren eine beliebige Zahl von Begegnungsräumen für die Protagonisten und Spielflächen für die Massenszenen zu gestalten, ohne den Fluss des Geschehens zu unterbrechen. Das kam vor allem den zahlreichen von Jan Hoffmann glanzvoll vorbereiteten Chorszenen zugute. Fabio Antocis Lichtgestaltung sorgte in allen Phasen der Aufführung, dass der aufwendige Bühnenaufbau auch optisch zur Wirkung kam. Mit seiner faszinierenden Vielgestaltigkeit einer Gesellschaftskomödie, eines düsteren Verschwörungsdramas sowie einer Liebesgeschichte wechselte das Bühnengeschehen mühelos zwischen überschäumender Lebenslust und tödlicher Tragik.

Der Chefdirigent der Semperoper Daniele Gatti hatte die musikalische Leitung der Umsetzung des Konzepts der Angela Denoke übernommen. Gatti schuf gemeinsam mit der Sächsischen Staatskapelle nicht nur eine glatte Verdi-Begleitung für sich produzierende Sänger und Chöre, sondern gestaltete das Operndrama im Orchesterraum  und aus der Musik heraus. Stets war aber eine emotionale Verbindung zwischen dem Dirigenten und dem Bühnengeschehen zu spüren. Es war beeindruckend, wie Gatti die Kontraste in Verdis Partitur geschärft, dabei  zugleich aufgefächert und zugespitzt hatte. Faszinierend,  wie orchestrale Ausbrüche neben den gefühlvollen Phasen der Dreiecksgeschichte und der Verschwörung erklangen, wie mühelos überschäumende Lebenslust und tödliche Tragik wechselten. Dabei formte er mit dem Orchester vom zarten Liebesgeständnis sowie der Gleichzeitigkeit von Ballmusik und Unheil ankündigenden  Klängen außergewöhnliche Tonbilder.

© Jochen Quast

Der Gouverneur Riccardo des Italienische Tenors Francesco Meli war mit den Möglichkeiten seiner wandelbaren Stimme eine Idealbesetzung, auch um den zwiespältigen Charakter des Amtsträgers zu gestalten. Das Staatsmännische lag seinem Riccardo nicht. Er lebt ganz aus dem Augenblick, verdrängt die Morddrohungen  mit Lachen und schob moralische Skrupel zur Seite. Als selbstverliebter Möchtegern eines Barockkönigs trieb er seine Spielchen mit dem Pagen Oscar und brachte Amelia in ihre schwierige Lage. Er suchte zwar den Ausweg aus der vertrackten Dreiecks-Situation, aber zu spät. Sein Instrument der Verführung war eine mit einer Mischung von lyrischen und dramatischen Elementen ausgerüsteten betörende Stimme.
Mit einem großen und dunkelglühendem Gesang gestaltete die australischen Sängerin Nicole Car die Rolle der Amelia. Sie präsentierte nicht nur eine außergewöhnlich schöne und wandlungsfähige Stimme, sondern tauchte auch mit ihrer Darstellung perfekt in ihre Rolle ein. Mit dramatisch orientiertem Sopran und extravertiertem Temperament realisierte sie das zwiegespaltene ihrer Figur zwischen Pflicht und Neigung. Besonders beeindruckend  waren ihr schönes Piano und ihr überwältigender stimmlicher Höhenflug über dem entfesselten Chor in den Schlusstakten des Abends.
Dem Renato des Baritons Ludovico Ravizza gelangen seine Auftritte mit überzeugendem Spiel und hervorragender Stimmkraft, zupackend und warm. Mit einem dunklen Timbre, das die tragische Entwicklung im Voraus ahnen ließ, realisierte er die Wandlung vom Freund zum Feind Riccardos, sowie die spätere Erkenntnis, dass er einem Irrtum unterlegen gewesen war. Mit dem Vorbild des Renatos, dem schwedischen Grafen Johan  Jacob Anckarström (1762-1792), ist nach dem Attentat wesentlich härter verfahren worden. Nach harter Folter wurde der Attentäter auf das grausamste hingerichtet.
Der frische, helle und sehr hohe Sopran Rosali Cids meisterte grandios die zahlreichen Koloraturen und passte hervorragend zur Hosenrolle des quecksilbrigen Pagen Oscar.
Zu einer besonders interessanten Mittlerin zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gestaltete die frisch zum Ensemble gekommene russische Mezzo-Sopranistin Yulia Matochkina die Rolle der Wahrsagerin Ulrika. Alle Höhen und Tiefen der Beschwörung des Herren der Unterwelt kostete sie mit dunklem Feuer aus. Sie fand für die Gegensätze  ihrer Texte unterschiedliche Stimmfarben und brachte auch darstellerisch einiges auf die Bühne.
Das komische Element der Inszenierung fand sich unverhofft in den beiden Verschwörern Tom von Tilmann Rönnebeck und Samuel von Vladyslav Buialsky.
Auch gab es mit kurzen Auftritten des Baritons vom jungen Ensemble David Roy als Matrose Silvano, mit Meinhardt Möbius einen Diener und Frank Blümel einem höchst ehrenwerten Richter weitere Rollen in der Aufführung.

© Jochen Quast

Die Musik und die Gesänge waren glanzvoll, hätten aber für das Verständnis des Sujets und des Anliegens der Angela Denoke weder des aufwendigen Bühnenbaus noch der phantasievollen Kostüme benötigt. Die Mehrheit des Publikums feierte das Ensemble und Regieteam ausdauernd, wenn auch die zahlreichen Missfallens Kundgebungen gegenüber der Inszenierung nicht zu überhören war.

Thomas Thielemann, 5. Oktober 2026


Un ballo in maschera
Giuseppe Verdi

Semperoper Dresden

Premiere am 4. Oktober 2026

Inszenierung: Angela Denoke
Musikalische Leitung: Daniele Gatti
Sächsische Staatskapelle Dresden

Folgevorstellungen: 7. Oktober, 10. Oktober, 17. Oktober und 21. Oktober 2026