Da ist dem Konzerthaus Dortmund ein veritabler Coup gelungen: Neben der Elbphilharmonie in Hamburg ist es die einzige deutsche Station der diesjährigen Europatournee des Cleveland Orchestra. Denn in dieser Saison verabschiedet sich das amerikanische Spitzenorchester nach einem Vierteljahrhundert von seinem österreichischen Musikdirektor Franz Welser-Möst. Die langjährige, seit 2002 währende Liaison zwischen dem Orchester aus Ohio und seinem Chefdirigenten gilt in der schnelllebigen Musiklandschaft der Gegenwart als einzigartig – diesseits wie jenseits des Atlantiks. Vergleichbar ist sie allenfalls mit Daniel Barenboims langjährigem Wirken bei der Staatskapelle Berlin oder Antonio Pappanos kürzlich geendeter Ära am Royal Opera House in London. Franz Welser-Möst, der am Pult stets so diszipliniert wie unerbittlich wirkt, und sein Cleveland Orchestra haben sich ihren ganz eigenen Klang bewahrt, welcher aus einer tief verankerten Aufführungstradition schöpft. Deren Wurzeln reichen bis in die 1960er-Jahre auf den ungarischen Dirigenten George Szell zurück. Seine Maxime war die absolute Präzision und technische Kontrolle, ohne darüber je die Wärme des Orchesterklangs preiszugeben. Wie originell Welser-Möst diese Tradition fortgeschrieben und verfeinert hat, ließ er nun im Konzerthaus Dortmund noch ein letztes Mal eindrucksvoll hören.

Den Auftakt bildete Franz Liszts Sinfonische Dichtung Orpheus. Es ist ein Werk von kaum mehr als zehn Minuten Dauer, in dem der Komponist auf vordergründige Effekte weitgehend verzichtet. Unter Welser-Mösts Leitung trat vor allem das filigrane Zusammenspiel der Streichergruppen hervor, deren fein abgestufte Farben sich zu einem irisierenden Klangspektrum fügten. Die Dichtung Liszts erwies sich als ideale Einleitung in die ihr nachfolgende Atmosphäre der Vier letzten Liedern von Richard Strauss. Die südafrikanische Sängerin Golda Schultz übernahm die Sopranpartie. Sie berührte mit ihrer so facettenreich kultivierten wie funkelnd-leuchtenden Sopranstimme. Mit einem minimalen Funken Wehmut drang Schultz in die Welt von Richard Strauss ein und ließ mit der feinsten Schattierung ihres Timbres eine Ahnung von Abschied und Vergänglichkeit spürbar werden, die diesen Liedern eingeschrieben ist.
Franz Welser-Möst wählte für die orchestrale Begleitung eher straffe Tempi mit einem dichten, kompakten Orchesterklang. Die Architektur und Struktur der Komposition traten dadurch deutlich hervor – wohl auch mit dem Ziel, Strauss’ nicht zu leugnender Sentimentalität etwas entgegenzusetzen. Dabei wusste Konzertmeister Joel Link an der Violine durch seine entrückte Zartheit im Solo von Beim Schlafengehen zu berühren; umso mehr hätte man sich auch an anderen Stellen dieser Orchesterlieder ein innigeres Verweilen gewünscht. Denn immer, wo diese nach einem Innehalten verlangen, blieb Welser-Mösts Lesart doch etwas zu abgeklärt und prosaisch.

Darüber hinaus ist für Golda Schultz diese Tour mit dem Cleveland Orchestra lediglich ein Vorspiel zu einem ungleich größeren Strauss-Projekt. Die Sopranistin wird im November 2026 erstmals eine Titelpartie in einer Strauss-Oper übernehmen. An der Wiener Staatsoper und erneut unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst wird sie in Barrie Koskys Neuproduktion von Ariadne auf Naxos als Ariadne zu erleben sein.
Nachdem Johannes Brahms fast vierzehn Jahre mit der Komposition seiner Ersten Sinfonie gerungen hatte, ging ihm die Zweite Sinfonie in D-Dur op. 73 binnen weniger Monate erstaunlich leicht von der Hand. Sie geriet zum persönlichen Triumph des Komponisten – und nach der Pause dieses Konzerts auch zu einem Triumph des Cleveland Orchestra. Man hatte den Eindruck, das Orchester wolle mit diesem Bravourstück demonstrieren, warum ihm die Eigenschaft „second to none“, was so viel wie „unerreicht“ bedeutet, zugeschrieben wird. Denn was das Cleveland Orchestra aus Brahms’ Partitur herausholte, war von einer unglaublichen Präzision und Brillanz. Dieser unverkennbar amerikanische Orchestersound bei einem deutschen Romantiker, von Franz Welser-Möst messerscharf analysiert und interpretiert, zog das Publikum ab den ersten Hörnerklängen in seinen Bann. Die Lesart Welser-Mösts war im besten Sinne als „straight forward“, so schnörkellos wie brillant, zu bezeichnen. Wo dieser Ansatz bei den Vier letzten Liedern zuvor noch etwas entkräftend gewirkt hatte, traf er bei Brahms genau ins Schwarze.
In der Zugabe schließlich durfte es dann noch etwas unbeschwerter zugehen. Mit einem kaum dreiminütigen musikalischen Rausschmeißer lockerte Welser-Möst die Atmosphäre im Saal noch einmal merklich auf. Er kehrte dafür in seine österreichische Heimat zurück: Der Entr’acte aus der Operette Eine Nacht in Venedig von Johann Strauss (Sohn) setzte einen augenzwinkernden Schlusspunkt unter diesen, ansonsten von spätromantischer Meisterhaftigkeit geprägten, Abend.
Phillip Richter, 11. Oktober 2026
Besonderer Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom OPERNMAGAZIN
Franz Liszt: Orpheus
Richard Strauss: Vier letzte Lieder
Johannes Brahms: Zweite Sinfonie
Konzerthaus Dortmund
Rezension des Konzerts vom 4. Oktober 2026
Sopran: Golda Schultz
Musikalische Leitung: Franz Welser-Möst
Cleveland Orchestra