Hagen: „Salome“, Richard Strauss

Was hat ein Flugzeugabsturz mit der biblischen Erzählung zu tun, in der die Stieftochter des  judäischen Landesfürsten Herodes das Haupt des Propheten Johannes verlangt? Diese Frage stellte sich, nachdem das Theater Hagen im Vorfeld seine Neuinszenierung der Oper Salome von Richard Strauss mit entsprechenden Bildern auf Social Media angeteasert hat.

(c) Thilo Beu

Oscar Wilde hat aus der knappen, aber höchst verstörenden Erzählung im Matthäusevangelium (Kapitel 14) ein Schauspiel gemacht, in dem er der nicht namentlich genannten Prinzessin und auch dem 1891 auf Französisch verfassten Stück den Namen Salomé gab. Herodes verlangt von ihr, auf seinem Geburtstag für ihn zu tanzen, was sie auch tut, als Belohnung dann – sie darf sich wünschen, was sie will ­- dann die Enthauptung des eingekerkerten Täufers und Propheten Johannes verlangt. Wilde hat die Geschichte angereichert mit der fatalen Sehnsucht der jungen Frau nach dem Propheten, hier hebraisiert Jochanaan geheißen, auf dessen Mund sie nach seiner Enthauptung ihre Lippen presst. Unterstützt wird ihre Forderung von ihrer Mutter Herodias, deren sündhaftes Treiben Jochanaan anprangert. Nicht nur Herodes, sondern auch der junge Offizier Narraboth, der in sie verliebt ist, bittet sie hingegen, davon Abstand zu nehmen. Als dieser merkt, dass er auf taube Ohren stößt, begeht er Suizid. Es füllen die in den Evangelien öfter vorkommenden Schriftgelehrten als fünf debattierende Juden, zwei Nazarener, also Jesus-Anhänger, ein Page und zwei Soldaten das Personaltableau des Dramas. Strauss nahm sich die deutsche Übersetzung von Hedwig Lachmann vor und nahm kleine Umstellungen und Kürzungen vor, nutzte ansonsten die Vorlage als Libretto und schuf einen knapp zweistündigen Einakter. Somit ist es die erste Literaturoper. Hierfür komponierte er eine Musik, die mit der tonalen Zuordnung bricht, die dadurch entstehende Chromatik durch ein groß besetztes Orchester unterstützt, das wiederum den Text und das Geschehen unmittelbar ausdeutet, wie auch die Gesangsstimmen den Text ausdeuten und die zutiefst unsympathischen Figuren tiefgründig charakterisieren. Zusammen mit der Leitmotivtechnik steht Strauß somit in der Tradition Richard Wagners, geht aber weit über ihn hinaus. In Salomes „Tanz der sieben Schleier“ zeigt sich die ganze Bandbreite komprimiert: Von zarten Tönen über schwelgerische Passagen bis zum rhythmisch eruptivem Ende. Noch vor Ravels „La Valse“ ist der Walzer das Symbol für Dekadenz und Niedergang. 1905 sorgte die Uraufführung für einen Skandal; in Wien fiel die Erstaufführung der Zensur aufgrund von „Beleidigung der Sittlichkeit“, „abstoßendem Sujet“ und „Darstellung von Sexualpathologie“.

Das Philharmonische Orchester Hagen realisiert die Partitur mit reichen Farben und einer weiten Dynamik. Chefdirigent Sebastian Lang-Lessing findet die Balance zwischen den Instrumentengruppen, sorgt für Transparenz, dreht den Regler zurück, um die Sänger nicht zu übertönen, lässt es aber gepflegt krachen, wo es nötig ist; reaktionsschnell werden die häufigen Takt- und Stimmungswechsel vollzogen. Aus dem Graben klingt es mal fein und lyrisch, mal schwelgerisch, mal schroff und drastisch, je nach Notwendigkeit der musikalischen Aussage. Eine famose Leistung von Dirigent und Orchester, die am Ende zu Recht bejubelt wurden. Noch mehr Jubel erhielt Serenad Uyar in der Titelrolle. Sie ist eine junge Frau auf der vergeblichen Suche nach Liebe. Sie ist sogar kurz davor, dem Galiläer zu folgen, von dem der Prophet singt und den die beiden Nazarener bestätigen, ihr ein Traktat oder das Neue Testament in die Hand drücken. Als Kind von Herodes missbraucht, sucht sie Bestätigung, lenkt sich dabei ab, indem sie mal mit, mal ohne Kopfhörer über die Bühne tänzelt und Narraboth und andere zum Spielzeug macht. Erst vor Jochanaan hat sie Respekt; an der Leiche Narraboths, vor der beide knien, kommt es beinahe zur Annäherung. Doch der Prophet weist sie zurück und enttäuscht sie zutiefst. Den Wunsch Herodes’, sie möge für ihn tanzen, nimmt sie gerne an, um sich an Jochanaan rächen zu können. Dieser Tanz ist eine sexuelle Erniedrigung Herodes‘ in sieben Stationen, in denen Salome die Kontrolle über die Traumata ihrer Kindheit gewinnt. In seiner psychologischen Tiefsinnigkeit ist es der Höhepunkt dieser Inszenierung!

c) Leszek Januszewski

Stimmlich entwickelt sich Serenad Uyar sich vom Mädchenhaften zur bewussten Frau, die alle Macht  besitzt, Menschen in den Abgrund zu reißen. Mit leuchtendem Sopran, viel Expressivo, manchmal mit dem Orchester schwelgend und ihre letzten Worte ekstatisch vorgetragen, beherrscht sie die Bühne. Wie sie insgesamt höchst lebendig und glaubwürdig den Trotz und das Unglücklichsein der jungen Frau verkörpert, ist eine sensationelle Darbietung. Mit Insu Hwang als Jochanaan hat sie ein beeindruckendes Gegenüber. Nicht nur mit seinem edlen Bariton, sondern auch mit seinem würdevollen Auftreten hat er nichts von den Monty-Python-Veralberungen gemein, mit denen biblische Propheten gerne dargestellt werden. Seine  aus dem Kerker gesungenen Parts werden mit Hall verstärkt. Außerdem ist die Drehbühne von einem Leuchtstoffröhren-Kranz umgeben, der wie ein Heiligenschein wirkt. Am Ende darf er seinen Kopf behalten; Salome darf seinen ganzen Körper anbeten, aber aus seinem Mund fließt ordentlich Blut, da er erschossen wurde.

c) Leszek Januszewski

Ein charakterloser Lustmolch ist Herodes, der die Sklavin missbraucht und es sogar noch mit seiner Frau treibt, bis er vom Auftritt Salomes abgelenkt wird.  Richard van Gemert verkörpert diesen Unsympath sehr lebendig mit ausdrucksvollem Charaktertenor. Sonst eher mit kleineren oder leichteren Rollen bedacht, kann er hier sein vokales und darstellerisches Potenzial voll ausschöpfen. Am Ende möchte er sich der Übermacht Salomes nur durch einen Mordbefehl (“Man töte dieses Weib!“) erwehren. Sein Befehl kann allerdings nicht ausgeführt werden, da Salome das Flugzeugwrack mit Kerosin übergießt und ein Streichholz daranhält. Die finalen, grellen Orchesterschläge passen zu dem daraus resultierndem Ende besser als zu der eigentlich vorgesehenen Hinrichtung Salomes. Auch Angela Davis liefert mit ihrer Herodidas-Interpretation eine starke Leistung. Als lyrischer Tenor mit sicherem Sitz der Stimme überzeugt Anton Kuzenok in der Rolle des Narraboth. Bemerkenswert ist, dass alle Rollen mit Ausnahme des „Principal Guest Artist“ Serenad Uyaraus dem eigenen Ensemble des Hagener Theaters problemlos besetzt werden können, zum Teil mit Solisten des Chores. Alle Partien sind Rollendebuts.

Und das Flugzeugwrack? Für die Regisseurin Noa Naamat ist die Oper heute nicht mehr skandalös. Stattdessen sieht sie eine Gesellschaft am Abgrund. Die Herrschenden haben jegliche Werte und Moral verloren. Herodes übertüncht dies mit religiösen Vertretern an seinem Hof. Dass er versucht, den Wunsch Salomes nach dem Haupt des Täufers mit allen seinen irdischen Schätzen umzustimmen, zeigt seinen Materialismus. Als Überlebende eines Flugzeugabsturzes ist diese disparate Gruppe auf sich selbst angewiesen und muss zusehen, wie sie allein in der Wüste überlebt – ein dystopisches, postapokalyptisches Setting, in dem Fehler und Möglichkeiten der Vergangenheit komprimiert Gegenwart und Zukunft bestimmen.

(c) Thilo Beu

Religion kann Naamat durchaus Positives abgewinnen. Die sich streitenden Juden stehen für religiöse Vielfalt, Jochanaan für Wahrheit und die Nazarener, die hier leicht frömmelnde Priester sind, für christliche Werte der Nächstenliebe und Vergebung. Nicht zuletzt dank des spektakulären Bühnenbildes von Bettina John, das den Jet von allen Seiten, von denen die zerstörte linke einen Einblick in sein Inneres erlaubt, und der Lichtregie von Hans-Joachim Köster geht das Konzept überzeugend auf, auch wenn es einige Brüche gibt. Insbesondere haust Jochanaan nicht in einer Zisterne, sondern im Heck des Flugzeugs. Aber da im Mittelpunkt Salome steht mit ihrer Suche nach Kindheitstraumabewältigung, Liebe und Anerkennung bei gleichzeitigem Spiel mit ihrer Sexualität, sind solche Einwände nebensächlich. Das Theater Hagen hat somit eine faszinierende und intensive Lesart der Salome geschaffen, die überzeugen kann, wenn man sich darauf einlässt, genau hinhört und hinsieht, und das sollte man.

Bernhard Stoelzel, 24. Mai 2026


Salome
Richard Strauß
Theater Hagen

Besuchte Premiere: 23. Mai 2026

Dirigent: Sebastian Lang-Lessing
Inszenierung: Noa Naamat
Philharmonisches Orchester Hagen