DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh

 

 

 

 

DON QUICHOTTE

Premiere 5.11.16

Realität und Wahnvorstellung im fröhlichen Tanz

Ballett unter Ben van Cauwenbergh macht einfach Spass, was man bereits bei den Proben zu sehen bekam, die teilweise für die Mitglieder des Freundeskreises frei zugänglich sind.

"Diese Musik macht viel Spass und ist sehr lustig und auch die Proben-Atmosphäre ist dementsprechend sehr fröhlich" was der Rezensent aus vollem Herzen bestätigen kann; gibt es doch kaum eine trefflichere Ballettmusik, welche dem Können guter Solisten und Ensembles eine so perfekte Grundlage und Untermalung bietet, wie diese von Ludwig Minkus.

Charaktertanz und spanischer Tanz sind wesentliche Elemente dieses großartigen Handlungsballetts, in dem die Essener Compagnie zum wiederholten Male zeigen konnte, welch hohes Leistungsvermögen sie inne hat; und man sie unbedingt zu den besten Deutschlands zählen muss. Die technische Perfektion in Kongruenz der Sprünge und Drehungen sind eine wahre Freude, ebenso wie ein perfektes Tanzen an der Linie und schon fast akrobatische, sowie originelle Tanzeinlagen.

Pars pro toto das Pferd Rosinante, welches von Raphael Baronner und Benjamin Heil nicht nur für große Erheiterung beim normalen Publikum sorgt, sondern auch durch eine hochoriginelle sehr anspruchsvolle Choreografie die Tanzprofis im Auditorium begeisterte. Was dieses "Pferd" an tänzerischen Bewegungen, bis hin zum anspruchsvoll auschoreographierten Slapstick humorvoll darbietet, wäre alleine schon einen preiswürdigen Kurzfilm wert.

Cauwenbergh versucht die bekannte Geschichte so komisch wie möglich zu erzählen und hält dabei doch stets gekonnt die Balance zwischen allzu derbem Schwank und augenzwinkernder Ironie ein. Man merkt von Anfang bis zum Ende, gerade zwischen den üblichen allzu bekannten Ballett-Gesten, daß ihm auch das Schauspielerische neben dem hohen Tanzstandarts sehr wichtig ist: "Es soll unterhaltsam sein, sich gleichzeitig aber auf hohem tänzerischen Level bewegen."

Eine solche Choreografie braucht ausreichend Platz zum Tanzen, wobei natürlich die riesige tiefe Aalto-Bühne hier einen perfekten Theaterraum offeriert. Sicherlich eine Freude für Dorin Gal (Bühnenbild/Kostüme), der den Rahmen in beinah cinemascopisch farbenprächtigen Film-Dimensionen - besonders schön gelungen im zweiten Akt mit realem Feuerhintergrund - kreieren durfte.

Vor vielen Jahren in Wiesbaden wirkte das alles doch noch durch die sehr kleine Bühne recht eingeengt. Das Bühnenbild erinnert an kitschig schöne Postkartenidylle, die Wärme Spaniens ist permanent spürbar. Auch die sehr traditionellen ausgesprochen liebevoll und detailreich gefertigten Kostüme harmonieren mit der Szene.

Die animierten Projektionen von Liewe Vanderschaeve sind perfekt und eindrucksvoll phantasiereich kreiertes Bühnenbild-Apercu am Ende des ersten und zweiten Aktes; Windmühlen werden zu Drachen bzw. seltsamen Sci-Fi Märchenfiguren.

Bemerkenswert ist an diesem Abend auch, daß eben nicht nur die großen Solopartien (Herausragend Yanelis Rodriguez als Kitri und Aidos Zakan als Basile) im Mittelpunkt stehen, sondern Cauwenbergh ausdrücklichen Wert darauf legt, daß auch die gesamte Compagnie glänzen kann.

Herrlich Tomas Ottych als Don Quichotte mit seinem sich schon in zirzensischen Dimensionen bewegenden Sancho Pansa (Denis Untila).

Besonders erwähnenswert in Ausdruck, Perfektion und Sprungkraft Armen Hakobyan (Espada) und Mariya Tyurina (Mercedes). Bejubelter Publikumsliebling Liam Blair als tuntiger Gamache.

Die musikalische Leitung lag bei Yannis Pouspourikas in sicheren Händen und die Essener Philharmoniker spielten nicht nur ausgesprochen engagiert, sondern auch mit beinah perfekter rhythmischer Prägnanz und Leuchtkraft - eine hervorragende Leistung für einen "Nur"-Ballettabend, welcher aber wieder einmal die große beständige Qualität am Haus widerspiegelt, wo Ballett genau so ernst genommen wird, wie große Oper.

Natürlich großer Jubel beim enthusiasmisierten Publikum. Auch wenn es kein "Nussknacker" ist, kann dieser schöne Ballettabend als ausgesprochen gelungene Unterhaltung für die ganze Familie - gerade jetzt zur anstehenden Weihnachtszeit - nur herzlich empfohlen werden. Ebenso allen Freunden des großen klassischen Balletts, die sich an schönen Bilder, Kostümen und Petipa noch erfreuen können.

Wieder sah man, neben dem treuen und fachkundigen Essener Ballettpublikum, viele bekannte und strahlende Gesichter von Ballettliebhabern aus dem Raum der Rheinoper Düsseldorf/Duisburg, denen ja Handlungsballette jeder Art von der Direktion Schläpfer versagt sind.

Peter Bilsing 6.11.16

Bilder (c) Aalto

 

 

 

 

TANZHOMMAGE AN QUEEN

Wiederaufnahme 9.10.2016

Premiere 2009

For eternity...

TRAILER 1

TRAILER 2

Man möchte erst gar nicht in die Pause nach knapp 45 Minuten; und wenn dieser tolle Ballettabend nach zwei Stunden zuende gegangen ist, stände wahrscheinlich bei fast allen jubilierenden Besuchern dieser Wiederaufnahme sogar ein sofortiges "dacapo" auf der Wunschliste.

Mit seiner Tanzhommage an Queen am Theater Essen begeisterte Aalto Ballettintendant Ben van Cauwenbergh schon 2009 nicht nur das Publikum, sondern auch die Presse einstimmig. Sieben Jahre später sorgt das Stück noch immer für großen Andrang an der Theaterkasse.

So zeitlos wie die Musik der Rockgruppe um den charismatischen Frontmann Freddie Mercury - music for eternity - ist auch Cauwenberghs Choreografie. Moderne Elemente mischen sich in klassisches Ballett, in absoluter Präzision getanzt von der fabelhaften Essener-Ballett-Compagnie. Dazu das teils gewaltige, teils schlicht elegant einfallsreiche Bühnenbild von Dmitrij Simkin, das bis ins kleinste Detail durchdacht ist und ebenso stimmig in die Choreografie eingebunden wird. Von großen Emotionen, über ironische Krimi-Elemente bis hin zu pfiffigem Rock n’ Roll.

Auf wunderbare Art und Weise skizziert Cauwenbergh die Lebenslinie Freddie Mercurys, in Liebe, Leid, Trauer, Aufbegehren, Verrücktheit, Groteske und musikalischer Genialität. Absolut hinreissendes Tanztheater. Hat man doch begeistert gestaunt, gelacht und auch die eine oder andere Träne verdrückt. Wie schön, dass das Stück bisher als Dauerbrenner immer wieder in Essen getanzt wird. Hoffen wir, dass es noch eine ganze Weile so bleibt!

Arabella Bilsing 11.10.2016

Bilder (c) Aalto Ballett Essen

 

 

 

 

ARCHIPEL

 

Ballettabend mit, von Jiri Kylian speziell für die Essener Compagnie individuell zusammengestellten, Werken von substanzieller Vielfalt

Premiere am 23. April 2016

VIDEO

5 Inseln eines einzigartigen Archipels brillanten Tanztheaters

Jiri Kylian (Bild oben) gehört zu den bedeutendsten Choreografen der Gegenwart. Ballettchef Ben van Cauwenbergh präsentiert nun am Aalto eine Art "Best of Kylian", wobei die ungeheure Vielfalt des Choreografen und die wahnsinnige Bandbreite seines zeitgenössischen Tanztheaters - von zarter Poesie über quasi Experimentelles bis hin zum großen Tanz und dessen humorvoller Karikatur - geradezu exemplarisch dargeboten wurde. Kaum eine Compagnie scheint dazu qualifizierter zu sein, als die des Essener Aalto Balletts und der nicht enden wollende Jubel nach der Premiere bewies es nachhaltig. In Essen wird also neben tollem Handlungsballett (zuletzt "Der Nussknacker") auch modernes Tanztheater geboten, welches ebenso wie die klassische Präsentation ein breites Publikum begeistern kann.

Kylian kann man in Analogie zu einem trivialen Popmusik-Komponisten und Vermarkter durchaus berechtigt mit dem Begriff "Ballett-Titan" schmücken. Seine Karriere und Ausbildung begann schon mit 15 am Prager Konservatorium, dann folgte die legendäre Royal Ballett School in London; John Cranko in Stuttgart erkannte sofort die Qualitäten dieses Ausnahme-Tänzers und holte ihn nach Stuttgart, wo er schon erste choreografische Wege zeitigte. 1973 folgte seine erste Arbeit für das Nederlands Dans Theater, deren künstlerischer Direktor er von 1975-99 war, und für die er im Laufe dieser Zeit 74 Ballette kreierte.

Einen ganz wichtigen Akzent setzte er 1978 mit der Gründung des NDT 2. Dieses bot und bietet noch heute klassisch ausgebildeten Tänzern von 17-22 Jahren eine Fortbildung und Weiterentwicklung unter professioneller Anleitung und Schulung, auch um sich für die Aufnahme ins große NDT vorzubereiten.

Ruhm und Anerkennung folgten auf den Fuß. Den bedeutendsten Orden der Niederlande, jenen "Orde van Oranje Nassau“ (Anmerkung: so etwas wie in England die Verleihung des Adelstitels durch die Queen) verlieh ihm am 13. April 1995 Königin Beatrix. Diverse weitere Ehrungen und Medaillen zieren seinen Lebensweg. Über die Jahre hat Kylian einen eigenen persönlichen Stil entwickelt und bedeutende Choreografen nach ihm durchaus beeinflusst.

Jiri Kylian war auch immer ein Mitdenkender, ein Mitfühlender seiner Zeit. Er sandte, wenn es nötig wurde, politische Botschaften aus, so z.B. sein Gastspiel beim "Prager Frühling, 1982" oder sein Einsatz und Wirken für die australischen Ureinwohner, die Aborigines.

"Inspiration findet sich überall. Wenn man ein offenes und feinfühliges Wesen ist, findet man Inspiration an jeder Ecke seines Lebens. Choreografen beziehen ihre Inspiration jedoch hauptsächlich aus der Musik. Sie ist die Kunstform, die dem Tanz am nächsten kommt. Inspirationsquellen sind unendlich... Aus meinen 100 Stücken traf ich für Essen eine ziemlich herausfordernde Wahl, die mein Schaffen in seiner ganzen Vielschichtigkeit repräsentiert, die dem Interesse der Tänzer entspricht, und die schließlich den Essener Zuschauern einen Abend von substanzieller Vielfalt verspricht." (Jiri Kylian zum Essener Abend)

Wings of Wax

Schönes MAKING OF Probenvideo

Inspiriert ist das Stück von der mythologischen Geschichte über Daedalus und Ikarus, die versuchten, mit Wachsflügeln ihrer Gefangenschaft auf Kreta zu entkommen. Das Ergebnis ist bekannt. Jiri Kylian überträgt hier nun die urmenschliche Sehnsucht nach Freiheit auf seine Choreografie, wo die Tänzer überwiegend durch Sprünge und Hebefiguren die Schwerkraft außer Gefecht setzen wollen. Bühnenbildner Michael Simon hat einen verdörrten Baum entworfen, der im Zentrum der Bühne verkehrt herum, also mit der Krone nach unten, hängt - Symbol für die Aufhebung der Schwerkraft. Um dieses Konstrukt kreist ein einzelner großer Bühnenscheinwerfer, mal schnell, mal langsam, je nach musikalischem Tempo des Tanzes. Das hat alles eine beeindruckende optische Qualität. Musikalisch ertönen dazu die Excerpts aus Glass' "Streichquartett Nr. 5", Heinrich Ignaz Franz Bibers "Rosenkranzsonate für Violine solo" und Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen".

27' 52''

MAKING OF Probenvideo

Dieses Ballett ist völlig abstrakt gehalten. Mit dem Titel wird auf die Dauer des relativ düster wirkenden Stückes angespielt. Die Musik, wenn man das überhaupt so nennen kann -Komponist: Dirk Haubrich - ist recht sperrig und nicht leicht zu rezipieren, handelt es sich doch um ein Konglomerat aus Sprachfetzen und Teilsätzen (dazu sphärische Klänge und hallende Geräusche) die von der originalen Tanzbesetzung 2002 eingesprochen wurden und dann vorwärts und rückwärts in diversen Tempovariationen bearbeitet, ertönen. Irgendwie wirkt das Ganze so genial, wie zum Ende hin aber auch grenzwertig langweilig. Immerhin erleben wir begnadete Tänzer, die originelle Bewegungsformen in faszinierender Dichte und Körpersprache offerieren. Wenn sich die Künstler im Finale auf und unter den mobilen Pegulan-Bühnenboden gelegt haben, fallen diverse Tücher (die in einer viel zu langatmigen Übergangspause vorher von einem Heer von Bühnenarbeitern umständlich befestigt worden waren) nacheinander aus dem Schnürboden herab und hinterlassen die Bühne in einem ungeordneten Chaos. Großer Beifall, das Publikum schien geradezu hingerissen...

Petite Mort

war in Essen bereits 2012 ("Zeitblicke" - zusammen mit zwei weiteren Stücken von Patrick Delcroix und Christopher Bruce) präsentiert worden. Der Titel stellt einen Bezug zur Musik Mozarts dar, dem Adagio aus dem Klavierkonzert A-Dur und dem Andante aus seinem Klavierkonzert C-Dur. Grandios und hochoriginell lässt Kylian die sechs Tänzer anfangs mit und um einen Degen tanzen, dav´bei wird der Degen auch zum verblüffend beweglichen Requisit. Mit einem großen Tuch, welches die Tänzer über die Bühne ziehen, zaubern sie quasi (ein schöner Effekt) die Frauen herbei. Später rollen diese fast schwebend (noch ein verblüffender Bühnen-Effekt!) hinter Schneiderpuppen mit weiten, ausladenden dunkelblauen Rokokokostümen über die Bühne, lugen seitlich hervor oder verstecken sich dahinter. Das hat witzigen, schon fast kindischen Humor, aber überzeugt. Sicherlich das stärkste und unterhaltsamste Ballett des Abends.

BIRTH-DAY

In der Umbaupause vor dem letzten Stück gibt es das, zumindest für den Rezensenten, vielleicht Witzigste, was je in Form eines Kurzballetts (auch noch in humoriger Slapstick Form) geschaffen wurde. Eine Stück, das Kylian auch als Meister der filmischen Umsetzung zeigt, denn während der Film mit den Tanzelementen eigentlich viel zu schnell abläuft (Reminiszenz an das Stummfilmkino "als die Bilder laufen lernten") ertönt Mozart im Originaltempo. Dabei passt alles auf die hundertstel Sekunde zusammen und die Tänzer werden auf dem Trampolinbett zu scheinbar lebenden Gummikugeln. GsD ist auf Youtube dieses einmalige Spektakel präsent. Bitte unbedingt anschauen !

Sechs Tänze

Video von den Proben

choreografiert zu Mozarts "Deutschen Tänzen", ist eine Parodie auf verstaubtes Rokoko - geradezu eine Staub und Puderorgie. Dabei treten alle Tänzer mit weißen Perücken auf und verteilen bei ihren schnellen Bewegungen bzw. durch Antippen oder Düppen der Frisur des Partners reichlich Magnesiapulver auf der Bühne. Auch die dunkelblauen Rokokokostüme und die Degen aus dem vorherigen Stück tauchen wieder auf. Was für herrliche, leider viel zu kurze Sequenzen. Und wenn am Ende dann Seifenblasen aus dem Schürboden auf die Tänzer herabschweben, möchte man "Da Capo!" rufen, denn dieses Stück war viel zu schnell vorbei.

Fazit: Was für ein kongenialer Tanzabend - was für eine Vielfalt des Tanztheaters! Die Tänzerinnen und Tänzer der Essener Compagnie bewiesen an diesem wirklich toll begeisternden Abend nachhaltig, daß sie zu den Top-Ensembles in Deutschland gehören und jede noch so weite Anreise vom Kritiker als absolut lohnenswert empfohlen werden kann.

Peter Bilsing 24.4.16

Bilder (c) Essen.de / Aalto Ballett

P.S.

Sehenswert sind die hochprofessionell in HiFi Tonqualität produzierten Videos

 

Produktionsteam

Choreographie: Jiří Kylián

Kostüme: Joke Visser

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Wings of Wax

Bühnenbild: Jiří Kylián (Konzept), Michael Simon

Licht: Michael Simon (Konzept), Kees Tjebbes

Tänzerinnen und Tänzer: Yulia Tsoi, Tomáš Ottych, Ana Carolina Reis, Liam Blair, Mariya Tyurina, Wataru Shimizu, Yusleimy Herrera León, Breno Bittencourt

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27' 52''

Bühnenbild: Jiří Kylián

Licht: Kees Tjebbes

Tänzerinnen und Tänzer: Mariya Tyurina, Denis Untila, Yanelis Rodriguez

Wataru Shimizu, Julia Schalitz, Yehor Hordiyenko

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Petite Mort

Bühnenbild: Jiří Kylián

Licht: Jiří Kylián (Konzept), Joop Caboort

Tänzerinnen und Tänzer: Ana Carolina Reis, Liam Blair, Paula Archangelo-Çakir, Wataru Shimizu

Yanelis Rodrigues, Yehor Hordiyenko, Yulia Tsoi, Armen Hakobyan, Mariya Tyurina

Artem Sorochan, Maria Lucia Segalin, Aidos Zakan

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Birth-Day (Filmfragment)

Bühnenbild und Licht: Jiří Kylián

Film / Video: P&P Lataster, Vidishot

Tänzerinnen und Tänzer: Gioconda Barbuto, David Krügel

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Sechs Tänze

Bühne und Kostüme: Jiří Kylián

Licht: Jiří Kylián (Konzept), Joop Caboort

Tänzerinnen und Tänzer: Ana Carolina Reis, Igor Volkovskyy, Yanelis Rodriguez

Yehor Hordiyenko, Yusleimy Herrera León, Moises Léon Noriega, Paula Archangelo-Çakir, Nwarin Gad

 

 

 

Ihr Kinderlein kommet...

"Nussknacker & Rattenkönig" als ein großes "Familien-Event"

Premiere 24.Oktober 2015

Putzig-zuckrige Weihnachtsrevue für Kinder

Jaja die Weihnachtsbäckerei... Alle wichtigen Weihnachtsmärkte beginnen schon im November, weil die Menschen halt heimelige Folklore, Rummel mit Kinderkarussels, Weihnachtsstimmung, leckere Plätzchen aus Holland, Lebkuchen aus Aachen und Lametta-Atmosphäre so sehr lieben.

In Dortmund z.B. wird bald wieder Deutschlands größter Weihnachtsbaum herrlich illuminiert zu bestaunen sein. In der Tat könnte man im Ruhrgebiet fast schon eine Städtetour machen, ohne diesen gigantischen Weihnachtsmarkt je zu verlassen; alles hängt irgendwie zusammen. Das ist schön. Das freut die Menschen und bringt Familien dazu, endlich einmal wieder glückselig, etwas zusammen zu unternehmen - gemeinsam irgend wo hin zu gehen.

In Essen begann der Weihnachtsmarkt allerdings trauriger Weise ohne Plätzchenverkauf bereits gestern am 24. Oktober im Aalto Theater der Zechenstadt:  in einer putzigen Glitzerrevue mit veritablen, sich gelegentlich sogar bis auf fünf Meter ausfahrenden Kunst-Weihnachtsbaum. Fantasialand und Traumschiff sind auf bunter Bühne angesagt. Schneeflöckchen Weissröckchen... es glitzert überall, alle tanzen mit dazu Extra- und Kinderballette. Eine solch aufwendige Inszenierung ist auch Fleissarbeit und geht sicherlich an die Grenzen des Machbaren eines Theaters.

"Es gibt genug Probleme auf dieser Welt" sagt Ballettchef Ben Van Cauwenbergh und definiert sein Ziel klar und deutlich: "Ich möchte vor allem mit unserer neuen Produktion Kinder ins Theater holen und sie begeistern. Daher wird unser Nussknacker auch ein Familienevent sein." Und in der Tat ähnelt Cauwenberghs Konzept dem unzähliger Ballettschulen im Lande, die in ihren jährlichen Produktionen für Omis, Tanten, Neffe, Schulkameraden, Freunde, Geschwister und Eltern an eben diesem schönen Tschaikowski "Nussknacker" orientieren.

Nettes Accessoire für die erwachsenen TV-Fans ist natürlich der Butler James aus Dinner for One, den wir doch alle so gut kennen - hier in Form des Hausdieners Tomas Ottych. Selbstverständlich darf auch die Slapstick-Stolperfalle, das legendäre Bärenfell nicht fehlen. Ich hätte mir auch noch diverse Loriot-Gags gut vorstellen können, die ja heute (ewiger Humor) immer noch für Lacher sorgen. Ottych macht das natürlich wunderbar und bekommt den meisten Beifall, wenn er sich auch noch als Familienfotograf betätigt und überrascht beim Blitzlicht "plumps" auf seinen Allerwertesten fällt. Ja, das ist lustig, das macht Spass und begeistert nicht nur Kinder, sondern erfreut auch das ältere Premieren-Publikum.

Überhaupt ist dies eine Produktion, die das erlesene Abendpublikum unisono begeisterte, wird doch überwiegend im klassischen Rahmen von Marius Petipa auch der Spitzentanz nicht vernachlässigt. Im großen Divertissement des zweiten Teils, welches applausfreudige Besucher meist besonders erfreut, weil man quasi alle zwei Minuten klatschen kann, wird auch in Essen jede Nummer des Reigens eifrig bejubiliert; man klatscht auch öfter enthusiasmisiert mitten in die Musik hinein. Da sieht man das Cauwenbergh mit seinem Team (Bühnenbild/Projektion Bill Krog, Kostüme Dorin Gal, Filmprojektion Aldo Gugolz) mit dieser Präsentation von Tanznummern eigentlich genau das Herz des Essener Ballettpublikums getroffen hat.

Der Aufwand ist gigantisch, die Kostüme sind prachtvoll; wenngleich die riesigen, teils bewegten Projektionen doch gelegentlich etwas vom Tanz ablenken; außerdem ist die im HD-K4-Zeitalter doch recht grob aufgelöste Projektion nicht das Mass der Dinge an einem Haus mit sonst brillanter Technologie. Irgendwie zu groß, zu bunt, von allem Zuviel des Guten - Bilder als wären wir in Dahl/Burtons Charly und die Schokoladenfabrik. Hier hätte vielleicht weniger mehr sein können. Manchmal erdrückt der gigantische Aufwand fast den Tanz und der Überblick geht verloren.

Kapellmeister Yannis Pouspourikas evoziert aus dem Graben mit den Essener Philharmonikern einen wohltuend kultivierten Tschaikowski-Sound. Die bewährten Solisten erfreuen neben den großen Ensembles (teilweise in schwanenensee-weißen Tutus) Herz und Seele eines nach solchen Tanzabenden anscheinend geradezu lechzenden Publikums. Wahrscheinlich könnte man bis Weihnachten auf Oper im Aalto ganz verzichten und diesen Nussknacker en Suite spielen. Die Nachfrage wäre sicherlich vorhanden und würde Tanzfreunde aus Nah und Fern anziehen (besonders natürlich aus Düsseldorf/Duisburg wo es ja keine Handlungsballette mehr gibt :-) und die Aalto-Einnahmestatistik schösse beträchtlich nach oben.

Jenen an alternativen Konzepten interessierten Nussknacker-Fans möchte ich von ganzem Herzen die (von uns sogar zusätzlich mit dem raren OPERNFREUND-Stern ausgezeichnete) Tanztheater-Produktion des Nussknackers vom Nachbarhaus in DORTMUND unbedingt ans Herz legen. Zwischen der Aalto-Version Cauwenberghs und der von Benjamin Millepied (Ballettchef der Pariser Oper) liegen Welten! Aufgrund ihrer Zeitlosigkeit kann man die Dortmunder Inszenierung sicherlich auch noch nach Weihnachten, wahrscheinlich das ganze Jahr über prachtvoll genießen; sie ist eben nicht weihnachtsstimmungs-abhängig. Es nussknackert also überall.

Peter Bilsing 25.10.15

Die schönen Fotos sind von Bettina Stöss

 

CREDITS

Choreographie Ben Van Cauwenbergh

Musikalische Leitung Yannis Pouspourikas

Bühnenbild und Projektion Bill Krog

Kostüme Dorin Gal

Filmprojektion Aldo Gugolz

Dramaturgie Markus Tatzig

Orchester Essener Philharmoniker

Kinder des Ballettstudios Roehm (Ltg. Cheryl & Jeremy Leslie-Springs)

Tänzer und Tänzerinnen des Gymnasiums Essen Werden

Kinder des Aalto Kinderchores

Damen des Aalto Jugendchores und des Extrachores

 

Solisten:

Yanelis Rodriguez (Louise)

Breno Bittencourt (Karl)

Moises Leon Noriega (Drosselmeier)

Viacheslavv Tyutyukin (Fritz)

Lauro Kubicko (Clara)

Maria Lucia Segalin (Frau Rattenstein)

Nour Eldesouki (Herr Rattenstein)

Wataru Shimizu (Herman)

Yulia Tsoi (Frau Stahlbaum)

Denis Untila (Herr Stahlbaum)

Tomas Ottich (Hausdiener James)

Mariya Tyurina (Schneekönigin)

---------

Carolina Boscan (Spanischer Tanz)

Xiyuan Bai / Nour Eldesouki (Arabischer Tanz)

Kinder des Balletstudios Roehm (Chinesischer Tanz)

Elisa Fraschetti, Yuki Kishimoto, Mariya Tyurina (Rohrflöten)

Wataru Shimizu (Russischer Tanz)

Niwarin Gad, David Jeyranyan, Artem Sorochan (Kavaliere)

 

 

Uraufführung

DIE ODYSSEE

als tänzerisches Ereignis choreographiert von Patrick Delcroix

UA-Premiere 18.April 2015

 

"Für mich ist der Stoff zeitlos. Er hat auch nach 3000 Jahren noch viel zu erzählen, viele Wahrheiten mitzuteilen. Vor allem das Innenleben der Charaktere, ihre Beziehungen untereinander und die intimen Momente und Gefühle, die sie miteinander teilen, machen das Stück universal und zu einer spannenden Vorlage für ein zeitgenössisches Ballett." (Patrick Delcroix)

Patrick Delcroix spiegelt in seiner Choreographie Stationen der Irrfahrten des Odysseus, indem er den tänzerischen Focus auf dessen Begegnungen und Abenteuer mit verschiedenen Frauen setzt. Er zeigt einen Handlungsbogen vom Abschied bis hin zur Rückkehr nach zwanzig Jahren Abwesenheit wieder nach Ithaca zu seiner Ehefrau Penelope. Elisa Fraschetti (Penelope) drückt in Tanz und Bewegung genau jede Innigkeit der liebenden und gattentreuen Ehefrau aus, die sicherlich Homer schon im Sinn hatte. Schwerpunkte in den tollen Bildern stellen nacheinander seine Beziehungen zu Kirke ,Skylla und Kalypso dar.

Besonders harmonisch im Pas de Deux ist Odysseus Verhältnis mit der Zauberin Kirke gezeichnet. Julia Schalitz tanzt diese Kirke umgarnend, expressiv und ausdrucksstark - sehr passend das schwarze kurze Kleid.

Kalypso (Anna Khamzina) im langen, roten symbolstarken Kleid durchbricht die Harmonieversuche mit eher eckigen wegdrängenden choreografischen Bewegungen.

Dabei zeichnet der Choreograph in einem genialen Kunstgriff Skylla gleich in sechsfacher Gestalt, auch weil die Begegnung des Odysseus mit ihr  nicht so intensiv war, wie zu den anderen Frauen. Bildnerisch wird das Ganze aufgrund der Vermehrfachung sehr trefflich, eher als quasi Generalangriff auf Odysseus und seine Gefährten zusammen gezeichnet.

Es gibt öfter parallele Handlungsebenen mit Rückgriffen auf seine Mutter Antikleia (Yulia Tsoi) und die Situation seiner Frau Penelope auf der Heimatinsel Ithaca.

Grandios ist Delcroixs sehr unterschiedliche Annäherung der verschiedenen Frauen an Odysseus in tänzerische Bewegung umgesetzt.

Großartig immer wieder als helfende Lenkerin Athene einfühlsam und bestimmend getanzt von Michelle Yamamoto

Äolus (Dmitry Khamzin) kraftvollen Auftritt mit passender Musik bricht überraschend wie Orkan in die vorher recht langsame Erzählweise ein. Odysseus (der allüberragende Tomas Ottych) arrangiert sich mit dem Windgott, während Odysseus´ Gefährten - Liam Blair, Davit Jeyranyam, Simon Schilgen, Wataru Shimizu, Denis Untila - eher den tänzerischen Chor, eine Art roter Faden durch die Irrfahrten des Helden, bilden.

Grandios dargestellt auch die zweite Männergruppe (Breno Bittencourt, Armen Hakobyan, Moises Leon Noriega, Igor Volkovskyy) der Freier (beide Gruppen sterben am Ende, wie wir ja von Homer wissen) wobei die Überschwänglichkeit ersterer auch im Tanz sehr gut arrangiert ihren Ausdruck findet. Ein stetes ziellos lockeres Leben im Augenblick., wo hingegen die Freier im Tanz eher drängend und aufdringlich in korrekter Kleidung (Anzug) wirken.

Telemachus´ (Viacheslav Tyutyukin) Suche nach seinem Vater wird nicht nur im Tanz, sondern auch visuell beinah cinematographisch in Bühnenbild und Licht visualisiert.

Sehr gut beobachtet und am Rande eingebracht ist das langsame Auflösen der Frisur Penelopes als symbolische Handlung; zunächst löst die Schwiegermutter Antikleia (Julia Tsoi) ihren hochgesteckten Zopf. Später im Tanz mit den Freiern erscheint Penelope mit dann entflochtenem Zopf -Ausdruck des Zweifels ob der Rückkehr ihre Mannes.

Die choreografierten Bilder sind derartig vielschichtig ausziseliert, daß man das nur gerade 80 minütige pausenlose Ballett eigentlich unbedingt noch einmal sehen müsste, um alle Feinheiten zu begreifen und wahr zu nehmen.

Die moderne minimalistische Musik*** ist nicht nur exzellent ausgesucht und passend für Situationen verwendet, sondern wird auch höchst dynamisch differenziert über die exzellente Tonanlage des Aalto eingesetzt. Grandios auch der Einsatz auch der situative von Klangeffekten wie Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Donner.

Bühne und Licht von Kees Tjebbes sind allein schon ein Kunstwerk in höchster Vollendung.

Die Kostüme (Bregje von Balen) charakterisieren situationsbedingt überaus treffend und stilvoll. Was für ein tolles Produktionsteam!

Fazit:

Hier tanzt eines der besten Ensembles Deutschlands, wenn nicht sogar international, welches qualitativ weit über anderen ggf. vergleichbaren Häusern steht. Alle Tänzer gehen voll in ihren Rollen auf und verkörpern diese mit derart großer exemplarischer Ernsthaftigkeit und Hingebung, daß der Tanzabend nicht nur zum Augenschmaus geriert, sondern zum tänzerischen Ereignis.

Peter Bilsing 19.4.15

Bilder Bettina Stöß

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Bewegend, ergreifend ...

LA VIE EN ROSE

WA am 18.12.13 im Essener Aalto

Ein Ballett für die Ewigkeit zum Weinen schön

Wenn Sie sich nicht, wie an manchen Häusern, über modernes Dauer-Tanztheater in Zerknirschung und Selbstzerfleischung ergehen oder langweilen möchten, dann bitte auf nach Essen. Buchen Sie sich in den wunderbaren Piaf-Abend ein, solange er noch läuft. Das Stück ist nicht ohne Grund seit seiner Aalto-Premiere 2007 ständig ausverkauft - heuer gibt es noch einige Karten für die restlichen Vorstellungen.

Die wunderbar und stilvoll aus-choreographierten Chansons von Edith Piaf, Gilbert Bécaud und Jacques Brel (in toller Tonqualität nebenbei bemerkt) mit dem fabelhaften nun schon 82-jährigen Zygmunt Apostol als konferierender Clochard  - man muss diesen Künstler einfach erlebt haben! - bezaubern weiterhin nachhaltig. Fantasievolle Bilder von Paris -  stilvoll ästhetisch und formvollendet projiziert auf diverse Regen-, Sonnen- und sonstige Schirme - dazu und eine traumhafte Lichtregie (Jürgen Nase). Solche Bilder betören auf charmante Weise die Herz und Seele der Zuschauer. Kann Ballett schöner sein, können Chansons ewiger erstrahlen?

Das tragische, kurze und dennoch so erfüllte Leben der Piaf findet hier eine gesamtkunstwerkliche Hommage für die man Ballettdirektor Ben Cauwenbergh ewig Dank sagen möchte; eine respektvolle Würdigung.

Dass eine tolle Tänzerin, wie Adeline Pastor, auch noch singen kann und über eine der Piaf durchaus ähnliche Tessitura verfügt, ist unglaublich. Dazu kommt Denis Untila als "Gilbert Bécaud", der in seinen Performances nicht nur die Grenzen der Schwerkraft praktisch aufhebt, sondern auch die lässige "Leichtigkeit des Seins" jenes Savoire Vivre de Dance so bravourös wie begnadet interpretiert.

 

Am Ende, wie nach jeder bisherigen Vorstellung, Jubel, Jubel, Jubel... Das ist aber auch eijne fabelhafte Tanztruppe da in Essen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, daß es bei aller Schwerarbeit doch irgendwie allen Mitgliedern des Ensemble auch noch richtig Spass macht so etwas zu tanzen, zungestalten. Bravi!

Das Ergebnis von soviel tollem Engament:

Unisono beglückende und strahlende Gesichter beim Publikum; ach wie kann Tanztheater schön sein! Wir haben alle feuchte Augen ;-) ...

Hier waren mal wieder (!) sowohl die 80-Jährigen, als auch die 17-jährigen Teenager im Herzensjubel vereint.

Peter Bilsing 22.12.13                           Wunderbare Bilder von Bettina Stöß

 

 

 

 

TANZHOMMAGE AN QUEEN

WA am 12.10.13

Uraufführung: Staatstheater Wiesbaden 2004               Premiere Essen 2009

"Nichts ist schöner für Tänzerinnen und Tänzer als vor vollem Haus zu tanzen und ein glückliches Publikum zu erleben. Wenn die Menschen auf der Bühne und im Zuschauerraum zusammen harmonieren, ist das auch mein Erfolg."(BvC)

Ach würden alle Choreografen nur so an ihr Publikum denken! Ben van Cauwenberghs wirklich tolle und mitreißende Choreografie - mittlerweile in die halbe Welt verkauft - ist zeitloser Kult. Man wird sie noch in 20 Jahren bringen können, ohne das irgendetwas langweilig, überholt, staubig vermottet oder deja vue wirkt. Dazu ist die Musik zu großartig und die Bildgewalt zu mächtig. Es wird Zeit das Ballett für die Ewigkeit auf DVD zu dokumentieren; vielleicht jetzt, wo die Essener-Ballett-Compagnie sich in einem fabelhaften Zustand befindet. Sehr glaubwürdig und hoch-engagiert realisieren sie in begnadeter Qualität sowohl modernen Tanz, als auch klassisches Ballett, Artistik und das alles noch höchst humorvoll ergänzt mit prachtvollen 50-er Jahre Standart-Tanznummern.

Eine geniale Choreografie, die sich dem Phänomen Queen und ihrem superben und gleichzeitig oft auch skurril outrierenden charismatischen Sänger Freddie Mercury nicht nur auf höchst sensible Weise nähert, sondern ihm geradezu ein Denkmal in Musik und Tanz mit großer Empathie setzt. Die 31 Nummern vergehen, wie im Flug und man könnte nach den knapp zwei Stunden das Ganze gleich nochmals, höchst euphorisch, sich zu Gemüte führen.

Bei "Who wants to live forever" - ein quasi memento mori - bekommen nicht nur sensible Fans feuchte Augen angesichts Mercurys tragischen Endes. Auf geradezu wunderbare Art und Weise skizziert Cauwenbergh die Lebenslinie dieses Mannes, in Liebe, Leid, Trauer, Aufbegehren, Verrücktheit, Groteske und musikalischer Genialität. Da bricht der Good Old Rock´n Roll heraus aus den bürgerlichen Szenarien der Spießergesellschaft, ironisch wird die Krimi-Atmosphäre alter Edgar-Wallace-Filme zitiert oder der Teeni-Weenie-Tanzsalon im Schleuder-Rock´n Roll der Elvis-Zeit; und immer wieder wird auch das Thema der Homosexualität, wie z.B. in einem grandiosen Männer-Pas-de-deux liebevoll ausgetanzt - in hoch-ergreifenden sensiblen Bildern.

Am Ende ragt der Sänger in typischer Pose als gigantisches steinernes Monument aus dem Bühnenboden, als könne der Rocksuperstar die Erdoberfläche noch einmal durchbrechen und aus dem Grabe wieder auferstehen. Was für eine grandiose Bühne hat Bühne Dmitrij Simkin da geschaffen...

Freddie Mercury war ein Idol und ist es geblieben. Idole sterben nicht; vor allem wenn ihnen in dieser Form die Ehre zukommt, zumindest musikalisch, neu zu erwachen.

Was für ein Ballett-Abend! Grandios und sicher mehr als zählbare Sterne wert...

Peter Bilsing /  13.10.13                                            Bilder: Aalto Theater

 

 

 

 

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