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LA TRAVIATA

Besuchte Vorstellung Wiederaufnahme 12.02.2017                

Premiere 26.06.2015

Eine überragende Violetta mit Elif Aytekin

Sie hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, diese „La Traviata“ in Meiningen. Im Juni 2015 war die Premiere und bei der heutigen Wiederaufnahme, hat die Aufführung nichts von ihrer Spannung und Dramatik verloren. Die Geschichte der Lebedame Violetta Valéry, die sich – schon von ihrer tödlichen Krankheit gezeichnet – unsterblich in den jungen Alfred Germont verliebt und von ihm stürmisch wiedergeliebt wird, ist sicher allgemein bekannt. Sie vergisst in seinen Armen alles Leid und hofft auf eine glückliche Zukunft, auch wenn sie im Innersten bereits weiß, dass dies ihr nicht bestimmt ist. Alfredos Vater ist bedacht auf den Ruf seiner Familie, der Schwester Alfredos, die vor der Hochzeit steht, die durch eine Kurtisane gefährdet scheint. Er appelliert an Violetta ihn um das Wohl seines Hauses zu verlassen. Er denkt ja, dass sie ein langes glückliches Leben an der Seite anderer Männer noch vor sich hat. Violetta ist in sich zerrissen, sie will ihren Alfredo nicht aufgeben, ihn die einzige Liebe ihres Lebens, aber sie will auch dem Glück seiner Familie und damit auch ihm nicht im Wege stehen. So macht sie ihm vor, ihn nicht mehr zu lieben. In grenzenloser Verzweiflung beleidigt und erniedrigt Alfredo sie auf einem Ball und wirft ihr Geld und seine Verachtung ins Gesicht. Im Prinzip verflucht er die Liebe seines Lebens. Violetta, getrennt von Alfredo verfällt immer mehr, ihre Krankheit zehrt an ihr und droht sie zu vernichten. Jetzt erst erkennt Giorgio Germont, was er von ihr für ein grenzenloses Opfer verlangt hat, er, der seinen Sohn nach dem Vorfall schwere Vorwürfe machte, erkennt seinen großen Fehler. Er weiß aber auch, dass er ihn nicht mehr gut machen kann, dass es zu spät ist. Violetta, dem Tode näher als dem Leben empfängt noch einmal den geliebten Alfredo. Gemeinsam träumen sie vom großen gemeinsamen Glück, dann stirbt sie in seinen Armen. Eine Geschichte, die zu Herzen geht und wieder einmal etliche Taschentücher meiner Frau gekostet hat.

Steffen Köllner – Elif Aytekin – Ernst Garstenauer – Carolin Krogius – Mikko Järviluoto

Regie führt Christian Poewe, und hier bin ich ein bisschen hin- und hergerissen. Zu Beginn der Ouvertüre lässt er einen greisen Mann auf die Bühne schlurfen, sich auf ein Sofa setzen, der Musik mit verklärten Blicken lauschen, die gebrechlichen Arme gen Himmel recken und dann wieder verschwinden. Warum das Ganze, mir hat es sich nicht erschlossen, war für mich einfach nur deplatziert und albern. Das geht noch zwei dreimal so, aber vergessen wir es schnell, zu mehr taugt es eigentlich auch nicht. Den tieferen Sinn des Regisseurs, der sich ja irgendetwas dabei gedacht haben muss, hoffe ich wenigstens, erschließt sich mir nicht. Schade, denn das sonstige Regiekonzept von Poewe kann durchaus überzeugen. Er arbeitet akkurat alle Feinheiten des Stückes heraus, vermeidet unsinnige Mätzchen (fast – siehe oben) und stellt ein stimmiges Konzept auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Für die Bühne zeichnet Christian Rinke verantwortlich und das in der Mitte hochaufragende Stahlgerippe kann zu den verschiedensten Bereichen verwendet und angewandt werden, die Drehbühne ist ständig im Einsatz und vermittelt ein stets wechselndes Bild, einfach und eindrucksvoll. Eine einfache Darstellung, aber eine die zweckdienlich ist und voll überzeugt. Überzeugend auch die Kostüme von Tanja Hofmann, prächtige schön anzuschauende Roben in gedämpften Tönen, bis auf die Frau in Rot, die vielgeliebte Violetta. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Mario Hartmuth, er lässt die Zügel für das Orchester recht locker und ist in seinen Tempi auch sehr sängerunterstützend, teilweise spielen seine Musiker recht schmissig und leidenschaftlich auf. Die Hofkapelle lässt sich problemlos leiten und bringt eine eindrucksvolle Leistung auf die Bühne, die Violingruppe muss noch ein bisschen an sich arbeiten, ihr Klang ist mir etwas zu unschön, gerade im Vorspiel, wo man sich einen zarten elfengleichen Klang wünscht. Aber das sind Einwände, die zugegebenermaßen schon etwas beckmesserisch sind. Der von Martin Wettges einstudierte Chor macht seine Sache gut, alles ist aufeinander eingespielt, alles läuft im Takt.

Carolin Krogius – Ernst Garstenauer – Mikko Järviluoto

Und nun kommen wir zu dem, was eine gute „Traviata“ am besten ausmacht und woran sie oft scheitert, die Sänger. Und hier hat man für die Titelrolle in Meiningen ein Juwel. Elif Aytekin gestaltet die verzweifelt Liebende, die am Schluss doch noch in den Armen des Geliebten stirbt äußerst ergreifend. Mit zarten Piani, dennoch durchschlagskräftig mit strahlenden Spitzentönen, aufblühend und ergreifend gestaltet sie die Violetta, man zittert und fühlt mit ihr mit und kann am Schluss der Aufführung sicherlich die eine oder andere Träne nicht unterdrücken, wobei es bei meiner Frau mehr wie eine Träne war. Was kann man schöneres über ein solch musikalisches Ereignis sagen. Man kann nur hoffen, dass die junge türkische Sopranistin, die viel Szenenapplaus bekommt und einen am Ende fast nicht endend wollenden Schlussapplaus, noch lange in Meiningen bleibt.

Ihr Partner, der aus China stammende Tenor Xu Chang als Alfredo, der schon seit vielen Jahren eine Stütze Meiningens ist, hat einen durchschlagskräftigen, metallischen hellen Tenor mit einer bombigen imposanten Höhe. Dass sein Spiel insgesamt etwas statisch wirkt, kann man dabei gerne vergessen. Eine, vor allem im Einklang mit Elif Aytekin eindrucksvolle Leistung. Beide werden zu Recht mit vielen Ovationen gefeiert.

Mehr als ebenbürtig ist der rumänische Bariton Marian Pop als restlos überzeugender Vater Germont. Er läßt sein herrliches Material voll strömen und überzeugt nicht nur in seinen großen Arien sondern auch in den Duetten. Seine eindrucksvolle mächtige und flexible Stimme lässt aufhorchen. Ich habe ihn heute zum ersten Mal erlebt und hoffe, dass es nicht zum letzten Mal gewesen ist. Eindrucks- und ausdrucksvoll, so kann man ihn mit einem kurzen Schlagwort beschreiben.

Keinen Ausfall gab es bei den sonstigen Besetzungen, sowohl Carolina Krogius, die finnische Mezzosopranistin mit flexibler, lyrisch heller Stimme als Flora, Girn-Young Je als Annina, als auch Stan Meus als Gaston, Steffen Köllner als Baron Douphol, Ernst Garstenauer als Dr. Grenvil, Mikko Järviluoto als Marquis d´Obigny, Gerhard Goebel als Giuseppe, Dimitar Sterev als Kommissionär sowie Sang-Seon Won als Diener gaben ihr Bestes und vervollständigten das Ensemble stimmig.

Schlussapplaus

Langanhaltender, fast nicht endend wollender Applaus, gab darüber Aufschluss, dass es den Besuchern ausgezeichnet gefallen hat, man sah beim Ausgang kein griesgrämiges Gesicht. Und was kann man wohl schöneres über einen wunderbar gelungenen Opernnachmittag sagen. Meiningen ist immer eine Reise wert und ich freue mich schon auf die nächsten Aufführungen.

Manfred Drescher, 22.02.2017              

Fotos 1 und 2: Ed, Meiningen, Foto 3: Eigenaufnahme

 

DER BARBIER VON SEVILLA

nicht als komische sondern als alberne Oper

Besuchte Vorstellung 06. Juni 2016                

Premiere 14. Oktober 2016

Solisten und Orchester retten eine Inszenierung, die mehr als gewöhnungsbedürftig ist

Viele Jahre bin ich in Meiningen, viele Jahre begeistert, manchmal – aber ganz selten – etwas verunsichert von der ein oder anderen Inszenierung, aber was der Regisseur Lars Wernecke hier für mich abgeliefert hat, ist so etwas von albern, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Die armen Sänger müssen fast über die gesamte Zeit herumhampeln, dass es einem fast schwindlig wird und sich damit – für mich jedenfalls – zum Affen machen. Ich war mit 60 Leuten in der Vorstellung, ausnahmslos Kopfschütteln über eine solche Inszenierung, für die das Wort albern fast noch geschmeichelt ist. Komische Oper soll unterhaltsam, auch in gewisser Weise derb und selbstverständlich auch etwas überzeichnet sein und die Ansätze des Regisseurs wären vielleicht nicht einmal so schlecht, wenn er sie differenziert eingesetzt hätte und nicht gnadenlos und ohne Pause es durchgängig zur Zappelekstase zu treiben. Wenn man Ende des ersten Aktes zusehen muss, wie alle Personen wild mit Händen und Köpfen gestikulieren, dann wird man nach ein paar Minuten selbst etwas schwindlig im Kopf und nach 10 Minuten wird man nur noch wütend und bekommt Mitleid mit den armen Sängern. Es war für mich schlimm, eine meiner Lieblingsopern (und wer die DVD mit Wunderlich, Prey und Köth im seinem Schrank hat, wird verstehen, was ich meine) so mit Dauergezappel und Rumgehampel verunglimpft zu sehen. Helge Ullmann zeichnet für die Bühne und die Kostüme zuständig und sie hat ein buntes, mitunter grelles Bild hingezaubert. Der überdimensionale Barbierstuhl in der Bühnenmitte, den alle ständig (teilweise am Schluss schon etwas angestrengt schnaufend) besteigen und beklettern müssen, warum eigentlich erschließt sich mir nicht, ist das Hauptrequisit der Bühne. Alles ist versehen mit überdimensionalen Bühnenhelfern, riesigen Scheren, Kämmen; Wassersprühern uns so weiter und Figaro fährt mit einem, ja, sagen wir mal überdimensionierten Rasierpinsel auf die Bühne. Die handelnden Personen werden dadurch fast in die Rolle von Liliputaner gedrängt, oder auch von Ameisen, ganz wie man will. Also, für mich sind Inszenierung und Bühnenbild nicht gerade das Gelbe vom Ei und von satirischen Ansätzen kann man auch nur träumen. Alles ist bunt, grell, überdimensioniert und teilweise gnadenlos albern. Schade für solch eine Perle in der Opernlandschaft.

Dr. Bartolo – Marian Krejcik, Figaro – Dae-Hee Shin

Die Geschichte der Oper ist eigentlich recht schnell erzählt. Der alternde Don Bartolo, der mehr als nur einen Blick auf sein Mündel Rosina geworfen hat, steht zwischen der Liebe eben dieser Rosina mit dem Grafen Almaviva. Von ihm denkt sie am Anfang er sei ein armer, aber lieber Bursche namens Lindoro. Figaro, der Barbier und Lebenskünstler in allen Fragen, hilft dem Grafen – natürlich gegen klingende Münze – den etwas vertrottelten Don Bartolo, dem auch die Hilfe seines Freundes Don Basilio nicht helfen kann, auszuschalten, ja ihn auch zu veralbern und die schöne Rosina mit dem Grafen zu verbinden. Dieser versucht in ständig wechselnden Verkleidungen seiner Rosina immer näher zu kommen und den mit Argusaugen über Rosina wachenden Don Bartolo auszuschalten. So richtig wird diese Geschichte aber in der oben angesprochenen Inszenierung aber nie wahrgenommen, weil auch der Hintergrund der Oper ein bisschen im Dauergezappel untergeht.

Graf Almaviva – Siyabonga Maqungo, Rosina – Carolina Krogius

Ja – und wie schon so oft muss die Musik, das Orchester und die Sänger eine Inszenierung aus dem Feuer reißen – und das tut sie in bravouröser Art. Die Meininger Hofkapelle steht an diesem Nachmittag unter dem Dirigat von Stefano Seghedoni. Er gilt als Barbierexperte und wurde extra als Gast für das Haus verpflichtet. Mit leichter Hand, manchmal wäre eine etwas stärkere Hand nicht schlecht gewesen, führt er das gut aufgelegte Orchester. Er arbeitet die unterschiedlichen Töne eindrucksvoll heraus und ist auch den Sängern, wo es von Nöten ist, ein zurückhaltender Helfer. Die Hofkapelle lässt sich problemlos leiten und bringt eine eindrucksvolle Leistung auf die Bühne. Leider geht die Ouvertüre etwas unter, weil hier Figaro allerlei Unsinn auf der Bühne machen muss (Luftballonrasieren, Utensilien herumlegen) und doch sehr von der Musik ablenkt. Das kann man aber in keinster Weise der Hofkapelle und seinem leidenschaftlich agierenden Dirigenten anlasten.

Die gesanglichen Leistungen sind fast ausnahmslos, wie man es in Meiningen gewohnt ist, einwandfrei und auf einem sehr hohen Niveau. Als Rosina steht an diesem Nachmittag die junge Finnin Carolina Krogius auf der Bühne und ich war schon etwas enttäuscht gewesen, weil ich mit der von mir hochverehrten Elif Aytekin gerechnet hatte. Aber die Enttäuschung verfliegt schnell. Ihr warmer und ausdrucksstarker Mezzosopran ist in jeder Lage präsent, flexibel mit samtigem Timbre weiß sie das Publikum für sich zu gewinnen, dazu kommt ein glaubhaftes und überzeugendes Spiel, so dass man nicht nur von einer rollendeckenden Gestaltung sondern von einer außergewöhnlichen Gestaltung sprechen muss. Ihr geliebter Lindoro, halt, Graf Almaviva wird von dem blutjungen Südafrikaner Siyabonga Maqungo gegeben und dessen Stimme ist, jedenfalls zu Beginn, etwas gewöhnungsbedürftig. Etwas gequetscht klingt sein sehr heller und scharfer Tenor, kann sich aber im Verlauf der Vorstellung steigern. Der gewitzte und verschlagene Figaro wird von einer Säule des Hauses, dem südkoreanischen Bariton Dae-Hee Shin gegeben. Er macht aus dieser Rolle wieder ein Paradestückchen, spielerisch sowieso, kann er mit seinem durchschlagskräftigem, weichem und klarem Bariton eindrucksvoll überzeugen. Er lässt die Stimme fließen und seine kräftige und wohllautende Stimmbänder überzeugen in allen Lagen. Ausgezeichnet auch Don Bartolo von dem aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammenden Marian Krejcik. Sein vollmundiger kräftiger und durchschlagsfähiger Bass überzeugt in jedem Moment und dazu kommt ein ausgeprägtes schauspielerisches Vermögen. Humorvoll, auftrumpfend und gleichzeitig leidend macht er

aus seiner Partie eine kleine Sondernummer. Die Verleumdungsarie wird voller Bassschwärze, stark und überzeugend von Mikko Järviloto, der die Partie des Don Basilio darbietet, zelebriert. Man merkt ihm richtig an, wie sehr ihm die Verleumdung als Berater zur Seite steht. Hervorzuheben (trotz ihrer albernen Nasenputzmanie, bedingt durch unseren Regisseur) ist Monika Reinhard in der Rolle der Berta, die mit glockenhellem Sopran und eindrucksvoller Koloratur das Publikum in ihrer kleinen Rolle verzaubert, eine ganz tolle Leistung. Ohne Fehl und Tadel Sang-Seon Won als Fiorello, Lars Kretzer als Ambrogio und Ditimar Sterev als Un Ufficiale. Der Herrenchor des Meininger Theaters ist durch Martin Wettges gut eingestellt. Insgesamt gesehen eine eindrucksvolle gesangliche und musikalische Aufführung, die kaum irgendwelche Ausfälle hat, leider aber mit einer Inszenierung, die dieses wunderbare Stück – aus meiner Sicht – nun wirklich nicht verdient hat.

Manfred Drescher, 17.11.2016  

Fotos (c) Theater Meiningen /  Marie Liebig

 

 

Lucia di Lammermoor

und ein sensationelles Rollendebüt

Besuchte Vorstellung 19. Juni 2016   

Premiere 06. Mai 2016

Applausstürme in Meiningen für Elif Aytekin und das gesamte Ensemble

Ich war schon oft in Meiningen und ich habe Elif Aytekin – Gott sei Dank – schon oft erleben dürfen, sei es in „Don Pasquale“, „Gianni Schicci“, „Rigoletto“ oder auch in der atemberaubenden Partie der Elvira in „I Puritani“. Und immer war sie einfach herausragend und einmalig. Aber mit der Partie der Lucia aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ hat sie dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Über ihr Rollendebüt gleich mehr – aber wenn jemand einen Stern des Opernfreundes verdient hätte, dann Elif Aytekin und das Ensemble für diese herausragende Lucia.

Edgardo – Xu Chang, Lucia – Elif Ayetkin

Lucia funktioniert nur mit drei Spitzensängern – und hier in Meiningen hat man das große Glück, diese zu besitzen. Die schauerliche Mär von den Adelsfamilie Ashton und Ravenswood, die „immer schon“ verfeindet waren, ist aber auch zu mitreißend. Sir Edgardo, der letzte Ravenswood hat Lord Enrico Ashton, den er für sein grausames Schicksal verantwortlich macht, blutige Rache geschworen. Enrico, dessen Familie auch in finanzielle Probleme gekommen ist, sieht die einzige Möglichkeit seinen Clan zu retten darin, seine Schwester Lucia mit Lord Arturo Bucklaw zu verheiraten. Lucia, die sich ausgerechnet in Edgardo verliebt hat, will davon gar nichts wissen. Lucia und Edgardo versprechen sich ewige Treue, bevor Edgardo ins Ausland reisen muss. Enrico fälscht einen Brief und gaukelt damit Lucia die Untreue von Enrico vor. Resigniert willigt sie in die ungeliebte Heirat ein, da sie sich von Edgardo verraten sieht. Edgardo kommt von der Reise zurück, er verflucht Lucia und die ganze Familie Ashton, weil er glaubt, dass Lucia ihm bewusst untreu geworden ist. Lucia bricht zusammen.

Chor mit Edgardo - Xu Chang

Um seinen Todfeind ein für alle Mal auszuschalten fordert Enrico für den nächsten Tag Edgardo zum Duell auf Leben und Tod. In der Hochzeitsnacht tötet Lucia, deren Geist sich immer mehr verwirrt ihren Gatten Arturo. Als Edgardo vom Wahnsinns Lucias erfährt und die Totenglocken für sie läuten hört, bringt er sich selbst um und folgt so der ewig Geliebten in den Tod.

Der Regisseur Ansgar Haag lässt das Stück in den 20er bis 30er Jahren spielen, der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Alles in einem Land welches faschistische Züge aufweist und wo die Inszenierung greift. Auch die Kostüme von Renate Schmitzer passen sich dem an, dunkle, teilweise schwarze Uniformen der Männer stehen den Roben in Grautönen der Damen gegenüber, nur Lucia ist in Weiß, der Farbe der Unschuld, gekleidet. Das Bühnenbild von Christian Rinke ändert sich im ganzen Stück fast nicht. Eine Eingangshalle eines heruntergekommenen Sitzes der adligen Familien, eine Zelle, die der Folter dient und gekachelt ist. Aus diesen Kacheln fließt das Blut und es gibt auch den Blick auf den Friedhof frei. Die Probleme zeigen sich, ein Ebenbild Lucias erscheint des Öfteren, blutbefleckt und das Unheil, was auf alle zukommt, kann hier schon erahnt werden. Alles ist passend und auch teilweise beeindruckend. Aber was wäre das alles ohne die Musik.

Die Meininger Hofkapelle spielt unter der Leitung von GMD Philippe Bach zum grausigen Stück auf und sie tut dies vorzüglich. Die Musik Donizettis ist, allen Grausamkeiten zum Trotz, innig, beglückend, süß und mitreißend. Der Chor unter Leitung von Martin Wettges tut ein weiteres um die Ausnahmesituation dieser Inszenierung zu unterstreichen. Eine weitere Besonderheit ist auch der Einsatz einer Glasharmonika, welche von Philipp Alexander Maguerre leidenschaftlich gespielt wird. Donizetti, der sich dieses Instrument gewünscht hatte, musste damals auf die Flöte ausweichen, dies ist auch bei den meisten anderen Aufführungen der Lucia so. Die Wahnsinnsarie erhält aber durch die fast schwebende, seelenlose Glasharmonika etwas Geisterhaftes und hebt die Wahnsinnsarie auf eine besondere, nie dagewesene Stufe.

Chor mit Lucia – Elif Aytekin

Ja und dann kommen wir zu den Sängern. Und hier muss einfach zuerst die Debütantin der Lucia genannt werden, die junge türkische Ausnahmesopranistin Elif Aytekin. Sie ist einfach das herausragende Ereignis dieser Produktion. Sie verkörpert nicht die Lucia, nein, sie ist die Lucia. Schauspielerisch überragend, vermag sie jede Nuance dieser mörderischen Partie auszuleuchten. So zerbrechlich und zart sie wirkt, so leidenschaftlich ausdauernd und immer präsent ist sie hier. Mit einer immensen Stimmkraft, und dies habe ich bei „I Puritani“ bereits geschrieben, die man diesem zarten Persönchen gar nicht zugetraut hätte, einer brillanten Koloraturtechnik und einem Piani, bei welchem die Töne messerscharf hingehaucht im Raum stehen, ist sie einfach ein Erlebnis. Sie ist eine Ausnahmesängerin und –darstellerin, die berührt und bei deren Auftritten das Publikum im Saal fast das Atmen vergisst. Eine Stecknadel könnte man fallen hören, so gespannt und aufmerksam ist das Publikum. Ihre Wahnsinnsarie bringt sie mit einer solchen Leidenschaft, und das gegen Schluss der Oper, ohne jegliche Ermüdungserscheinung, klar, die höchsten Höhen mühelos erklimmend, die Koloraturen bis ins letzte auskostend, das es einem den Atem raubt. Ich gebe gerne zu, dass mich hier etwas die Euphorie mitgerissen hat, aber anders kann man diese Leistung nicht würdigen. Ich hoffe, dass sie dem Meininger Theater noch etwas erhalten bleibt, bin mir aber leider sicher, dass sich die großen Häuser schon auf den Abwerbeweg machen – schade für uns alle, die wir in der Gegend wohnen, sicher aber eine weitere Herausforderung für Elif Aytekin. Als Sir Edgardo lässt Xu Chang seinen klaren, höhensicheren, teilweise gewaltigen Tenor hören, auch er eine herausragende Leistung, vom darstellerischen ist er halt etwas statisch, aber man kann nicht alles haben.

Elif Aytekin

Dae-Hee Shin ist wie immer ein exzellenter Vertreter seines Faches. Als Lord Enrico lässt er einen weichen, klaren und durchschlagskräftigen Bariton erklingen und bringt auch die Rolle glaubhaft auf die Bühne. In keinster Weise wirkt sein Gesang angestrengt, er lässt seinen schönen weichen Bariton fließen und ist ein weiterer Aktivposten in der Besetzung, die kaum ein größeres Haus in dieser Intensität, Leidenschaft und Durchschlagkraft auf die Bühne stellen dürfte. Auch die weiteren Rollen sind exzellent besetzt, einen Ausfall gibt es nirgends. Als Lord Arturo lässt Daniel Szeili bis zu seiner tragischen Ermordung einen kräftigen robusten Tenor erklingen. Der – am Schluss auch gemeuchelte – Raimondo wird mit beweglichem, vollmundigem Bass von Mikko Järviluoto rollendeckend verkörpert. Mit samtigem ausdruckschönem Mezzosopran kann Carolina Krogius überzeugen und Normanno wird mit hellem, scharfem und präsentem Tenor tadellos von Siyabonga Maqungo verkörpert.

Fast zwanzig Minuten stehende Ovationen des ausverkauften Hauses, bei der Premiere sollen es weit über 30 Minuten gewesen sein. Und dies völlig zu Recht. Man hat heute eine Sternstunde am Theater Meiningen erlebt und wird diese Aufführung lange nicht vergessen. Man wünscht sich, dass es einmal eine Aufnahme in dieser Besetzung gibt um das ganze immer wieder hören zu können und es auch der Nachwelt zu überlassen.

Manfred Drescher, 26.06.2016  

Fotos 1 – Marie Liebig, 2 bis 4 - Foto ed Meiningen

 

 

 

ALBERT LORTZING

REGINA

Premiere: 18.3. 2016

Germania weint schwarze Tränen

Albert Lortzings Oper Regina - das opernhafteste seiner Bühnenwerke – ist ein äußerst seltener Gast auf unseren Bühnen. Geschrieben im Revolutionsjahr 1848, hatte und hat dieses außergewöhnliche Werk den Ruf der „Revolutionsoper“ - kein Wunder, dass die Dame erst ein halbes Jahrhundert nach jenen Ereignissen auf die Bühne kam, ohne die sie nicht geschrieben worden wäre. Die ersten der wenigen Inszenierungen boten jedoch nur Verstümmelungen des Werks: mal politisch rechts, mal – in der DDR – realsozialistisch. Als Regina 1998 von Peter Konwitschny in Gelsenkirchen inszeniert wurde, konnte man zum ersten Mal das Original besichtigen. Nun hat das Theater Meiningen zugegriffen und eine Version der Oper abgeliefert, die dicht an den Ereignissen von 1848 dran ist – und doch immer wieder durchschimmern lässt, dass die Hauptaspekte des Werks nicht von gestern sind.

Lortzing hat, als sein eigener Librettist, auch in der Regina, deren Grundkonflikt – da steht eine Frau zwischen einem „guten“ und einem „bösen“ Mann - nicht politisch, sondern privat ist, seine politischen Überzeugungen versifiziert. Es sind die Überzeugungen eines liberalen Demokraten, der die Gewalt als Mittel der Politik ablehnt – und doch nicht ganz frei ist von Tönen der Aggressivität. Dass die Intention der Regina seltsam gebrochen erscheint, ist weniger dem Komponisten als den komplizierten Zeitläuften anzulasten: beginnt die Oper pur sozialdemokratisch – mit dem Streikaufruf der Arbeiter gegen „Knechtschaft und Tyrannei“ in einer Fabrik von 1848 -, so wird der Konflikt zwischen dem guten Herrn und den Knechten schon schnell – und rein rhetorisch, also „auf milden Wegen“ - befriedet.

Fürs anarchistische Element sorgt eine marodierende Herde von Freischärlern, die zwar als böse Buben eines extremen Kommunismus charakterisiert werden, aber dank des loyalen Fabrikarbeiters Kilian unfreiwilliger Mithilfe propagandistisch angefeuert werden: „Freiheit, Recht und Vaterland“ sollen, folgt man dem heiteren Lied, mit Gewalt durchgesetzt werden. Die Stelle bleibt zweideutig, weil die mitreißende Propaganda aus dem Mund eines ängstlichen Gegenrevolutionärs tönt – und am Ende siegen die braven Bürger über die roten Rotten, um ihr Liedlein von Freiheit und Einheit marschmäßig ins Publikum zu posaunen.

Wenn die selben Bürger schließlich – nachdem sie die Strohpuppen der königlichen Minister an schwarzrotgoldenen Bändern symbolisch aufgehängt haben – zum letzten Mal die Freiheit besingen, klingt's bedrohlicher in den Raum. Nun wird der Ruf nach königstreuer Einigkeit zum imperialistischen Kampfruf; kein Wunder, dass die nach dem Bilde der Frankfurter Nationalversammlungs-Germania geformte Göttin, die im beeindruckenden Finale auf die Bühne geschoben wird, plötzlich schwarze Tränen der Trauer weint und zu brennen beginnt. Wir wissen ja, wie es nach der Niederschlagung der Revolution, über die Reichsgründung zum ersten und zum zweiten Weltkrieg, mit der deutschen Geschichte weiterging: nicht sonderlich demokratisch. Dafür stand schon das erste Bild des Abends ein: in dem Moment, in dem Lortzings Ouvertüre mitten im Takt abbricht, wird der Frankfurter Parlamentarier Robert Blum, mit dem Lortzing befreundet war, erschossen. Ein Justizmord, der der Komposition quasi eingeschrieben ist. Regina ist daher, hieß es 2013 anlässlich von Hansgünter Heymes Ludwigshafener Inszenierung, „keine Revolutionsoper, sondern weist den Weg zur Neugestaltung Deutschlands nach dem so erhofften Sieg über den Feudalismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts“.

Der Regisseur Lars Wernecke muss den Text nicht umschreiben, um die Aktualität des Friedensaufrufs und eines Beharrens auf Einigkeit in Frieden und Freiheit für die Gegenwart herauszuarbeiten; das einfache Wenden zur Rampe bringt Lortzing, mit all seinen Brüchen, ins Heute. Die Regie - nicht experimentell, sondern vorsichtig zur Sache gehend - erortet, dank des realistischen wie mehrseitig offenen Bühnenbilds von Dirk Immich, das Werk dort, wo es entstand: im Jahre 1848. Schön ist die Idee, jeweils zwei Tänzerinnen und einen Tänzer die dreifarbigen Galgen-Bänder umschlingen zu lassen; gut der Einfall, die Empörung gegen den Krieg, die Kilians Mutter coram publico äußert, aus der Zeitungslektüre aufsteigen zu lassen, und noch schöner der Turm, in dem sich der unglückliche Aufrührer Stephan mit seinem Opfer, der geraubten Regina, verschanzt. Im Übrigen hat Lortzing diesen vom politischen Glauben abgefallenen Dritten im fatalen Liebesbund psychologisch zu erklären versucht. Nein, er wurde nicht böse geboren, das Leben hat ihn böse gemacht: ein Zerrissener, der nicht so kann wie er will, und der nicht so darf, wie er möchte. Dass Lortzings Oper erst spät auf die Bühne kam, liegt sicher auch am Skandal des letzten Akts: 1848 gab es zwar schon sog. Flintenweiber, aber dass eine Frau einen Mann – wenn auch in äußerster Notwehr – auf der Bühne über den Haufen schießt, muss als starker Tobak empfunden worden sein. Auch in dieser Hinsicht hat die Bearbeitung Wilhelm Neffs, die in der DDR erschien, den Skandal entschärft: hier waren es die Befreier, die den Räuber aus Leidenschaft im Gefecht erledigten.

Der Werkmeister Stephan ist in dieser Inszenierung Matthias Vieweg, der mit seinem leichtgeführten, hellen Bariton die verzweifelte Lyrik dieses Zerrissenen gut ausspielt. Sehr gut kommt schon seine ausgedehnte Selbstvorstellungs-Arie: das autobiographische Porträt eines zur Hölle Verdammten, der doch so gerne Engel geblieben wäre.

Daniel Szeili macht den „Geschäftsführer“ Richard, den Verlobten der Regina, der insgesamt über einen schönen Tenor verfügt, der nur ganz oben zum Lagrimoso neigt. Darüber sollte man man nicht beckmessern sollte, denn es macht einfach Freude, die wohlgeformte, im besten Sinne männliche Stimme Szeilis zu hören. Ernst Garstenauer spielt den Fabrikbesitzer Simon wie ein zweiter Sarastro; in seiner Auftrittsarie – auch er ist, wie der Sonnenpriester, gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt – glänzt er durch Schönklang – und Koloraturen. Apropos Mozart: man hört, dass Lortzing Mozart liebte, dass er mit Heinrich Marschner, aber auch mit der aktuellen Wiener Walzermode vertraut war. Seine Musik präsentiert sich als Mischung aus echtem Lortzing und zeitgenössisch Dramatischem: nicht zum Nachteil einer spannungsreichen Oper, die nicht sowohl aufklären als auch unterhalten soll. Den Rest machen die kurzweilige, von der Meininger Hofkapelle unter Lancelot Fuhry temperamentvoll gespielte Musik, der ganz ausgezeichnete Chor des Südthüringischen Staatstheaters (Regina ist eine große Choroper!).

Und schliesslich, vor allem – last not least! - die Titeldarstellerin, die wunderbare Anne Ellersiek. Als indisponiert angekündigt, entzückte sie nicht allein den Rezensenten durch ihren vornehmen Ton, der für emotionale Anteilnahme genug Raum ließ: die Fabriktochter als glücklich Liebende und unglücklich Entführte. Herausragend: ihre Preghiera (das operntypische Gebet) und das Quartett, in dem die von den Freischärlern Eingeschlossenen ihrer Hoffnung Ausdruck geben, heil zu entkommen.

Auch und gerade Anne Ellersiek lohnt die Reise nach Meiningen, wo ein zugleich politisches und unpolitisches Hauptwerk Albert Lortzings auf gediegene Weise wiederauferstand.

Frank Piontek, 19.3. 2016

Fotos (c) ed Meiningen

 

 

Abschied für einen großen

DON PASQUALE

am 21.06.2015      

Premiere am 24.04.2015

Etwas grelle, aber musikalisch tolle Aufführung aus einem Guss

Wieder einmal fuhr ich mit 50 Freunden nach Meiningen, wieder einmal haben wir es nicht bereut, wieder einmal waren alle zufrieden. Dass Schöne an Meiningen ist, dass man hier praktisch nie einen Ausfall erlebt, sondern immer hochinteressante, manchmal diskussionswürdige aber immer musikalisch bestechende Aufführungen. Regie führt Knut Weber, er ist der Intendant des Theaters Ingolstadt und es ist hier in Meiningen als Gastregisseur seine erste Operninszenierung. Dafür ist sie recht gut gelungen. Weber überzeichnet seine Geschichte manchmal etwas, sein Don Pasquale ist kein zittriger Greis, sondern ein vitaler älterer Mann mit viel zu viel Geld und viel zu viel falschen Freunden. Dr. Malatesta hat geradezu teuflische Züge an sich, alles verstärkt durch die bunten knalligen Kostüme von Christian Rinke. Alles ist bunt, leicht übertrieben, aber insgesamt recht stimmig. Der Regieeinstand von Knut Weber kann bedenkenlos als gut gelungen bezeichnet werden.

Das Publikum lässt sich von der Komödie einfangen, geht gut mit und ist in jedem Falle sehr amüsiert. Man hat an dieser Aufführung Spaß – und das ist doch schon die halbe Miete. Die andere Hälfte sind die Sänger, doch dazu gleich mehr. Die Geschichte des alternden, nach Liebe schmachtenden, Don Pasquale ist schnell erzählt. Der diabolische Dr. Malatesta zieht alle Fäden und spielt dem gut- und leichtgläubigen Don Pasquale, mit dem man fast Mitleid bekommen kann vor, dass seine Schwester, die diese natürlich gar nicht ist, ihn heiraten möchte. Er gaukelt ihm vor, dass sie tugendsam, sparsam, glaubensstark und überaus fleißig die richtige Entscheidung für seinen Lebensabend ist. Nach der fingierten Hochzeit entpuppt sich Norina als Teufelchen in Menschengestalt. Sie schmeißt das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster, führt Don Pasquale an der Nase herum und lässt ihn schier verzweifeln. Nein, einen solchen Weibsteufel habe er nicht haben wollen. Um sie nur so schnell wie möglich loszuwerden, gibt er sie seinem Neffen Ernesto, der alles mit eingefädelt hat und dessen große Liebe Norina ist. Am Schluss gibt es ein glückliches Liebespaar, wobei in dieser Inszenierung offen bleibt, ob Norina nicht auch Dr. Maletesto recht gerne sieht, um es vornehm auszudrücken. Don Pasquale erkennt, dass der Abend des Lebens auch alleine schön sein kann und dass die große Liebe, vor allem wenn sie so kratzbürstig ist wie Norina, nicht in sein doch etwas spießbürgerliches Leben hineinpasst. Er ist glücklich wieder alleine zu sein.

Die Meininger Hofkapelle wird von Arturo Alvarado geleitet, und dies ausgesprochen gut. Er versprüht entsprechendes Feuer, lässt das Orchester aufblühen, zuweilen auch energisch auftrumpfen, bei den Gesangsolisten aber wohltuend zurücknehmen, so dass diese nicht gegen die Wogen des Orchesters ankämpfen müssen. Es ist die letzte Station, denn nach der Spielzeit verlässt der Dirigent nach nur 1 ½ Jahren Meiningen. Der Chor des Meininger Theaters, ist von Sierd Quarré gut einstudiert, stets präsent und wartet insgesamt gesehen mit einer abgerundeten ausgezeichneten Leistung auf.

Der Don Pasquale wird von Stephanos Tsirakoglou gegeben und auch er verlässt nach drei Jahren am hiesigen Theater nach dieser Spielzeit Meiningen, um in die USA zu gehen. Er hat einen sehr beweglichen, noblen kräftigen runden Bass, der in allen Facetten seiner Rolle vollauf überzeugen kann. Darstellerisch bietet er eine herrlich komödiantische Leistung, man merkt ihm richtig an, dass er an dieser Rolle seinen Spaß hat und diese reine Spielfreude springt auch auf das Publikum über. Vom Publikum wird er am Ende mit frenetischem Beifall gewürdigt und aus Meiningen verabschiedet. Geani Brad verkörpert den listigen verschlagenen und gewitzten Dr. Malatesta. Und auch er weiß voll zu überzeigen. Stimmlich mit rundem angenehmen und weichem Bariton, spielerisch mit diabolischen Zügen, was auch die Maske verstärkt, bietet er eine vollkommen überzeugende Leistung und auch er wird mit stürmischem Beifall bedacht. Als Norina kann Monika Reinhard nicht nur voll überzeugen, sondern zu begeistern.

Ich gebe gerne zu, dass ich enttäuscht war, dass an diesem Tag Elif Aytekin nicht sang, sondern die junge, erst seit dieser Spielzeit in Meiningen befindliche Sopranistin. Mit zartem und dennoch durchschlagkräftigem Sopran, weich und vollmundig, mit glockenhellen Höhen und begeistert gefeierten Koloraturen weiß sie sofort für sich einzunehmen. Dazu kommt ein lockeres, attraktives Spiel, welches alle Zuschauer sofort für sie einnimmt. Mit Sicherheit hat diese junge Sopranistin noch eine große Zukunft vor sich. Und ich habe wieder einmal gelernt, dass man nicht so voreingenommen sein soll. Tosender Applaus und Bravorufe nach dieser exzellenten Leistung. Als Ihr Geliebter Ernesto kann man Xu Chang  erleben. Bei ihm sitzt jeder Ton, seine bombige Höhe ist schier unendlich und er kann die höchsten Tonberge mühelos erklimmen. In seiner Darstellung ist er leider – wie fast immer – ein bisschen steif und zurückhaltend. Doch dies wird von seinem Bombentenor mehr als ausgeglichen. Mikko Järviluoto als Notar ergänzt die Sängerriege vorzüglich und er macht aus seiner relativ kleinen Rolle das Beste. Langanhaltender fast nicht enden wollender Applaus für einen erneut musikalischen Höhepunkt in Meiningen. Schon heute freue ich mich auf die „Lucia di Lammermoor“, welche ich mir als nächstes in Meiningen anhören werde. Froh gestimmt verlassen die Besucher die Oper, fröhliche Blicke überall, gute Laune und Spaß – und was will man mehr von einem Opernabend der komödiantischen Art erwarten.

Manfred Drescher, 27.06.2015  

Fotos Theater Meiningen

 

 

Humor und Tragik liegen eng beieinander

GIANNI SCHICCHI - BAJAZZO

Wiederaufnahme am  05. Oktober 2014               (Premiere 20. Juni 2014)

Eine etwas ungewöhnliche Mischung und ein Stimmenfest bewegen Meiningen

Ja, in Meiningen ist immer nicht alles so wie in anderen Opernhäusern. Wo normalerweise der „Bajazzo“ zusammen mit „Cavalleria Rusticana“ gegeben wird, oder in Zusammenhang mit „Der Mantel“ wie dieses Jahr in Gut Immling, macht Meiningen wieder einmal etwas, was man eigentlich nicht erwartet. Nicht zwei dramatische und tragische Opern mit tödlichem Ausgang werden hier zusammen gegeben, nein in Meiningen beginnt man mit der humorvollen schlanken Aufführung von Puccinis „Gianni Schicchi“ um nach dem heiteren ersten Teil nach der Pause in die schauerliche Mär des „Bajazzo“ einzutauchen. War ich anfangs auch sehr skeptisch, wurde ich auch hier wieder einmal eines Besseren belehrt. Das Haus zeigt die beiden Stücke und verweist dabei darauf, dass beide mit einer direkten Ansprache beginnen, sich beide auf die commedia dell´arte beziehen und dass beide das Spiel im Spiel beinhalten. Und dieser Balanceakt von fröhlichem Auftakt und tragischem Weitergang nach der Pause ist problemlos und wird vom Publikum begeistert aufgenommen.

Begonnen wird mit „Gianni Schicchi“, dessen Inhalt eigentlich schnell wiedergegeben ist. Der reiche Buoso Donati ist im Kreis seiner Verwandtschaft verstorben, man findet nach langem Suchen sein Testament, wie befürchtet hat er alles der Kirche vermacht. Der Neffe Rinuccio, der die Tochter Gianni Schicchi´s heiraten will, überzeugt die Familie eben diesen Gianni Schicchi um Rat zu fragen, denn dieser ist für seinen Einfallsreichtum, aber auch für seine Eskapaden bekannt. Er schlägt der Familie vor, sich selbst als Buoso Donati auszugeben, da außer der Familie noch niemand etwas von dessen Ableben weiß und dann mit einem Notar die letzten Worte aufzusetzen – und der Familie das Erbe zu sichern. Der Plan gelingt, der mit verstellter Stimme sprechende Gianni Schicchi diktiert Buosos letzten Willen. Dabei bedenkt er die Kirche nur ganz minimal und die Familie zu gleichen Teilen sehr großzügig. Die sogenannten Sahnestückchen aber vermacht er dem treu ergebenen Gianni Schicchi, also sich selbst. Die Familie muss dieser Schlitzohrigkeit tatenlos zusehen, selbst als der vermeintliche Buosos den Notar und die Zeugen von der Familie bezahlen lässt. Nachdem der Notar gegangen ist, lässt Gianni Schicchi die empörte Verwandtschaft aus seinem Haus jagen und einer Vermählung von Rinuccio mit seiner Tochter Lauretta steht nichts mehr im Weg.

Ernö Weil, der die Regie führt, hat diese kleine köstliche Gaunerei mit leichter und sicherer Hand inszeniert. Alles passt zusammen, alles stimmt und alles ergibt ein geschlossenes Bild. Die Kostüme von Annette Mey passen sich vorbildlich dieser gradlinigen und überzeugenden Regie an, alles ein bisschen düster, dem eigentlich traurigen Anlass, dem Ableben des Buoso angemessen. Das Publikum jedenfalls amüsiert sich köstlich – und das ist in unserer heutigen Zeit schon sehr viel. Arturo Alvarado ist an diesem Nachmittag bestens aufgelegt, genauso wie die Meininger Hofkapelle. Kraftvoll zupackend und sich gleichzeitig sängerdienlich zurückzunehmen, so leitet er seine Musiker in den beiden Einaktern, die er gekonnt mit dem Orchester aufblühen lässt. Er hat sowohl für die heitere Note bei „Gianni Schicchi“ als auch für die mehr sentimentale in „Bajazzo“ musikalisch immer die richtige Antwort.

Ja und über die Sänger des südthüringischen Staatstheaters in Meiningen noch viel Worte zu verlieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Auch bei dieser Vorstellung wieder ein Einsatz bis zum Letzten und eine bis in die letzte Nebenrolle stimmige Besetzung. Das fängt an mit Stephanos Tsirakoglou als Gianni Schicchi. Es macht einfach Spaß ihm zuzuhören. Mit durchschlagskräftigem robustem Bass-Bariton, der in der verstellten nachgemachten Stimme des Buosos Donatis für größte Heiterkeit sorgt, weiß der griechisch-amerikanische Sänger vollstens zu überzeugen. Seine Tochter wird dargeboten von der jungen türkischen Sopranistin Elif Aytekin. Mit der bekanntesten Arie der Oper „Väterchen teures höre“ bringt sie die Zuhörer, wie bei ihren bisherigen Auftritten, auf ihre Seite. Zart, mit flirrendem Ton, auch als Person eine liebliche und zarte Erscheinung, wickelt sie das Meininger Publikum wieder einmal um den Finger. Ich freue mich heute schon auf ihren Auftritt in „Don Pasquale“ und hoffe, dass sie noch lange in Meiningen bleibt. Rodrigo Porras Garulo als Neffe Rinuccio weiß mit sicherem, klangschönem und weichem Tenor für sich einzunehmen. Der junge Sänger aus Mexico City wächst mit seinen Rollen und hat sich in Meiningen aus meiner Sicht bereits erheblich gesteigert. Heute bietet er wieder eine mehr als rollendeckende Besetzung. Ute Dähne als Zita, Sonja Freitag als Nella und Ernst Garstenauer als Simone vervollständigen das ausgezeichnete Ensemble, in welchem niemand abfällt und in dem selbst die kleinste Nebenpartie rollendeckend besetzt ist.

Nach der Pause, immer noch vom vorhergegangenen fröhlich eingestimmt, beginnt der „Bajazzo“. Die Geschichte, die übrigens von Leoncavallo einer tatsächlichen Begebenheit nacherzählt sein soll, ist ebenfalls rasch erzählt. In einer kleinen Schauspielertruppe, die von Dorf zu Dorf zieht, ist der Leiter der Truppe Canio fürchterlich eifersüchtig auf seine Frau Nedda. Diese hat auch eine Liebschaft mit dem Bauern Silvio. Ein Mitglied der Truppe Tonio, versucht sich Nedda zu nähern und wird von ihr barsch zurückgewiesen. In rasender Wut schürt dieser die Eifersucht in Canio und bei einem Theaterspiel am Abend im Dorf vermischen Realität und Fiktion. Rasend vor Eifersucht tötet Canio schließlich Nedda und ihren herbeigeeilten Geliebten Silvio. Der Satz „La commedia é finita“ – „Das Schauspiel ist zu Ende“ beendet das eindrucksvolle Treiben auf der Bühne.

Regie hat hier Ansgar Haag. Er versetzt das Spiel in unserer Zeit und versucht dadurch das Spiel im Spiel um ein weiteres Spiel zu erweitern. Das Publikum hat einige Mühe dem so zu folgen, das Ganze wirkt etwas ungeschickt und nicht ganz ausgegoren. Das Bühnenbild von Helge Ullmann ist sehr spartanisch, teilweise stehen ein paar Stühle verloren auf der Bühne herum, die Kostüme von Annette Mey passen sich dem an, alles ist mehr oder weniger in dunklen Stoff gekleidet. Auf die näheren Einzelheiten zur Inszenierung möchte ich nicht weiter eingehen, denn hauptsächlich stehen die Musik und deren Interpreten im Vordergrund und da gibt es kaum einen Grund zur Klage.

Zur Leistung von Arturo Alvarado und der Meininger Hofkapelle habe ich bereits etliches ausgeführt, auch im „Bajazzo“ wissen sie voll zu überzeugen und mit feinem ausgewogenem Klang die Sänger bestens zu unterstützen. Auch der von

Sierd Quarré einstudierte Chor weiß in allen Belangen zu überzeugen, fein abgestimmt, gut balanciert weiß er zu gefallen.

Mit dem „Prolog“ tritt zu Beginn des „Bajazzo“ Dae-Hee Shin auf die Bühne und er eröffnet die Oper grandios. Der aus Südkorea stammende Bariton weiß mit fulminantem, ausdrucksicherem und durchschlagskräftigem Bariton vollkommen zu überzeugen. Weich und warm timbriert eröffnet er das Stück glanzvoll. Ebenso verkörpert er den verschlagenen und gerissenen Tonio, der Canio im Prinzip in den Mord an seiner Frau und dessen Geliebten treibt. Ein überzeugender Auftritt. Den vor rasender Eifersucht fast den Verstand verlierenden Schaustellerchef Canio, den Bajazzo gibt der in China geborene Xu Chang. Ich habe schon viel über ihn geschrieben und auch heute kann ich nur voll des Lobes sein. Er besticht mit seinem höhensicheren, klangvollen, hohen, hellen, manchmal fast schneidenden Tenor und kostet jeden höchsten Ton weidlich aus. Der Beifall des begeisterten Publikums ist ihm auch heute wieder gewiss. Als seine Frau Nedda kann Sonja Freitag überzeugen. Die aus Garmisch-Partenkirchen stammende Sopranistin setzt ihren hohen, beweglichen Sopran effektvoll ein und kann alle Facetten ihres Wesens präsentieren. Ihr Liebhaber Silvio wird auf der Bühne von Marián Krejcik dargestellt, gesanglich aber in der Loge von Uwe Schenker-Primus verkörpert. Er musste ganz kurzfristig aus Weimar einspringen, Marián Krejcik war gesanglich indisponiert, Schenker-Primus hatte kaum Zeit zum Einsingen und bot eine exzellente Leistung. Sein voller, tiefer, kräftiger, den Raum mühelos füllender Bariton verleiht der Figur eine entsprechende Tiefe, auch wenn natürlich bei den Duetten die körperliche Trennung etwas problematisch ist. Jedenfalls ganz großer verdienter Applaus für dieses hervorragend gelungene Einspringen. Ebenfalls kurzfristig eingesprungen ist David Ameln aus Dessau als Beppe und er verkörpert ihn ebenfalls rollendeckend. Beiden ein ganz großes Dankeschön, denn ohne sie hätte es große Probleme mit der Durchführung der Aufführung gegeben. Sang-Seon Won und Gerhard Goebel, vervollständigen als Bauern ebenfalls rollendeckend das gut aufgelegte Ensemble. Großer, langanhaltender Applaus für alle Beteiligten.

Manfred Drescher, 21.10.2014                           Fotos alle = Foto ed Meiningen

 

 

RIGOLETTO

Besuchte Vorstellung  29.06.2014       (Premiere 18.10.13)

Ein Stimmenfest vom Feinsten begeistert die Besucher

Vor einigen Monaten, am 21.12.2013, war ich in der Meininger Aufführung des „Rigoletto“ im Theater Fürth. Der ausführliche Bericht ist unter www.deropernfreund.de/fuerth nachzulesen. Bis auf die Inszenierung, von Ansgar Haag, über die ich damals den Mantel des Schweigens gebreitet habe, war die Aufführung insgesamt über dem normalen Durchschnitt gelegen. Als Rigoletto war im Dezember Dae-Hee Shin zu erleben, der auch diesmal die Partie des Rigoletto sang und gestaltete. Gaseul Son war damals als Gilda eingesprungen und hatte ihre Sache ausgezeichnet gemacht, ebenso wie der jugendliche Rodrigo Porras Garulo, der einen exzellenten Herzog verkörperte. Jedoch bei der Aufführung vom 29.06.2014 stürmte auf mich und meine Freunde ein Stimmenfest ein, welches seinesgleichen sucht.

Über die Inszenierung, das Bühnenbild habe ich mich in der Beurteilung der Aufführung in Fürth schon ausführlich geäußert und brauche nicht noch einmal darauf einzugehen. 

Generalmusikdirektor Philippe Bach hat, wie schon so oft, wieder einen ausgezeichneten Tag erwischt und er lockt alles aus der zündenden Musik von Giuseppe Verdi heraus. Das Orchester ist blendend aufgelegt, donnert, wo es erforderlich ist, nimmt sich aber bei den Gesangspassagen wohltuend zurück und deckt die Sänger nicht zu. Philippe Bach leitet das ausgezeichnete Orchester mit straffer, aber gleichzeitig einfühlsamer Hand. Wieder einmal in Meiningen eine hervorragende Leistung des Orchesters und seines Dirigenten. 

Doch nun zu den drei Ausnahmesängern, die auch diese Vorstellung von „Rigoletto“ wieder einmal zu einem unvergessenen Erlebnis machen. Man kann auch nicht sagen, wem die Sangeskrone gebührt, man muss sie gleichermaßen auf alle drei Köpfe verteilen. Fangen wir bei dem titelgebenden Sänger an. Dae-Hee Shin zelebriert den innerlich zerrissenen Rigoletto. Mit ausdrucksstarkem, durchschlagskräftigen, aber auch zu zarten Ausbrüchen fähigen Bariton verkörpert er die Figur des spöttischen Vasallen des Herzogs, der dann, als er merkt, dass er betrogen wird zum verzweifelten, aber auch gnadenlosen Rächer wird, dem die Liebe zu seiner Tochter Gilda über alles geht und der in Schmerz versinkt, als sein geliebtes Kind schließlich leblos vor ihm liegt. Eine grandiose Leistung, die in allen Belangen, sowohl im gesanglichen als auch im schauspielerischen überzeugt und die Zuschauer jeden Moment mitleiden und miterleben lässt. Er ist zu Recht einer der Meininger Säulen, die heutige Vorstellung hat es wieder eindrucksvoll bewiesen. Ihm zur Seite als Gilda Elif Aytekin. Stimmlich und darstellerisch ist sie einer der außergewöhnlichsten Frauen, die ich in den letzten Jahren in Meiningen erleben durfte. Möge das Meininger Theater sie, wie auch die beiden anderen Protagonisten, noch möglichst lange am Theater halten. Sie, die nach der behüteten Phase bei ihrem Vater die wahre Liebe erlebt, so glaubt sie es wenigstens und die dann, auch als sie erkennt, dass sie nur ein Spielzeug des Herzogs war, sich in aufopferungsvoller Liebe zu ihm opfert, sie stellt dies alles nicht nur dar, sondern sie lebt es.

Ich habe selten eine berührendere Gilda erlebt wie in ihrer Verkörperung. Eine prachtvolle, glockenreine Stimme, die rund und warm ist, sich zu den höchsten Koloraturen aufschwingen kann und deren Pianissimo ihresgleichen sucht, sie ist der Star unter den Stars. Ich habe selten ein Publikum erlebt, man dem man fast zu versuchen ist anzunehmen, dass es bei den beseelten Passagen von Elif Aytekin die Luft anhälten um ja jedes Flirren dieses Ausnahmesoprans zu erleben. Sie lebt die Gilda und kostet sie in allen Facetten aus, eine Leistung, die man nur mit einer Gänsehaut verfolgen kann. Und dazu dann ein Herzog, verkörpert von Xu Chang, der über seinen darstellerischen Schatten springt und auch hier einen Herzog der Sonderklasse verkörpert. Über ihn stimmliche Beurteilungen abzugeben, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Er schmettert seine Arien mit einer Kraft, Höhensicherheit und einer Brillanz, die seinesgleichen sucht. Dieser herzogliche Verführer fegt stimmlich über die Bühne, dass man nur staunen kann. Mit Sicherheit gibt es nicht sehr viele Tenöre, die diese Partie so voller stimmlicher Leidenschaft, voller Draufgängertum und vollem vokalem Glanz über die Bühne bringen. Allen dreien gebührt der Stern des Opernfreundes, nicht nur für diesen herausragenden „Rigoletto“ sondern auch schon für das grandiose „Il Puritani“. Bei den weiteren Rollen gab es keinerlei Ausfall, besonders hervorzuheben ist Carolina Krogius, die als Schwester des ruchlosen Halsabschneiders Sparafucile, den Mikko Järviluoto mit wohltönender Bassorgel gab, und die mit einer angenehmen dunkelgefärbten flirrenden Altstimme, die gut zu ihrer verführerischen Gestalt und Auftreten passte, auftrumpfte.

Stephanos Tsirakoglou als Monterone, Steffen Köllner als Ceprano, Camila Ribero-Souza als seine Frau, Marian Krejcik als Marullo, Stan Meus als Borsa, Ute Dähne als Giovanna und Dimitar Sterev als Gerichtsdiener ergänzten eindrucksvoll das exzellente Ensemble und machten für mich diesen „Rigoletto“ zu einer weiteren Sternstunde in Meiningen.  

Ich hatte in meiner Rezension vom Dezember letzten Jahres geschrieben, dass ich trotz der hervorragenden Vorstellung gespannt bin auf den Juni, wenn ich in Meiningen die Alternativbesetzung erleben werde. Und obwohl mich der „Rigoletto“ im wunderschönen Fürther Theater überzeugen konnte, wurde es hier in Meiningen durch die drei Hauptakteure (die mich ja schon in „Il Puritani“ fast sprachlos machten) zu einem grandiosen Stimmenfest der allerersten Güte. Im Oktober werde ich alle drei wieder in „Der Bajazzo/Gianni Schicchi“ in Meiningen erleben, ich freue mich heute schon auf diese Vorstellung.

Manfred Drescher, 19.7.14                                       Bild: Eigenaufnahme

 


 

Die traurige Operette und ein fröhliches Publikum in Meiningen

DER ZAREWITSCH

Aufführung 16.02.2014                  (Premiere 24.01.14)

Eine Aufführung, die zu Recht viel Beifall hervorrief

Wieder einmal fuhr ich mit vielen Freunden mit gemischten Gefühlen nach Meiningen. Mit gemischten Gefühlen, weil ich vor der Abfahrt die Premierenkritik der Aufführung gelesen hatte und die verdammte fast alles in Grund und Boden und lies vor allem kein gutes Haar an den Sängern. Ja und da sieht man, dass die Geschmäcker doch sehr unterschiedlich sein können – übrigens waren die 50 mitfahrenden Freunde alle von der Aufführung begeistert gewesen, es gab Keinen, der große Kritikpunkte anbringen konnte. Also entweder hatte mein Kritikerkollege einen rabenschwarzen Tag, oder aber er mag die Hauptdarsteller bzw. die Sänger der Aufführung des Meininger Hauses nicht und verteufelt sie deshalb in Grund und Boden. Ich jedenfalls war froh, dass wir – wie so oft – beschwingt aus Meiningen nach Hause fahren konnten, nicht ohne bei einem gepflegten Abendessen die Aufführung noch einmal Revue passieren zu lassen.

Der „Zarewitsch“ gehört zu einer der seltenen Exemplare seiner Gattung, bei der am Ende nicht alles in Wohlgefallen aufgeht und man walzerbeseligt sich in die jeweiligen Arme fällt. Nein, der Schluss ist traurig, das Liebespaar bekommt sich nicht, der Zarewitsch muss seiner großen einzigen und ersten Liebe entsagen, die Staatsräson und die Übernahme der Kaiserkrone verlangt es von ihm. Die Handlung ist schnell erzählt. Der schüchterne, zurückhaltende scheue Zarewitsch Alexej fürchtet sich vor dem Zauber der Frauen und ergibt sich deshalb in eine erotische Zurückhaltung, die keinerlei weiblichen Kontakt zulässt. Da aber eine hochrangige Hochzeit geplant ist und man ein unbescholtenes Bübchen nicht in eine zum Scheitern verurteilte Ehe laufen lassen möchte, führt der Großfürst die als Mann verkleidete Tänzerin Sonja dem Zarewitsch zu, um ihn in die Freuden der Liebe einzuführen. Der Zarewitsch erkennt das Komplott und will Sonja vom Hof jagen lassen. Die kluge Sonja jedoch kann ihm erklären, dass er seine Ruhe von den höfischen Intriganten hat, wenn diese glauben, dass er mit ihr, einer Frau, zusammen ist. Es kommt, wie es kommen muss, der Zarewitsch verliebt sich in Sonja und will ihr zuliebe seine Anwartschaft auf den Thron aufgeben, nur um ihr nah zu sein. Als er fast nicht mehr anders kann, flieht er mit Sonja nach Italien und genießt mit ihr, aber auch mit seinem Leibdiener Iwan und dessen Frau Mascha Freuden der Liebe, die für ihn – und davon ist er überzeugt – nie enden sollen. Natürlich werden sie in Italien aufgespürt und eben zu diesem Zeitpunkt stirbt der Zar, der Vater Alexejs. Sonja, die den Zarewitsch von ganzem Herzen liebt, erkennt, dass sie auf ihn verzichten muss, da das Volk einen Zaren verlangt, der ganz für sein Vaterland aufgeht. Alexej verzichtet der Staatsräson Willen auf seine große Liebe und Sonja bleibt allein zurück. Um diese doch eher recht banale Geschichte hat Franz Lehár eine Fülle wundervoller Melodien geschrieben, man schwelgt und leidet gleichzeitig mit. Und natürlich hat meine Frau die Aufführung wieder mit Tränen in den Augen verlassen – ja die unerfüllte Liebe ist etwas fürchterlich Trauriges.

Der Regisseur Lars Wernecke hat dies alles entsprechend umgesetzt, er macht keine Experimente, er versucht sich nicht selbst zu verwirklichen, er gibt eine grundsolide Darstellung der tragischen Operette wieder. Die Zerrissenheit der Personen wird angerissen, ein ins Detail gehende Herausarbeiten widerspricht dem Zauber der Operette selbst, da sie von der Komposition immer Operette geblieben und nicht zum Drama abgestiegen ist – dies würde auch den wunderschönen Melodien nicht entsprechen. Aus diesem Grund gefällt mir die zurückhaltende Art der Regie und auch die Bühne und vor allem auch die wunderschönen farbenprächtigen Kostüme von Christian Rinke können überzeugen. Dies alles schmeichelt dem Auge – und das ist doch schon sehr viel, was man von einer Operette erwarten kann. Der Chor ist exzellent einstudiert durch Sierd Quarré und es wird auf der Bühne der Charme der frühen Jahre erkennbar. Die Meininger Hofkapelle ist Gott sei Dank – wie so oft - gut aufgelegt und wird mit kraftvoller, aber auch zu zarten lyrischen Passagen fähiger Hand von Sierd Quarré geleitet, der ja auch für die Choreinstudierung zuständig ist. Er überdeckt seine Sänger nicht mit Klangwogen, sondern lässt ihnen den notwendigen Freiraum zur Entfaltung und zum Erblühen der Lehárschen Melodien.

Und nun zu den Sängern dieser Aufführung. Stan Meus als Iwan, der quirlige Kammerdiener des Zarewitsch, gibt eine gute Buffovorstellung, sein durchschlagkräftiger heller und sicherer Tenor kann überzeugen, auch im Spiel gibt es keinen Ausfall. Dies kann man leider von Ute Dähne als seiner Frau Mascha nicht behaupten. Zu klein und schwach ist ihre Stimme, sie ist für mich kaum verständlich und auch vom Spielerischen her ist sie der Rolle der Mascha doch schon um einige Jahre entwachsen. Schade, denn das wertet die Duette mit ihrem Iwan auch ein bisschen ab. Reinhold Bock und Ulrich Kunze geben eine solide schauspielerische Vorstellung als Großfürst und Ministerpräsident. Kati Rücker als Gräfin und Julia Grunwald als Olga fallen nicht sehr groß auf und damit aber auch nicht ab.

Und nun zu den beiden Hauptpartien, die mich alle beide überzeugen konnten und die viel zum Erfolg der Aufführung beigetragen haben. Zum Einen ist es Rodrigo Porras Garulo als Zarewitsch, als Alexej. Der in Mexico City geborene Sänger überzeugt durch seine weiche, markante Stimme, die er in hohen Lagen auch strahlend, mit baritonalem Hintergrund, einsetzen kann. Er hat mich in der Rolle voll und ganz überzeugt, ebenso wie sein Herzog in Rigoletto, den ich vor kurzem hören konnte. Natürlich ist er kein Richard Tauber, aber wer ist das – und es ist außerdem widersinnig einen heutigen modernen Sänger zu vergleichen mit einer Sängerpersönlichkeit, von der ich mir nicht sicher bin, ober er in er heutigen Zeit die großen Erfolge wie früher feiern könnte. Mir gefällt die Art und die Weise, wie Rodrigo Porras Garulo sich in eine Rolle hineinversetzt und versucht das Beste zu geben. Das ist ihm auch im „Zarewitsch“ wieder gelungen. Sonja Freitag ist seine Sonja und auch sie erblüht etwas zurückhaltend, aber auf jeden Fall rollendeckend. Ihr beweglicher Sopran, der in den Höhen durchaus zu leuchten im Stande ist, kann in der Rolle der Sonja durchaus bestehen. Sowohl in den Soli als auch vor allen in den Duetten ergänzen sich beide ausgezeichnet und man leidet mit ihnen mit (vor allem meine Frau), wenn sie am Ende in unerfüllter Liebe auseinandergehen müssen.

Die Fahrt nach Meiningen hat sich für mich und meine Freunde wieder gelohnt und wir freuen uns heute bereits auf den Juni, in welchem ich mir den Meininger „Rigoletto“ zum zweiten Mal ansehen darf. Und natürlich werde ich wieder von meinen Eindrücken berichten. Ich kann jeden, dem sich die Gelegenheit bietet, nur auffordern, einmal nach Meiningen zu fahren und dort zu erleben, wie gespieltes Musiktheater sein kann.

Manfred Drescher, 03.03.2014                              Fotos ed Meiningen

 

 

 

RIGOLETTO

Premiere in Meiningen am 18.10.13

Diese Produktion hat der Opernfreund zu einem Gastspiel am  ans Theater Fürth begleitet. Die Aufführung vom 21.12.13 am Theater Fürth hat unser Redakteur Manfred Drescher besprochen.

 

 

 

Ein Galafest der Stimmen und „Standing Ovations“ in Meiningen

I PURITANI

Aufführung 27.10.2013                 (Wiederaufnahme 15.09.13)

Eine Aufführung, die man so schnell nicht vergisst

Mit fast 60 Freunden fuhr ich nach Meiningen, um mir „Der Puritaner“ von Vincenzo Bellini anzusehen und anzuhören. Und ich habe viel Überzeugungsarbeit gebraucht, dass all meine Freunde mitfuhren, denn Bellini und die Puritaner, was ist denn das? Kaum einer kannte die Oper, ganz wenige versprachen sich viel von der Aufführung und kaum einer wird sie je vergessen, nach einer denkwürdigen Aufführung in Meiningen. Und mit Aussprüchen wie „denkwürdig“ bin ich eigentlich recht vorsichtig, zu viele Aufführungen habe ich in meinem Leben schon erleben dürfen. Und wie schon so oft, fährt man auch wieder mit gemischten Gefühlen aus Meiningen nach Hause, denn zu oft, sind die grandiosen Sänger, die hier fast wie am Fließband verpflichtet werden, nach nur einer oder zwei Spielzeiten an größere Häuser abgewandert – und auch hier wird es wieder so kommen und man kann nur hoffen, dass das Händchen für Stimmen in Meiningen noch lange erhalten bleibt, damit man immer wieder einmal eine solche Sternstunde der Oper erleben darf.

Die Opern von Vincenzo Bellini werden leider nicht so oft aufgeführt, und das liegt nicht daran, dass sie schlecht sind, im Gegenteil, sondern in erster Linie  daran, dass es sehr schwer ist, Sänger zu finden, welche den immens hohen Anforderungen dieser Belcantooper gewachsen sind. Meiningen tat gut daran, gerade diesen Opernschmachtfetzen auf seinen Spielplan zu setzen, denn so begeistert wurde hier schon lange keine Oper mehr gefeiert. Bellini gilt als der Meister des wunderschönen Klanges, der musikalischen Linie, der musikalischen Genüsse und Lüste, des reinen Wohlklanges, des italienischen Belcanto schlechthin und als ein Komponist, der auch die Seele berührt.  

Xu Chang Stephanos Tsirakoglou und Elif Aytekin                   Foto-ed

Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt. Die Hochzeit steht im Zentrum und um die junge Elvira Walton kämpfen der puritanische Oberst Sir Richard Forth und Lord Arthur Talbot, der ein Anhänger der Stuarts ist. Dem Glück von Arthur und Elvira stehen die Machtkämpfe zwischen Katholiken und Protestanten entgegen, Waffengewalt regiert und alles droht im Kampf zu versinken. Elvira muss mit ansehen, wie ihr Verlobter Arthur Talbott mit Henriette von Frankreich flieht, einfach um deren Leben zu retten. Sie, die sich verlassen fühlt und Arthur fälschlicherweise als untreu zu sehen glaubt, verfällt zusehends dem Wahnsinn (aus dem sie Gott sei Dank wieder entfliehen kann). Die Flucht scheitert und sowohl die Fürstin als auch ihr Helfer Arthur werden zum Tode verurteilt. Jedoch Oliver Cromwell, der siegreich aus der Schlacht heimkehrt, vollzieht die Wende und es kommt – außergewöhnlich für eine eigentlich tragische Oper – zu einem wunderschön anrührenden Happy End. Diese ganze Handlung jedoch wird durch die wunderschöne Musik Bellinis in den Hintergrund gedrängt. Im Vordergrund steht diese Musik, die herrlichen Melodien und vor allem auch die sehr starken Chorszenen, die sich durch das ganze Werk hindurchziehen und die allein schon für berauschenden Kunstgenuss sorgen. 

Dae-Hee Shin, Elif Aytekin ,Roberto Cassani, Ernst Garstenauer,  Ensemble   Foto-ari 

Der Regisseur Bernd Dieter Müller hat dies alles in ein schlüssiges Konzept gesteckt, er betont durch seine zeitlose Interpretation, durch den Verzicht auf historischen Pomp, die Musik – und die ist stets im Vordergrund und sie weiß dies weidlich auszunutzen. Beeindruckende Chorszenen (einstudiert durch Sierd Quarré) bestimmen die Oper, Sonderapplaus auch für den Chor, der so oft und dominant nur in wenigen Werken gefordert ist und dies mit Bravour erledigt, allein die Chorszenen wären schon einen Besuch der Oper wert. Die Meininger Hofkapelle ist gut aufgelegt und wird mit sicherer, straffer Hand von Leo McFall geleitet. Er lässt den Sängern auch den notwendigen Freiraum und deckt sie nicht mit Orchesterwogen zu. Und nun im Einzelnen zu den Sängern, es gab in der ganzen Besetzung niemand, der abgefallen wäre, oder den man mit der barmherzigen Gnade der Nichterwähnung schützen müsste, nein, alles fügte sich homogen zu einem Ganzen. Stimmgewaltig in der kleineren Partie des Generalgouverneurs der Puritaner war Stephanos Tsirakoglou als Lord Gualtiero Valton. Immer präsent, sein Bruder Sir Giorgio, Oberst a.D. der Puritaner und väterlicher Freund Elviras, der überzeugend und mit schöner, warmer Stimme von Ernst Garstenauer gegeben wurde. Enrichetta di Francia, die Witwe von Charles I. wurde von der Mezzosopranistin Carolina Krogius sowohl gesanglich als auch darstellerisch rollendeckend verkörpert, ebenso wie Roberto Cassani als Sir Bruno Robertson, Offizier der Puritaner. Sie alle trugen dazu bei, dass es stimmlich eine stimmige Inszenierung wurde. 

Elif Aytekin als Elvira, Chor                                    Foto-ari (3)

Ja – und dann waren da die drei Hauptpartien, bei denen man nicht weiß, welcher man die Krone aufsetzen darf, auf ihre Weise haben sie diese alle drei verdient. Die Sopranistin Elif Aytekin verkörperte die liebende, scheinbar Verlassene, dem Wahnsinn verfallende und aus ihm sich wieder lösende Elvira, die Tochter Lord Valtons. Und wie sie diese Figur verkörperte war einzigartig, sowohl von ihrer stimmlichen Verkörperung, als auch ihrer darstellerischen Intensität. Mit einer gewaltigen Stimmkraft, die man diesem zarten Persönchen gar nicht zugetraut hätte, einer brillanten Koloraturtechnik und einem Piani, bei welchem die Töne messerscharf hingehaucht im Raum stehen, in einem Raum, bei dem sich aus dem Publikum dabei kaum einer zu atmen wagt. Eine Ausnahmesängerin und -darstellerin mit Sicherheit, die stimmlich nicht nur voll überzeugt, sondern auch berührt. Ich will keine Vergleiche zu den großen Primadonnen, die diese – teilweise mörderisch schwere Partie – schon gesungen haben ziehen, bin mir aber sicher, dass man von Elif Aytekin in der Zukunft noch viel hören wird. Ihr zur Seite Xu Chang als ihr Verlobter Lord Arthur Talbot. Ich habe ihn schon öfter in Meiningen erlebt, aber noch nie so intensiv und mit einer stimmlichen Gewalt, die fast den Theatersaal sprengte. Noch lange habe ich mich im Bus mit einem mitgefahrenen Orchestermusiker „gestritten“, ob Chang das hochgestrichene E oder F gesungen hat. Wir haben uns dann beide auf das F geeinigt, es war beeindruckend und es gibt mir Sicherheit nicht viele Tenöre, die diese stimmlichen Voraussetzungen mitbringen. Dass Xu Chang ein bisschen die darstellerischen Qualitäten und die Leichtigkeit im Spiel fehlten, war vollkommen unerheblich und eine Kritik daran, die etliche Rezensionskollegen hier angebracht haben, kann man eigentlich nur als beckmesserisch bezeichnen. Ich war jedenfalls von beiden Protagonisten begeistert – und mit mir das fast ausverkaufte Haus, das in endlosen Jubel ausbrach. Und hier ist noch der dritte im Bunde zu erwähnen, der unglaublich sichere, klangschöne mit warmer tragender Stimme singende Dae-Hee Shin, der auch zu den Säulen des Meininger Musiktheaters zählt, als Sir Riccardo Forth, Oberst der Puritaner. Alle drei brachten das anwesende Publikum „zum Kochen“ und am Ende, als nach fast drei Stunden viel zu früh der Vorhang fiel, brachte es den Künstlern stehende Ovationen. Und diese hatten sich alle auch redlich verdient. Ich gebe gerne zu, dass mir sich heute beim Schreiben noch die Gänsehaut aufzieht, wenn ich an dieses musikalische Extraerlebnis zurückdenke. 

Schlussapplaus:  Xu Chang, Elif Aytekin, Dae-Hee Shin          Foto-Eigenaufnahme

Die Fahrt nach Meiningen war ein einmaliges Erlebnis, welches ich so schnell nicht vergessen werde, bereits im Dezember werde ich die drei Hauptprotagonisten wieder in der Oper „Rigoletto“ erleben dürfen und ich freue mich wahnsinnig darauf und hoffe gleichzeitig, dass der Gang zu größeren Opernhäusern noch ein bisschen aufgeschoben werden möge. Selten bin ich von einer Opernaufführung so beeindruckt und aufgewühlt nach Hause gefahren. Ein Edelstein ist in Meiningen zu bewundern, dessen Glanz sich weiter ausbreiten sollte.

Manfred Drescher, 02.11.2013  

 

 

 

 

TANNHÄUSER

Das Meininger Theater führte wieder "Tannhäuser" halbszenisch auf der Wartburg auf. Bericht von der Aufführung am 20.06.13 unter Eisenach.

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

1. März 2013

Meiningen liegt nicht gerade ums Eck, wenn man aus Wien kommt. Aber die 700 km Anfahrt in den Thüringer Wald war dieser Abend auf jeden Fall wert, denn einen Tristan wie Andreas Schager sieht man heute auf den europäischen Opernbühnen nicht jeden Tag. Bereits im Vorjahr zeigte der Niederösterreicher in Minden mit dieser Rolle, dass er auf dem besten Weg in die vorderste Reihe der Wagner-Interpreten ist. Diesmal hatte ich den Eindruck, dass er dort bereits angekommen ist. Das Südthüringische Staatstheater Meiningen bot ihm auch die ideale Bühne und mit dem Regisseur Gerd Heinz fand er einen alten Theaterhasen vor, der auf plakative Mätzchen verzichtete und mit konsequenter, präziser Personenführung eine „aufregend-altmodische“ Inszenierung auf die Bretter zauberte. Mit Richard Wagners Parsifal konnte der vom Schauspiel kommende 72-jährige (der u.a. das Züricher Schauspielhaus leitete) an diesem Theater bereits 2009 das Publikum begeistern.

Tristan und Isolde hatte Heinz aber in seiner über 50-jährigen Bühnenkarriere noch nie gemacht, das Team für Wagners größtes Liebespaar der Operngeschichte war das gleiche wie 2009: Bühnenbildner Rudolf Rischer und Kostümbildnerin Gera Graf sorgten für Ästhetik und Wohlfühlen, keine Maschinengewehre, keine grauen Anzüge, sondern wunderbare Ausstattungen mit gutem Geschmack.

Für den ersten Akt wurde der Bug eines Schiffes imposant und Titanic-like in die Bühnenmitte gestellt und die Drehbühne intelligent zum Einsatz gebracht. So spielen die intimen Szenen in Isoldes Refugium, geschickt wechselt Heinz die Schauplätze, um schließlich im Finale des ersten Aktes den Chor auf den Außendeck Aufstellung nehmen lässt, um die Ankunft bei König Marke zu zelebrieren.

Isolde (Ursula Füri-Bernhard) ist dabei nicht eine weltentrückte Rächerin, sondern eher die verwöhnte Zicke vom Königshof. Ihre Darstellerin bringt dafür alle Voraussetzungen mit: Eine so behende und quirlige Isolde sieht man eher selten, und da kann es schon einmal passieren, dass die Töne nicht immer dort landen, wo Wagner sie hingesetzt hatte, insgesamt klingt ihr Gesang auch eher italienisch denn wagnerhaft-deutsch. Darüber gingen am Ende auch die Meinungen auseinander, für Furore sorgte die Schweizerin, die in Bern lange unter Vertrag stand und der Kinder wegen bisher auf internationale Engagements weitgehend verzichtete, allemal.

Über den Tristan von Andreas Schager kann man hingegen nur einer Meinung sein, und die kam beim Schlussapplaus auch lautstark aus dem Publikum: Jubel und große Anerkennung. Es ist schon erstaunlich wo dieses schlanke „Bürscherl“ all die Kraft hernimmt, eine der schwersten Partien der Opernliteratur ohne Rücksicht auf Verluste durchzusingen. Dass er alle zwei Tage (auch spätnachts) sein 6-Kilometer-Laufpensum absolviert, ist wohl nur eine unzureichende Erklärung für seinen Erfolg. Ebenso wichtig dürfte für ihn die seit einem Jahr andauernde Arbeit mit der Berliner Gesangslehrerin Heidrun Franz-Vetter sein. Die Stimme springt in jeder Sekunde richtig an und hat ein helles, klares Timbre. Ein fortissimo erschüttert auch die letzten Reihen, die zarten Töne schmelzen nur so dahin, was will man von einem Wagner-Tenor heute mehr. Dass er schon als „der neue Vogt“ gehandelt wird, wird dem sympathischen Sänger nicht gerecht: Er ist bereits DER SCHAGER. (der übrigens den Siegfried auch bestens drauf hat und ihn demnächst in Ludwigshafen singen wird).

Gerd Heinz zeichnet die Rolle Tristans auch in allen Facetten und lässt einen bereits von der ersten Sekunde an die schwierigen Verhältnisse spüren, aus denen er stammt und die erst im letzten Akt erzählt werden. Auch nach dem Liebestrank zweifelt er und steht sekundenlang an der Reling, wohl mit dem Gedanken ins Meer zu springen. Und wie Schager seinen Blick in die Ferne schweifen lässt. bevor er sein „O sink hernieder“ singt, das war großes Kino, das natürlich in einem Haus mit 730 Plätzen besonders effektvoll ankommt.

Apropos Liebestrank: Dass Richard Wagner zu seiner Cosima gesagt hat „sie könnten genauso gut ein Glas Wasser trinken“, setzt die Regie konsequent um. Brangäne versteckt den Todestrank und gießt lediglich Wasser in die Schale. Dass beim Trinken der Blitz in die Liebenden einschlägt bedarf keiner Utensilien. Und eben dieser Blitz ist auch bei den Vorspielen zu den Aufzügen 1 und 3 am Bühnenvorhang zu sehen.

Christina Khosrowi meistert die relativ undankbare Partie der Brangäne mit allergrößter Bravour. Man kann gespannt sein, in welche Richtung es bei ihr weiter gehen wird und auch bei ihr fragt man sich immer wieder, wie eine so gertenschlanke Sängerin (die noch dazu blendend aussieht) diese Power hernimmt dem Orchester stimmlich derart Paroli bieten zu können. Vielleicht wartet da demnächst gar eine Kundry?

Dass die Inszenierung im zweiten Akt einen kleinen Durchhänger hatte lag großteils an den (entbehrlichen) Videoeinspielungen während des großen Liebesduetts, der Sinn dieser „Wasserspiele“ erschloss sich mir jedenfalls nicht und die hektische Optik lenkte von der traumhaften Melodie doch zu sehr ab. Dabei hatte sich der Bühnenparavent mit dem stilisierten Wald vorher bereits zu einer sehr schönen Meeresstimmung geöffnet, naja, zu perfekt sollte der Abend wohl auch nicht ausfallen.

Neben den erwähnten Gastsängern behaupteten sich die hauseigenen Kräfte in den meisten Fällen: Ernst Garstenauer gab einen lautstark akklamierten König Marke, Dae-Hee Shin gab trotz seiner Herkunft einen wortdeutlichen Kurwenal und besonders angetan hatte es mir Rodrigo Porras Garulo, der sowohl den jungen Seemann als auch den Hirten mit lyrischem Tenor wunderschön intonierte. Nicht ganz so gut gefallen konnte der bewährte Stan Meus als Melot und Lars Kretzer als Steuermann.

GMD Philippe Bach brauchte mit der Meininger Hofkapelle (die ja einst auch von Bülow dirigiert wurde) vorerst einige Zeit um den idealen Spannungsbogen zu finden. Das Vorspiel wirkte daher noch ein wenig inhomogen und hätte auch eine exaktere Streichergruppe vertragen. Aber die Damen und Herren im Graben steigerten sich schon bald und Bach hatte das Heft bis zum Schluss fest in der Hand. Ein Bravo dem mit 39 Lenzen noch jungen Schweizer! Für den (gar nicht so kleinen) Chor (der sehr konventionell zum Einsatz kam) zeichnete Sierd Quarré verantwortlich, eine extra Erwähnung soll noch die Lichtregie von Beleuchtungschef Rolf Schreiber bekommen.

Der meiste Beifall galt natürlich am Ende Andreas Schager, aber auch seine Kolleginnen und Kollegen fanden ebenso vehementen Zuspruch wie das gesamte Regieteam – 13 Minuten Ovationen! Bis Ende Juni gibt es noch sieben Reprisen. Und sollten sie eine kürzere Anreise haben als der Schreiberdieser Zeilen, dann lege ich ihnen einen Besuch ans Herz.

Ernst Kopica                                                       Fotocopyright: Foto-ed.

 

 

 

 

 

 

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