Seit einigen Jahren bringen viele Opernhäuser verstärkt die Werke von Komponistinnen auf die Bühne und heben dabei vergessene Schätze. Erinnert sei an Fausto von Louise Bertin in Essen und La Montagne Noir von Augusta Holmes in Dortmund. The Wreckers von Ethel Smyth hat es sogar in Schwerin, Meiningen, Karlsruhe und zuletzt in Detmold auf die Bühne gebracht. Im Dortmunder Opernhaus ist jetzt mit Mazeppa von Clemence de Grandval eine sensationelle Wiederentdeckung zu erleben.

Beim Titel Mazeppa denkt der Opernfreund am ehesten an die gleichnamige Oper von Peter Tschaikowsky. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine trauen sich die Theater aber nicht mehr an dieses Stück, wird hier doch eine kriegerische Auseinandersetzung in der Ukraine des frühen 18. Jahrhundert behandelt. Auch die Französin Clemence de Grandval, die von 1828 bis 1907 lebte, erzählt in ihrer 1892 in Bordeaux uraufgeführten Oper die gleiche Geschichte.
Matréna, Tochter des Kriegers Kotchoubey, verliebt sich in den ukrainischen Heerführer Mazeppa. Ihr Verehrer Iskra warnt sie vor Mazeppa, doch Matréna glaubt an ihre Liebe, wendet sich von ihrem Vater ab, der sogar hingerichtet wird. Mazeppa entpuppt sich aber als Verräter. Das Libretto überzeugt, denn die Geschichte, wird trotz eine Aufführungsdauer von fast drei Stunden geradlinig und spannend erzählt.
Clemence de Grandval schreibt dazu eine packende Musik mit dem richtigen Gespür für theatralische Wirkung: Da gibt es dramatische Arien, gefühlvolle Duette und großangelegte Chorszenen. Die Instrumentation ist differenziert und farbenreich. Die Melodien beeindrucken mit ihrer Schönheit. Am Pult der Dortmunder Philharmoniker steht Generalmusikdirektor Jordan de Souza, der sein Orchester zu einem packenden Musizieren anfeuert. Besonders in den orchestralen Vorspielen und der großen Ballettmusik beeindruckt die Klangpracht dieser lange vergessenen Partitur.
Die Dortmunder Oper fährt eine beachtliche Besetzung aus den Reihen des eigenen Ensembles auf: Mandla Mndebele gibt der Partie des Mazeppa mit seinem großen Bariton ein starkes Profil. Anna Sohn singt mit anmutigem Sopran die Matréna und betont, wie stark diese Frau von ihrer Liebe geleitet wird. Dabei kommen aber auch die dramatischen Töne nicht zu kurz.
Matrénas Verehrer Iskra wird von Sungho Kim mit hellem und klarem, fast heldischem, Tenor gesungen. Mit dunklen Bassregistern beeindrucken Artyom Wasnetsov als Kotchoubey und Denis Velev als der religiöser Führer Archimandrit.
Die Inszenierung von Martin G. Berger kann da nicht ganz mithalten: Er erzählt die Geschichte verständlich, macht aus Mazeppa aber einen Superhelden, nämlich eine Art Dortmunder Iron Man, der mit Hilfe der Videos von Vincent Stefan über die Stadt fliegt. Erst bekämpft er einen Superbösewicht und wird gefeiert. Hinterher kommt heraus, dass er mit diesem gemeinsame Sache gemacht hat.
Die Solisten inszeniert Regisseur Berger sehr einfühlsam lebendig. Dadurch, dass er viele Szenen auf dem Steg zwischen Orchestergraben und Publikum spielen lässt, bringt er die Handlung und die Charaktere ganz nah an die Zuschauer heran. Die Szenen mit dem prächtig auftrumpfenden Chor, der von Fabio Mancini bestens einstudiert wurde, geraten inszenatorisch aber etwas zu schematisch.
Beachtlich ist, was Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl mit wenigen Mitteln an optischer Wirkung erzielt. Da entsteht mithilfe der Untermaschinerie eine Treppe, die für die großen Chorszenen ideal ist. Andere Szenen spielen im Waffenlager des Bösewichtes, wofür ein Podium hochgefahren wird, wo sich noch einige Atomraketen aus Alberichs Arsenal aus Peter Konwitschnys „Rheingold“-Inszenierung befinden.
Diese Mazeppa– Oper ist eine lohnende Entdeckung. Von dieser Komponistin würde man gerne mehr hören.
Rudolf Hermes 20. März 2026
Mazeppa (zweite Besprechung)
Clemence de Grandval
Oper Dortmund
Premiere: 15. März 2026
Inszenierung: Martin G. Berger
Musikalische Leitung: Jordan de Souza
Dortmunder Philharmoniker