Inzwischen hat sich am Theater Krefeld-Mönchengladbach in der Sparte Musiktheater das „On Stage“-Format etabliert, bei dem das Publikum in kleineren Produktionen auf der Bühne Platz nimmt. Dies ermöglicht nicht nur einen interessanten Blick in den Theatersaal, sondern schafft auch eine viel größere Nähe zu den Darstellern und Musikern. In dieser Spielzeit kommt dieses Format bei den beiden Einaktern Trouble in Tahiti von Leonard Bernstein und Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók zum Einsatz, was – um es vorwegzunehmen – einmal mehr sehr gut funktioniert. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Werke thematisch wenig gemeinsam zu haben; auch musikalisch liegen die beiden Opern weit auseinander. Immerhin geht es in beiden Stücken um eine toxische Beziehung zwischen Mann und Frau und im weiteren Sinn um die Themen Liebe, Ehe und Vertrauen.

In Trouble in Tahiti beleuchtet Leonard Bernstein, der neben der Musik auch das Libretto der Oper schrieb, eine nach außen hin perfekte Ehe. Sam und Dinah leben in einem kleinen Reihenhaus in der Vorstadt. Ihr Sohn ist gerade ausgezogen und beide scheinen ein geordnetes Leben zu führen. Doch in Wahrheit leben sie schon länger mehr aneinander vorbe als miteinander, was zu vielen Spannungen und unausgesprochenen Dingen führt. Immer wieder geraten die beiden in Streit. Ein Jazz-Trio kommentiert zwischen den einzelnen Szenen das Geschehen, sodass die Oper oft als augenzwinkernde Satire auf die Institution Ehe bezeichnet wird. Dazu trägt auch die musikalische Ausrichtung bei, die einen gekonnten Spagat zwischen Oper, Operette und Musical schafft. Während das Trio leicht und schwungvoll klingt, sind die Szenen des Ehepaares eher getragen und zum Teil auch dissonant gehalten. Dies sorgt dafür, dass der Kontrast zwischen Fassade und Realität auch musikalisch abgebildet wird. Die Inszenierung von Petra Luisa Meyer rückt den satirischen Blick allerdings etwas in den Hintergrund, denn das Publikum, das durch die intime Produktion förmlich in der Küche des Ehepaares Platz nimmt (Bühne und Ausstattung: Wicke Naujoks und Anna Wörl), leidet mit den beiden Protagonisten mit. Diese sind komplett unzufrieden mit ihrem Leben, schaffen es allerdings nicht, hieran etwas zu ändern. Gabriela Kuhn und Timothy Sharp verkörpern dieses innerlich verzweifelte Paar absolut glaubhaft und überzeugen auch gesanglich auf ganzer Linie. Das gilt auch für das Jazz-Trio Jeanne Jansen, Ramon Mundin und Jeconiah Retulla, die allesamt Mitglieder des Opernstudios Niederrhein sind.

Um einen Übergang zwischen den beiden Werken zu schaffen, wurde das Ende von Bernsteins Einakter in dieser Inszenierung leider etwas abgeändert. Dinah besucht am Nachmittag den Kinofilm Trouble in Tahiti, der der Oper ihren Namen gibt und symbolisch für einen besseren Ort steht – eine Illusion, die nie erreicht wird. Doch der Film gefällt Dinah gar nicht. Anstatt sich abends wie verabredet auszusprechen, schlägt Sam vor, doch lieber ins Kino zu gehen. Dinah sagt innerlich todtraurig zu, obwohl sie den Film zuvor schon gesehen hat. Für beide ist es ein weiterer Versuch, dem drohenden Konflikt aus dem Weg zu gehen, was die Tragik in diesem Schlussmoment noch einmal besonders unterstreicht. In Petra Luisa Meyers Inszenierung wird am Abend im Kino jedoch nicht Trouble in Tahiti, sondern Herzog Blaubarts Burg aufgeführt. Optisch sorgt dies vor der Pause für einen gelungenen Moment, wenn nach dem bekannten Paramount-Intro auf der Leinwand eine kurze Einleitung zum nachfolgenden Werk zu sehen ist. Der eingeblendete Text ist zudem sehr gut auf die Beziehung von Sam und Dinah zu übertragen. Dennoch nimmt diese Änderung etwas von der Dramatik, dass Dinah sich lieber ein weiteres Mal den schlechten Film Trouble in Tahiti anschaut, anstatt den Abend zu Hause mit Sam zu verbringen.

Nach der Pause folgt Béla Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg, die 1918 in Budapest uraufgeführt wurde. Inszeniert als eindringliches Kammerspiel, überzeugen Johannes Schwärsky als Blaubart und Margarita Vilsone (für die erkrankte Eva Maria Günschmann) als Judith das Publikum. Die Zuschauer lauschen den beiden gespannt und spenden am Ende lautstarken Applaus für eine musikalische Meisterleistung. Zugute kommt dem Werk, dass es wie zuvor auch Bernsteins Trouble in Tahiti komplett in deutscher Übersetzung aufgeführt wird, sodass man der Handlung gut folgen kann. Die Oper ist vom Symbolismus des frühen 20. Jahrhunderts geprägt und basiert auf einer Sage, die in vielen Versionen kursiert und unter anderem bereits 1697 in Charles Perraults Märchen Blaubart veröffentlicht wurde. Die Handlung in aller Kürze: Judith hat alles zurückgelassen, um mit dem Herzog Blaubart in seiner Burg zu leben. Dort angekommen, entdeckt sie sieben verschlossene Türen und bittet Blaubart neugierig, aber entschlossen um die Schlüssel. Nur widerwillig gibt er ihr nach und nach die Schlüssel. In jedem Raum entdeckt Judith Blutspuren und ahnt bald Schreckliches. Hinter der siebten Tür trifft sie schließlich auf die drei früheren Frauen Blaubarts, die die Tageszeiten Morgen, Mittag und Abend verkörpern. Blaubart erklärt ihr, dass auch sie nun hinter dieser Tür bleiben müsse, da er sie in der Nacht kennengelernt habe.

Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen die beiden Opern in überraschend großer Besetzung unter der gut abgestimmten Leitung von Sebastian Engel. Platziert ist das Orchester auf dem nach oben gefahrenen Orchestergraben. Dies kann dazu führen, dass die Sänger und Sängerinnen auf den Zuschauerplätzen ganz links auf der provisorischen Tribüne etwas überlagert werden, da der Zuschauer nur wenige Meter vor dem Orchester sitzt. Auf der rechten Hälfte der Tribüne gab es bezüglich der Textverständlichkeit und der Abmischung zwischen Darstellern und Orchester nichts auszusetzen. Insgesamt ist der Doppelabend aus Trouble in Tahiti und Herzog Blaubarts Burg eine weitere gelungene Umsetzung des „On Stage“-Formats, das hoffentlich auch in Zukunft immer wieder mal im Spielplan berücksichtigt wird.
Markus Lamers, 23. März 2026
Trouble in Tahiti / Herzog Blaubarts Burg
Zwei Operneinakter von Leonard Bernstein und Béla Bartók im „On Stage“-Format
Theater Krefeld
Premiere: 15. März 2026
besuchte Vorstellung: 21. März 2026
Inszenierung: Petra Luisa Meyer
Musikalische Leitung: Sebastian Engel
Niederrheinische Sinfoniker
Weitere Aufführungen: 6. April, 25. April, 29. Mai und ab dem 2. Mai 2027 im Theater Mönchengladbach