Im 20. Jahrhundert gab es zwei Tanzgötter – Vaslav Nijinsky in der ersten Hälfte und Rudolf Nurejew in der zweiten. Während von Ersterem außer einigen Fotos und Kostümen kaum Zeugnisse existieren und sich eher Legenden um das Schicksal und die Kunst des Tänzers ranken, sind Leben und Schaffen Nurejews in vielen Büchern, Abbildungen und Videos dokumentiert. Es ist kein Geheimnis, dass ihm manche Tänzer, man denke nur an Mikhail Baryshnikov, technisch ebenbürtig oder gar überlegen waren, aber es ist die unverwechselbare Persönlichkeit, die einzigartige Aura, welche Nurejew seinen Ausnahmestatus verliehen.
Das Staatsballett Berlin ergänzt den Kanon der bekannten Fakten nun um einen neuen Aspekt, indem es das 2017 am Moskauer Boschoi-Theater uraufgeführte Stück Nurejew zeigt, damit die erste Compagnie weltweit ist, welche die Produktion ins Repertoire übernimmt. Denn 2023 wurde sie aus politischen Gründen im Zusammenhang mit der Verschärfung der LGBTQ-Gesetze in Russland verboten.
Nurejew ist ein Gesamtkunstwerk mit Elementen aus Tanz, Gesang und Sprache, inszeniert von Kirill Serebrennikov und choreografiert von Yuri Possokhov. Ilya Demutsky komponierte die Musik, welche bekannte Themen aus Giselle, Schwanensee und der Bayadere zitiert und mit neuen Tönen mischt – so eine ganz neue Klangfolie erzeugt.
Die Produktion ist von immensem Aufwand, vereint auf der Bühne über 140 Akteure – Tänzer, Statisten und Sänger. Beteiligt sind das Orchester der Deutschen Oper Berlin (Leitung: Dominic Limburg), eine Jazz-Formation mit Nico Zeidler (Saxophon), Sebastian Molsen (Kontrabass) und Rüdiger Ruppert (Percussion), der Harfenist Alexander Boldachev, der Vokalconsort Berlin sowie die Gesangssolisten Aleksandra Meteleva (Mezzosopran), Navasard Hakobyan (Bariton) und Iwan Borodulin (Countertenor).
Die Handlung beginnt mit der Auktion von Nurejews Nachlass, wofür vielleicht John Neumeiers Ballett Die Kameliendame den Ausschlag gab, denn dieses Stück beginnt gleichfalls mit einer Versteigerung – dem Besitz Marguerite Gautiers nach ihrem Ableben. Neumeier hatte seine Choreografie vor einigen Jahren am Moskauer Bolshoi einstudiert und ganz sicher hat Possokhov diese Produktion gesehen. Serebrennikov entwarf einen Auktionssaal mit Rednerpult, Vitrinen und prunkvoller Tür mit golden Ornamenten. Der Schauspieler Odin Lund Biron fungiert als Auktionator und ruft die einzelnen Objekte – Antiquitäten, Möbel, Teppiche, Kostüme und Fotografien – in Englisch und Französisch auf. Später zitiert er auch Zeugnisse legendärer Partner des Tänzers, wie Charles Jude und Laurent Hilaire, beide Ètoiles des Pariser Balletts, oder Briefe der großen Ballerinen Alla Ossipenko und Natalia Makarova. Der Abend wird dadurch etwas textlastig, zumal die Auktionsvorgänge bis zum Ende beibehalten werden. Gelegentlich ist es auch schwierig, den Überblick zu behalten angesichts der Vielzahl von Akteuren auf der Szene und der Fülle von Aktionen.
Serebrennikov hat in seinem Libretto viele Stationen von Nurejews Leben und seiner Karriere zu einem biografischen Bilderbogen gefügt. Er beginnt mit einer Szene in der berühmten Waganowa-Schule, wo Nurejew studiert hat und bei Exercises an der Ballettstange zu sehen ist. Der Demi-Solotänzer des Staatsballetts Anthony Tette sorgt mit seinem Auftritt für den ersten tänzerischen Höhepunkt des Abends. An der Wand des Raumes wechselt Lenins Konterfei zu dem von Stalin, eine patriotische Nummer mit Gesang zeugt von der sowjetischen Propaganda jener Epoche. Die Flucht in den Westen wird recht schnell abgehandelt, dafür Nurejews Leben in Paris mit der mondänen Gesellschaft in glitzernden Roben (Kostüme: Elena Zaytseva) und bizarren Drag-Queens viel Raum gegeben. Ein Kontrast dazu und berührender Moment ist der Pas de deux zwischen Nurejew und seinem Lebensmenschen Erik Bruhn, den Martin ten Kortenaar solide tanzt, in der emotionalen Hingabe aber verhalten bleibt.
Noch mehr Tanz bietet der 2. Akt, der mit einer Grand Gala beginnt, in welcher Ausschnitte aus Raymonda, Don Quixote und Schwanensee zu sehen sind. In einem hinreißenden Pas de deux, der Motive aus Frederick Ashtons Marguerite and Armand aufnimmt und die Chaiselongue aus der Londoner Produktion zeigt, brillieren Iana Salenko als Margot (Fonteyn) und David Soares in der Titelrolle. Nicht minder grandios ist Polina Semionova als Die Diva, womit natürlich die große Natalia Makarova gemeint ist – unschwer an ihrem um den Kopf gewundenen Tuch zu erkennen, aber auch an ihrer exzentrischen Haltung und Körpersprache. Wie Semionova die singuläre und legendäre Eigenart dieser Assoluta wiederzubeleben vermag, ist schlichtweg sensationell zu nennen.
Der Star der Aufführung ist dennoch der Brasilianer, der vor seinem Engagement beim Berliner Staatsballett am Moskauer Bolschoi getanzt und dort auch die Nurejew-Partie geprobt hat. Die fordernde Rolle zeigt ihn fast im Dauereinsatz auf der Bühne und er meistert sie in technisch blendender Verfassung bewundernswert. Auch den Nacktauftritt im Zusammenhang mit Nurejews Fotosession bei dem Starfotografen Richard Avedon in New York absolviert er souverän. Das Posieren nackt im Pelz erinnert an Nurejews Eitelkeit, seinen divenhaften Narzissmus. Davon zeugt auch das Bild Le Roi Soleil, welches die französischen Opéra–ballets von Rameau und Lully zu barocken Klängen zitiert. Der Counter Borodulin kommt hier zum Einsatz und erinnert an die Glanzzeit der legendären Kastratensänger. Wird Nurejew in dieser Szene zum Sonnenkönig erhoben, stürzt er in der folgenden ab zum jämmerlichen Pierrot im weißen Kostüm aus Schönbergs Pierrot Lunaire. Nurejew hat ihn getanzt in der Choreografie von Glen Tetley, die hier zitiert wird. Das Finale erinnert an die letzte Großtat des Choreografen Nurejew – Minkus´ La Bayadère in Paris 1992. Die berühmte Szene Das Königreich der Schatten, in welcher die Tänzerinnen unendliche Arabesques penchés zu absolvieren haben, ist der Höhepunkt der Aufführung. Nurejew, von seiner schweren Krankheit schon gezeichnet, hat in seinen letzten Lebensjahren auch dirigiert. So ist in der Aufführung sein Dirigentenstab das letzte Objekt, welches zur Versteigerung gelangt. Und Soares, im Frack mit weißem Turban, vor Schwäche schwankend, betritt das Pult im Orchestergraben, um diese sphärische Musik erklingen zu lassen. In der Choreografie von Possokhov werden die weiblichen Schatten durch männliche ergänzt, denen ein eigenes Bewegungsvokabular zugeordnet ist. Sie alle sinken am Ende leblos zu Boden, während eine Alte Dame (Venera Blumert-Gilmutdinova) weiße Lilien verstreut. Diesem berührenden Bild folgt der enthusiastische Jubel des Premierenpublikums in der Deutschen Oper (21. März 2026).
Bernd Hoppe 24. März 2026
Nurejew
Ilya Demutsky
Staatsballett Berlin
Deutschen Oper Berlin
Besuchte Aufführung: 21. März 2026
Premiere: 21. März 2026
Inszenierung: Kirill Serebrennikov
Musikalische Leitung: Dominic Limburg
Orchester der Deutschen Oper Berlin