Im Sevilla des Jahres 1820 war ein Femizid geschehen, die Tötung einer Frau wegen einer Eifersuchtssituation. Kurz vor seiner bevorstehenden Hinrichtung durch den Strang erzählte der Täter seine Geschichte einem französischen Schriftsteller. Prosper Mérimée, der vermutlich jener Zuhörer war, schuf aus dem Sujet eine Novelle und gab darin der Getöteten den Namen Carmen, dem lateinischen Wort für „Lied“, das aber auch die weitere Bedeutung „Orakelspruch“oder „Zauberdichtung“ haben kann. Die Schriftsteller Henri Meilhac (1831-1897) und Ludovic Halvéy (1834-1908) gestalteten aus der Novelle für den kaum bekannten Komponisten Georges Bizet (1838-1875) ein Libretto für eine Oper in vier Akten von mäßiger literarischer Qualität. Der begabte junge Mann entwickelte für diese Vorlage eine allerdings außergewöhnlich anregende Musik, so dass ein packendes Eifersuchtsdrama für die Opernbühne entstanden war.

Mit ihrer ersten Arbeit am Haus wollte die Regisseurin Nadja Loschky den Dresdner Opernfreunden und ihren Gästen Denkanstöße vermitteln, ob und warum die über 150 Jahre alte Oper mit ihren überkommenen sexuellen Prägungen für uns noch gesellschaftliche Relevanz haben könnte, vor allem, wo die Grenzen der Freiheiten des einzelnen liegen, bevor gesellschaftliche Übereinkünfte überschritten und die Rechte von Mitmenschen verletzt werden.
In Loschkys Fassung beginnt die Aufführung, wie bei Mérimée, nachdem Carmen bereits umgebracht worden ist. Eine im Libretto nicht aufgeführte Bühnenfigur, die sich aber als Alter Ego des Don José outete, spricht einen von der Regisseurin für diese Inszenierung geschaffenen, an Mérimée angelehnten intelligenten Text, dessen Inhalt dem Ablauf des dramatischen Geschehens entspricht. Aus dem Libretto von Meilhac und Halvéy hat Loschky konsequent die gesungenen Rezitative und verbindenden Dialoge entfernt, so dass nur eine Fülle von isolierten, das Geschehen aber voranbringenden Szenen übrig geblieben ist. Mit handwerklicher und künstlerischer Meisterschaft sind diese Bestandteile der Oper an das Gerüst, welche das Alter Ego mit der Intensität seiner Darstellung den Loschky-Texte verschafft hat, regelrecht angetackert. Damit bleibt ein Fluss im Geschehen gesichert. Auf der Bühne gibt es viel Bewegung mit raffiniert arrangierten Gruppenauftritten. Die Leiterin des Kinderchores Claudia Sebastian-Bertsch, der Chorleiter des Staatsopernchores Jonathan Becker und nicht zuletzt der Choreograf Thomas Wilhelm haben der Regisseurin prachtvolle Zuarbeit geleistet. Alle Ohrwürmer Bizets sind integriert, was von Teilen der Besucher mit unnötigem Zwischenbeifall quittiert wird.

Die erotischen Beziehungen des Brigadiers Don José zur Carmen beziehungsweise zur Micaëla bleiben das Zentrum der Oper. Sie symbolisieren die extremen Lebensentwürfe der beiden Frauen. Das von der Mutter des Soldaten als künftige Schwiegertochter vorbestimmte Bauernmädchen sieht in Don José ihren künftigen Lebenspartner und lässt sich auch ohne Zögern auf diese Zukunft ein. Carmen hingegen ist sich der Wirkung ihrer Sexualität bewusst und setzt diese gegen Männer auch ohne Skrupel ein, vor allem, wenn diese sie kontrollieren wollten. Mit ihrem bedingungslosen Freiheitswillen und ihrer uneingeschränkten Lebenslust kommt sie nicht nur in Konflikte mit ihren Partnern, sondern stellt auch Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage.
Wie sich die Absolutheitsansprüche Carmens auf die Befindlichkeiten des Don José auswirkten, wird vom Alter Ego des Verunsicherten in dem mit viel Psychologie aufgeladenen Text der Nadja Loschky erklärt und anschaulich gemacht, wie sich die gekränkte Männlichkeit Don Josés Schritt für Schritt zur Wut und Unberechenbarkeit bis hin zur Gewalt aufschaukelt.
Das Bühnenbild von Etienne Pluss und die zum Teil surrealen Kostüme und Masken der Irina Spreckelmeyer verzichten auf jeden Sevilla-Kitsch und unterstützen optisch die Entwicklung der Gespanntheit zwischen den Leidenschaften, der Gewalt und des gesellschaftlichen Umfeldes. Das von der Farbenwelt des Schwarz dominierte funktionale Bühnenbild wird von Fabio Antoci meisterhaft ausgeleuchtet.

Die musikalische und szenische Umsetzung der Inszenierung war nach meinen Empfindungen ohne Makel und auf einem hohen Niveau. Bereits in der Ouvertüre ließ Lorenzo Passerini in seinem Haus-Debüt als musikalischer Leiter der Premiere aufhorchen, als er die klanglichen Trümpfe der Sächsischen Staatskapelle offenlegte. Auch in der Folge verstand er den Orchesterpart nicht nur als begleitenden Klangteppich für Sänger und Chor, sondern als wichtigen Vermittler der Deutung des Handlungsverlaufs auf der Bühne. Gekonnt nutzte er die raffinierte Instrumentation der Partitur, um die kontrastierenden Charaktere der einzelnen Musiknummern bloßzulegen. Passerini hielt dabei die Tempi straff und den Klang farbenreich. Er sorgte für düsteren Fatalismus ebenso wie für auflodernde Leidenschaft, achtete dabei stets auf feine Abstimmung der Orchesterdynamik mit den Solisten auf der Bühne.
Als Carmen setzte Eve-Maud Hubeaux das Anliegen der Inszenierung mit grandiosem Spiel und Gesang glanzvoll um. Ihre Darstellung einer Einzelgängerin mit erotischen Verführungskünsten, der Intensität ihrer Liebe, der Verletzlichkeit ihrer Gefühle oder der Aufsässigkeit gegen Gesetze war kompromisslos und faszinierend. Man spürte regelrecht, dass Gefahr von ihr ausging. Vor allem war ihre Stimme perfekt für diese Aufgabe. Mit präzise gesetzten Spitzentönen, einer Mittellage voller Substanz sowie kraftvoller Tiefe strömte ihr Mezzosopran bruchlos durch die Partie. Offenbar hatte die Sängerin auch Freude an der Vielseitigkeit der musikalischen Sprache zwischen Habanera und dem spöttischen „Trallala“, denn mal gurrte sie kokett, mal beschwor sie mit ihrem Gesang die Faszination der ungebundenen Freiheit. Besonders gelungen war Hubeaux‘ Darstellung in der Kartenleger-Szene, die sie im Dialog mit dem Alter Ego absolvierte, während die Freundinnen Jasmin Delfs als Frasquita und Nicole Chirkas Mercédès mit ihren perfekt passenden Stimmen abseitig ihre Zukunft ausmalten.

Eine betörende Micaëla brachte Galina Cheplakova in ihrem Hausdebüt auf die Bühne. Ihr gelang es, dem jungen Bauernmädchen sowohl in der Darstellung als auch mit ihrem Gesang genau die richtige Mischung an zurückhaltender Schüchternheit und zielstrebiger Bestimmtheit zu vermitteln. Ihr Sopran blühte in der Höhe farbenreich auf, blieb dabei immer satt im Klang. Selbst in den fein gesponnenen Piani in ihrer großen Arie und im Duett mit Don José fand sie das richtige Maß.
Gegen den Lebensentwurf der Einzelgängerin Carmen hatte es der Don José Attilio Glasers schwer, Profil zu gewinnen. Zu sehr musste er sich mit den Wünschen der Mutter auf eine kleine Beamtenstelle für ihn beschäftigen. Von gefühlvollen Piani im Duett mit Micaëla über seine in sich gekehrte Verzweiflung in der Blumenarie steigerte er seine anfängliche Arglosigkeit zur Raserei und zu dramatischen Eifersuchtsausbrüchen. Mithin verdeutlichte er perfekt den labilen Charakter seiner Figur. Mit glänzenden Spitzentönen charakterisierte er den Zwiespalt seiner Gefühle, als er mit Resignation sein verpfuschtes Leben erkannte.
Eine tragfähige Tiefe und eine weich strömende Höhe seines Bass-Baritons ermöglichte es Krzysztof Bączyk, den in die Handlung eingreifenden Stierkämpfer Escamillo gleichzeitig erotisch aktiv und abgeklärt wirken zu lassen. Mit ehrfurchtgebietendem Bass körperlicher Präsenz erfüllte Vladyslav Buialkyi die Aufgaben des Leutnants Zuniga. Kaum zurückhaltender, und stimmlich sowie darstellerisch präsent war Anton Beliaev in der Rolle des Brigadiers Moralès. Die beiden Solisten der Schmugglertruppe Dancaïro von Simeon Esper und Remendado von Jin Yu brachten stimmlich und schauspielerisch lodernden Wirbel, als sie den Leutnant demütigten. Der Chor der Sächsischen Staatsoper und der Kinderchor brachten vollen Einsatz in das Geschehen und agierten darstellerisch und vokal auf hohem Niveau.
Eine besondere Würdigung verdient der Schauspieler Lasse Myhr, der als Alter Ego von Don José mit seiner Intensität der Inszenierung ihren Erfolg sicherte.
Thomas Thielemann, 2. Mai 2026
Carmen
Georges Bizet
Semperoper Dresden
Premiere am 1. Mai 2026
Inszenierung: Nadja Loschky
Musikalische Leitung: Lorenzo Passerini
Sächsische Staatskapelle Dresden