Korngold schrieb sein 1920 uraufgeführtes Meisterwerk Die tote Stadt im Alter von erst 23 Jahren. Stilistisch steht das Werk zwischen dem Verismo und Richard Strauss: Das üppig besetzte Orchester schwelgt in Klangfarben, die Nähe zu Puccini ist unverkennbar. Die Oper ist insgesamt äußerst melodisch; zwei Nummern sind richtige „Schlager“ geworden: Das gefühlvolle Lied des Pierrot „Mein Sehnen, mein Wähnen“ und Mariettas Lied „Glück, das mir verblieb“.
Die Handlung spielt in Brügge Ende des 19. Jahrhunderts und beschwört die Stimmung einer sterbenden, verödenden Stadt. Das korrespondiert mit den Seelenzuständen der Hauptfigur Paul, der den Tod seiner Frau Marie nicht verarbeiten kann und für sie eine Kultstätte, die „Kirche des Gewesenen“, eingerichtet hat. Eigentlich ist er zu keiner neuen Beziehung fähig. Aber als er Besuch von der Tänzerin Marietta bekommt, glaubt er, in ihr seine tote Frau wiedergefunden zu haben.

Paul ist von Marietta fasziniert und lässt sich trotz der frivolen Spiele ihrer Gauklertruppe auf eine toxische Liebesbeziehung mit ihr ein. wird dabei aber von Gewissensbissen, vermischt mit sexuellen und religiösen Obsessionen, bedrängt. Die Grenzen zwischen Traum, Fieberwahn und Realität verschwimmen. Als Marietta ihn provoziert, indem sie Maries „heilige“ Locke an sich nimmt, wird sie von ihm wie im Rausch erwürgt. Eine hochdramatische Szene der neuen Inszenierung! Als Paul aus seinem Wahn erwacht, kehrt Marietta kurz zurück. Pauls Freund Frank rät ihm, Brügge zu verlassen.
Zuletzt wurde Die tote Stadt 1999 in Bremerhaven gespielt. Damals befand sich das Stadttheater im Umbau und so diente die Halle eines stillgelegten Schwimmbades als Spielstätte. Jetzt hat Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter das Werk im Großen Haus neu inszeniert. Das Bühnenbild zeigt einen dunklen, bedrückenden Wohnraum, der mit vielen Details ausgestattet ist und in dem Maries Laute, ihr Schal, ihre Haarlocke und ihr Bildnis wie in einem Museum ausgestellt sind. Pauls Haushälterin Brigitta strahlt asketische Strenge aus. Im oberen Stockwerk sieht man schemenhaft die Erscheinung der toten Marie, die noch immer Pauls von Erinnerungen beherrschtes Leben bestimmt. Pölzgutter ist eine sehr stimmige Atmosphäre gelungen, die dem Gehalt der Oper sehr gut entspricht. Auch die Charakterisierung der Personen ist durchdacht und in jedem Moment nachvollziehbar.

Im 2.Akt versinkt der Wohnraum und gibt den Blick auf eine dunkle Szenerie frei. Im Hintergrund ist die Andeutung eines bedrohlichen Waldes zu sehen, im Vordergrund scheint ein Kahn am Kanalufer festzumachen. Auch riesige Bilder von Maries Totenmaske tauchen auf. Wie in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss gibt es auch hier eine Gauklertruppe. Die Gaukler bei Korngold proben die Erweckung der toten Helena aus Meyerbeers Oper „Robert, der Teufel“, nicht ohne alles ins leicht Orgienhafte zu lenken. Kontrastierend dazu gibt es eine Prozession von Nonnen. Die Regie hat auch diese Szenen stimmig umgesetzt. Die Kostüme von Katharina Heistinger verstärken den positiven Gesamteindruck. Ob Paul am Ende von seinem Trauma geheilt ist, ist von Inszenierung zu Inszenierung verschieden. Hier jedenfalls befolgt er Franks Rat nicht, sondern schließt die Tür von innen und starrt wieder auf Maries Erscheinung.

Der Tenor Michal Müller-Kasztelan vom Kieler Opernhaus ist erst drei Tage vor der Premiere in die Produktion eingestiegen. Zwar hat er die Partie des Paul in seinem Repertoire, aber es ist trotzdem eine bemerkenswerte Leistung. Er hat sich in die Inszenierung sehr gut eingefügt und sang und agierte absolut sicher. Allerdings war es bei den hohen Tönen mitunter anstrengend, seinem Gesang zu lauschen. Die ohne Zweifel kraftvolle Stimme ist vom Klang her etwas grell und durchdringend. Aber er gestaltete die Partie mit Ausdruck und ohne jede Ermüdung. Ein begeisterndes Porträt der Marietta lieferte Meredith Hoffmann-Thomson. Ihr üppiger und klangschöner Sopran zeichnet sich durch viel Farbe und aufblühende Höhe aus. Den lasziven und lebensbejahenden Charakter der Marietta konnte sie überzeugend vermitteln. Glanzpunkt war ihr sentimentales Lied „Glück, das mir verblieb“. Leider verlässt sie das Stadttheater.

Marcin Hutek war als Frank (und Gaukler Pierrot) eine solide Besetzung und konnte vor allem mit der sehr verhaltenen und introvertiert genommenen Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ berühren. Als Brigitta konnte sich Boshana Milkov profilieren und Victoria Kunze konnte man (nach ihrer Violetta) diesmal in der kleinen Partie der Jenny erleben.
Opernchor und Kinderchor (Einstudierung Edward Mauritius Münch) lösten ihre Aufgaben bestens.
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven sorgte unter der Leitung von Marc Niemann für einen opulenten, rauschartigen Klang. Es war ein Schwelgen in Musik. Er ließ die Pauken, knallen, die Bläser schmettern und die Geigen flirren. Prachtvoll.
Wolfgang Denker, 3. Mai 2026
Die tote Stadt
Oper von Erich Wolfgang Korngold
Stadttheater Bremerhaven
Premiere am 2. Mai 2026
Inszenierung: Johannes Pölzgutter
Musikalische Leitung: Marc Niemann
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Weitere Vorstellungen: 8., 17. 28., 30. Mai 2026