Mainz: „Breaking the Waves“, Missy Mazzoli

Pünktlich zum 70. Geburtstag des Filmemachers Lars von Trier bringt das Staatstheater Mainz eine Oper nach dessen vieldiskutiertem und mehrfach ausgezeichnetem Film Breaking the Waves heraus. Die Handlung verknüpft in Trier-typischer Weise die Schilderung gesellschaftlicher Zwänge mit dem Schicksal einer Außenseiterin. Sexualität wird explizit thematisiert, ist integraler Teil des Geschehens. Das Ganze wird mit einer Prise Übersinnlichkeit angereichert, quasi einer nordischen Variante des „magischen Realismus“, wie man ihn aus Romanen lateinamerikanischer Schriftsteller kennt.

Die junge Bess lebt in einer streng religiösen Gemeinde auf einer schottischen Insel. Der Alltag ist von calvinistischer Freudlosigkeit bestimmt, die Geschlechterrollen traditionell verfestigt. Sie heiratet den von ihrem Umfeld mißtrauisch beäugten Jan, einen Fremden, der auf einer Bohrinsel arbeitet. Bald nach der Hochzeit kehrt Jan zur Bohrinsel zurück. Bess kann ihre Sehnsucht nach ihm, auch ihre sexuelle Begierde über telefonischen Kontakt kaum stillen. Schließlich verunglückt Jan schwer und bleibt wegen einer Kopfverletzung vollständig gelähmt. Bess macht sich Vorwürfe, sie könnte das Unglück durch ihre Gebete um die Rückkehr ihres Mannes bewirkt haben. Dieser sorgt sich um die sexuelle Befriedigung seiner jungen Frau, für die er nun nicht mehr sorgen kann. So verlangt er von ihr, sich auf andere Männer einzulassen und ihm von den erotischen Abenteuern zu erzählen. Er manipuliert sie regelrecht, suggeriert ihr, daß sein körperlicher Zustand von der Erfüllung dieser „Aufgabe“ abhänge. Widerstrebend fügt sich Bess schließlich Jans Willen. In ihrem Weltbild genügt sie so der göttlichen Ordnung, daß die Frau ihrem Mann zu gehorchen habe. Zudem ist sie überzeugt, daß sie nur so sein Leben retten kann. In ihrer Gemeinde gilt sie daher als Prostituierte und wird ausgestoßen. Sie wird schließlich von Seeleuten körperlich schwer mißhandelt, kommt aber zu der Überzeugung, es sei der Wille Gottes, sich ihren Peinigern ein zweites Mal zu stellen. Diese vergewaltigen sie und verwunden sie dabei so schwer, daß sie an ihren Verletzungen stirbt. Da kommt es zu einem Wunder: Jan ist plötzlich genesen, kann wieder seine Beine gebrauchen. Vom Meer her ertönt der Klang von Kirchenglocken, welche die Gemeinde vor vielen Jahren dort versenkt hatte.

© Andreas Etter

Dieses herbe, grausame, zärtliche und bizarre Märchen hat Lars von Trier mit Handkameras gefilmt, die dem Geschehen einen pseudo-dokumentarischen Charakter geben. Großen Raum nehmen beeindruckende Landschaftaufnahmen der schottischen Inselbergwelt und des Meeres ein. Krystian Lada hat sich mit Bühnenbildnerin Annette Murschetz in seiner Inszenierung der Oper, deren Libretto die Handlung des Films nachzeichnet, gegen die Präsentation von Landschaftsbildern entschieden. Sie lassen die Handlung vielmehr dicht und konzentriert in einem Einheitsbühnenbild spielen. Umsäumt von einer kargen Zuschauertribüne befindet sich in der Mitte eine Spielfläche, die von Akt zu Akt modifiziert wird. Zu Beginn erscheint sie als Rasenstück. Bess wird hier bei ihrem ersten Auftritt ein Hochzeitskleid angelegt. Überdeutlich wird bereits jetzt ihre Bestimmung zur Heiligen mit Symbolen herausgestellt: Auf dem Rasenstück wachsen weiße Lilien, in der christlichen Ikonographie Zeichen der Reinheit und jungfräulichen Unschuld. Jan pflückt diese Lilien und überreicht sie seiner Braut als Strauß. Attribute katholischer Märtyrerinnen werden präsentiert: das Lamm der Heiligen Agnes, abgeschnittene Brüste der Heiligen Agatha, ein Schwert wie bei der Heiligen Katharina, ein Pfeil wie bei der Heiligen Ursula. Diese Kennzeichnung als jungfräuliche Märtyrerin steht im harten Gegensatz zu der daneben ausgestellten handfesten Sexualität. Besonders deutlich wird dies gezeigt in der blutigen Entjungferung von Bess direkt nach der Hochzeit, welche einen überdeutlichen roten Fleck auf dem Hochzeitkleid hinterläßt. Dieses befleckte Kleid bleibt über nahezu den gesamten Verlauf der Oper präsent. Die Liebesdialoge des Paars kreisen um Sexualität und Körperlichkeit, ein Anruf auf der Bohrinsel gerät zum Telefonsex. Das Paradoxe ist dabei, daß diese Präsentation expliziter Sexualität wie auch im Film nicht Pornographisches hat, sondern im Gegenteil etwas Zartes, geradezu Unschuldiges.

© Andreas Etter

Im zweiten Akt ist das Rasenstück verschwunden. Stattdessen wird der schwer verletzte Jan auf einem metallenen Operationstisch präsentiert. Er trägt dabei lediglich einen Lendenschurz. Sein Gesicht ist von den Maskenbildnern schmerzhaft realistisch mit schweren, blutigen Wunden ausgestattet worden. Es wird über Bilder einer Livekamera in übergroßem Format ausgestellt. Auch hier wird wieder überdeutlich religiöse Ikonographie zitiert: Der geschundene Jan erscheint wie der gefolterte Christus vor der Kreuzigung. Dementsprechend wird ihm auch ein Stück Stoff auf das Gesicht gelegt, dessen blutige Spuren sich darin abbilden wie im Schweißtuch der Veronika.

Das paßt alles gut zur durchgängigen religiösen Grundierung des Librettos, auch wenn die sinnliche Symbolhaftigkeit katholisch und nicht calvinistisch konnotiert ist. Bess führt immer wieder Zwiesprache mit Gott, bei denen offen bleibt, ob es sich um Selbstgespräche handelt und die „Stimme Gottes“, die aus ihr heraus spricht, lediglich eine Wahnvorstellung ist. Film wie Oper legen diese Möglichkeit nahe, wenn sie herausstellen, daß Bess offenbar psychische Probleme hat, deretwegen sie täglich Medikamente nehmen muß. Die Wendung zum Wunder am Ende zeigt, daß es sich hier womöglich um falsche Fährten gehandelt hat.

© Andreas Etter

Was im Film die Landschaftsaufnahmen leisten, nämlich das Erzeugen einer faszinierenden atmosphärischen Dichte, das leistet hier die Musik von Missy Mazzoli. Die Komponistin verwendet eine frische, unmittelbar ansprechende und gut rezipierbare Musiksprache. Es gibt bei den hohen Streicher und der Flöte bittersüßen Reibungen, die an Benjamin Britten erinnern, dem sie auch die Polytonalität und die Behandlung der Chöre abgelauscht hat. Die herbe Schönheit von Seebildern ruft sie mit farbiger Orchestrierung vor dem geistigen Auge hervor. In der Kleinteiligkeit der Motive erinnert die Partitur an John Adams. Trotz dieser Reverenzen ist die Musik nicht epigonal, sondern erweist sich als eigenständig und originell. Das gut aufgelegte Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan trägt mit großer Präsenz dazu bei, daß die Partitur sich in ihrer Vielschichtigkeit als zugänglich und unmittelbar eingängig entfalten kann.

Zudem zeichnet sich die Komposition durch eine sangliche Stimmführung aus. Insbesondere für die Hauptfigur der Bess bietet sie dankbare Aufgaben. Julietta Aleksanyan setzt dies musikalisch mit ihrem blühenden Sopran perfekt um. Ihre Interpretation vereint Leidenschaft und Klarheit. Darstellerisch vermittelt sie die vollständige Identifikation mit ihrer Figur. Man fühlt und leidet mit ihr. Brett Carter gibt dem Jan mit seinem kernigen Bariton Profil. Seine Ausstellung als leidender Christus profitiert von seinem durchtrainierten Körper, so daß das Liebespaar nicht nur musikalisch überzeugt, sondern auch optisch optimal gecastet wirkt.

Die Besetzung der Nebenpartien rundet das überzeugende Bild ab mit Karina Repova als empathischer Dodo, Nancy Weißbach als strenger Mutter, Daniel Semsichko als hartherzigem Coucilman und Tim-Lukas Reuter als jugendlich-kernigem Terry. Die Männerstimmen des Chores imponieren als raue Gemeindemitglieder.

© Andreas Etter

Die Figuren werden gut geführt, der Lichtregie von Aleksandr Prowalinski und Fredrik Wollek gelingen starke Bildeindrücke. Das ist alles so stimmig und beeindruckend, daß es der feministischen Einrahmung dieser bizarren Heiligenlegende nicht bedurft hätte, welche das Produktionsteam im Einklang mit der Komponistin vorgenommen hat. Zu Beginn stehen Laiendarstellerinnen auf der Bühne, stellen nacheinander sich, ihre Beziehung zum Glauben und ihr Verständnis von Liebe und Sexualität vor, werden dann aber von einem männlichen Darsteller jeweils unterbrochen und rüde der Bühne verwiesen. Am Ende kehren sie zurück, um mit der wiedererweckten Bess trotzig eine nachkomponierte Hymne zu singen: „My body is a map“. „Your body is a map“ war im Liebesspiel des ersten Aktes Ausdruck zärtlicher Erkundungen des Körpers des jeweils anderen. Im dritten Akt wird es durch den Wechsel von „your“ zu „my“ zum Symbol von Bess‘ Selbstbehauptung. So will die Komponistin auch das Aufgreifen des Textes in dem neuen Chorepilog verstanden wissen, in dem Frauen „ihre körperliche Autonomie auf vielfältige, ausdrucksstarke und inspirierende Weise definieren“. Dieses aufgepfropften Agitprops hätte es nicht bedurft. Die explizite politische Botschaft stört das kunstvoll ausbalancierte Zusammenspiel von Realismus und Transzendenz, von Gesellschaftskritik und ergreifender Tragödie, welches Libretto, Musik und Inszenierung ansonsten so treffsicher gelingt. Trotz des kleinen Einwands möchte man diese emotional aufwühlende Produktion jedem Freund lebendigen Musiktheaters für einen Besuch wärmstens empfehlen.

Michael Demel, 8. Mai 2026


Breaking the Waves
Oper von Missy Mazzoli

Staatstheater Mainz

Aufführung am 30. April 2026
Premiere am 26. April 2026

Inszenierung: Krystian Lada
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

Trailer

Weitere Aufführungen: 16. und 31. Mai sowie 6., 16. und 21. Juni 2026.