Nur wenige Tage nach der umjubelten Premiere des Musicals On the Town im Theater Duisburg fand diese Woche nur wenige Kilometer entfernt eine weitere Premiere dieses ansonsten nicht so häufig gespielten Musicals aus der Feder des im Jahr 1944 noch jungen Leonard Bernstein statt. Inzwischen bereits die sechste gemeinsame Produktion des Theater & Konzerthaus Solingen mit der Folkwang Universität der Künste, ist die jährliche Musicalproduktion inzwischen mehr als ein Geheimtipp, die hier regelmäßig im Frühjahr für nur wenige Vorstellungen zu sehen ist. Und auch in diesem Jahr kann der Abend wieder in allen Bereichen überzeugen. On the Town wurde von Leonard Bernstein als Liebeserklärung an die Stadt New York komponiert. Auch wenn sich in der Handlung einige kleinere Abweichungen ergeben, sei an dieser Stelle kurz auf die Premierenkritik zur Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein verwiesen, wo ausführlich auf die Handlung eingegangen wurde. Ob sich die drei jungen Matrosen dann abends am Times Square oder auf dem Empire State Building treffen, ist letztlich nicht wirklich wichtig. Erwähnenswert jedoch: Auch das Rendezvous zwischen Gabey und der „Miss U-Bahn“ Ivy Smith verläuft in beiden Produktionen etwas anders, was einen Besuch beider Produktionen hintereinander besonders spannend macht.

Da die Solinger Produktion mit deutlich weniger Darsteller und Darstellerinnen auskommen muss als die Duisburger Großproduktion, ist es zu verschmerzen, dass das Coney Island Traumballett hier zum Ende hin nicht groß thematisiert wird. Dennoch wird auch in dieser Produktion viel getanzt, was den Studierenden der Folkwang Universität der Künste einiges abverlangt, aber auch einmal mehr zeigt, welche hervorragende Ausbildung in Gesang, Schauspiel und Tanz an dieser Hochschule geboten wird. On the Town eignet sich auch im Hinblick auf die zu vergebenden Rollen hervorragend für eine große Abschlussproduktion, denn mit den Matrosen Gabey, Chip und Ozzie stehen drei ungefähr gleich große männliche Hauptrollen zur Verfügung. Diese werden von Jan-Marten Greve, Tamino Herzog und Leonard Linzer erstklassig ausgefüllt. Auch bei den Damenrollen bietet das Musical vier größere Rollen. Alina Adam (Claire de Loone), Marie Ploner (Ivy Smith) und Christina Verrieth (Hildy Esterhazy) feiern mit den Matrosen durch die Nacht und bringen ihre jeweilige Lebenssituation sehr eindrucksvoll auf die Bühne. Etwas kleiner ist die Rolle der Lucy Schmeeler, die Lucia Prader-Pscheidl dafür umso humorvoller anlegt und für die größten Lacher des Abends sorgt. Darüber hinaus ist sie in zwei weiteren kleinen Rollen auch noch tänzerisch und gesanglich zu erleben. Neben diesen sieben Studierenden aus dem Abschlussjahrgang 2027 ist der Abschlussjahrgang 2028 mit Tim Weidemann, Isabella Kanini Fischer, Jerome-Joseph Clemons, Jeremy Allen und Anna Elisa Abt in weiteren kleineren Rollen vertreten. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Spielfreude alle Künstler auf der Bühne agieren. Das Ensemble der Studierenden wird abgerundet durch Jeonghuan Kim, der im 6. Semester Gesang studiert. Mit seinem weichen Bass führt er die Zuschauer gleich zu Beginn des Stücks ins Geschehen ein. Später ist er immer wieder als Polizist in den Zwischenmusiken zu sehen.

Die jungen Darstellerinnen und Darsteller werden auf der Bühne durch die Gäste Clara Ribant, Martin Planz, Andrew Chadwick (der auch für die stimmige Choreografie des Abends verantwortlich ist) und Vera Bolten unterstützt. Letztere verkörpert die trinkfreudige Gesangslehrerin auf sehr komödiantische Weise, die im Programmheft zwar noch als Madame Dilly angekündigt wird, auf der Bühne jedoch eher russischstämmig daher kommt, sodass der Whisky hier wohl dem Wodka weichen muss. Die Inszenierung von Gil Mehmert ist nicht nur sehr temporeich, sondern auch sehr komödiantisch geprägt. Im Theatersaal wird an diesem Abend viel gelacht. Vorteilhaft ist hierbei, dass große Teile der Gesangsnummern in der deutschen Übersetzung von Jens Luckwaldt erklingen und geschickt in die englischen Texte übergehen. Handwerklich ist die Produktion erwartungsgemäß stark aufgestellt: Die gelungene Regie geht Hand in Hand mit einem sehenswerten Kostüm- und Bühnenbild von Britta Tönne. Im Hintergrund sorgt ein intelligentes Video-Design von FuFu Fraunwahl immer wieder für verschiedene Orte in New York. Leider ist das sehenswerte Bühnenbild auf den zur Verfügung gestellten Fotos kaum erkennbar. Umso wichtiger, dies an dieser Stelle ausdrücklich zu erwähnen. Für eine Produktion, die insgesamt nur fünf Mal aufgeführt wird, wurde mit On the Town erneut eine beachtliche Inszenierung entworfen, die sich wahrlich sehen lassen kann.

Auch musikalisch kann das Musical überzeugen. Die Bergischen Symphoniker spielen in großer Besetzung mit über 50 Musikern unter der Leitung von Stephan Kanyar schwungvoll auf. Der zwölfköpfige Theaterchor Solingen verstärkt die Solisten auf der Bühne und ist auch choreografisch stark eingebunden. Mit der jährlichen Eigenproduktion in Kooperation mit der Folkwang Universität der Künste ist das Theater Solingen einmal mehr der „Place to go“ für alle Musical-Liebhaber. Man sollte sich daher auch schon jetzt das kommende Jahr vormerken, wenn statt eines großen Broadway-Klassikers wie On the Town in diesem und Carousel im vergangenen Jahr dann wieder ein recht junges Musical auf dem Spielplan 2026/27 stehen wird, der in Kürze vom Theater vorgestellt werden wird.
Markus Lamers, 9. Mai 2026
On the Town
Musical von Leonard Bernstein (Musik) sowie Betty Comden und Adolph Green (Buch & Liedtexte); nach einer Idee von Jerome Robbins
Theater & Konzerthaus Solingen
Premiere: 7. Mai 2026
Inszenierung: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Stephan Kanyar
Bergische Symphoniker
Weitere Aufführungen: 9. Mai und 10. Mai 2026 in Solingen sowie am 13. Mai 2026 in Leverkusen und am 16. Mai 2026 in Remscheid