Als Filmkomponist ist Giovanni Nino Rota (geb. 1911, gest. 1979) weltbekannt für Filme von Frederico Fellini und Luchino Visconti. Für seine Musik zu Der Pate erhielt er 1975 gar einen Oscar. Rund 150 Filmmusiken hat er komponiert, aber doch auch 10 Opern, drei Sinfonien, Konzerte für Violoncello, Klavierkonzerte, ein Harfenkonzert und anderes mehr. Seine Oper Der Florentiner Hut hat er 1945 zusammen mit seiner Mutter vierhändig am Klavier komponiert, sie aber instrumentiert und erst zehn Jahre später fertiggestellt. Im Theatro massimo zu Palermo wurde sie uraufgeführt. Über Jahrzehnte wurde diese Oper nur relativ selten aufgeführt, erlebt aber jetzt Premieren in Wuppertal und einen Tag später an der Semperoper zu Dresden.
Dem Libretto liegt das Vaudeville von Egon Labiche und Marc Antoine Amédée Michel zu Grunde. Labiche gilt als wichtigste Figur des französischen Volkstheaters in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und das Vaudeville, ursprünglich ein früher französischer Schlager, hat sich ab 1800 zu einem Pariser Theatergenre mit Gesang und Instrumenten zur Unterhaltung subbürgerlicher Gesellschaftsschichten gemausert mit unscharfer Grenze zum Klamauk. Nach 1850 wurde diese Form der Unterhaltungstheaters auch in den USA populär. Rund 100 Jahre später hat sich dann Nino Rota des „Il cappello di paglia di Firenze“ von Labiche angenommen, welches nach der Uraufführung 1851 zu einem der berühmtesten Stücke der Zeit avancierte.

Was wurde draus? Eine moderne komische Oper, die ihre Herkunft vom Slapstick und Vaudeville nicht verleugnet. Im Barmer Opernhaus wird daraus mit dem Sinfonieorchester Wuppertal und dem vorzüglichen Opernensemble ein sehr vergnüglicher Opernabend. Das Publikum wird schon im Foyer durch Brautsträuße an Geländer und Handläufen in Stimmung gebracht. Der abstruse Inhalt ist schnell erzählt: Auf der Fahrt zu seiner Hochzeit verliert der junge Fadinard (Zicong Han) seine Peitsche aus der Kutsche heraus, und während er sie sucht, frisst der Kutschgaul einen eleganten Florentiner Strohhut, der dort im Gebüsch hängt. Der bewegliche Tenor des Bräutigams strahlt auch in den Höhen. Der Strohhut gehört der schönen Anaide (Elena Sverdiolaité), die sich mit Emilio (Zachary Wilson) ein Schäferstündchen im Wald gönnt. Die beiden verlangen von Fadinard, den Hut zu ersetzen, weil Anaides ohne Hut nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren kann, ohne den Verdacht der Untreue zu erwecken. Das Paar spielt und singt elegant wie makellos. Diese Vorgeschichte erzählt Fadinard seinem alten Onkel Vézinet. Mark Bowman-Hester, stimmlich bravourös, bringt ihn spielerisch mit herrlichen Altersmacken auf die Bühne. Infolge seiner schweren Schwerhörigkeit kann Vézinet die Geschichte kaum verstehen. Dank der Übertitelung hat es das Publikum da besser. Fadinard versucht den Hut wieder zu beschaffen, sucht die Modistin (Marianna Ortugno vom Opernstudio NRW) deren Schnippigkeit und Nähstube mit etlichen gleich herausgeputzten Näherinnen an die Nähstube des 2. Aktes vom Fliegenden Holländer erinnert.

Die musikalische Unbefangenheit von Nino Rota begann gleich mit der mozartisch oder rossinisch leichten und flink anmutenden Ouvertüre. Rota hatte mit moderner Musik im Gefolge von Zwölfton- oder gar serieller Musik, also mit der „ernsthaften“ Avantgarde seiner Zeit nichts am Hut. Seine Karriere mit der Filmmusik hat also Gründe. Er scheut kein Zitat aus Jazz oder klassischer Oper und Operette, wobei sein Epigonentum nicht flach und banal daherkommt, sondern intelligent, schnell, witzig und humorvoll amüsiert. Verdi, Puccini Rossini und viele andere, die man ständig glaubt herauszuhören, wären vermutlich neidisch geworden auf Rotas Melodien und musikalischen Einfälle. Der schlecht gelaunte, stets misstrauische Brautvater (Agostino Subacchi) – der Bräutigam nennt ihn nur „Stachelschwein“ – kommentiert die verfahrenen Szenen der unmöglichen Hochzeit immer wieder mit „Alles im Eimer“ und tiefem Bass, erinnert ein wenig an den Komtur in Don Giovanni. Fadinard kommt bei seinem Suchen auch zur stimmlich wie spielerisch üppig glänzenden Baronin von Champigny (Edith Grossmann), die ihn für den Geigenvirtuosen hält, den sie zum Hauskonzert in ihrem Palast eingeladen hat. Im Chaos zwischen der Konzertgesellschaft und der Fadinard verfolgenden Hochzeitsgesellschaft kommt Gottseidank doch noch der richtige Virtuose Minardi, mit hochvirtuosen, an Paganini erinnernden, leider nur kurzen geigerischen Phrasen prächtig als großer Star in Szene gesetzt von Liviu Neagu-Gruber, sodass uns das Violinspiel Fadinards erspart bleibt. So einen Star erlebt man heute nur noch in der Oper. Die Baronin hat den richtigen Hut auch nicht, sie hat in weiter gereicht an Madame Beaupertuis. Deren Ehemann sitzt zu Hause. Seine kleinbürgerliche Enge und Beschränktheit, im Bühnenbild mit kleinem Zimmer, kleinen Stühlen, einer viel zu niedrigen Tür schon deutlich, wurde von Oliver Weidinger stimmlich souverän, spielerisch in viel zu kleinen Schuhen überaus komisch dargeboten, höchstes Vergnügen. Das Elend des Ehemanns kennt er nur zu gut: Leiden und schweigen, bzw. schweigen und leiden. Im Durcheinander von Handlung und Musik bot Elena (Francesca Chiejina) als Einzige echte Emotionen mit ihrem strahlenden, dennoch beseelten Sopran bis in höchste Höhen, und das Orchester kommentiert ihre Gefühle mit romantischen Streicherterzen, rhythmischem Beben bei ekstatischer Liebe, mit atmenden Klarinettenmelodien und Harfenreigen. Bei solchem Sentiment bleibt auch der Zuhörer Herz nicht unberührt. Elena hat Angst in dem Durcheinander, hofft auf ihren Vater und fürchtet um die Hochzeit mit dem geliebten Fadinard, der über dem Drama des gefressenen Strohhuts seine Liebste zu vergessen scheint. Die Hochzeitsgesellschaft wird von der Nachtwache eingesperrt, obwohl Nonancourt die Hände vor den Gewehren hebt wie Kaiser Maximilian von México bei Edouard Manet. Zum Schluss geht das Ganze aber gut aus und Eleonore und Fadinard verlassen die Bühne Hand in Hand. Aus dieser verrückten Handlung macht Nino Rota mit eingängiger flotter Musik eine Opera buffa italiana rund 100 Jahre nach Rossini. Erstaunlich, was ihm 1945 zu einer Zeit, als der Weltkrieg noch kaum zu Ende war und noch Atombomben geworfen wurde, so durch den Kopf ging.

Die Inszenierung (Laura Attridge) besticht durch rasantes Tempo und Ideenreichtum. Bei allem Tohuwabohu kann die Regisseurin den Faden halten, Situationskomik einstreuen und auch bei der Vielzahl der Personen diese auf der Bühne klar positionieren. Helligkeitsschwankungen des Lampenlichts machen emotionale Unsicherheiten deutlich, spiegeln Ängste der Figuren. Anklänge an die Filmwelt wird nicht jeder Zuhörer direkt nachvollziehen können. Die Regisseurin hat in Großbritannien bei Projekten führender Opernhäuser mitgearbeitet (Royal Opera House, Glyndebourne, Scottish Opera u.a.). Sie publiziert auch Gedichte. Diese Inszenierung ist ihr Deutschland-Debüt. Das einfallsreiche Bühnenbild (riesiger Regenschirm bei Starkregen oder auch sehr großer Hut) und die Kostüme (Markus Meyer) zeichnen sich aus durch Überraschungen: Bäume schweben kopfüber von oben hinab. Mit beleuchtetem Fenster kommt ein Erker von rechts ins Bild. Das hat was von der Unwirklichkeit eines Traums. Der Opernchor (Einstudierung Ulrich Zippelius)meistert seine großen Szenen vorzüglich. Den ganzen riesigen Apparat leitete der griechische Dirigent Yorgos Ziavras (derzeit Erster Kapellmeister in Wuppertal) temperamentvoll, sicher und inspirierend.
Fazit: Am Ende gab es großen Applaus, Pfiffe und Bravi für diese wunderbar inszenierte und musizierte moderne farsa musicale. Keine Klamotte. Ein vergnüglicher Opernabend.
Johannes Vesper, 1. Juni 2026
Der Florentiner Hut
Oper von Nino Rota
Oper Wuppertal
Premiere: 30. Mai 2026
Regie: Laura Attrige
Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Sinfonieorchester Wuppertal
Weitere Vorstellung: 4. , 16. , 19. Juli, 11. und 18. Oktober, 21. November sowie am Silvesterabend 31. Dezember 2026