Wuppertal: „The Lodger“, Phyllis Tate

© Matthias Jung

Seit einigen Spielzeiten begeben sich die Opernhäuser des Ruhrgebiets verstärkt auf die Suche nach vergessenen Opern von Komponistinnen. Federführend sind hier das Essener Aalto Theater, die Dortmunder und die Wuppertaler Oper. Die Wuppertaler Intendantin Rebekah Rota hatte bereits 2024 Der Wald von Ethel Smythe aufgeführt, nun folgt The Lodger von Phyllis Tate. Besonders gespannt war man auf dieses Werk, weil es in dieser Oper um den Serienmörder Jack the Ripper geht.

Grundlage des Librettos von David Franklin sind aber nicht die historischen Fakten zum Fall, sondern die Novelle The Lodger von Marie Adelaide Belle Lowndes, die auch Alfred Hitchcock zu seinem gleichnamigen Stummfilm aus dem Jahr 1924 inspirierte. Die Perspektive der Oper ist sehr ungewöhnlich, da der Serienmörder hier eine Nebenrolle ist.

Das ehemalige Dienerpaar Emma und George Bunting will sich in London seinen Lebensunterhalt mit der Vermietung von Zimmern verdienen. Als sich dann ein neuer Untermieter meldet, ist die Freude groß, denn wirtschaftlich geht es den beiden nicht gut. Dieser Untermieter entpuppt sich erst als religiöser Fanatiker, gerät dann aber immer stärker in den Verdacht der berüchtigte Frauenmörder zu sein. Weitere Figuren sind die Tochter Daisy, die eine Beziehung mit dem Polizisten Joe beginnt. Die Tatsache, dass der Polizist im gleichen Haus wie der vermeintliche Mörder ein und aus geht, sorgt für zusätzliche Spannung.

© Matthias Jung

Komponistin Phyllis Tate hat eine starke Musik geschrieben, die von dem Sinfonieorchester Wuppertal unter dem Dirigat von Yorgos Ziavras farbenprächtig und abwechslungsreich zu neuem Leben erweckt wird. Die Musik beschreibt mit tonalen Mitteln sehr gut die Atmosphäre im viktorianischen London. Die Gefühle und Stimmungen der Figuren werden so umgesetzt, dass man mit ihnen mitfühlen kann. Zudem schreibt Tate den Solisten dankbare Gesangsrollen und starke Arien.

Edith Grossman singt und spielt die Emma Bunting mit kräftigem, manchmal ins dramatische gehende Sopran. Besonders stark ist ihre Szene, in der sie hin und her gerissen ist, ob sie ihren Verdacht der Polizei melden soll? Andrew Nolen als George Bunting singt mit sonorem Bass seine Arie, in der er über die schlechte wirtschaftliche Situation klagt.

Der Untermieter wird von Tate gar nicht als hinterhältiger Psychopath, sondern als kranke Seele gezeichnet. Besonders eindrucksvoll ist seine Szene, in der er nur mit Pauke und Klavier begleitet aus der Apokalypse liest. Zachary Wilson singt die Rolle mit hohem Bariton als eher lyrischen Charakter, der in Ausnahmesituationen unter Strom steht und kommt hier meist als eleganter Kavalier daher. Marianna Ortungno gestaltet Tochter Daisy mit frischem und jugendlichem Sopran. Merlin Wagner singt den Polizisten Joe Chandler mit schönem und gut geführtem Tenor.

© Matthias Jung

Regisseur Greg Eldridge bringt dieses Stück, das in Deutschland bisher nur 2018 in Bremerhaven gespielt wurde, in einer werkgetreuen Bilderbuchinszenierung auf die Bühne. Bühnenbildnerin Alyson Cummins hat die zweigeschossige Wohnung der Familie Bunting entworfen. Unten befindet sich das Wohnzimmer, oben der Raum des Untermieters. Das Ganze ist realistisch im viktorianischen Stil möbiliert. Auch die Kostüme von Evelien van Camp sind sehenswert. Hier bekommt das Publikum aber mehr geboten, als notwendig gewesen wäre. Die Einrichtung, die Kleider und die Frisuren der Familie Bunting, die dauernd ihre wirtschaftliche Not beklagt, hat fast schon eine aristokratische Pracht.

Rudolf Hermes, 23. April 2026


The Lodger
Phyllis Tate

Oper Wuppertal

Premiere: 18. April 2026

Regie: Greg Eldridge
Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Sinfonieorchester Wuppertal