In der Regel weiß man spätestens zur Pause, ob einem die laufende Opernvorstellung gefällt. Bei María de Buenos Aires, die derzeit an der Deutschen Oper am Rhein aufgeführt wird, liegt die Sache jedoch etwas anders. Selbst nach zwei Nächten „drüber schlafen” schwanken die Gedanken noch immer zwischen „Wow, das war toll” und „Oh je, was habe ich da gerade eigentlich gesehen”. Grund dafür ist die sicherlich schwierige Vorlage, die einen Regisseur vor große Herausforderrungen stellt. Astor Piazzollas Hommage an den Tango besitzt eigentlich keine stringent fortschreitende Handlung. Vielmehr ist das gemeinsam mit dem Librettisten Horacio Ferrer entstandene Werk eine poetische Kombination aus Text, Musik und Gesang, die mit einer gewissen Grundhandlung verbunden ist: El Duende, abgeleitet aus einem feen- oder koboldartigen Wesen der lateinamerikanischen Mythologie, könnte man frei als Geist der Beschwörung übersetzen. In dieser Funktion beschwört er die vergessene Stimme Marias und erzählt ihre Geschichte. Diese Maria ist allerdings keine reale Person, sondern sie verkörpert den Tango, die Vorstadt, die Nacht, die fatale Leidenschaft und die Liebe zu Buenos Aires, wie sie in Yo Soy Maria, dem wohl bekanntesten Lied der Oper, selbst von sich berichtet. Mit ihren vielen religiösen Bezügen – stellenweise wird aus dem spanischsprachigen Ave Maria fast wörtlich zitiert – erinnert die Oper in umgekehrter Reihenfolge, beginnend mit dem Tod Marias bis zu ihrer Geburt, an die biblische Passionsgeschichte.

Ja, sterben muss Maria an diesem Abend gleich mehrmals, denn in vielen surrealen Begegnungen dient die Hauptrolle immer wieder als reine Projektionsfläche. Regisseur Johannes Erath hat all dies mit großen Bildern untermalt, die auf den Szenenfotos zur Produktion leider nicht wirklich zur Geltung kommen. Allerdings sind einige Ansätze der Regie für den Zuschauer nicht immer unmittelbar greifbar, so dass sich bei der Vielzahl von großen Bildern immer wieder mal eine leichte Verwirrung einstellt. Erfreuen kann sich der Zuschauer jedoch zweifelsfrei an einem tollen Bühnenbild von Katrin Connan. Auf der Drehbühne befindet sich ein großes, kunstvoll gestaltetes „M“ als zentrales Element, das immer wieder geschickt beleuchtet wird und durch das immer wieder neue Räume geschaffen werden. Darüber hinaus nimmt eine verruchte Bar einen Großteil des Bühnenbildes ein. Viele Dinge werden aber auch einfach angedeutet. Ein Hingucker sind sicherlich die Puppen im zweiten Akt, die die passenden Kostüme des Abends – entworfen von Jorge Jara – prachtvoll ergänzen. Alles wirkt wie ein großes Potpourri aus einzelnen Versatzstücken, die sich in Form einer Collage zusammensetzen. Somit folgen Regie und Bühnenbild diesbezüglich der Vorlage, die wie erwähnt Texte, Musik und Gesang bunt mischt. Immer wieder überlappen sich auch der Sprechtext des Duende und der Gesang Marias. Da Piazzolla während der Arbeit an María de Buenos Aires aus den Nebengebäuden angeblich immer wieder Musik von Johann Sebastian Bach hörte, wurden in der Produktion der Deutschen Oper am Rhein auch Auszüge aus Bachs Matthäus-Passion und zwei weiteren Bach-Werken verarbeitet. Ja, man muss sich wahrlich auf diese Produktion einlassen und sollte auf keinen Fall mit der Erwartung einer typischen Opernhandlung in die Vorstellung gehen. Nur dann kann der gewaltige Bilderrausch seine volle Wirkung entfalten.

Musikalisch gibt es nichts zu bemängeln. Maria Kataeva singt die Maria ganz wunderbar, Morenike Fadayomi steht dem in nichts nach und bringt den Schatten Marias ebenfalls hervorragend auf die Bühne. Als dritte Maria ist die Tänzerin Agostina Tarchini zu sehen, die gemeinsam mit ihren beiden Tanzpartnern Mariano Augustín Messad und Andrés Sautel den Tango mit großer Präzision präsentiert. Mit seinem klaren Bariton übernimmt der aus Mexiko stammende Jorge Espino in fünf verschiedenen Rollen den männlichen Gesangspart des Abends. Der Argentinier Alejandro Guyot agiert in der Rolle des El Duende als reiner Sprecher, setzt dabei aber die verschiedenen Stimmungen immer wieder treffend um. Der rund zweistündige Abend (mit einer Pause fast genau in der Mitte der Oper) wird im Übrigen in spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln dargeboten. Dabei wurde versucht, die poetischen Texte auch in der Übersetzung beizubehalten, so dass hier auf weitere Erläuterungen in den Übertiteln verzichtet wurde. Die Duisburger Philharmoniker spielen unter dem Gastdirigat des ebenfalls aus Argentinien stammenden Dirigenten Mariano Chiacchiarini wie gewohnt stark. Zudem kommen einige besondere Instrumente zum Einsatz, allen voran das Bandoneon, das durch Carmela Delgado zu einem wichtigen Teil der Vorstellung wird.

Am Ende spendeten die Zuschauer und Zuschauerinnen im sehr gut gefüllten Duisburger Theater großen Beifall für diese besondere Aufführung, die live nur noch jeweils einmal in Duisburg und Düsseldorf zu sehen sein wird. Die Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein kann jedoch über die Sommerpause hinweg bis zum 15. September kostenlos und in voller Länge über OperaVision gestreamt werden. Dies ist in der oftmals theaterfreien Zeit vielleicht für den einen oder anderen Leser eine durchaus interessante Empfehlung, die an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll.
Markus Lamers, 9. Juli 2026
María de Buenos Aires
Tango Operita in zwei Teilen von Astor Piazzolla nach einem Libretto von Horacio Ferrer
Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg
Premiere Düsseldorf: 7. Februar 2026 (unsere Kritik)
Übernahmepremiere Duisburg: 4. Juli 2026
besuchte Vorstellung: 7. Juli 2026
Inszenierung: Johannes Erath
Musikalische Leitung: Mariano Chiacchiarini
Komplette Aufführung via OperaVision (verfügbar bis 15. September 2026)
Weitere Aufführungen: 10. Juli 2026 in Duisburg und 18. Juli 2026 in Düsseldorf